Titel: Robiquet, Versuch einer Analyse der Lichenen, welche die Orseille liefern.
Autor: Robiquet,
Fundstelle: 1830, Band 36, Nr. XXXIII. (S. 153–169)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj036/ar036033

XXXIII. Versuch einer Analyse der Lichenen, welche die Orseille liefern. Von Hrn. Robiquet.

Aus den Annales de Chimie et de Physique. November 1829. S. 236.

Als ich die verschiedenen Schriftsteller über die Orseille nachschlug, um zu sehen, was wir denn eigentlich über dieselbe wissen, erstaunte ich über das Wenige, was uns bisher mit Zuverlässigkeit über diesen wichtigen Gegenstand bekannt geworden ist. Kaum daß man die eigentlichen Arten der Flechten kennt, die uns diesen Färbestoff liefern: die Fabrikation desselben liegt in der dunklen Nacht der Empirie begraben, und über die eigentliche Beschaffenheit dieses Färbestoffes sind wir noch in gänzlicher Unwissenheit. In dem Augenblike, wo ich bedauerte, daß dieser wichtige Gegenstand bisher noch nicht die Aufmerksamkeit irgend eines Chemikers auf sich gezogen hat,94) erhielt ich von einem meiner Collegen, von Hrn. Codère, Apotheker zu Prades, eine Kiste mit mehreren Pfunden jener Flechte, welche die Orseille-Fabrikanten zu Lyon jährlich auf den Felsen der Pyrenäen von Taglöhnern sammeln lassen, die sie aus dem Departement du Cantal eigens zu dieser Arbeit dahin abschiken. Hr. Codère betrachtet diese Flechte als diejenige, welche die schönste Orseille, die sogenannte |154| Land-Orseille (orseille de terre) liefert, und drang so freundlich in mich, dieselbe einer chemischen Analyse zu unterziehen, daß ich mich in der That an diese Arbeit wagen wollte; allein, meine schwache Gesundheit und meine Berufsgeschäfte würden mir dieß unmöglich gemacht haben, wenn nicht Hr. Chedehoux, ein junger Laureatus unserer pharmaceutischen Schule, mir alle mögliche Beihülfe bei dieser Arbeit angeboten hätte. Ich muß ihn um Erlaubniß bitten, ihm hier öffentlich meine Dankbarkeit bezeugen zu können.

Ehe ich zur Analyse selbst schreite, muß ich bemerken, daß mehrere und verschiedene Arten von Orseille im Handel vorkommen, und namentlich die sogenannte Insel-Orseille (Orseille des îles) und die sogenannte Land-Orseille (Orseille de terre).95) Erstere, die man jeder anderen vorzieht, und die auch die theuerste ist, kommt von den Canarischen Inseln, vom grünen Vorgebirge, auch von den Azoren, aus Madeira, aus Corsica, aus Sardinien.96) Berthollet erklärt diese Art für Lichen Roccella L., von welchem die neueren Botaniker mehrere Abarten „(und Arten)“ unterscheiden. Die zweite wird auf unseren Bergen in den Pyrenäen, in dem Deptt. d. Alpen, in der Auvergne, in der Lozere gesammelt. Man schreibt sie allgemein dem Lichen parellus L. zu, und unter dem Namen Parelle kennen sie alle Sammler und alle Fabrikanten. Indessen versichert Hr. Cocq, dem wir (in den Annales de Chimie T. LXXXI.) mehrere nüzliche Notizen über diesen Gegenstand verdanken- (und er stüzt sich hier auf keine geringere Auctorität, als auf die des berühmten Ramond, dessen Tod die Wissenschaften als einen neuen Verlust zu beklagen haben,97) daß nicht nur die Art, die eigentlich den ganzen |155| Haufen, der von Orseille in der Auvergne gesammelt wird, bildet, kein Lichen parellus und himmelweit davon verschieden ist. Es ist nämlich eine Variolaria, die die (französischen) Botaniker Variolaria orcina nennen, und von dieser unterscheiden sie wieder mehrere Abarten, die in der Auvergne unter dem Namen Varenne, pucelle, parelle maîtresse bekannt sind, je nachdem sie nämlich mehr glatt ist, und die Pusteln weniger hervorragen, wie es an derjenigen der Fall ist, die auf Granit wächst; je nachdem sie vor ihrer gänzlichen Entwikelung auf den Laven und zum ersten Male gesammelt wird; oder endlich erst dann gesammelt wird, wann sie ihren ganzen Wachsthum erreicht hat, also erst im fünften oder sechsten Jahre ihres Wachsthumes. An diese verschiedenen Abarten einer und derselben Art reihen sich, nach Hrn. Cocq, noch einige andere Arten, wie die Variolaria aspergilla, der Lichen corallinus u.a., so daß also die eingesammelte Orseille aus einer Menge ähnlicher Flechten besteht, deren Färbekraft man, im Einzelnen, nicht kennt, und von welchen man folglich nicht wissen kann, ob sie mehr nüzlich oder schädlich sind. Man sagt sogar, daß die Taglöhner, die diese Flechten |156| sammeln, absichtlich dieses Gemenge veranstalten, um desto mehr daran zu gewinnen; sie können sich diese Verfälschung mit desto größerer Sicherheit erlauben, als diejenigen, die sie zu dieser Arbeit dingten, selbst nicht wissen, welche Art von Flechten, die sie ihnen darbieten, wirklich die bessere ist. In der Hoffnung, über diesen wichtigen Zweig unserer Industrie98) einiges Licht zu verbreiten, entschloß ich mich die Arbeit zu unternehmen, über welche ich nun die Ehre haben will Bericht zu erstatten.

Wir haben gesehen, daß die Orseille, welche in der Auvergne gesammelt wird, größten Theils aus einer Variolaria besteht, und ich muß hier bemerken, daß die Flechte, welche Hr. Codère mir schikte, und die er für die beste bei der Fabrikation der Orseille hält, gleichfalls eine Variolaria ist: die Variolaria dealbata Dec., in dessen Flore française; der Lichen dealbatus des Acharius, wie mein College, Hr. Prof. Clarion, es erwiesen hat. Ich muß hier bemerken, daß derselbe auch nicht ein Fragment einer Patellaria darunter gefunden hat. Es ist also wahr, daß Hr. Codère diese Sammlung mit der größten Sorgfalt veranstalten ließ, und daß er alle nöthige Vorsicht traf, damit diese Flechte rein und unvermengt blieb, und nicht verfälscht wurde, wie sie es bei den Orseille-Fabrikanten gewöhnlich wird. Die Resultate, die ich hier aufstellen werde, beziehen sich also bloß auf Variolaria dealbata.99)

