Titel: Boullay, über die Ulmine und Azulm-Säure.
Autor: Boullay, Polydore
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. XIII. (S. 23–45)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/ar037013

XIII. Ueber die Ulmine (Ulm-Säure) und über die Azulm-Säure. Aus einer Inaugural-Dissertation vor der Faculté des Sciences, von Hrn. Polydor Boullay.21)

Aus dem Journal de Pharmacie. April 1830. S. 165.

Die Ulmine, (Ulmstoff, Ulm-Säure), deren Geschichte bisher nur sehr unvollkommen behandelt wurde, und die, selbst dort, wo man sie öfters wahrnahm, selten mit ihrem wahren Namen bezeichnet wurde, scheint die Aufmerksamkeit der Chemiker nicht in demjenigen Grade angezogen zu haben, welchen das Studium derselben bei dem hohen |24| Interesse verdient, das sie gewährt. Die Wichtigkeit der Rolle, die sie in der gesammten Natur spielt, ergibt sich aus den zahllosen Verhältnissen, unter welchen sie entsteht; aus den Folgen, welche durch die tägliche und ununterbrochene Umwandlung einer Menge Pflanzenstoffe in Ulmine, vorzüglich des Holzes, unter den verschiedensten Einflüssen hervortreten; aus ihrer Gegenwart in der Pflanzenerde, im Dünger, im Safte der Pflanzen etc. Die Ulmine scheint wirklich eine der köstlichsten Düngerarten zu seyn, die man kennt: man könnte sagen, daß sie allein der wahre Dünger ist. Wir finden sie in ungeheueren Lagern theils in der Umber-Erde, theils in der sogenannten Laub- oder Pflanzen- und Heide-Erde (terreau et terre de bruyère), theils endlich noch in den Torflagern. Dem Torfe, d.h., der Ulmine, hat Holland die Vortrefflichkeit seiner Producte des Aker- und Gartenbaues zu verdanken.

Die lehrreichen Thatsachen, die man bisher über die Geschichte der Ulmine kennen lernte, blieben in einer großen Anzahl von Abhandlungen zerstreut, und man darf sagen vergraben und vergessen. Es fehlte ein gemeinschaftliches Band, das alle einzelnen Erscheinungen, die sie darbietet, in lichtvoller Ordnung an einander reiht: es ist also keine unnüze Arbeit, wenn man es unternimmt, alle bisher über diesen Gegenstand bekannt gewordenen Thatsachen zu sammeln und in gehörigem Lichte darzustellen. Ich versuche daher, auf der einen Seite, alle verschiedenen und unter verschiedenen Benennungen vorkommenden Producte, die mir einerlei mir dem Ulmstoffe zu seyn schienen, unter ihrem wahren Namen, als Ulmine, zusammenzustellen; die Unterschiede aufzustellen, durch welche sich dieselben von einigen anderen Producten, mit welchen man sie verwechselte, unterscheiden, und endlich noch die neuen Verhältnisse anzugeben, unter welchen sie sich bildet, nebst der Analyse derselben und ihrer salzigen Verbindungen. Die Ulmine bildet mit gewissen hierzu fähigen Grundlagen wirklich wahre Salze, indem sie die Alkalien sättigt, und deßwegen änderte ich auch ihren alten Namen in Ulm-Säure um.

Ulm-Säure in den Producten der Ausschwizungen der Ulme.

Die HHrn. Vauquelin und Braconnot sind unter allen Chemikern, welche die Ulmine untersuchten, die einzigen, die die wahre Natur derselben kannten, und wenn Hr. Vauquelin das Verdienst hat, sie in den Ausschwizungen eines Geschwüres der Ulme zu entdeken,22) zu bezeichnen und zu benennen, so hat Hr. Braconnot das nicht minder wichtige Verdienst, sie künstlich zu erzeugen.

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Künstliche Ulm-Säure.

