Titel: Notizen aus dem Leben des berühmten Chemikers, Drs. Wollaston.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. CXIV./Miszelle 32 (S. 489–490)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/mi033114_30

Notizen aus dem Leben des berühmten Chemikers, Drs. Wollaston.

Der hochwürdige Heinr. Sebbing liefert in seiner National Portrait Gallery of illustrious and eminent Personages, of the 19. Century eine kurze Biographie des jüngst verstorbenen berühmten Chemikers Dr. Wollaston, des Entdekers des Palladium und Iridium. Dr. Wollaston war während seiner Studien zu Cambridge der ausgezeichneteste junge Mann, und ließ sich, nachdem er den Doctors-Grad in der Medicin genommen hatte, zu Bury St. Edmund nieder, wo es ihm so schlecht in seiner Praxis ging, daß er den Ort verlassen mußte. Er ging nach London und bewarb sich dort um eine leer gewordene Stelle am St. George's Spital, die ihm nicht ertheilt wurde. Er gab nun die Medicin mit dem Schwure auf, auch seinem Vater nicht mehr ein Recept zu verschreiben, und verlegte sich mit solchem Glüke auf Chemie, daß er durch seine für Künste und Gewerbe so wichtig gewordenen Entdekungen bald ein sehr ansehnliches Vermögen sich erwarb. Er arbeitete immer im Kleinen, und ließ auch seinen vertrautesten Freund nicht in das Laboratorium. Sein großes Vermögen (er hinterließ, außer einem schönen Gute in Sussex, 50000 Pfd. Sterl. (600,000 fl.) erwarb er sich vorzüglich durch seine Entdekung, Platinna hämmerbar zu machen, und zu dem feinsten Drathe zu ziehen. Er verband Platinna |490| mit Silber, ließ daraus sehr seinen Drath ziehen, löste dann das Silber auf, und erhielt so Drath von einer Feinheit, daß man kaum mit freiem Auge denselben wahrnehmen konnte. Seine Arbeiten mit Platinna führten ihn auf die Entdekung der zwei neuen Metalle, des Palladium und des Iridium. Er verbesserte Drs. Hook Camera lucida, und verfertigte das bekannte Reflexions-Goniometer. Von seinen mikrochemischen Apparaten erwähnen wir bloß des sog. galvanischen Fingerhut-Apparates. Sein erhabener Geist verließ ihn selbst im hohen Alter auf seinem langen schmerzhaften Krankenlager nicht: als man glaubte, er wäre bereits verschieden, verlangte er noch Papier und Bleistift, berechnete etwas, und rechnete richtig. Bald darauf starb er wirklich am 22. Dec. 1828. Er verbat sich alles Leichengepränge.

Der hochwürdige Hr. Sebbing bedauert, daß Dr. Wollaston kein Gefühl für Religion hatte, und auf Geld sah. Desto schöner war es von Wollaston, daß er einem Manne, der sein Vorwort in Anspruch nahm, um einen Plaz im Staatsdienste zu erhalten, die Antwort schrieb: „Ich habe 60 Jahre lang gelebt, und nie einen Schreiber oder einen Minister auch nur um einen Gefallen gebeten; nach so vielen rein durchlebten Jahren kann ich mich nicht mehr dazu verführen lassen, selbst nicht für meinen Bruder. Wenn der Einschluß Ihnen in Ihrer gegenwärtigen Lage nüzen kann, so bitte ich Sie ihn anzunehmen, denn er ist ganz zu Ihren Diensten.“ Dieser Einschluß war ein Wechsel von 10000 Pfd. Sterl. (120000 fl.) Und diesen Mann nennt ein hochwürdiger Herr geizig! Dr. Wollaston kaufte, kurze Zeit vor seinem Tode, für 1000 Pfd. (12000 fl.) Staatspapiere, deren Interessen dazu bestimmt seyn sollen, arme Physiker und Chemiker, die kein Vermögen haben, bei ihren Versuchen zu unterstüzen, indem er sich noch gut erinnert, wie schwer es ihm ergangen ist. Und einen solchen Mann nennt ein hochwürdiger Biograph geizig! Vermutlich, weil er keine Leiche halten ließ, und Niemanden, als seine Blutsverwandten bei derselben gegenwärtig wissen wollte.

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