Nach einigen Versuchen, die es überflüssig wäre hier anzuführen, da sie eigentlich bloß ein Tappen im Finsteren waren, gelang ich auf folgende Weise zur Abscheidung der verschiedenen Bestandtheile dieser Flechte, deren Daseyn ich in derselben gefunden habe. Die Flechte wurde zuerst mehrere Male nach einander in concentrirtem Alkohol gekocht, und die Abkochung wurde siedend heiß filtrirt. Dadurch erhielt man eine weiße, krystallinische und etwas flokige Masse, die sich bei dem Erkalten zu Boden sezte, und die in den ersteren Abkochungen natürlich häufiger war, als in den übrigen. Nachdem die Flechte mit diesem Alkohol ausgekocht war, ließ man alle Abkochungen durch dasselbe Filtrum laufen, und erhielt auf diese Weise, als erstes Produkt, die oben erwähnten weißen Floken. Man mußte sie nothwendig mit etwas kaltem Alkohol begießen und auswaschen. Hierauf ließ man in einem Destillirapparate ungefähr die Hälfte aller dieser Abkochungen |157| verdampfen, und sammelte auf diese Weise nach dem Erkalten eine neue Quantität obiger weißer Floken, die man jedoch nicht mit den vorigen zusammenmengte, weil sie gereinigt werden mußten. Man destillirte auf eine ähnliche Weise zum zweiten Male, und, nachdem dadurch aller Alkohol und aller weiße Stoff abgeschieden ward, erhielt man, als Produkt der vollkommenen Verdampfung, ein geistiges Extrakt, das sehr deutlich nach frischem Alkohol roch.

Man behandelte nun dieses Extrakt mit kaltem Wasser, und wusch es so lang, bis es vollkommen ausgezogen war. Die beste Verfahrungsweise hierbei ist, das Extrakt in einem gewöhnlichen Mörser zu zerreiben, und das Wasser so lang zu erneuern, bis es geschmaklos abläuft. Die ersten Waschwasser sind gelbbraun und schmeken süßlich. Bei gelinder Wärme abgedampft gaben sie, als Produkt, eine braune Flüssigkeit von der Consistenz eines Syrupes von sehr süßem Geschmake, jedoch mit einem sehr deutlichen bitteren Nachgeschmake. Diese Flüssigkeit krystallisirt, mit der Zeit, in langen strahlenförmigen Nadeln ohne Festigkeit, so daß es sehr schwer ist sie aus den Mutterlaugen abzuscheiden. Es gelang mir nur dadurch, daß ich sie einem sehr starken Druke aussezte, und dadurch erhielt ich eine Art Moscovade, die, mit thierischer Kohle gereinigt, eine krystallinische Masse darbot, welche aus langen, gelblich weißen, undurchsichtigen Prismen bestand, die noch immer süß und stärker schmekt.

Das auf diese Weise von allen im Wasser auflösbaren Stoffen befreite geistige Extrakt wurde in der Folge im Wasserbade getroknet, und dann mit Aether behandelt, der davon stark grüngelb wurde. Man wusch es hierauf noch mehrmals mit kaltem Aether aus, und alle ätherischen Tincturen, die man auf diese Weise erhielt, wurden in eine gläserne Retorte zusammengeschüttet, und bei gelinder Wärme destillirt: die Destillation wurde erst unterbrochen, nachdem man 5/6 Aether übergezogen hatte. Der Rükstand bot, nach dem Erkalten, eine krystallinische Masse dar, die in eine klebrige Flüssigkeit gehüllt, stark grünlichbraun gefärbt war, und einen scharfen Geschmak nebst einem besonderen sehr deutlichen Geruch besaß. Man befreite die Krystalle von dieser Masse, indem man sie mit einer geringen Menge kalten Alkohols wusch, dann, mittelst der Wärme, wieder vollkommen in dieser Flüssigkeit auflöste, und erhielt so, nach mehreren wiederholten Krystallisationen und Reinigungen, aus diesem Rükstande der ätherischen Tincturen zwei verschiedene Produkte. Das eine derselben bestand aus langen weißen und steifen Nadeln, die in Alkohol und Aether sehr leicht auflösbar sind; das andere aus einer Art grünen Harzes, das diese Nadeln ursprünglich umhüllte, und einen sehr scharfen Geschmak besaß.

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Nachdem das geistige Extrakt nach und nach mit Wasser und Aether ausgezogen wurde, blieb nur eine teigartige, braune, gleichsam gekörnte Masse zurük, deren Eigenschaften wir später angeben werden.

Man kam nun wieder auf die Flechte zurük, die, mit Alkohol allein behandelt, bereits wenigstens fünf verschiedene, deutlich von einander unterschiedene, Produkte gegeben hat. Man kochte sie mehrere Male in destillirtem Wasser, nachdem man sich jedes Mal überzeugte, daß keine Spur von Sazmehl darin enthalten war. Alle diese Abkochungen wurden bis auf den gehörigen Punkt eingekocht, ohne daß eine Spur von Gallerte sich zeigte. Man prüfte sie nun auf Salzgehalt, und es fand sich, daß sauerkleesaures Ammonium allein eine deutliche Wirkung hervorbrachte. Diese Flüssigkeit enthält demnach ein Kalksalz, aber nur in geringer Menge. Durch Abdampfung gab sie ein gummiges Extrakt von fadem Geschmake, das so zu sagen nur negative Eigenschaften besaß, und folglich von keinem besonderen Interesse war. Wir glauben daher nicht länger bei demselben verweilen zu dürfen, und glauben daß es hinreicht, das bloße Daseyn desselben angedeutet zu haben.

Um die Bestandtheile der Flechte alle zu erhalten, theilte man das Produkt aus derselben durch die Behandlung mit Alkohol und mit Wasser in zwei Theile. Den ersten Theil macerirte man in Wasser, das mit Salpetersäure gesäuert wurde, den zweiten verbrannte man in einem Platinnatiegel, den man im Feuer bis zur Rothglühehize erhizte. Die Menge Asche, die man durch diese Einäscherung erhielt, war wirklich ungeheuer. Da diese Asche kein in Wasser auflösbares Salz enthalten konnte, so behandelte man dieselbe unmittelbar mit schwacher Salpetersäure, die einen Theil derselben auslöste.

Nach einer hinlänglich langen Zeit filtrirte man die saure Maceration, sättigte sie mit Ammonium, um die Kalksalze aus derselben abzuscheiden, und erhielt dadurch einen reichlichen Niederschlag, welcher calcinirt, sich in kaustischen Kalk verwandelte. Allem Anscheine nach war dieses Kalksalz also bloß sauerkleesaurer Kalk.

