Titel: Dr. Dinglers leztes Wort über Handelsfreiheit in seinem Journale an den Verf. der Notiz „Rüge und Wunsch“ im Hesperus N. 209.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. CXIV./Miszelle 3 (S. 477–480)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/mi033114_3

Dr. Dinglers leztes Wort über Handelsfreiheit in seinem Journale an den Verf. der Notiz „Rüge und Wunsch“ im Hesperus N. 209.

Es heißt im Hesperus N. 209. 1. Septbr. 1829. unter der Aufschrift Rüge und Wunsch „unbeschadet der Vortrefflichkeit des Dingler'schen Journals im Ganzen ist uns doch schon öfters in einzelnen Artikeln, die wahrscheinlich nicht von Hrn. Dingler selbst herrühren, der anmaßende, höhnende, absprechende, grobe Ton aufgefallen, der niemals bei wissenschaftlichen Discussionen Eingang finden sollte; am meisten aber im neuesten Hefte des August N. 1. Da heißt S. 241. Say ein „elender Schwäzer, der überall so viele Anbeter findet.“

Wenn es dem Hrn. N. (denn mit diesem Buchstaben unterzeichnet sich der Verfasser unter oben angeführtem Aufsaze) mit dem Worte „Vortrefflichkeit“ das er meinem Journale „im Ganzen“ ertheilt, Ernst wäre; so würde er sich selbst dadurch ein schlechteres Compliment gemacht haben, als er mir in seiner Heuchelei zudachte; denn ich weiß nur zu wohl, wie weit mein Journal von irgend einem Anspruch auf „Vortrefflichkeit“ entfernt ist. Wenn dieses Journal in dem Lande, in welchem es erscheint, ähnliche Unterstüzung erhielte, wie ähnliche Journale in Frankreich, England, Holland, Preußen, Rußland, dann könnte es sich seinem Ziele nähern; so aber, wie es da steht, ist es nur eine Unternehmung zum Vortheile anderer; es ist ein wahres Almosen, das der edle Freiherr von Cotta zu Cottendorf der arbeitenden Classe des deutschen Volkes spendet, und bei dem Aufwande, den dieser Edle für diese Zeitschrift aus seiner Casse thut, und ich mit meiner wenigen Muße machen kann, ist Vortrefflichkeit der Nüzlichkeit untergeordnet.

Was den anmaßenden, höhnenden, absprechenden, groben Ton betrifft, so erlaube ich mir keine Anmaßung, wenn ich darthue, wozu ich, wie jeder andere, ein unantastbares Recht habe, nämlich das Recht meine Meinung laut zu sagen in einem Staate wo Preßfreiheit ist: man erlaubt sich nur dann eine Anmaßung, wenn man etwas thut, wozu man kein Recht hat. Wenn man Wahrheit für Hohn nimmt, so ist es eben so wenig meine Schuld, als wenn man Ironie für bares Lob hält, und dieser lezteren haben alle Schriftsteller sich bedient, wo sie dieselbe der Wahrheit zuträglich fanden. Man spricht nicht ab und man ist nicht grob, wenn man die Behauptung eines Gegners ad absurdum reducirt. Die größten und feinsten Mathematiker haben ihre Säze sehr oft nur dadurch erwiesen, daß sie die Behauptung des Gegentheils auf das Absurde, das Ungereimte zurükführten. Wenn ferner heute zu Tage die Grobheit von den Philosophen vergöttert, und bis zur göttlichen Grobheit erhoben wurde; so sehe ich nicht ein, warum man das an dem einen tadelt, was man an dem anderen vergöttert. Man ging der Industrie in Bayern grob zu Leibe, und wir sollen uns höflich dafür bedanken? Et cantare pares et respondere parati!

Die Artikel „die wahrscheinlich nicht von Hrn. Dingler herrühren“ rühren ursprünglich von Dr. Dingler her: das Wahrscheinliche ist nicht immer das Wahre, und umgekehrt. Wenn auch nicht alle Artikel über die Mittel der Industrie aufzuhelfen aus meiner Feder sind, so entsprechen sie doch ganz meiner Ansicht: mein Journal ist kein Zeitungs-Blatt, das alle Farben spielen muß; es |478| ist ein Blatt von bestimmter Farbe, das das Gute will, und Moralität durch Arbeitsamkeit und Fleiß, nicht durch Faulheit und Trödel fördern will.

