Titel: Ueber die falschen Grundsäze der Vertheidiger unserer Handels-Freiheit-Apostel, namentlich des Hrn. Say,
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. LX./Miszelle 1 (S. 241–244)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/mi033060_1

Ueber die falschen Grundsäze der Vertheidiger unserer Handels-Freiheit-Apostel, namentlich des Hrn. Say,

hat das Journal du Commerce, 48. December 1828, ein Schreiben eingerükt, in welchem ein früherer Auszug des Cours d'économie politique de M. Say (dieses elenden Schwäzers, der überall so viele Nachbeter findet, und den der unsterbliche Melchiorre Gioja noch kurz vor seinem Ende so trefflich widerlegte) gehörig beleuchtet wird. Der Bulletin des Sciences technol. theilt diese Beleuchtung aus guten Gründen im April S. 367. wieder mit, und wir halten es für unsere Pflicht, eine treue deutsche Uebersezung derselben für unsere lieben Landsleute zu besorgen, und sie mit einer kurzen Nachschrift zu begleiten.

„Nach Hrn. Say beträgt der Schaden, welchen der Akerbau in Frankreich jährlich durch den Einfuhrzoll auf fremdes Eisen erleidet, nicht weniger als 46 Millionen Franken; oder, in andern Worten, nach den Preisen, auf welche das Eisen in Folge des größern Einfuhrzolles erhöht wird, gibt der akerbauende Stand des Jahres um 46 Millionen mehr aus, als nicht der Fall seyn würde, wenn dieser erhöhte Zoll nicht bestände.“

„Schon im Jahr 1814 sagte man, daß, wenn man fortfahren wird, den Preis des Eisens in diesem Verhältnisse zu erhöhen, „ein Theil der Gründe unbebaut wird |242| liegen bleiben müssen, Und daß Frankreich sich dann kaum seinen Unterhalt wird herbeizuschaffen vermögen. Dieses Gemählde,“ sagt Hr. Say, „ist nicht übertrieben.“

„Wenn seit 14 Jahren, d.h. seit der Zeit, wo der Einfuhrzoll auf fremdes Eisen erhöht wurde, der Akerbau jährlich einen Schaden von 46 Millionen erlitt, so hätte während dieser Zeit der Schuz, den die Eisenwerke in Frankreich erhielten, dem Akerbaue dieses Landes 644 Millionen gekostet. Die Weinbauer Frankreichs waren demnach sehr bescheiden, als sie in ihrem lezten Ansuchen ihren Schaden nur auf 400 Millionen anschlugen.“

„Nun mag aber unser Akerbau noch so ergiebig seyn, so wird er bei einem solchen Verluste nicht länger fortbestehen können, und, wenn nicht bald Abhülfe getroffen wird, wird die Vorhersagung vom Jahr 1814 bald in Erfüllung gehen.“

„Da nun so etwas ganz erschreklich wäre, so glaubte ich den in Ihrem Journal gelieferten Auszug aus Say, der geschehenen Aufforderung an die Freunde der Industrie zu Folge, reiflich erwägen zu müssen. Ich suchte die Posten zu einer Summe von 46 Millionen zusammen, und war so glüklich bei einem Landwirthe, der gewiß eben so viel Glauben verdient als der Staatswirth Say (bei dem sel. Herzog de la Rochefoucauld), zu finden, daß „die Zahl der in Frankreich in Arbeit stehenden Pflüge sich auf 700,000 beläuft, und daß die Menge Eisens, die man jährlich an denselben, so wie an den dazu gehörigen Pferden, Egen und anderem Akergeräthe nöthig hat, nicht über 40 Kilogramm im Durchschnitte beträgt.“

„Hr. de la Rochefoucauld hat diese Rechnung nicht obenhin entworfen; er stüzte sie auf Thatsachen, die er mit allem Fleiße sammelte, auf seine eigene Erfahrung so wie auf die seiner Nachbarn, er versichert uns noch überdieß, daß er seine Schäzungen lieber zu hoch als zu tief stellte.“

„Wenn wir indessen diese zu hohen Zahlen wirklich gelten lassen, so erhielten wir durch 700,000 Pflüge à 40 Kilogr. Eisen einen jährlichen Eisenverbrauch von 28 Millionen Kilogr., welche, das Hundert Kilogr. zu dem hohen Preise von 60 Franken gerechnet, nur eine Summe von 16,800,000 Franken geben. Rechnen wir indessen 17 Millionen.