Aus dem bisher hier in Kürze Angeführten ergibt sich, daß die durch den Alkohol ausgezogenen Produkte die einzigen sind, die von uns von Interesse seyn können, indem nur in denselben der Färbestoff, der Hauptgegenstand unserer Untersuchungen, sich finden kann. Wir müssen also wieder zu jedem einzelnen dieser Produkte zurük, die uns Anfangs keinen besonders auffallenden Charakter in dieser Hinsicht darboten, und so zu sagen nach der Eliminations-Methode verfahren, um zu dem erwünschten Zweke zu gelangen.

Ich will diese Revision mit den lezten Produkten beginnen, und zuerst dasjenige betrachten, welches, nachdem es ursprünglich dem |159| geistigen Extrakte angehörte, in der Folge der Einwirkung des Wassers und des Aethers widerstand. Dieses Produkt ist braunroth, sehr schwach säuerlich, und gänzlich in Alkohol auflösbar. Der Wärme ausgesezt bläht er sich bedeutend auf und gibt einen sehr häufigen kohligen Rükstand. Die dabei sich entwikelnden Dämpfe riechen beinahe wie Tobakrauch. Es kommt eine gelbliche Flüssigkeit zum Vorscheine, die sich endlich in dem Halse des Destillirgefäßes anlegt. Mit Kupferoxyd verbrannt liefert dieser Stoff etwas Stikstoff. Säuren und Alkalien wirken, selbst concentrirt, nicht auf denselben, wenigstens nicht merklich.

Was das nächste Produkt betrifft, so konnte ich in der einen der beiden ätherischen Auflösung nur jenen grünen harzartigen Stoff wahrnehmen, der sich beinahe in allen Pflanzen findet, und den man Chlorophyll zu nennen beliebt. Er hat, wie dieser, die Eigenschaft, sich in Aether und Alkohol aufzulösen; hat, wie dieser, einen scharfen Geschmak, weicht aber doch, in anderer Hinsicht, davon ab. So wird er z.B. sehr leicht flüssig, wenn man ihn der Einwirkung der Wärme aussezt. Indessen darf man nicht vergessen, daß dieser angebliche unmittelbare Pflanzenstoff bei jeder Pflanze beinahe eben so sehr verschieden ist, als die Pflanzen selbst, und daß man ihn vielleicht nie zwei Mal nach einander vollkommen identisch erhielt. Uebrigens ergeht es diesem Pflanzenstoffe nicht allein so; es ist bei den Harzen, Gummiarten etc. um nichts besser.

Wir kommen nun auf den Grundstoff, der dieses lezte ätherische Produkt begleitet; dieser scheint mir in seiner Art einzig zu seyn. Er krystallisirt sich, wie wir sagten, in schönen weißen Nadeln. Er ist in Aether und in Alkohol sehr leicht auflösbar; er schmilzt bei einer sehr gelinden Wärme, und wird dann so durchscheinend, wie geschmolzenes Harz; durch Erkalten wird er aber wieder undurchsichtig, und bildet nur mehr eine blättrige kristallinische Masse. Wenn man ihn etwas starker erhizt, so fängt er schnell an zu sieden, und gibt, ohne scheinbare Zersezung, eine Art wesentlichen, farbelosen und sehr stark riechenden Oehles; hierauf verdichtet er sich im Halse der Retorte zu einer weißen krystallinischen Masse, die von derselben Art zu seyn scheint, wie er ursprünglich gewesen ist, und auf dem Boden des Gefäßes bleiben kaum einige Spuren eines kohligen Stoffes, wenn die Form des Gefäßes gehörig gewählt wurde; denn wenn die Retorte einen zu tiefen Bauch hat, so fallen die lezten Dämpfe, die sich leicht in dem oberen Theile verdichten, ohne Unterlaß zurük, und dieser Körper zersezt sich endlich durch wiederholte Einwirkung der Wärme. Diesem Nachtheile läßt sich leicht dadurch abhelfen, daß man eine sehr kleine Retorte nimmt, und dieselbe zugleich oben und unten erhizt.

Dieses Produkt, welches, seiner sonderbaren Eigenschaften wegen |160| besondere Aufmerksamkeit zu verdienen scheint, hat indessen, bei Einwirkung verschiedener Reagentien, nichts geäußert, was die Gegenwart irgend eines Färbestoffes zu verkünden scheint. Da es an und für sich weder sauer noch alkalisch ist, so bleibt es ungefärbt in Säuren, wie in Alkalien; der Luft ausgesezt bleibt es unverändert; es ist also weder ein Färbestoff noch ein Körper, der ein Färbestoff werden könnte.

Wir haben nun nur mehr zwei Produkte zu untersuchen übrig; das eine ist jene Art Zukers, welche wir durch Auswaschen mit Wasser aus dem geistigen Extrakte erhielten; das andere ist jener krystallinische weiße Stoff, der sich während des Erkaltens des Alkohols, mit welchem die Flechte gekocht wurde, niederschlug. Allein dieses leztere Produkt besizt wieder durchaus keine derjenigen Eigenschaften, wodurch Färbestoffe sich gewöhnlich auszeichnen. Es ist, z.B., nachdem man es von allen fremdartigen Stoffen gänzlich befreit hat, vollkommen weiß, unschmakhaft, an der Luft unveränderlich, in Wasser unauflösbar, und vollkommen neutral. Es verbindet sich ziemlich gut mit Alkalien, zumal durch Beihülfe der Wärme, wird aber durch dieselben nur sehr schwach grünlich gefärbt; in concentrirter Schwefelsäure nimmt es eine Bisterfarbe an, und wird nie vollkommen schwarz.

In der Hize verkohlt es sich ohne zu fließen, und wenn man behutsam dabei verfährt, so sieht man Anfangs einige weiße, glimmerartige Blättchen sich erheben, welche sich nach dem oberen Theile des Gefäßes sublimiren; bald darauf werden diese Blättchen von einem braunen empyreumatischen Oehle weggeschlämmt, das nicht lang darnach anfängt sich zu entwikeln. Während der ganzen Dauer dieser Operation entwikelt sich ein Geruch, als ob ein fettartiger Körper sich zersezte; indessen unterscheidet dieser Körper sich durch seinen Mangel an Schmelzbarkeit durch die geringe Fähigkeit, die er besizt, sich mit Alkalien zu verbinden, durch die Schwierigkeit, mit welcher er sich in Aether auflöst, hinlänglich von den übrig bekannten Fetten, und scheint sich desto mehr denjenigen Körpern zu nähern, die Hr. Bonastre Unterharz (Sous-resine) nennt. Es liegt übrigens wenig daran, ob dieser Körper ein fetter Körper oder ein Unterharz ist; das Einzige, was hier in diesem Falle von demselben erwiesen werden muß, ist, daß er kein Farbestoff ist, und es scheint uns, daß wir Beweise genug anführten, um jeden zu überzeugen, daß er kein solcher Stoff ist.

