Titel: Ueber Baukunst und ihre Praxis in England im J. 1829.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. LXXVII./Miszelle 20 (S. 327–328)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/mi033077_20

Ueber Baukunst und ihre Praxis in England im J. 1829.

Man hat im Parliamente, im Hause der Gemeinen, einige sehr erhebliche Bemerkungen gegen Hrn. Nash, den Baumeister des Königs, vorgebracht. Was die Ehrlichkeit dieses architektonischen Genies betrifft, wollen wir andere sagen lassen, da wir uns nicht für berechtigt halten, unsere eigene Meinung hierüber zu äußern: in Hinsicht auf die Scheusale der Baukunst, die er aufführt, stimmen wir aber laut in jene Ausdrüke des Tadels und der Verachtung ein, die von allen Seiten aus dem Munde derjenigen widerhallen, die Augen haben um zu sehen, und die Vierekiges von dem Runden zu unterscheiden wissen. Es ist sonderbar, daß überall ein wunderbarer Einklang in der Sittlichkeit und in der Kunst Statt hat: Rechtlichkeit und Geradheit im Künstler spricht sich in dem freien offenen edlen Style seiner Gebäude aus. Als England die Mäßigkeit seines Königes bei |328| der Forderung, die zur Ausbesserung des „Buckingham-Pallastes“ (Buckingham-Palace) gestellt wurde, bewunderte, und über seine Sparsamkeit erstaunte, wer hätte da glauben sollen, daß ein einziger Bogen dieses Gebäudes, abgesehen von dem ganzen übrigen Pallaste, mit 50,000 Pfd. Sterl. (600,000 fl.) in das große Buch des Schiksales eingeschrieben werden müßte! Das Aergste, bei dieser unverschämten Verschwendung des Hrn. Baumeisters Nash, ist der Umstand, daß er sich etwas darauf einbildet, den Marmor zu diesem Bogen um 9000 Pfd. (108,000 fl.) herbeigeschafft zu haben: eine solche Rechnung erinnert an Sir John Falstaff's Zeche im Wirthshause: Brot: Ein Pfennig; Madera: sechzehn Gulden. Die Gesammt-Summe des Ueberschlages zur Ausbesserung des Pallastes Buckingham war: 250,000 Pfd. Sterling. Nun ist aber bereits über eine halbe Million ausgegeben (6 Millionen Gulden), und wahrscheinlich wird, nach Vollendung dieser Correctur, wenig von Einer Million Pfund Sterling übrig bleiben. Hierüber wird Niemand sich wundern, wer da weiß, wie Hr. Nash haut, und wer seine Contracte kennt. Als Architekt ist er bloßer Probierer. Er führt einen Bau auf, ohne zu ahnen, welcher Effekt herauskommen wird, und herauskommen muß, nachdem er denselben vollendet hat. Wenn er endlich sieht, daß das, was er aufbaute, abscheulich ist, reißt er den Plunder ein, und baut einen anderen dafür auf. Als Belohnung für ein solches offenes Eingeständniß seiner begangenen Fehler erhält er, zu den außerordentlichen Ausgaben die sein – Genie veranlaßte, noch Commissions-Gelder. Solcher Gnaden erfreut sich derjenige, dem Einfalt des Geistes zu Theil geworden ist! Man ist im Hause der Gemeinen einstweilen nicht tiefer eingedrungen in die Rechnungen; die vielen Tafeln und Gesellschaften werden aber eines Tages tiefer eindringen lassen. Allerdings kann der König, wie jeder Privat-Mann, bauen, und für Nichts und wieder Nichts sein Geld zum Fenster hinauswerfen, wenn er Behagen daran findet; es ist unverschämt, wenn man darüber Klagen im Parliament erhebt; es ist aber eben so unverschämt, wenn man, wie Hr. Huskisson im Parliament, den Fuchsschwanz macht, und die Augen derjenigen, die sehen sollen, wo es fehlt, mit seinem feinhaarigen Schweife dekt. (Examiner. Galignani. N. 4441.)

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