Titel: Zerstörung der berühmten Kühloch-Höhle in Franken.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. CXIV./Miszelle 36 (S. 491–493)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/mi033114_34

Zerstörung der berühmten Kühloch-Höhle in Franken.

Es scheint zu wenig, zumal in katholischen Ländern, wo das Lesen der Bibel von der Kirche verboten ist, bekannt zu seyn, daß Gott der Herr bei Erschaffung der Welt dem Menschen dringend befahl, Naturgeschichte, und vor Allem Zoologie zu studiren. „Denn als Gott der Herr gemacht hatte von der Erde allerlei. Thiere auf dem Felde, und allerlei Vögel unter dem Himmel; brachte er sie zu dem Menschen, daß er sähe, wie er sie nennete.“ 1. B. Mose. 2. Kap. 19.

Sehr richtig bemerkt Cuvier in seinen Éloges historiques (t. III. pag. 450.): „Dieses Benennen der Thiere, welches Gott dem Menschen befahl, ist nicht ein zufälliges Austheilen von Prädikaten für einzelne Individuen. Wenn die Namen zwekmäßig und bezeichnend seyn sollen, müssen, wie es in der Bibel heißt, die Thiere zu dem Menschen gebracht werden; d.h., er muß sie vergleichen, ihre Aehnlichkeiten und Unterschiede bemerken, muß sie klassifiziren können, und dieß kann er nicht, ohne sich mit denselben gehörig vertraut gemacht zu haben: mit einem Worte, was man gehörig benennen will, muß man vorerst gehörig kennen.“

Diejenigen, welche, wie es in einigen Staaten jezt geschieht, das Studium der Naturgeschichte nicht nur nicht fördern und unterstüzen, sondern dasselbe sogar absichtlich unterdrüken; die den Geist des Volkes nicht auch in dieser Hinsicht nach dem Willen Gottes lenken, versündigen sich sträflich nicht bloß gegen Gott, sondern auch an der Menschheit. Sie bringen am Ende sogar, wie es der gegenwärtig Fall beweiset, die physische Geschichte des Erdballes um ihre ältesten, um ihre heiligsten Urkunden.

Die Kühloch-Höhle war eines jener Adyta, in welchem die Natur ihre Urkunden seit Jahrtausenden aufbewahrte. Aus allen Gegenden des Erdballes wallfahrteten Naturforscher hin zu derselben, und kamen über ferne Meere. Dieses Heiligthum ist nun zerstört, wie folgender Brief des Lord Cole und Phil. de |492| Malpas Egerton, dd. 26. Jun. Schafhausen 1829, an Prof. Will. Buckland zu Oxford beurkundet, welcher im Philosophical Magazine and Journal, August 1829. S. 92. abgedrukt zu lesen ist.

„Mein lieber Freund.“

„Lord Cole und ich kommen so eben von einem drei Wochen langen Besuche, welchen wir bei den antediluvianischen Höhlen in Franken abstatteten, nach Schafhausen zurük. Da wir den Antheil kennen, welchen Sie an der Erhaltung dieser Höhlen nehmen224), so schreibe ich Ihnen die traurige Nachricht, daß alle Knochen in den Höhlen von Kühloch und Rabenstein gänzlich zerstört sind. Da S. M. der König von Bayern seine Absicht zu erkennen gab, Rabenstein zu besuchen, fand es der Besizer dieses Schlosses geeignet, diese Höhlen zum Empfange Sr. Majestät herzurichten. Zu diesem Ende ließ er den ganzen Boden derselben aufbrechen, die größeren Knochen und Steine zerstampfen, und feine Erde darüber streuen, um den Boden zu ebnen. Denken Sie Sich unseren Schreken, als wir zu Kühloch ankamen, und dreißig Menschen beschäftigt sahen, die thierische Erde aus dieser Höhle mit Karren herauszufahren, um den Eingang in dieselbe zu ebenen, aus dessen Lage Sie so meisterhaft das Phänomen erklärten, warum keine Gerölle und kein Diluvial-Lehm in dieser merkwürdigen Höhle vorkommen konnte. Es war kein Knochen mehr in derselben zu finden, als wir daselbst ankamen: indessen erhielten wir mittelst einiger Kunstgriffe noch ein paar schöne Bruchstüke eines Unterkiefers einer Hyäne, nebst einigen guten Bärenknochen, und einer Ulna, die noch während des Lebens des Thieres gebrochen worden seyn mußte: die scharfen Kanten des Bruches waren durch die einsaugenden Gefäße in einen ebenen Stumpf verwandelt. Wir verschafften uns auch noch von einem Arbeiter Zähne eines Fuchses, eines Tigers, und einen Bakenzahn aus dem rechten Unterkiefer eines Rhinoceros: alle diese Stüke wurden, wie man uns sagte, im Kühloch gefunden.

In der Höhle von Rabensten fand man nur wenig Knochen, aber viele alte Münzen und eiserne Instrumente. Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daß wir im Zahnloch noch den großen Steinblok fanden, den sie als zugeglättet von den Tazen der antediluvianischen Bären beschreiben; er war in der Seitenkammer, in welcher er sich in der Nähe des Einganges befindet, unter einem Erdhausen beinahe gänzlich verschüttet. Die Winkel und die Oberfläche dieses Blokes wurden sicher früher als sie ihren gegenwärtigen stalaktitischen Ueberzug erhielten, von irgend einer Ursache zugerundet. Ich habe diesen Ueberzug an mehreren Stellen weggebrochen, und fand den Stein unter demselben eben so, wie an jenen Stellen, die davon bedekt sind. Wir bringen Ihnen ein großes Stük davon mit, damit Sie Selbst urtheilen können. Wir haben in der Gailenreuther-Höhle sechs Tage lang gearbeitet, und hatten das Glük einen ganzen Unterkiefer der Felis spelaea zu finden, ein vollkommenes Beken des Ursus spelaeus und eine recht gute Sammlung von Hyänen-, Wolfs- und Fuchs-Zähnen, nebst Bären-Zähnen und Knochen im Ueberflusse. Wir fanden auch eine große Menge Bruchstüke alter Begräbniß-Urnen, die wir auch in der Zahnloch- und Scharzfelder-Höhle gefunden haben.

Zu Bonn erhielten wir von Hrn. Prof. Goldfuß das Schienbein eines Rehes aus der Sundwick-Höhle, gebrochen und mit den Spuren der Hyänen-Zähne versehen, genau wie an Ihrem Schienbeine eines Ochsen von Kirkdale. Wir bekamen auch einen angenagten Rhinoceros-Knochen aus derselben Gegend.

Ihr etc.

Philipp de Malpas Egerton.“

Deutschland hat also wieder durch den Unverstand der Schreiber, die auf den Universitäten nichts lernen, als Trinken, Hauen und Rabulistik-Treiben, eines seiner ausgezeichnetesten Denkmäler der Vorzeit für die Ewigkeit verloren. Dem Besizer wird Niemand einen Vorwurf hierüber machen; wir wissen, daß der katholische deutsche Adel von der Wiege bis zum Grabe, von einer gewissen Kaste |493| gegängelt wird, und weder die Bücher Mose's noch weniger irgend ein naturhistorisches Buch in seine Hände bekommt.

|492|

Dr. Buckland hat diese Höhlen im Philos. Magaz. 42. B. S. 112, und auch, zugleich mit Hrn. Chevreul's Analyse der thierischen Erde, in den Annals of Philosophy N. 5. 9. B. S. 284. beschrieben. Der Herausgeber des Phil. Mag.

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