Der zukerartige Stoff bleibt also allein noch unsere Zuflucht, und er allein ist es, der fortan unsere ganze Aufmerksamkeit verdient.

Die Art der Krystallisation, und vorzüglich der deutliche, wenn auch etwas ekelhafte, Zukergeschmak dieses Stoffes ließ mich denselben |161| gleich Anfangs als eine Art Traubenzuker, als ein Mannit betrachten; als ich denselben aber näher untersuchte, sah ich gar bald meinen Irrthum ein: in der That bedurfte es nur der Einwirkung der Hize allein, um diesen Irrthum zu beseitigen. Die gewöhnlichen zukerhaltigen Stoffe werden flüssig, blähen sich auf, bräunen sich und verkohlen sich; bei diesem Stoffe hingegen hat nichts von Allem dem Statt; er wird bei einer sehr gelinden Wärme flüssig; die Flüssigkeit bleibt vollkommen durchscheinend; wenn man aber die Hize fort einwirken läßt, so fängt er an zu kochen und sich von aller Flüssigkeit zu befreien, wenn er eine solche bei sich führt; hierauf sieht man schwere Dämpfe aufsteigen, die sich in dem Halse des Destillirgefäßes anhalten, und sich daselbst zu einem festen, beinahe farbelosen und durchscheinenden, Körper verdichten, welcher, nach einigen Stunden, gegen die Mündung des Halses hin anfängt sich zu krystallisiren, und endlich mit der Zeit nur eine krystallinische, undurchsichtige oder durchscheinende, Masse bildet, welche an ihrem Umfange wie mit einem Firnisse überzogen ist. Dieser Theil, der auf diese Weise verflüchtigt wurde, scheint keine Veränderung erlitten zu haben; denn er besizt noch alle seine ursprünglichen Eigenheiten.

Wenn man diese Parallele noch weiter verfolgt, so bemerkt man noch andere eben so schneidende Unterschiede; so wird z.B. dieser Stoff aus seiner wässerigen Auflösung durch basisch essigsaures Blei vollkommen niedergeschlagen, während bei den gewöhnlichen zukerstoffhaltenden Körpern das Entgegengesezte Statt hat. Concentrirte Salpetersäure färbt diesen Stoff Anfangs blutroth, wie es bei vielen anderen organischen Körpern der Fall ist; allein diese Farbe verschwindet nach und nach in Folge der Einwirkung und Gegenwirkung, und, obschon sich viel salpetrigsaures Gas entwikelt, erhält man doch nie durch Abdampfung Krystalle von Sauerkleesäure.

Es wäre allerdings gut gewesen, wenn man, um die Vergleichung ganz durchzuführen, versucht hätte, diesen zukerartigen Stoff gähren zu lassen; allein, die zu geringe Menge, die ich von demselben besaß, erlaubte mir nicht diesen Versuch zu unternehmen. Uebrigens wird man wahrscheinlich auch eingestehen, daß dieser Versuch eben nicht unumgänglich nothwendig war, und daß die bereits angegebenen Unterschiede mehr als hinreichend sind, um eine feststehende Ansicht über diesen Gegenstand zu gewähren.

Wir wollen also annehmen, daß dieser zukerartige Stoff ein Körper eigener Art ist, und er wird dadurch unsere Aufmerksamkeit nur desto mehr verdienen; wir werden ihn desto sorgfältiger untersuchen, je mehr wir Wahrscheinlichkeiten zu seinen Gunsten finden werden.

Wir haben bereits bemerkt, daß dieser Stoff, der Einwirkung |162| der Wärme ausgesezt, sich verflüchtigt, ohne sich zu zersezen, und man weiß, daß in der geringen Anzahl organischer Färbestoffe, die man bisher in reinem Zustande erhielt, beinahe alle diese Eigenschaft besizen. Man weiß, daß keiner derselben weder sauer noch alkalisch ist, und auch der gegenwärtige ist vollkommen neutral. Hier wären also bereits einige feststehende Aehnlichkeitspunkte: allein der wesentlichste hat sich noch nicht gezeigt; nämlich der, daß durch irgend eine Modification Farbe entwikelt wird; eine Farbe, die sich den Geweben mittheilen läßt. Hiervon weit entfernt, scheint dieser Körper unwandelbar durch Zutritt der atmosphärischen Luft, selbst durch Zutritt des reinen Sauerstoffes: es entsteht keine Färbung, keine Einsaugung. Unter den verschiedenen Reagentien, deren Einfluß man ihn aussezte, waren die Alkalien die einzigen, die zu dem erwünschten Zweke zu führen schienen. Diese Beobachtung bot große Hoffnungen dar, indem, wie die ganze Welt weiß, fauler Harn oder Ammonium in den Orseillefabriken mit der Zeit den Farbestoff aus den Flechten entwikelt. Indessen, wenn man einige Tropfen Alkali, besonders Ammonium, in die wässerige Auflösung dieses zukerartigen Stoffes gießt, so sieht man nach und nach eine fahle Farbe sich in der Flüssigkeit entwikeln, und mit der Zeit wird diese Farbe immer starker und stärker. Wenn man sie zwei oder drei Tage lang der Luft ausgesezt stehen läßt, wird sie dunkelbraun, aber durchaus nicht jener lebhaften und reichen dunkel violetten (Pensee) Farbe ähnlich, die die Orseille liefert. Dieses Resultat bleibt immerdar dasselbe, man mag das Verhältniß des Alkali wie immer abwechseln, und die Auflösung auch noch so lang an der Luft stehen lassen. Ich mußte also annehmen, daß entweder dieser Färbestoff von demjenigen, welchen ich suchte, verschieden war, oder daß die beobachteten Resultate nur von dem Reste eines Färbestoffes entstanden, der bereits verändert worden ist. Diese lezte Idee nöthigte mich zu allen jenen Reinigungsmitteln Zuflucht zu nehmen, durch welche ich glaubte eine vollkommene Elimination des Färbestoffes erhalten zu können. Ich schüttelte also eine concentrirte Auflösung des zukerartigen Stoffes sehr lang mit fein gepülverter, auf dem Reibsteine abgeriebener Bleiglätte. Ich filtrirte und verdampfte diese Auflösung, nachdem ich geschwefelten Wasserstoff durch dieselbe durchziehen ließ, und erhielt als Resultat dieser Reinigung vierseitige flache Prismen, deren zwei gegenüberstehende Seiten größer waren, als die anderen, und schief abgestuzt. Diese Krystalle, die ich für reiner halten mußte, als den ursprünglich angewendeten Stoff, wurden auf die vorige Weise behandelt, und gaben vollkommen dieselben Resultate, wie die oben angeführten gewesen sind. Ich blieb also überzeugt, daß der zukerartige Stoff wirklich an und |163| für sich ein Färbestoff war; da ich aber aus demselben nicht die schöne Karmesinfarbe erhalten konnte, die ich suchte, so besorgte ich, daß dieselbe vielleicht von der thierischen Kohle verschlungen worden seyn könnte, deren ich mich gleich Anfangs zur Reinigung des zukerartigen Stoffes und zur Erleichterung der Krystallisation bediente. Ich nahm also diese Kohle wieder vor, und, nachdem ich sie in reinem kalten Nasser gut gewaschen hatte, behandelte ich sie dann warm mit einem etwas alkalisirten Wasser. Allein ich erhielt auch auf diese Weise nur eine matte rothbraune Farbe, derjenigen ähnlich, welche ich unmittelbar durch Behandlung des zukerartigen Stoffes mit Ammonium erhielt. Da ich nun auf diesen lezteren Stoff wieder zurükkommen mußte, und überzeugt war, daß der Zutritt der atmosphärischen Luft und die Einwirkung des Ammoniums unerläßlich sind, wenn die gesuchte Farbe sich entwikeln soll, so stellte ich nun Versuche hierüber an, und gelangte endlich, nach einer langen Reihe vergeblicher Bemühungen, zu dem glüklichsten Resultate, indem ich den zukerartigen trokenen Stoff alsogleich den Dämpfen des flüchtigen Ammoniums aussezte, und dann das überschüssige Ammonium nach und nach durch bloßes Aussezen an die atmosphärische Luft entweichen ließ. Statt also einer wässerigen Auflösung des zukerartigen Stoffes flüchtiges Alkali zuzusezen, goß ich etwas flüssiges Ammonium in ein Stängelglas, und stellte auf dieses Glas eine kleine Kapsel mit solchem zukerartigen Stoffe, und stürzte über Glas und Kapsel eine gläserne Gloke. Der zukerartige Stoff ward Anfangs braun, und immer dunkler und dunkler. Des anderen Tages war er sehr gesättigt rothbraun. Man nahm ihn unter der Gloke hervor. Wenn man ihn dann unmittelbar im Wasser auflöste, erhielt man noch immer die rothbraune Farbe. Wenn man ihn aber einige Zeit über troken der atmosphärischen Luft aussezte, erhielt er eine dunkel violette Farbe, und wenn man ihn dann in Wasser auflöste, so entwikelte er in demselben die schönste roth violette Farbe, die man sehen kann, zumal wenn man einige Tropfen Alkali zusezte.