Hr. Braconnot lehrte uns,23) daß, wenn man Holzstoff mit gleichem Gewichte kaustischem Kali in einem Tiegel hizt, und die Mischung umrührt, ein Zeitpunkt eintritt, wo die ganze Menge der angewendeten Sägespäne sich erweicht, und beinahe augenbliklich sich auflöst, wobei ein bedeutendes Aufblähen Statt hat. Wenn man nun den Tiegel vom Feuer zieht, und Wasser in denselben gießt, so löst sich diese Masse auf, und es bleibt nur ein unbedeutender Rükstand zurük. Man erhält eine braune Flüssigkeit, aus welcher Säuren einen sehr häufigen braunen Niederschlag abscheiden, der, getroknet, dem Gagath gleicht, und der, mit einem Worte, alle Eigenschaften der Ulm-Säure besizt.

Ulm-Säure im Ruße.

Die Eigenschaften der Ulm-Säure hat Hr. Braconnot in der angeführten Abhandlung beschrieben. Sie finden sich auch in einer anderen Abhandlung desselben Verfassers, in welcher derselbe uns lehrt, daß sie häufig im Ruße vorhanden sind.

Eigenschaften der Ulm-Säure.

Die Ulm-Säure ist im trokenen Zustande schwarz und sehr zerbrechlich. Ihr Bruch ist glasig und glänzt wie Gagath. Sie hat wenig Geschmak und keinen Geruch, ist im Wasser unauflösbar, im Alkohol hingegen und in concentrirter Schwefelsäure höchst auflösbar. Mit Beihülfe der Wärme löst sie sich in Essigsäure auf. Das Wasser scheidet sie aus allen diesen Auflösungsmitteln ab. Ihre wahren Auflösungsmittel sind aber Potasche, Soda und Ammonium, welche sie bis zur vollkommenen Beseitigung aller ihrer alkalischen Eigenschaften sättigt. Die Flüssigkeit bekommt eine bedeutende Consistenz, und schäumt, wenn man sie schüttelt. Die Säuren schlagen die Ulm-Säure in Form eines flokigen Pulvers von braunröthlicher Farbe aus derselben nieder: dieses Pulver ist in kaltem Wasser unauflösbar, in warmem etwas auflösbar, wenn dieses Wasser gewasserstofft ist, und färbt dann das blaue Tournesolpapier röthlich. Die erdigen und metallischen Salze und das Kalkwasser erzeugen gleichfalls Niederschläge in derselben, auf welche wir weiter unten zurük kommen werden,24) und die darüber |26| stehende Flüssigkeit wird dann ganz farbenlos. Ulm-Säure, der Flamme einer Kerze ausgesezt, bläht sich etwas auf, und brennt mit einer Flamme. Destillirt gibt sie die bei Zersezung vegetabilischer Körper gewöhnlichen Producte.

Ulm-Säure in Laub- oder Pflanzen-Erde, im Torfe.

Hr. Braconnot hat schon in seiner ersten Abhandlung25) gezeigt, daß Ulmine in mehreren alten Producten des Pflanzenreiches vorkommt. Er betrachtet denjenigen auflösbaren Theil gewisser Pflanzenerden, den man für Extractivstoff hielt, als eine Mischung von Ulmine und Ammonium. Er fand Ulmine auch in einer Abart der erdigen Braunkohle: der Torf lieferte ihm aber dieselbe am häufigsten.

Die alten Chemiker haben in mehr, denn einem Falle, die Gegenwart der Ulm-Säure geahnet; sie haben aber die Natur derselben gänzlich verkannt, und schlossen aus dem Umstande, daß sie mit Potasche auflöslich ist, daß die Kohle unter gewissen physischen Verhältnissen auch in Alkali auflösbar wäre.

Dieß hat Lowitz zuerst behauptet,26)und nach ihm Hassenfratz 27) in einem Aufsaze über die Ernährung der Gewächse.

