Titel: Ueber Wollenhandel in England.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. LX./Miszelle 37 (S. 252–254)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/mi033060_37
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Ueber Wollenhandel in England.

Der Herzog von Richmond bemerkte und bewies durch folgende Tabelle im Oberhause (am 26. Mai) „daß der Werth und die Qualität der englischen Wolle durch die ungeheure Einfuhr ausländischer Wolle gewaltig litt.“ „Nichts,“ sagt er, „beweiset dieses deutlicher als der Umstand, daß die unter dem Namen Hoggett-Wolle bekannte Wollensorte, für welche man kein Surrogat aus der Fremde einführen konnte, die daher auch keiner Concurrenz ausgesezt war, noch immer denselben Preis und dieselbe Qualität behielt.“ Er las hierauf folgende

Uebersicht der in den lezten acht Jahren aus England ausgeführten und in England erzeugten Wollen-Waaren, in deren vier erstern noch ein Einfuhrzoll von Sechs Pence (18 kr.) auf fremde Wolle bestand, welcher später auf Einen Penny (3 kr.) herabgesezt wurde.

Jahre, in welchen
der Einfuhrzoll
18 kr. war.

Stüke.

Werth in Pf. St.

Yards (3 Ellen).
1821 1,598,291 5,724,022 6,321,723
1822 1,705,248 5,606,493 8,432,924
1823 1,695,922 4,857,977 8,135,399
1824 1,856,201 5,280,513 7,335,259
––––––––– –––––––––– ––––––––––
6,856,262 21,469,010 30,225,305
Werth
in Pf. St.
Wollens
im Werthe.
Total-Werth nach
Declaration.
1821 603,162 136,740 6,463,924
1822 721,673 160,507 6,488,673
1823 646,516 129,978 5,614,471
1824 628,566 133,327 6,142,411
––––––––– –––––––––– ––––––––––
2,599,917 560,552 24,629,479
Jahre, in welchen
der Einfuhrzoll auf
3 kr. herabgesezt
wurde.

Stüke.

Werth in Pf. St.

Yards (3 Ellen).
1825133) 1,741,985 5,334,485 7,798,610
1826 1,617,746 4,406,299 4,936,927
1827 1,850,687 4,561,869 6,459,353
1828 1,819,246 1/2 4,393,613 6,828,453
––––––––––– –––––––––– –––––––––
7,029,664 1/2 18,756,266 26,823,343
Werth
in Pf. St.
Wollens
im Werthe.
Total-Werth nach
Declaration.
1825 717,938 142,503 6,194,926
1826 404,235 112,375 4,982,909
1827 540,735 175,257 5,277,861
1828 527,336 143,033 5,063,982
–––––––– –––––––––– –––––––––
2,190,244 573,168 21,519,678

Aus obiger Angabe erhellt, daß, da während des Einfuhrzolles zu 18 krn.

30,225,305 Yards ausgeführt wurden,
und während des Einfuhrzolles zu 3 krn. 26,823,343 Yards ausgeführt wurden;
die Ausfuhr bei 3 kr. Einfuhrzoll beinahe –––––––––
um 14 p. C., nämlich um 4,201,962 Yards vermindert wurde.
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Ferner, daß, da die Ausfuhr in Stüken bei 3 kr. Einfuhrzoll

7,029,664 1/2,
bei 18 kr. Einfuhrzoll 6,856,262 gewesen ist, dieselbe um
etwas mehr als 2 1/2 p. C. bei dem Einfuhrzolle –––––––––
von 3 kr., nämlich um 173,402 Stüke zugenommen hat.

Ferner, daß, da der jährliche Ausfuhrswerth bei 18 kr. Zoll im Durchschnitte

6,157,369 Pfd. 15 Sh.
bei 3 kr. Zoll im Durchschnitte aber nur 5,379,919 Pfd. 10 Sh.
beträgt, sich bei lezterem Zolle ein jährlicher –––––––––
Verlust von 777,450 Pfd. 5 Sh. ergibt.

„Warum,“ fragt nun der edle Lord, „warum schäzt man die englische Wolle weniger als andere in England erzeugte Artikel? Schwedisches Eisen muß, zum Schuze der englischen Eisenwerke, 20 p. C. Einfuhr bezahlen; Rigaer Hanf zahlt 11 p. C. Einfuhrzoll; andere Artikel sind durch Einfuhrzoll von 10, 15, 20, 30 p. C. geschüzt, während man der Wolle nur 3 p. C. Schuz läßt. Tragen die Besizer der Schafherden nicht auch die Lasten des Staates so gut wie jeder andere? Hat sich nicht der Werth der Ausfuhr der Wollenwaaren bei Einfuhr ausländischer Wolle jährlich um 777,450 Pfd. St. (um 7,930,400 fl.) vermindert? Ist nicht wenigstens so viel gewiß, daß der höhere Einfuhrzoll die Ausfuhr nicht vermindert hat?“ Galignani N. 4438134).

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Dieß war das Jahr der Speculation. A. d. Ue.

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Daß die Besizer der Schafherden durch erlaubte freie Einfuhr der Wolle eben so verlieren müssen, wie wenn man denselben die freie Ausfuhr ihrer Wolle verbietet, ist offenbar. Wo es sich also in einem Lande darum handelt, Schafzucht empor zu bringen oder auf einer hohen Stufe zu erhalten, darf weder Einfuhr fremdes Wolle begünstigt, noch die Ausfuhr inländischer Wolle erschwert werden. Allein, unglüklicher Weise steht hier das Interesse des Herden-Besizers mit dem Interesse des Fabriken-Besizers in Widerspruch. Der Fabrikant will wohlfeile Wolle bei gleicher Güte, und diese läßt sich, wo nicht Wolle genug im Lande erzeugt wird, nur durch Begünstigung der Einfuhr der Wolle erhalten. Man kann daher, bei einem solchen Dilemma, erleben, daß selbst ein Herden-Besizer (wie der unsterbliche Ternaux, der so große Opfer für Frankreichs Industrie brachte), wenn er zugleich große Fabriken besizt, durchaus freie Wollen-Einfuhr fordern muß, wenn seine und seines Landes Herden noch nicht zureichen für den Bedarf seiner Fabriken. England und Frankreich wird nie und nimmer, wenn es mäßige Getreide-Preise haben will, so viele Herden halten können, als seine Fabriken fordern: beide Länder werden ihre Wolle aus Ungarn und Polen, in einigen Jahren vielleicht aus Rußland, aus Nord-Amerika, aus Neu-Holland müssen kommen lassen, wenn ihre Fabriken bestehen und ihre Arbeiter Brot haben sollen. In dem Maße, als die Bevölkerung eines Landes zunimmt, muß die Schafzucht abnehmen, wenn man aus anderen an Menschen armen Ländern eben so gute Wolle, als man bisher selbst zog, um wohlfeilere Preise erhalten kann, als man sie selbst nicht zu erzeugen vermag. Ungarn mit den dazu gehörigen Provinzen und Küstenländern kann das ganze österreichische Kaiserthum in feines Tuch und in die herrlichsten Wollenzeuge kleiden und Tausende von Ballen noch jährlich ausführen. Rußland kann sich gleichfalls in seine Wolle kleiden und Schiffsladungen von Wolle ausführen. Spanien eben so. Preußen zum Theile. Sachsen wird es nicht lang mehr zu thun vermögen, eben so wenig als England und Frankreich im Stande sind, ihren Bedarf an Wolle aufzubringen. Italien ist zu übervölkert, als daß es Herden mit Vortheile halten könnte, und hat auch keine Wollenfabriken.

A. d. Ue.

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