Wenn ich für Einfuhr-Verbot solcher Waaren spreche, die im Lande selbst ehren so gut erzeugt werden können, als man sie aus dem Auslande einführt; so schreibe ich keine wissenschaftliche Discussionen. Anerkannte Wahrheiten, Axiome, sind keiner Discussion fähig, und wer diese wissenschaftlich discutiren will, macht sich eben so lächerlich, als alle jene Mathematiker in ihrer Aster-Weisheit sich lächerlich machten, die über das 11te Axiom in Euklids 1. Buche bogenlange Abhandlungen schrieben.

Daß Say ein elender Schwäzer, „wir fügen noch hinzu ein erbärmlicher Schwäzer ist, ist nicht bloß unsere Ansicht; sie ist die Ansicht der erfahrensten Geschäfts-Männer Frankreichs, Englands, Nordamerikas und Italiens. Ein Mann, dessen Name der Unsterblichkeit mit festerem Tritte entgegen geht, als Hr. Say ihr entgegen hüpfen wollte, der vortreffliche Statistiker und Staats-Oekonom, Melchiorre Gioja, hat in seinen Werken sowohl, als in den Analysen, in welchen er Say's Machwerk prüfte (Vergl. Biblioteca italiana), das Unstatthafte der Grundsäze Say's erwiesen, und noch überdieß gezeigt, daß dasjenige, was in Say gut und brauchbar ist, schon Jahrhunderte früher von den Economisti d'Italia aufgestellt wurde, die Hr. Say entweder wirklich nicht kennt, oder nicht zu kennen scheinen will.

„Man muß so blind seyn, wie die Herren Say, Huskisson, Böttcher, Leuchs u.s.w. die Leute machen wollen.“

Auch diese Stelle rügt man an meinem Journale. Und spricht sie nicht die reine Wahrheit aus? Können die HHrn. Say, Huskisson u.s.w. glauben, daß man mit offenen und sehenden Augen ihnen zugeben wird, daß ein Sak, und sey er auch noch so voll, nicht endlich leer werden muß, wenn man das Geld aus demselben für und wider nichts hinauswirft? Man muß erst Jemanden vollkommen blind machen, ehe er dieses glauben und sich dann mit dem bloßen Klingen Hören des Geldes begnügen wird, indem er nicht sieht, ob das Geld in den Sak hinein oder hinaus kommt: genug er hört Geld im Ohre klingen.

„Man ist einfältig genug, in Büchern, wie in Parliaments-Reden den so sehr gesunkenen Absaz des Weines in Frankreich dem Verbote oder der wenigstens erschwerten Einfuhr des ausländischen Eisens zuzuschreiben.“

Auch dieser Saz wird bekrittelt, und wäre vielleicht noch mehr bekrittelt worden, wenn wir gesagt hätten: „man ist weise genug u.s.w.;“ denn dann würde man gesagt haben, wir höhnen, wenn wir diese Figur der Ironie gebraucht hätten. Daß man in Parliaments-Reden und in Büchern den Mangel an Absaz des französischen Weines der erschwerten Einfuhr des ausländischen Eisens in Frankreich zuschrieb, ist Thatsache; diese wird Hr. N., so fein er ist, nicht läugnen, sonst werden wir ihm die Stellen unter seine Augen halten. Daß die Ursache des geringen Weinverbrauches in Frankreich die seit Napoleons Sturz um das Vierfache erhöhte Wein-Steuer ist, wird er eben so wenig läugnen, weil ganz Frankreich gegen ihn zeugen würde.