Ich habe diesen Färbestoff noch nicht genug studirt, um alle verschiedenen Veränderungen, die er durch dieses oder jenes Reagens erleidet, zu kennen; es hat mir jedoch geschienen, daß, wenn das Ammonium zu schnell und zu heftig wirkt, die Farbe in das Rothbraune übergeht; daß das Johannisbeerenroth (rouge-groseille) von einem geringeren Grade, das Violettroth (rouge-violet) von einem noch schwächeren Grade abhängt. Ich glaubte noch überdieß zu bemerken, daß, im ersteren Falle, der Zukergeschmak gänzlich zerstört ist, im lezteren aber noch etwas davon übrig bleibt, d.h., ein Theil des zukerartigen Stoffes unversehrt blieb. Es ist übrigens ausgemacht, daß die |164| Luft bei allen diesen Veränderungen eine große Rolle spielt. So habe ich mich z.B. wiederholter Malen überzeugt, daß, ohne Beihülfe der Luft, der zukerartige Stoff, so wie die Flechte selbst, keine Färbung durch Ammonium erleidet. Es ist ferner eine alte, schon von Abbe Nollet gemachte und von Berthollet wiederholte, Bemerkung, daß Orseille-Tinctur in luftleerem Raume sich entfärbt.

Ich habe auch gesehen, daß geschwefeltes Wasserstoffgas dieselbe Wirkung hervorbringt; ich habe aber zugleich auch wahrgenommen, daß dieses sonderbare Phänomen nicht die Folge einer entsäurenden (desoxygenirenden) Wirkung des geschwefelten Wasserstoffgases ist, sondern eine bloße, einfache Verbindung dieser Säure mit dem Färbestoffe, indem man bloß Alkali bis zur Sättigung derselben zusezen darf, um die ursprüngliche Farbe wieder herzustellen. Hr. Chevreul hat schon früher dieselbe Beobachtung an dem Färbestoffe des Fernambukholzes, des Campescheholzes, des Tournesols gemacht (vergl. Annales de Chimie, T. LXVI. p. 240.); lezterer ist wahrscheinlich derselbe Färbestoff, mit jenem der Orseille, indem er gleichfalls aus einer Flechte bereitet wird.100)

Während der Zeit, als ich mich mit diesen Untersuchungen beschäftigte, und ehe ich noch wußte, was dieser Färbestoff war, versuchte ich denselben unmittelbar aus einer Ammonium-Tinctur abzuscheiden, welche mit dieser Variolaria bereitet wurde, damit ich dieses Produkt mit den übrigen erhaltenen Produkten vergleichen könnte. Das erste Mittel, welches sich hierzu auf eine natürliche Weise darbot, war die Sättigung dieser Tinctur mit einer schwachen Säure. Wirklich bildete sich ein ziemlich bedeutender Niederschlag, und die Flüssigkeit wurde sehr merklich, jedoch unvollkommen entfärbt. Dieser Niederschlag, auf einem Filtrum gesammelt und gut ausgewaschen, löst sich neuerdings in Alkali auf, und entwikelt in der Auflösung eine reiche Farbe. Wenn er aber der Einwirkung der Hize ausgesezt wird, so verkohlt sich der Färbestoff schnell, und verbreitet einen widerlichen Geruch. Da keines der anderen Produkte diese Eigenschaften besaß, so blieb ich überzeugt, daß ich den wahren Farbestoff noch nicht gefunden habe; als ich später einsah, daß der zukerartige Stoff die Basis desselben bildet, wiederholte ich denselben Versuch mit demselben Stoffe, nachdem derselbe in Färbestoff verwandelt war, und sah wirklich, daß er durch einige zugesezte Tropfen |165| Essigsäure großen Theils aus seiner wässerigen Auflösung niedergeschlagen wurde, und daß dieser Niederschlag keinen Zukergeschmak mehr besaß.