„Wie konnten also diese 17 Millionen zu 46 Millionen werden? Hr. Say hat ganz offenbar keinen kleinen Fehler bei seiner Rechnung begangen, und ich würde noch mehr über die anderen Millionen erschroken seyn, die er den übrigen Zweigen der Industrie an dem erhöhten Einfuhrzoll auf fremdes Eisen aufrechnete, wenn ich nicht durch Nachrechnen bei dem Akerbaue seine Millionen auf 2/3 reducirt hätte.“

„Es ist in mancher Hinsicht nicht gleichgültig (abgesehen von dem Interesse, welches Wahrheit für jeden Menschen haben muß) auszumitteln, in wiefern das Emporblühen der Eisenwerke in Frankreich, das seit so langer Zeit schon der Gegenstand eitler Deklamationen war, jenen Tadel verdient, in welchem man dasselbe für die Geißel des Akerbaues, der Künste und des Handels erklärt. In Werken, die man für klassisch hält, und auf welche man sich als auf Autoritären bezieht, dürfen Fehler, wie 46 Millionen statt 17, nicht unbemerkt bleiben.“

Hierüber bemerkt das Journal du Commerce, daß, da Frankreich jährlich 1,200,000 Zentner Eisen verbraucht und der Zentner französisches Eisen jezt 50 Franken kostet, während er nur 30 Franken kosten würde, wenn fremdes Eisen zu dem alten niedrigen Zolle eingeführt werden dürfte, der französischen Industrie eine jährliche Steuer von 24 Millionen aufgelegt ist.

