Titel: Ueber Irlands Fähigkeit zur Industrie
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. LX./Miszelle 5 (S. 245–246)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/mi033060_5

Ueber Irlands Fähigkeit zur Industrie

theilt der Herald (Galignani Messenger N. 4442) folgende Bemerkungen mit, die auch auf manches Land auf dem Kontinent angewendet werden können:

„Man hat so viele unrichtige Begriffe über die Fähigkeiten Irlands zu einem Manufaktur-Staate, daß es vielleicht dem Publikum sehr ersprießlich seyn mag, zu wissen, daß ein in Irland auf Industrie verwendetes Kapital nur kümmerliche Zinsen trägt. Wo Fabriken gedeihen sollen, sind Kenntnisse und Kapitalien, und ist vor Allem Fleiß nothwendig: im Vergleiche mit England fehlt es in Irland an jeder dieser drei Bedingungen. Unsere englischen Fabriken besizen alle jene Vortheile, |246| welche hoher Reichthum, vollendete Ausbildung und rastlose Thätigkeit nur immer gewähren können: solche Vortheile wachsen nicht über Nacht, und man kann sie nicht, wie Waaren, aus einem Lande in das andere schaffen. Irland kann bloß ein ackerbauendes Land seyn, und hierzu hat es, ohne Zweifel, die schönsten Anlagen. Wenn man in Irland sein Kapital, statt es auf Grund und Boden zu legen, auf Fabrik-Treiberei legt, so ist es eben soviel, als ob man sein Geld hinausgeworfen hätte. Man täuscht sich selbst mit eitlen Hoffnungen. Man sagt, daß die übergroße Bevölkerung Irlands einen Ueberfluß wohlfeiler Arbeiter geben müßte: diese Voraussezung ist falsch131). Der Arbeitslohn ist verhältnißmäßig um nichts kleiner als in England, und, wenn zu der Arbeit zugleich Kopf gehört, unendlich höher. Die Leute sind in Irland weit weniger arbeitsam; sie arbeiten weniger, weil sie weniger Bedürfnisse haben, und wenn es auch hier und da scheinen sollte, daß in Irland das Taglohn niedriger steht, so zweifle ich sehr, ob in England nicht für dasselbe Geld mehr gearbeitet wird. Ich habe mehrere Fabriken in Irland bloß in der Hinsicht besucht, um den Arbeitslohn mit jenem in England zu vergleichen, und ich kann versichern, daß ich denselben bei allen feineren Arbeiten um so viel höher fand, als er bei den groben allenfalls niedriger ist. Die Natur selbst hat Irland weit zurükgelassen: die Steinkohlen sind drei Mal theurer, als in den Fabrik-Distrikten Englands. Einige sagen, daß man aus den Mooren Torf wird graben können, der durch Wohlfeilheit und Güte eine Fabrik in Irland weit einträglicher machen muß, als eine Fabrik in England es in der Mitte ihrer Steinkohlengruben nicht seyn kann. Ich habe nirgendwo etwas hiervon gesehen, und begreife auch nicht, warum die Irländer so viel Steinkohlen einführen, wenn ihre Moore so viel Torf geben und so leicht zu bearbeiten sind. So viel ist, ein Mal für immer, unläugbare Thatsache, daß die Fabriken, die in Irland bestanden, nach und nach alle zu Grunde gegangen sind. Man hat ehevor zu Dublin eine sehr große Menge sogenannter Tabbinets fabricirt, gegenwärtig sind diese Fabriken beinahe auf Null reducirt, und das Viertel von Dublin, welches man the Liberty nennt, in welchem die meisten Weber wohnen, ist ein Jammerwinkel, gegen welchen unsere Spitalfields noch ein Eden sind. Dort ist wahres Elend, wahre Noth; unsere armen Seidenweber leben, im Vergleiche zu diesen, noch behaglich. Wohnungen ohne Dach und ohne Fenster, ohne Möbel und voll Unrath, ekelhafte stinkende Keller, nakte Kinder, halb bekleidete Mütter, und Väter, deren Lumpen unseres alten Foote Nativität, die er den weggeworfenen Kleidern in England gestellt hat, vollkommen rechtfertigen. Für einige Zeit über mag ein Monopol mit gewissen Fabrikaten vielleicht bestehen können; es besteht aber nicht lang, und die Verbindungen, durch welche der Konsument immer zu erfahren weiß, wo er seine Waaren am wohlfeilsten und besten findet, werden jeden Fabrikanten zur wohlfeilsten und besten Waare zwingen. Was endlich in Irland noch zu fürchten ist, ist dieß, daß man das Land beständig durch Parliaments-Acten verbessern und glüklicher machen will. Es gibt in Irland allerdings vortreffliche und ausgezeichnete Männer, die ihrem Lande gern Opfer bringen würden; allein es fehlt an Sicherheit, sein Geld dort wieder zu finden, wo man es hingelegt hat.

|246|

Irland ist auch nicht übervölkert, wie man aus den officiellen Angaben ersehen kann.

A. d. Ue.

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