Man tadelt auch, daß wir sagten:

„Wenn wir dem Holländer „(Statt seiner Colonial-Waaren für unser Holz)“ unser Holz für seine schöne Leinwand, sein gutes Tuch, sein feines Papier u.s.w. geben; so sind wir Esel, die man prügeln soll, bis kein Haar mehr hinter den langen Ohren sizen bleibt u.s.w.“

In diesem u.s.w. hat es Hrn. N. beliebt, den Grund zu versteken, warum wir Esel sind, wenn wir dieses thun. Wir fügten nämlich diesen Grund bei:

„indem wir schöne Leinwand, gutes Tuch, feines Papier u.s.w. eben so gut bei uns verfertigen können, als der Holländer (und sogar noch leichter und besser, da Alles bei uns wohlfeiler ist), wenn wir anders so fleißig und so geschikt seyn wollen, wie er, und eben so gut wie er, d.h., nichts in das Land einführen lassen, was im Lande erzeugt werden kann.“

Und ist dieser Grund nicht an und für sich einleuchtend? Ist es unmöglich in Bayern so schöne Leinwand, so gutes Tuch, so feines Papier zu machen als in Holland? Sind wir so ungeschikt in Bayern? Ist es aber möglich in Bayern diese Producte zu erzeugen, so lange die Einfuhr derselben gegen den jezigen Zoll erlaubt ist? Man frage hier nicht die gelehrten Herren, die in wissenschaftlichen Discussionen gewandt sind; man frage die Fabrikanten, und wenn auch nur einer |479| derselben die Frage bejaht und die Möglichkeit der Lösung derselben durch gelungene Ausfuhr im Großen beurkundet; so wollen wir nicht bloß als obiger in Rüge stehender Esel, sondern als der größte Maulesel in der Christenheit da stehen.

„Aber abgesehen von dieser revoltirenden Sprache, die nur so vom Egoismus und dem Dünkel der gröbsten Rechthaberei geführt werden kann, ist auch auffallend, daß von S. 241–245 mehrere Artikel zu Gunsten des Prohibitiv-Systemes zusammengestellt werden, das, wie man sieht, als das ausgemacht Vortrefflichste hingestellt wird. Als einseitige Ansicht, Meinung?, bescheiden und gründlich verfochten, wer möchte das wehren?“

„Revoltirende Sprache!“ Wenn wir Hrn. N. mit Namen kennten, so würden wir ihn, in so fern er uns des Verbrechens des Hochverrathes, „einer revoltirenden“ d.h. auf Deutsch zum Aufruhre reizenden Sprache beschuldigt, vielleicht vor seiner Behörde belangen, wenn wir nicht dadurch getröstet wären, daß unser Journal in Oesterreich, Preußen, Rußland, wo man revoltirende Journale mit Recht nicht über die Gränze läßt, erlaubt und beliebt wäre. Vor den Tribunalen solcher Staaten von dem Verdachte des Aufruhres frei gesprochen, können wir mit Recht auf die Niederträchtigkeit herabsehen, deren Hr. N. sich hier gegen uns schuldig machte. Wir sezen mehr Exemplare in jenen Staaten ab, in welchen das Prohibitiv-System eingeführt ist, als in jenen, wo freie Einfuhr Statt hat, zum deutlichen Beweise, daß in jenen Staaten mehr Industrie Statt hat, als in diesen.

Was den Egoismus betrifft, den uns Hr. N. vorwirft, so bekennen wir offen, daß wir so viel von dieser Erbsünde der Menschheit an uns haben, als jeder Sohn Adams; jedoch nicht gar so viel als Kain, der seinen Egoismus nur in dem Tode seines Bruders befriedigen konnte. Auf ähnliche Weise befriedigen die Philanthropen durch den Todtschlag der Industrie in einzelnen kleinen Staaten ihren Philanthropismus zu Gunsten desjenigen Staates, dem sie angehören. Dieß ist ein gefährlicher Philanthropismus, ein verkehrter Patriotismus, der nur auf den Untergang anderer Staaten berechnet ist. Wir wollen nur, daß unser Vaterland nicht zu Grunde gehe; andere Länder mögen im Genusse der Früchte ihres Fleißes neben demselben sicher und ruhig bestehen.

Ist es „Dünkel der gröbsten Rechthaberei“ wenn man sagt, daß derjenige, der eben so viel ausgibt, als er einnimmt, am Ende keinen Heller übrig hat, und daß derjenige, der mehr ausgibt, als er einnimmt, am Ende vor Schulden zu Grunde geht? Ist dieß die „gröbste Rechthaberei?“ Oder ist es die feinste Rechthaberei, diese die gröbste zu nennen?