Wir fragen den Redacteur des Journal du Commerce und Hrn. Say: ob Frankreich mehr gewinnt, wenn es jährlich 36 Millionen in's Ausland für Eisen schikt, oder, wenn es diese 36 Millionen im Lande behält und mit 24 Millionen mehr in Umlauf sezt? Die Rechnung ist, wie es scheint, so klar, daß man so blind seyn muß, wie die HHrn. Say, Huskisson, Böttcher, Leuchs etc. die Leute machen wollen, wenn man sie nicht einsieht. Man sagt, England und Schweden wird Wein für sein Eisen nehmen129). Wer kann in England |243| Wein trinken, wo man für die Flasche einen Thaler Mauth bezahlen muß? Wer kann in dem armen Schweden Wein trinken? Wenn England seinen Weinzoll herabsezt, so verliert es an seiner Einnahme an Thee, der statt Weines getrunken wird, und der 100 p. C. Einfuhr bezahlt, an Brantwein und Liqueur, der 60 p. C. Steuer bezahlt, in der Staatskasse mehr als alle seine Eisenwaaren-Fabrikanten durch Ausfuhr ihres erzeugten Eisens gewinnen, wenn die Einfuhr desselben in Frankreich unter dem vorigen geringen Zoll erlaubt wird. Frankreich verliert dann jährlich 60 Millionen aus dem Umlaufe; die Hunderte von Millionen Kapital, die seit 14 Jahren auf Eisenwerke in Frankreich gelegt wurden, sind sammt allem Interesse verloren, und die Hunderttausend Eisenarbeiter sind eben so viele Bettler. Tauschhandel, Umsaz der Waare gegen Waare, von welchem die Apostel des freien Handels so viel und so schön schwäzen, ist nur dort mit wechselseitigem wahren Vortheile möglich, wo die Waare des einen Landes nicht in dem andern erzeugt werden kann. Wenn wir dem Holländer unser Holz geben und dieser uns dafür Gewürze und Kaffee, so gewinnt er, und wir gewinnen gleichfalls, indem wir beide uns Bedürfnisse durch diesen Tausch verschaffen, die keiner in seinem Lande erzeugen kann und beide bei Erlangung dieser Bedürfnisse unser Geld im Sake behalten und zu andern Unternehmungen verwenden können. Wenn wir aber dem Holländer unser Holz für seine schöne Leinwand, sein gutes Tuch, sein feines Papier etc. geben, so sind wir Esel, die man prügeln soll, bis kein Haar mehr hinter den langen Ohren sizen bleibt, indem wir schöne Leinwand, gutes Tuch, feines Papier etc. eben so gut bei uns verfertigen können, als der Holländer (und sogar noch leichter und besser, da Alles bei uns wohlfeiler ist), wenn wir anders so fleißig und so geschikt seyn wollen wie er, und eben so klug wie er, d.h. nichts in das Land einführen lassen, was im Lande erzeugt werden kann. Sobald wir Kolonialwaaren aus einem andern Staate beziehen, als aus demjenigen, in welchem wir unsere rohen Producte absezen, verlieren wir; selbst wenn ein anderer Staat diese Kolonialwaaren um die Hälfte wohlfeiler gäbe: denn wir verlieren oder beleidigen wenigstens den Käufer eines Materiales, das ohne ihn keinen Werth für uns hat, und wir verlieren unser Geld, wenn wir bei einem andern kaufen, der nie etwas von uns kauft, für ewige Zeiten mit allem Interesse. Wenn zwei Individuen gegen einander Dinge tauschen, die sie jeder gleich gut verfertigen können, wenn sie nur wollen und nicht faul sind; so treiben sie keinen Tauschhandel, sondern einen Täuschungshandel: sie täuschen sich wechselseitig über ihren eigenen Vortheil. Es ergeht ihnen wie jenen zwei Jungen, wovon der eine die Pfeife, die er sich aus dem Rohre geschnitten hatte, gegen eine Schleuder vertauschte, mit welcher er den andern gewaltig hoch werfen sah. Nachdem jeder seine neue Acquisition beschaut und versucht hatte, fand der, welcher die Pfeife eintauschte, daß er sie eben so gut selbst machen kann, obschon sie in seinem Munde nicht so laut pfeift; der andere, der die Schleuder einhandelte, fand, daß er mit derselben nicht höher wirft, als er bisher mit seinen selbst verfertigten Schleudern gereicht hat; beide reute der Tausch, und es kam zur Aufhebung des großen Tauschhandels: die Waaren wurden remittirt. Von beiden Seiten wurden Bemerkungen gemacht, und am Ende ward aus dem Tauschhandel ein Raufhandel, wie wir ihn unter den alten Buben in der Welthistorie so oft aufgeführt finden, als wir ihn auf der grünen Wiese unter kleinen Buben sehen können. Tauschhandel kann nur auf wohl verstandenem, gut berechneten wechselseitigen Interesse mit Dauer und Sicherheit zu wechselseitigem Vortheile bestehen: es muß beiden Parteien daran liegen, daß der wechselseitige Wohlstand durch den Tausch zunimmt, vermehrt wird; keiner muß am Tausche mehr gewinnen wollen als der andere. Hierauf gründet sich das im Handel allgemein gebräuchliche Wort: Freund. Ist derjenige aber mein Freund, der mir meinen Nothpfennig aus der Tasche schwäzt, seinen Commis (und wenn Staaten nichts anderes wie große Familien sind, so sind gegen Staaten die größten Fabriken