Man wird leicht einsehen, daß gegenwärtige Arbeit nur als ein erster, noch sehr unvollkommener Versuch zu betrachten ist; man wird aber auch ohne Zweifel finden, daß, ungeachtet noch sehr viel hier zu thun ist, ich bereits eine ziemlich große Menge von Thatsachen gesammelt habe, die, zusammengenommen, einiges Interesse darbieten. Wenn ich mich nicht täusche, so verdiente dieser sonderbare Färbestoff schon für sich allein unsere Aufmerksamkeit zu beschäftigen. Ich kenne kein Analogon desselben; es läßt sich vermuthen, daß der Zukergeschmak desselben mehr denn einen Mißgriff veranlaßt haben kann. Man hat bereits mehr denn ein Mal die Gegenwart eines zukerartigen Stoffes in den Flechten dargethan, und es ist sehr wahrscheinlich, daß einige derselben einen ähnlichen Farbestoff, wie diese Flechte, enthalten. Es sind neue Versuche nothwendig, wenn wir uns über diesen Gegenstand die gehörige Aufklärung verschaffen wollen;101) indessen müssen wir, um die Gegenwart desselben in den Flechten, welche die Orseille liefern, zu beurkunden, ihn mit einem Namen bezeichnen, welcher seinen Ursprung andeutet. Ich würde den Namen Orcine vorschlagen; es wäre vielleicht natürlicher gewesen, denselben Variolarine zu nennen, weil ich ihn in einer Variolaria fand; allein, abgesehen, daß dieser Name zu lang ist, gewährt er auch nicht den Vortheil so bestimmt, wie der Name Orcine, an den wichtigsten und bekanntesten Färbestoff der Flechten, an die Orseille, zu erinnern. Ueberdieß ist Variolaria dealbata Dec. nichts anderes, als Lichen Orcina, und wir können diese Synonyme benüzen.102)

Ein anderes Produkt, welches gleichfalls mit einem besonderen Namen bezeichnet zu werden verdient, ist jener weiße krystallinische |166| Stoff, den. man aus dem geistigen Extrakte mittelst des Aethers erhält. Dieser Stoff besizt mehrere Eigenschaften, welche ihn von jedem anderen bekannten Stoffe unterscheiden. So bietet er, z.B., außer seiner großen Auflösbarkeit im Alkohol und Aether, eine merkwürdige Eigenschaft an einem trokenen und krystallinischen Stoffe dar, nämlich diese, durch Destillation eine Art wesentlichen Oehles zu liefern, und sich gänzlich zu verflüchtigen. Da dieser Stoff noch überdieß vollkommen neutral ist, so schlage ich den Namen Variolarin für dieselbe vor. Hier hat die Lange des Namens nichts zu bedeuten, weil es sich um einen Stoff handelt, der weniger nüzlich und weniger gesucht ist, als die Orcine.

Wir wollen nun noch sehen, ob diese ersten Resultate, so unvollkommen sie auch sind, irgend eine nüzliche Anwendung in der Fabrikation der Orseille erlauben: dieß wollen wir nun noch in Folgendem untersuchen.

Wir haben oben bereits gesagt, daß die Fabrikation der Orseille, wenigstens nach demjenigen zu urtheilen, was über dieselbe bisher bekannt gemacht wurde, dem Schlendrian, der Empirie überlassen ist. Das Verfahren, welches beinahe allgemein bei derselben befolgt wird, ist noch immer dasjenige, welches Hr. Cocq beschrieben hat. Man muß indessen gestehen, daß, seit einigen Jahren, mehrere Fabrikanten den guten Rath benüzt zu haben scheinen, welchen dieser treffliche Beobachter in seiner lehrreichen Abhandlung ihnen ertheilt hat, und namentlich den Rath, Ammonium Statt des Harnes zu brauchen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die HHrn. J. M. Bourger zu Lyon und Huilard zu Paris die Verbesserung ihrer Fabrikate dieser Anwendung des Ammoniums verdanken.

Es ist nach demjenigen, was wir über die Natur und über die Eigenschaften der Orcine gesagt haben, offenbar, daß es sich nicht bloß um Beseitigung der fettigen und harzigen Stoffe handelt, die die Oberfläche der Flechte, wie ein Firniß überziehen und dieselbe beinahe undurchdringlich machen, wenn man den Farbestoff der Flechten entwikeln will, sondern auch um die Einwirkung des Alkalis und sodann der Luft. Wie verfährt man nun aber bei der alten herkömmlichen Methode? Man mengt vorläufig, sagt Hr. Cocq, die Flechten mit dem Harne; man rührt die Mischung von drei Stunden zu drei Stunden unter einander, und schließt in der Zwischenzeit die Kufen sorgfältig zu. Nachdem man drei Tage lang Harn und Flechte auf einander ein- und gegenwirken ließ, sezt man, mit der Vorsicht, die diese Körper fordern, Kalk, Arsenikoxyd und Alaun zu, und fängt dann wieder an umzurühren, jedoch in kürzeren Zwischenräumen, und, wenn die Temperatur der Jahreszeit eine lebhafte Ein- und Gegenwirkung |167| veranläßt, muß man beinahe alle Viertelstunden umrühren, um eine Art von Rinde zu durchbrechen, die sich an der Oberfläche bildet, die ganze Masse einhüllt, und die, wenn sie sich verdichtete, das Fortschreiten der Arbeit erschweren würde.

Nach demjenigen zu urtheilen, was wir jezt über diesen Gegenstand wissen, ist es wahrscheinlich, daß einige unter den bei diesem alten Verfahren angewendeten Mitteln geradezu schädlich sind, und daß der Nuzen der übrigen nur höchst mittelbar ist. Es ist z.B. offenbar, daß der Kalk nur zur Entwikelung des Ammoniums dient, und da man nothwendig eine große Menge überschüssigen Kalkes nehmen muß, so kann dieser Ueberschuß leicht schädlich werden. Auf der anderen Seite wird der Alaun durch das Alkali des Harnes zersezt, und läßt die Thonerde fahren: die Kalkerde und die Thonerde vermehrt dann nicht bloß das Gewicht der Orseille zum Nachtheile des Käufers, sondern verschlingt auch einen großen Theil des kostbaren Färbestoffes, der darin gänzlich verloren geht. Alle diese Nachtheile verschwinden, wenn man Ammonium Statt des Harnes anwendet, wodurch vielleicht der Kalk ganz entbehrlich wird, und wahrscheinlich auch der Alaun und der Arsenik. Diese beiden lezten scheinen uns bloß dazu bestimmt, die Nachtheile zu beseitigen, die der Harn hervorbringt. Diese Auswurfsflüssigkeit enthält, wie man weiß, stikstoffhaltige, der Fäulniß fähige Stoffe, die die ganze organische vegetabilische Masse schnell in ihrer Zersezung mit sich fortreißen würden, wenn man nicht ein Mittel dagegen aufstellte; die Rolle dieses Mittels spielt, nach unserem Dafürhalten, der Arsenik und ein Theil des Alaunes. Und selbst diese Körper schüzen nicht immer genug gegen Fäulniß; denn man ist öfters gezwungen, wo man derselben vorbeugen oder wo man sie aufhalten will, der bereiteten Orseille etwas rothes Queksilberoxyd zuzusezen, welches, wie man weiß, noch in einem weit höheren Grade fäulnißwidrige Eigenschaften besizt.

