Titel: Ausländische Spione in englischen Fabriken.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. XCIV./Miszelle 47 (S. 411–412)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/mi033094_47

Ausländische Spione in englischen Fabriken.

Das London Journal of Arts enthält in seinem Junius-Hefte unter obiger Aufschrift einen Aufsaz, in welchem es die Gefälligkeit lobt, mit welcher |412| bisher in England dem Ausländer in den Fabriken Alles gezeigt wurde, was er zu sehen wünscht. Wir erlauben uns Hrn. Newton und Partington, welche sich jezt als Herausgeber dieses Journals nennen, in dieser Hinsicht nach unsern in England gemachten Erfahrungen geradezu zu widersprechen. Beweise für unsern Widerspruch finden sich in England mit Ellen langen Buchstaben an den Thüren so vieler Fabriken in den zwei Worten: NO ENTRANCE!“ deutlich genug aufgeschrieben.

„Wir haben,“ heißt es, „die Entdekung gemacht, daß die französische Regierung eine Menge Leute besoldet, die unsere Fabriken durchstreichen und Alles auskundschaften, was für das Gedeihen derselben ersprießlich seyn kann. Wir halten es daher für unsere Pflicht, unsern Landsleuten die Augen zu öffnen, und sie zu fragen: ob es klug oder auch nur verständig ist, diejenigen Fremden mit offenen Armen aufzunehmen und in alle Fabrik-Geheimnisse einzuweihen, die in ihrem Lande jedem Engländer den Eintritt in eine Fabrik versagen, dem sie so viel Talent zutrauen dürfen, daß er „den hohen Mysticismus einer Mausfalle“ durchschauen kann.

Nun liefert das London Journal die Debatten in der lezten (vielleicht lezten) traurigen Stände-Versammlung Frankreichs über die 50,000 Franken, welche der Minister zur Beobachtung der englischen Fabriken im Budget aufführte, und verliert sich hierbei in Personalitäten, die es zu ekelhaft wäre, hier zu wiederholen. Der Fehler, der hier begangen wurde, liegt am Minister Frankreichs, der schlechte Verse macht und das Land noch schlechter verwaltet. Wozu den Zwek einer so unbedeutenden Summe (25,000 fl.!) den Leuten auf die Nase binden? Nicht 25,000 fl., sondern 50,000 fl. und hunderttausend Gulden hat mancher Fabrikant, als Privatmann, darauf gewendet, um hinter ein gewisses Verfahren zu kommen. Wenn der Minister Frankreichs (wenn ihm Fabrikwesen noch am Herzen liegen kann oder darf), nicht weiß, daß 25,000 fl. kaum zur Reise eines einzelnen Individuums hinreichen, das sich über englische Fabriken, so viel als möglich ist, gründlich belehren will, so ist er zu beklagen, und ganz Frankreich ist zu beklagen, wenn es jährlich nicht mehr als diese Summe verwenden kann, um von England fabriciren zu lernen. Die französische Nation würde vielleicht gern 5 Millionen Franken, statt 50,000 Franken notiren, wenn es sich um den Besiz der englischen Maschinen und Handgriffe handelt, sie würde aber zugleich auch den Hrn. Minister bitten, so klug zu seyn, diese 5 Millionen eben so sorgfältig in seinem Budget zu verbergen, als die Engländer ihre Fabrik-Geheimnisse. Diese lächerliche Debatte in der französischen Kammer, über welche die englischen Journale sich jezt so sehr lustig machen, und die den Minister Frankreichs mit seinen 6 Pfennig Industrie-Spionen vor den Augen von ganz Europa so erbärmlich bloß stellt, erinnert uns Deutsche an den weiland Spion von Erfurt,“ dessen Geschichte unsere Kinder alle zehn Jahre regelmäßig in einem unserer Hauskalender zu lesen bekommen.

Das London Journal thut übrigens den Franzosen sehr unrecht, wenn es dieselben für größere Geheimnißkrämer im Fabrikwesen erklärt, als es die Engländer selbst sind. Es liegt nicht in der Natur eines Franzosen, sein Maul zu halten, und wenn er nicht mit dem Munde spricht, so spricht er mit den Elbogen; der Engländer hingegen ist, wie wir alle wissen, troken und zähe, wie ein getheertes Seil und pfeift nur im Sturme. Man kann es übrigens keinem Fabrikanten verargen, wenn er, in dem ewigen Belagerungs-Zustande, in welchem er sich befindet, die Quelle, aus welcher er sein Frisch-Wasser zieht, geheim hält, damit der belagernde Feind sie ihm nicht so leicht abgräbt; man wird aber jeden Fabrikanten verachten müssen, der allein das Recht haben will, Tausende arm zu machen, damit er reich wird, und der diese Usurpation durch ein Patent sanktionniren läßt.

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