Englands, Frankreichs, |244| der Schweiz und Sachsens nichts anderes als Musterreiter) seinen Commis, sage ich, in mein Haus schikt, und, während ich mit meinen Arbeiten beschäftigt bin, vor meiner Frau und meinen Kindern den ganzen Plunder von Strümpfen, Unterröken, Jäkchen, Chemisetten, Häubchen etc. auskramt, und sie alle so deutlich überzeugt, daß sie sich diese schönen Sächelchen nimmermehr mit eigener Hand so wohlfeil und so niedlich verfertigen können, daß endlich meine gute Frau (mein Herr Minister) ihre Hand nach den wenigen Rollen ausstrekt, die ich in meinem Aerarium für schlimme Zeiten aufgespart habe? Ist der mein Freund? Er denkt nur daran, mein Geld zu kriegen; ob meine Familie später darben muß, daß er meine gute Frau übervortheilte, daß er ihr sogar noch etwas darein gab, dieß kümmert ihn nicht. Eine Familie, die Franklin's, des unsterblichen Franklin, goldene Regel vergißt: daß wohlfeil kaufen arm macht,“ geht eben so sicher zu Grunde, als ein Staat, der sie vergißt. Franklin's Söhne haben sich in dem Augenblike an die Lehre ihres Großvaters erinnert, als die Commis mit den wohlfeilen Waaren an ihre Thüren kamen. Wir haben eine deutsche Uebersezung von Franklin's Werken von unserm Bürger; in unsern mystischen Tagen ist aber Franklin und Bürger in Deutschland vergessen. Man schämt sich jezt in England sogar einer solchen Plattheit nicht, daß man, um die Vortheile freier Fabrikwaaren-Einfuhr zu zeigen, die englische Industrie zum Schuhmacher herabwürdigt, und sagt: „wenn ihr unsern Fabrikaten nicht freie Einfuhr gestattet, so wird es euch gehen wie dem Manne, der sich seine Schuhe selbst machen wollte: sie werden euch theurer zu stehen kommen und nicht so nett seyn.“ „Leider ist dieses Argumentum vom Leisten zur Leier“ durch den Berichterstatter über die lezte Leipziger Millionen-Messe sogar in die Allgemeine deutsche Zeitung gekommen, wir vermuthen jedoch, daß der Berichterstatter seinen alten Landsleuten, den Sachsen auf der Insel, nur etwas Pfeffer auf die Butter damit streuen wollte; denn ernstlich kann er so etwas nimmermehr gemeint haben. Daß übrigens die Sachsen für freie Einfuhr sind, ist leicht begreiflich, so lang ihre Messe sich noch zu halten vermag. Sobald aber diese durch das klügere System Preußens, Oesterreichs und Rußlands zu Grabe gegangen seyn wird, wird Sachsen eine geschlossenere Douanen-Linie erhalten müssen, als jeder andere Staat, wenn seine Fabriken nicht alle zu Grunde gehen und seine Moralität durch Tausende von müssigen Bettlern nicht mehr leiden soll, als durch ein paar Duzend Schwarzer. Alle verständigen Staatswirthe Englands erklären sich laut gegen freie Einfuhr und gegen das System Huskisson's und Say's; sie finden darin den Untergang der englischen Industrie; sie kümmern sich nicht um Absaz auf dem festen Lande in Europa, sondern in beiden Indien und im Oriente; sie wollen nur freien Handel mit den 100 Millionen brittischer Unterthanen in Ostindien. Lezterer allein kann Englands Industrie noch retten, wenn, nach dem alten büreaukratischen Grundsaze: lorsque la sottise est faite, il faut la soutenir, auch die Huskisson'sche soutenirt werden soll: allein es steht sehr zu besorgen, daß, bei der Vorliebe, die man heute zu Tage für halbe Maßregeln hat, auf der einen Seite eine Art von Handelsfreiheit, auf der andern das strenge Monopol der ostindischen Kompagnie beibehalten werden wird. Man hofft durch dieses Schaukel-System die Industrie des festen Landes, die sich jezt in Frankreich, Holland, Preußen, Oesterreich, Rußland, in allen Staaten, welche das alte englische Princip des Einfuhr-Verbotes nachahmten, so sehr emporhebt, aus dem Gleichgewichte zu bringen und zu stürzen, und die 400 Millionen in Indien in ewiger Knechtschaft zu halten.

|242|

Man ist einfältig genug, in Büchern wie in Parliaments-Reden, den so sehr gesunkenen Absaz des Weines in Frankreich dem Verbote oder der wenigstens erschwerten Einfuhr des ausländischen Eisens und Baumwollen-Gespinnstes zuzuschreiben, während die wahre Ursache lediglich in der erhöhten Tranksteuer gelegen ist. Vom Jahre 1808 bis 1813 zahlte das Hektoliter Wein in Frankreich |243| 17 Franken 10 Sous. Im Jahre 1813 ward diese Tranksteuer auf 24 Franken 6 Sous erhöht, und jezt (1829. [Galignani N. 4433]) steht sie gar auf 82 Franken 3 Sous; also beinahe vier Mal höher als vor 16 Jahren. Ist es nun ein Wunder, wenn von einem Dinge, das vier Mal theurer geworden ist, und das eben nicht Lebensbedürfniß ist, um die Hälfte weniger verbraucht wird? Wer seit 1813 nicht vier Mal wohlhabender geworden ist, kann jezt nicht mehr so viel Wein trinken, wie im Jahre 1813.

A. d. Ue.

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