Daß das Prohibitiv-System das „ausgemacht Vortrefflichste“ ist, ist aus dem Lehrbuche aller Völker und aller Zeiten erwiesen; es ist nicht einseitige Ansicht,“ sondern die Ansicht des Janus, der rükwärts und vorwärts sieht. Hr. N. beliebe die Geschichte der Staaten von Venedig, Genua und Pisa während ihrer Blüthe, so wie die der alten deutschen Hansee-Städte zu lesen; die Geschichte Englands, Frankreichs, Oesterreichs, Preußens, Rußlands und N. Amerikas; und er wird finden, daß die Industrie in allen diesen Staaten sich erst von dem Augenblike an zu heben anfing, wo diese Staaten das Prohibitiv-System oder demselben gleich kommende Zollsäze einführten und kräftig handhabten. Alle Zeitungen sind jezt voll der traurigsten Schilderungen des Verfalles der englischen Industrie, seit Huskisson den groben Mißgriff beging, der Tausenden bereits nichts weniger als das Leben und Hundert-Tausenden ihren Wohlstand kostete. Daß Preußen das Huskisson'sche System in einigen seiner Blätter loben läßt, ist der Weisheit der Regierung dieses Landes, die, ohne alle Constitution, väterlich für das Wohl ihrer Unterthanen sorgt, werth und würdig. Preußen fühlt das hohe Bedürfniß einer Marine für seine Zukunft. Huskiffon ist im durch seine Fehler in Reform der alten Schiffer-Geseze Englands in die Arme gelaufen. Während die englische Kauffahrdei-Schifffahrt dadurch so tief sank, hebt sich die preußische mit Adlers-Flug. Das Prohibitiv-System ist keine „Meinung.“ England, Frankreich, Holland, Oesterreich, Rußland, Preußen haben keine Provinz Meinungen, wie Sachsen, dessen Schriftsteller aus dem natürlichen Grunde für freie Einfuhr seyn müssen, weil sie ohnedieß verhungern würden.

„Indessen fährt Hr. N. fort“ kann Schreiber dieses den Wunsch nicht bergen, daß irgend ein Sachkundiger die vorgebrachten Sophismen der Verfasser des |480| Textes, so wie der Anmerkungen in jenen Artikeln gründlich widerlegen und zeigen möchte, daß Handel ohne Freiheit kein oder ein schlechter Handel, mit freiem Handel aber kein Prohibitiv-System verträglich sey, – daß bei freiem Handel sich Alles von selbst ausgleiche und jede Industrie am besten befördert werde.“

Ein solcher Sach- (oder vielleicht besser Sak-) Kundiger wird sich in Sachsen für ein paar Thälerchen, in der Schweiz für ein paar Louisdors, und anderswo selbst für eine Privatdocentenstelle in irgend einem Fache der Kameralistik leicht finden lassen. Die Staatswirthschäftler unserer Zeit arbeiten (oder vielmehr laboriren) am freien Handel, wie die Diplomaten am ewigen Frieden, die Frommen an Einer Heerde und an Einem Schafstalle, die hohen Unsichtbaren an der Universal-Monarchie, und die Adepten und Alchymisten am Steine der Weisen. Ich gebe herzlich gern zu, daß dieß Alles gut wäre, wenn es wäre; aber, Schade nur, daß es sich hier um wenn und aber handelt; daß wir, in den freien und freiesten Republiken so gut wie in China, in jedem Hafen und an jedem zugängigen Orte eine Gränz-Mauth finden, wo die Zolltarife angenagelt sind. Wer diese verbannen will, wird erst die Welt erobern müssen, und bis dieß nicht geschehen ist, ist die Idee des freien Handels die Quadratur des Kreises in der Mathematik.

Das schwerste Stük Arbeit, das Hr. N. seinem Söldlinge zugedacht hat bei seinem Wunsche, dürfte wohl dieses seyn, zu beweisen, daß man ehe auf Handel, als auf Industrie Rüksicht nehmen, d.h. ehe erndten müsse als man gesägt hat, und ehe fliegen könne als die Flügel gewachsen sind. Da dieß kein Gimpel kann, so werden es auch die abgerichteten Papageie nicht können, die von Handel ohne Producte in den Tag hinein schwäzen. Oder ist auch diese nakte Wahrheit ein Sophism?

Dr. J. G. Dingler.

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