Titel: Ueber den gegenwärtigen Zustand des Fabrikwesens und des Handels
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. XXIV./Miszelle 2 (S. 69–70)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/mi033024_2

Ueber den gegenwärtigen Zustand des Fabrikwesens und des Handels

lesen wir in unseren deutschen Zeitungsblättern nur dasjenige, was dem unglükseligen Huskisson'schen Systeme von freier Einfuhr schmeichelt; nicht aber das, was der erfahrne Fabrikant und Kaufmann im Parliament über die unglükseligen Neuerungen spricht, die auf dem Punkte stehen England in den Abgrund des Verderbens zu stürzen.

Wir mögen allerdings uns auf dem festen Lande freuen, wenn Englands Industrie zu Grunde geht; desto mehr wird die unsrige sich heben. Indessen ist diese Schadenfreude doch immer mit dem Schmerzen gepaart, den jeder ehrliche Mann in seiner Brust fühlen muß, das Beste, das Vollkommenste, das Höchste, was Genie und Fleiß bisher im Fache der Industrie auf der weiten Welt hervorzubringen vermochte, so muthwillig, so gelehrteinfältig vernichtet zu sehen. Wird es irgend ein Staat jemals so weit im Gebiete der Industrie bringen können, als England es gebracht hat, als England es noch gebracht haben würde, wenn man seine weisen alten Geseze nicht so muthwillig und thöricht einer leeren halbgelehrten Grille geopfert hätte? Die Theo-Philanthropen unserer Tage haben der Menschheit eben dadurch eine unheilbare Wunde geschlagen, wodurch sie ihr aufzuhelfen versuchten. Die Fortschritte des menschlichen Geistes über dem ganzen Erdballe sind gelahmt, sobald sie dort erstarren) wo sie bisher auf dem höchsten Punkte standen.

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Die Vertheidiger des unglükseligen Huskisson'schen Systemes, blind gegen das Unheil, das wir über ganz England verbreitet sehen, stüzen sich auf die Majorität, die sie im Parliamente finden. Ist es die Mehrzahl allein, die immer Recht hat? Wissen wir nicht, daß ein Narr zehn andere macht, und daß folglich, wenn in einer Versammlung von 300 Menschen nur 20 Narren sind, bald eine absolute Mehrheit zum Vorscheine kommen wird, die nichts weniger als auf der Seite der Weisheit ist? „Man sagte einst dem guten alten Könige, Georg III., um ihn für eine gewisse Ansicht zu gewinnen“ – so erzählt der alte Earl of Westmoreland im dießjährigen Parliamente (er war Ohrenzeuge bei der Unterredung, die er hier anführte) – „daß sogar die beiden ewigen Antagonisten, Pitt und Fox, in dieser Angelegenheit einerlei Meinung waren. Wenn Pitt, sprach Georg III., einer anderen Meinung ist, als Fox, so mag irgend einer von beiden Recht haben; wenn aber beide einerlei Meinung sind, so bin ich, bei Gott! versichert, daß beide zugleich Unrecht haben.“ Was soll Stimmen-Mehrheit über einen Gegenstand, der Industrie und Handel betrifft, in einem Parlamente bedeuten, in welchem die Wahl von zwei Dritteln der Mitglieder erkauft ist, und in welchem neun Zehntheile von Gewerbe und Handel auch nicht eine Sylbe verstehen?

Noch ein anderes großes Unglük für die gesammte Menschheit ist dieses, daß alle Hoffnung für freien Handel mit Ostindien, wie es sich schon aus den ersten Debatten im Parlamente über denselben ergibt, für Jahre hinaus verloren ist, und zwar vorzüglich deßwegen, weil diejenigen ihn vorschlugen, die das Land bereits durch ihre Vorschläge freier Einfuhr so tief unglüklich gemacht haben, und die bei der Regierung selbst ihren Credit verloren haben, obschon diese, um sich nicht in ihrem Ansehen zu schaden, noch immer die Ungereimtheiten aufrecht halten muß, zu welchen sie sich früher von diesen Aposteln einer übel verstandenen Freiheit verführen ließ.

Es ist der Mühe werth zu hören, was der schlichte alte, von der ganzen Welt unabhängige, Alderman von London, Hr. Waithman, über den gegenwärtigen Zustand des Fabrikwesens und des Handels in England am 8. Mai l. J. im Unterhause sprach, nachdem der Lord-Kanzler der Schazkammer den Budget vorgelesen, und „den blühenden Zustand Englands“ geschildert hat.

Er sagte42), er size bereits viele Jahre lang im Parlamente und höre alle Jahre, wann das Budget vorgelegt wird, von dem blühenden Zustande der Fabriken und des Handels sprechen. Die Rede Sr. Herrlichkeit sey wunderschön ausstaffirt, sage aber unglüklicher Weise nichts, was zur Sache gehört. Es kommt in derselben viel von Ueberführung der Märkte, von blühendem Zustande der Gewerbe und des Handels, von Zunahme der Capitalien und anderen schön klingenden Anspielungen vor; er müsse aber fragen: wo denn der zunehmende Wohlstand Englands zu finden sey? Vielleicht bei der arbeitenden Classe? Diese verhungert jezt. „Gewerbe und Handel blühten bei uns nur so lang, als Einfuhr-Verbot Statt hatte. Es ist eine reine Thorheit, Ausländer ihre Waaren, die wir selbst besser erzeugen können, in unser Land einführen zu lassen, und unseren armen Fabrik-Arbeitern den Bissen Brotes, den sie sauer genug verdienen müssen, vom Munde wegreißen zu lassen. Es ist unmöglich, daß die Armen Arbeit finden, die Abgaben bezahlt werden können, daß Gewerbe und Handel blühen können, wenn man den Ausländer gegen den eigenen Unterthan in Schuz nimmt.“ Er will dem Hause folgende officielle Uebersicht über die Ausfuhr der Producte Englands vorlegen, aus welcher der gegenwärtige Zustund der Gewerbe und des Handels in England sich deutlich ergibt.

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Galignani N. 4422.

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