Nach diesem lezteren ist das Wasser, welches die Düngerhaufen durchdringt, und aus denselben ausfließt, von der Kohle gefärbt, welche in demselben, aufgelöst ist oder schwebt: denn man erhält dieselbe durch Abdampfung dieses Wassers.

Eben dieß ist der Fall bei der Aschenlauge, welche von der Kohle, die in ihr aufgelöst ist, braun gefärbt wird.

Je mehr der Dünger das Wasser färbt, desto stärker werden die Pflanzen, die in demselben wachsen.

Faules Holz bringt ähnliche Wirkungen hervor.

Man sieht, daß Hassenfratz hierdurch die Kraft anzeigte, mit welcher Ulm-Säure als Dünger wirkt, obschon er sich über die Natur derselben täuschte, was um so auffallender ist, als schon zur Zeit, wo Lowitz die Auflösbarkeit der Kohle in der Potasche bereits verkündete, Berthollet aufmerksam machte, daß der braune Färbestoff im Hanf- und Lein-Garne Eigenschaften besizt, welche jenen der Kohle sehr ähnlich sind. Sie kommen in der That jenen der Ulm-Säure sehr gleich.28)

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Ulm-Säure ist der Färbestoff im rohen Garne.

„Wenn man, „sagt dieser gelehrte Chemiker,“ rohes Garn mit einer alkalischen Lauge heiß behandelt, so färbt es dieselbe braun, sättigt die alkalischen Eigenschaften derselben, und benimmt derselben ihre Aezbarkeit.“ Diese Flüssigkeit bietet in ihren Rükwirkungen alle Erscheinungen der ulmsauren Potasche dar, und man kann, mittelst einer Säure, die Ulm-Säure aus derselben abscheiden.

Der berühmte Berthollet vermuthete schon damals eine Analogie zwischen diesem Färbestoffe und jenem, der sich in der Rinde der Bäume findet, so wie auch überhaupt zwischen den Wirkungen der Schwefel- und Salpeter-Säure oder des Chlores auf die organischen Stoffe: er sagt aber nirgendwo, daß er diese Thatsachen wiederholt geprüft hätte.

Ulm-Säure durch Einwirkung der Schwefelsäure auf Pflanzenstoffe erzeugt.

Hr. Braconnot 29) nahm Berthollet's Idee auf, und erwies, daß concentrirte Schwefelsäure das Holz nicht, wie man allgemein glaubt, verkohlt, sondern daß es dasselbe in einen braunen Färbestoff verwandelt, der in Wasser unauflösbar ist, und in alkalischen Auflösungen sich auflöst. Sägespäne auf diese Weise behandelt, schienen ihm in demselben Zustande, in welchem sich das Holz befindet, das einige Jahre über der Luft und der Feuchtigkeit ausgesezt ist, und in der That wird das Holz beinahe gänzlich in Ulm-Säure verwandelt.

Proust hat schon bemerkt, daß der kohlenstoffartige Stoff, welcher sich während der Bildung des Schwefeläthers ausscheidet, und den man für Kohle hielt, sich in Alkohol auflöste, und, wenn man ihn destillirte, gewasserstoffte Producte liefert, welche denjenigen ähnlich sind, die das Holz unker gleichen Umständen liefert.

Ulm-Säure in den Producten der Destillation des Holzes.

Die Ulm-Säure scheint auch in den Producten der Destillation des Holzes, und ohne Zweifel auch vieler anderer organischen Stoffe, vorhanden zu seyn. Man kann sich hiervon überzeugen, wenn man das interessante Detail studirt, welches Hr. Collin 30) in der Analyse dieser Producte bekannt machte.

Die Gegenwart der Ulm-Säure in den Producten der Destillation des Holzes macht es begreiflich, wie die Menge der Kohle, welche |28| man dadurch erhält, weit unter derjenigen bleibt, welche die Theorie angibt, und nach der Art, wie die Operation geleitet wird, so wie auch nach der Temperatur, verschieden seyn muß.

Ulm‐Säure in den Bränden und im Schießpulver.