Kann aber das Ammonium allein alle diese Beimischungen zur Orseille ersezen? Ich bin nicht im Stande dieß behaupten zu können; ich bin aber beinahe davon überzeugt, und meine Gründe dafür sind folgende. Ich ließ eine gewisse Menge dieser Flechte in verdünntem Ammonium weichen, und erhielt, nachdem sie mehrere Tage lang eingeweicht war, eine Tinctur, die sehr schön karmesinroth war. Ich muß indessen gestehen, daß die Flechte nicht so schön karmesinroth ward, als ich dieselbe befeuchtet den Dämpfen des flüchtigen Alkali aussezte; ich erhielt auf diese leztere Weise, so wie es bei dem zukerartigen Stoffe der Fall war, nur ein Rothbraun, und ich konnte auch durch sorgfältiges Troknen diese Farbe nicht verändern. Indessen bin ich überzeugt, daß der schlechte Erfolg, den ich hatte, einzig und allein |168| von einem Fehler in der Behandlung abhängt, und ich bin um so mehr geneigt, dieß zu glauben, als ich mit Sicherheit weiß, daß diejenigen, welche ihre Orseille mit Ammonium bereiten, gleichfalls in ihrer Arbeit nicht immer gleichen Erfolg erhalten. Ich weiß auch, daß sie diesen Wechsel der ungleichen Beschaffenheit des Ammoniums zuschreiben; es ist aber noch weit wahrscheinlicher, daß diese Unfälle von Umständen abhängen, die sie nicht gehörig zu würdigen wissen. Um nur ein einziges Beispiel hiervon anzugeben, will ich hier bemerken, daß, während ich ein Mal aus einer Flechte, die ich in alkalisirtem Wasser macerirte, eine Tinctur von sehr reicher karmesinrother Farbe erhielt, ich, bei demselben Versuche, mit denselben Materialien und zu derselben Zeit, nur eine dunkelbraunrothe Flüssigkeit bekam, ohne daß ich, im Stande war, die Ursache dieses Unterschiedes aufzufinden. Ich bemerkte bloß, daß das Gefäß, welches die lezte Flüssigkeit enthielt, besser gestöpselt war, und daß mehr Flüssigkeit die Flechte bedekte. Es ist übrigens gewiß, wie ich bereits bemerkte, daß die Luft eine große Rolle bei der Orseillebereitung spielt, und daß, ohne dieselbe, die Orcine gar keine Farbe erhält. Man ist also, auf der einen Seite, gezwungen, dieselbe in geschlossenen Gefäßen zu behandeln, indem sonst das Ammonium sich verstüchtigen und nicht auf die Flechte wirken würde; auf der anderen Seite ist es unerläßlich, von Zeit zu Zeit der Luft Zutritt zu verschaffen, damit sie auf den durch das Alkali bereits modificirten Farbestoff wirken kann; wahrscheinlich muß hier zwischen diesen auf einander folgenden Einflüssen ein gehöriges Verhältniß beobachtet werden, in welchem der ganze sogenannte schwierige Punkt, der sogenannte Handgriff des Fabrikanten gelegen ist.

Was uns berechtigt anzunehmen, daß das, was man heute zu Tage gereinigte Land-Orseille, oder violette Orseille nennt, (Orseille de terre épurée, orseille violette), welche troken und in Pulverform verkauft wird (und die in der Färberei eben dasjenige leistet, was die Orseille aus den canarischen Inseln), nur mit Beihülfe des Ammoniums allein bereitet wird, ist dieses, daß sie durchaus kein zerfließendes Salz enthält, wie dieß nothwendig jedes Mal der Fall seyn muß, wo man Harn und Kalk anwendet, und daß sie keinen der Fäulniß fähigen Stoff zu enthalten scheint, indem sie sich unverändert und ohne üblen Geruch aufbewahren läßt.

Es scheint mir also, daß, wenn man den Färbestoff aus den Orseilleflechten auf eine schikliche Weise ausziehen, d.h. aus den fettigen und harzigen Stoffen, in welchen er begraben liegt, so zu sagen zu Tage fördern will, die gleichzeitige Beihülfe des Wassers, der Luft und des Ammoniums nothwendig ist. Lezteres dient nicht bloß zur Färbung |169| der Orcine, sondern bildet auch mit dem Ueberzuge, der die Flechte umkleidet und sie undurchdringlich macht, noch eine Art Seife. Es hat, bei dieser Arbeit, nach meiner Ansicht, keine Gährung Statt, wie man behauptet hat: alles beschränkt sich bloß auf Ein- und Gegenwirkung der oben angezeigten Reagentien, welche Ein- und Gegenwirkung natürlich dort schneller und stärker sich zeigt, wo die Temperatur der Atmosphäre mehr erhöht ist.

|153|

Wenn die französischen Chemiker unseres unsterblichen Beckmann Beiträge zur Geschichte der Erfindungen kennten, oder wenn die französische Litteratur nur ein so fleißig gearbeitetes Werk, wie Böhmer's techn. Gesch. d. Pflanzen besäße; so würde die Orseille ihrer Aufmerksamkeit nicht so lang entgangen seyn.

A. d. Ue.

|154|

Man nennt diese Land-Orseille im Deutschen sehr ungeschikt Erd-Orseille, indem kein Stäubchen Erde mehr bei derselben ist, als bei der Insel-Orseille. Orseille de terre wird in der französischen Sprache nur im Gegensaze von Orseille des îles gebraucht; terre heißt hier festes Land im Gegensaze der Insel. Man übersezt Orseille de terre eben so schlecht mit Erd-Orseille, als man Terra firma schlecht mit fester Erde übersezen würde.

