Titel: Ueber Pferdezucht in England, vorzüglich in Hinsicht auf Renner.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. LX./Miszelle 38 (S. 254–256)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/mi033060_38

Ueber Pferdezucht in England, vorzüglich in Hinsicht auf Renner.

Man hat auf dem festen Lande keinen Begriff von dem eigentlichen Zweke des Wettrennens in England, und von der Art, wie dasselbe betrieben wird. Der Engländer zieht sich Renner, weil bei ihm der Renner jedes Mal so viel gilt, als die Summe beträgt, die auf seinen Renner gewettet wurde, und die dieser Renner gewonnen hat. Ueber diese gewettete Summe wird aber von den Rennmeistern genaues Protokoll gehalten; für jedes Pferd einzeln; keine Wette gilt, die nicht protokollirt ist; aus der Summe der einzelnen Posten, die gewettet |255| wurden, ergibt sich dann der Werth des Pferdes, das diese Wetten gewonnen hat.

Diese Wetten werden nicht bloß für den gegenwärtigen Wettlauf, sie werden auf zwei bis drei Jahre vorhinein gemacht; es wird auf Fohlen gewettet, wann sie mannbar seyn werden, ja sogar auf Fohlen im Mutterleibe. Die Wetten, die jezt schon, zu Newmarket allein, bis zum Jahre 1833 protokollirt sind, betragen die Summe von mehr als 126,000 Pfd. Sterl. (1,512,000 fl.), und darunter sind einzelne Wetten von 6000 Pfd. (72,000 fl.). Für das, Ende Aprils zu Newmarket abgehaltene Rennen waren mehr als 30,000 Pfd. protokollirt (360,000 fl.).

Folgende Uebersicht zeigt die Wetten, welche auf gewisse Pferde gemacht wurden, die den ersten Preis erhielten, vom Jahr 1815 bis jezt.

Jahr. Name des
Pferdes
.
Name des
Eigenthümers
.
Gewonnene Wetten
oder Preis des Pferdes
.
1815 Sir Joshua Neville 2600 Guineen (31,200 fl.)
1816 Nectar Andrews 2700 – (32,400 fl.)
1817 Young Wizard Wilson 3300 – (39,600 fl.)
1818 Prince Paul Sir John Shelley 4700 – (56,400 fl.)
1819 Blue Stocking (Blauer Strumpf) General Grosvenor 5000 – (60,000 fl.)
1820 Pindarrie Duke of Grafton 3400 – (40,800 fl.)
1821 Rosicrucian (Rosenkreuzer) I. Klasse Batson 2200 – (26,400 fl.)
Ibla II. Klasse Udny 2500 – (30,000 fl.)
1822 Wanton I. Klasse Egremont 1350 – (16,200 fl.)
Postuma II. Klasse Duke of Grafton 1850 – (22,200 fl.)
1823 Emilius I. Klasse Udny 2600 – (31,200 fl.)
Spermaceti II. Klasse. Wyndham 1800 – (21,600 fl.)
1824 Rebecca Duke of Grafton 3000 – (36,000 fl.)
1825 Rufus Duke of Grafton 3000 – (36,000 fl.)
1826 Moslem Lord Verulam 2600 – (31,200 fl.)
1827 Clenartney Lord Jersey 2300 – (27,600 fl.)
1828 Brother the Emilius (Bruder v. Aemilius) Duke of Portland 1300 – (15,600 fl.)

Wenn man nun in einem Lande lebt, in welchem man den Werth eines Pferdes bis auf 56 und 60,000 Gulden bringen kann, und so zu sagen sicher ist, diese Summe jeden Augenblik zu erhalten, ohne daß man selbst auch nur einen Heller zu wetten braucht, so ist es der Mühe werth, einen Aufwand auf Pferdezucht zu machen. Da auf das zweite, dritte Pferd auch noch Wetten gemacht werden, die oft bedeutende Summen betragen, so erhalten selbst mittlere Pferde einen hohen Werth, und nur derjenige hat eigentlich verloren, dessen Renner unter den lezten geblieben, oder, wie die Rennmeister sagen, ein Importer (ein Betrüger) geworden ist. – Aus obiger Liste ergibt sich, daß der Herzog von Grafton der beste Pferdezieher oder Kenner wenigstens ist: seine Renner gewannen vier Mal den ersten Preis. Nach ihm kommt Hr. Udny, dessen Renner denselben zwei Mal gewannen. Die Postuma des Herzogs von Grafton ist eine Stute, bei deren Geburt die Mutter starb. – Die Franzosen halten es für etwas Großes, wenn auf einen ihrer Renner 5000 Franken gewettet werden. In Bayern wird wohl auch manches Paar Thaler auf dieses oder jenes Pferd gewettet; allein, weder der Eigenthümer noch das Publikum erfährt, wie viel daß Pferd gewonnen hat, welches den ersten Preis errang; wie viel es also eigentlich werth ist. Es wäre sehr zu wünschen, daß diese englische Buchhaltung bei dem sogenannten Rennen auch in Bayern eingeführt würde; denn so, wie diese Rennen in Bayern betrieben wurden, sind sie wohl dem Markte oder der Stadt nüzlich, wo sie gehalten werden, im Ganzen aber vielleicht mehr schädlich als nüzlich. Wenigstens gewähren sie für Pferdezucht nicht den Nuzen, den man von denselben mit Recht erwarten könnte. Wenn auch bei uns nur so viel Groschen auf ein Pferd gewettet werden, als in England Gulden; so ergäbe sich doch hieraus ein höherer Werth guter Pferde, als man ihn bisher nicht im Lande hat. Es käme |256| nur darauf an, daß ein Mal von den Rennmeistern und den Rennliebhabern bei einem größern Rennen, wie z.B. jenem in München, die Einleitung hierzu getroffen würde. Und hierzu ist Zeit zum Berathen bis zum Oktober.

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