A. d. Ue.

|154|

Man führte aus Teneriffa allein 25 Tonnen Orseille jährlich aus, und die Tonne galt im. J. 1726 zu London 80 Pfd. Sterl. Auch in den Inseln des Archipels wurde, wenigstens noch zu Tournefort's Zeiten, viel Orseille gesammelt, und um denselben Preis, wie die canarische, verkauft. Nach Imperati würde man dieselbe wohl auch in Dalmatien sammeln können. Wenn sie dort vorkommt, so wird der Aufschwung, den der berühmte Botaniker, Generalmajor v. Welden, als Befehlshaber der k. k. österr. Truppen in Dalmatien, der Botanik in dieser europäischen Terra incognita gegeben hat, gewiß dazu beitragen, die Dalmatiner auf einen Schaz aufmerksam zu machen.

A. d. Ue.

|154|

Der Uebersezer befand sich gerade zu der Zeit zu Clermont, Dptt de Puy de Dôme, als Baron Ramond, der damals Präfect dieses Departements war, sich mit der Untersuchung dieser Flechten beschäftigte. Der sel. Freiherr theilte ihm dieselben Bemerkungen mit, die Hr. Robiquet oben anführt, |155| und Prof. Decandolle hat dieselben auch in seiner Flore française benüzt. Wohl werden die Wissenschaften und wird Frankreich den Verlust Ramond's noch lang zu beklagen haben: es wird sobald nicht wieder einen Präfecten bekommen, wie Ramond war, der, bloß mit 2 Municipalräthen, einem Unterpräfecte und einem Secretäre nebst 2 Schreibern, die Verwaltung eines Departements von mehr denn 200,000 Menschen so gewissenhaft besorgte, daß er nie von seinem Arbeitstische aufstand, ohne alle seine täglichen Amtsgeschäfte besorgt, und aus seinem grünen Arbeitstische, wie er sagte, table nette gemacht zu haben. 200,000 Auvergnacs, unter welchen vor seiner Ankunft Morde kein seltenes Verbrechen waren, liebten Ramond, ihren Präfecten, wie ihren Vater. Er ist unser Vater! hörte ich viele Bauern in der Auvergne ausrufen, wenn ich sie fragte, wie sie mit ihrem Präfecten zufrieden sind. Und während er der Vater seiner Bauern und Bürger war, sagte der große Kaiser von ihm: Ramond ist mein bester Präfect: er machte ihn auch zum Baron und zum Commandeur der Ehrenlegion. Es verdient bemerkt zu werden, daß Ramond von allem juristischen Schnikschnak und Kanzelleischnörkeln so wenig mußte, als sein Stiefel. Die Revolution warf ihn aus dem Elsaß, wo er geboren war, an den Fuß der Pyrenäen, und machte ihn hier zum Schulmeister in einer Centralschule. Hier lebte er ganz für den Unterricht der Jugend, für Naturgeschichte, vorzüglich für Botanik und Mineralogie, und für die höhere Mathematik, bis ihn sein Schiksal mit den Männern der damaligen Verwaltung Frankreichs, wo Verdienste geschäzt und belohnt wurden, in Berührung brachte. Sein Werk über Höhenmessungen mit dem Barometer, zufällig an demselben Orte (Clermont) und an demselben Berge (Puy de Dôme) vollendet, wo ein Jahrhundert früher Pascal die ersten Versuche anstellte, Berghöhen mittelst des Barometers zu messen, wird immer eines der besten über diesen Gegenstand bleiben, so wie sein Voyage au mont-perdu. eine der besten Reisebeschreibungen. Wenn der grüne Tisch von Amtspapieren leer war, ging er in sein Studierzimmer, und arbeitete dort als Naturhistoriker, als Mathematiker, als schöner Schriftsteller eben so rastlos, wie kurz vorher noch als Staatsbeamter. Seine Frau und sein Kind waren ihm gewöhnlich zur Seite: er war ein sehr guter Hausvater, der für die physische Erziehung seiner Kinder trefflich sorgte. Der Uebersezer sah den ersten Sohn des guten Ramond seinem Vater in die Arme laufen, als er noch nicht 3/4 Jahr alt war.

A. d. Ue.

|156|

Frankreich theilt aber diese Industrie mit England, mit Holland, mit Italien, und wird sie auch bald mit Oesterreich und Rußland theilen müssen.

A. d. Ue.

|156|

Die französischen Flechten erscheinen jezt in einem eigenen, von Hrn. Delise zu Vire besorgten Herbar. viv. unter dem Titel: Lichens de France. 1828. Vire. Eine Lieferung von 25 Exempl. kostet 8 Franken.

A. d. Ue.

|164|

Dieß ist nicht ganz richtig. Der holländische Tournesol wird, nach Ferber, allerdings aus der Orseille des îles bereitet. Allein Tournefort, der die Orseille in Griechenland so genau studirte, führt in seinen Instit. rei herbar, so wie Nissole zu Montpellier in Act. paris 1712 p. 337 t. 171 den Lackmuß-Kroton (Croton tinctoria L.) als die Pflanze auf, aus welcher der französische Tournesol bereitet wird; er nennt diese um Montpellier wildwachsende Pflanze deutlich und bestimmt: Ricinoides, ex qua paratur Tournesol Gallorum.

A. d. Ue.

|165|

Malo academiam ruminantem, sagte Bacon, quam quae nova detegat. Es wissen vielleicht wenige unserer Leser mehr, daß die Akademie zu Lyon vor bald fünfzig Jahren eine Preisaufgabe über den Nuzen der Flechten stellte, und daß ein Bayer, Georg Franz Hoffmann (ehemals Professor zu Erlangen, später zu Göttingen, endlich zu Moskau, wo er in dem großen Brande Alles verlor) den Preis errang. Die. Preisschrift ist: G. F. Hoffmann de vario lichenum usu. 4. Erlang. 1786. Sie wurde auch zu Lyon zugleich mit den Abhandlungen der HHrn. Amoureux fils und Willemet (Mémoires sur l'utilite des Lichens. 8. Lyon 1787) gedrukt. Der treffliche alte Schwede Westring hat schon vor 50 Jahren auf die Flechten als Färbematerialien aufmerksam gemacht. Die Chemie hat zeither solche Fortschritte gethan, daß es hoch an der Zeit wäre, Westring's und anderer schwedischer Naturhistoriker ältere Versuche einer muen Prüfung zu unterziehen: man würde auf schöne Resultate gelangen.

A. d. Ue.

|165|

Diese Synonyme ist aber außer Frankreich nirgendwo bekannt. Da fast alle Flechten denselben zukerartigen Farbestoff besizen, der, mit verschiedenen Reagentien behandelt, verschiedene Farben gibt (wie es beinahe bei jedem Färbestoffe der Fall ist); so könnte man ihn vielleicht füglicher Lichenine nennen.

A. d. Ue.

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