Ich habe mich überzeugt, daß Ulm‐Säure auch in den Bränden (fumerons) vorhanden ist, d.h. in der sogenannten Bouchet's Kohle (charbon du Bouchet), deren man sich seit einiger Zeit zur Bereitung des Schießpulvers bedient.

Die detonirenden Eigenschaften dieses Pulvers, welche weit ausgezeichneter sind, als an dem bisher gebräuchlichen Pulver, rühren offenbar von der Ulmine her, welche die Kohle in einem Zustande von mehr allgemeiner Vertheilung hält, und bei ihrer Zersezung eine bedeutende Menge Wasserdampf erzeugt.

Man kann auch Ulm‐Säure durch Einwirkung der Säuren oder Basen auf verschiedene Arten von Zuker erzeugen. Ich muß hier bei diesen Einwirkungen etwas verweilen, indem sie mir nicht ohne Interesse zu seyn scheinen.

Schwefel‐Säure wirkt in concentrirtem Zustande sehr mächtig auf den Zuker. Dieser wird sehr bald davon braun oder verkohlt sich; man kann jedoch, wenn man den gehörigen Augenblik trifft, eine geringe Menge Ulm‐Säure aus demselben erhalten. Mit concentriner Hydrochlor‐Säure konnte ich nicht dazu gelangen, indem die Wirkung zu heftig ist; mittelst schwacher Hydrochlor‐Säure aber und mit Beihülfe von Wärme erhielt ich aus dem Zuker eine bedeutende Menge einer bräunlichen Masse, die ganz der Ulm‐Säure ähnlich war. Wenn man eine Auflösung von Rohrzuker mittelst schwacher Schwefel‐Säure kalt behandelt, und die Mischung sich selbst überläßt, so wird dieser Rohrzuker im Verlaufe einiger Zeit gänzlich in Traubenzuker verwandelt. Dieses neue Product wird dann durch concentrirte Schwefel‐Säure nicht mehr verändert. Man kann den Traubenzuker, oder die Mannite wirklich mit concentrirter Schwefel‐Säure abreiben, ohne daß sie dadurch irgend eine Veränderung erlitte. Wenn man die Säure sättigt, so erhält man diese Körper wieder in ihrem ursprünglichen Zustande.

Wenn man aber den Traubenzuker aufgelöst mit alkalischen Basen warm behandelt, so färbt er sich, alsogleich immer mehr und mehr, und gibt eine braune Flüssigkeit, aus welcher Säuren ein flokiges Pulver niederschlagen, welches braun ist und Ulm‐Säure zu seyn scheint.

Der Rohrzuker färbt sich unter gleichen Umstanden nicht, und scheint keine Veränderungen zu erleiden, selbst wenn man ihn mehrere |29| Stunden lang der Einwirkung alkalischer Basen aussezt. Die entgegengesezten Einwirkungen derselben Mittel auf diese zwei verschiedenen Arten von Zuker scheinen mir insofern sonderbar, als sie offenbar beweisen, daß zwischen diesen Producten wesentlichere Unterschiede in der Zusammensezung derselben Statt haben, als nach dem Umstande, daß nur ein Atom Wasser mehr oder weniger vorhanden ist. Statt haben sollten. Folgende Thatsache, welche Hr. de Saussure mir in einem Aufsaze über die Gährung der Stärke lieferte,31) scheint mir an die Wirkungen der Basen auf den Traubenzuker sich anzuschließen.

Nachdem die Producte durch Wasser, Alkohol und schwache Schwefel‐Säure ausgezogen wurden, bietet die unauflösbare Masse nach ihrem Austroknen undurchsichtige weiße gebrechliche Klümpchen dar. Sie löst sich mit Beihülfe einer geringen Wärme leicht in einer schwachen Potascheuflösung auf, und bildet eine braune sehr flüssige Auflösung, die nicht die klebrige und gallertartige Consistenz besizt, welche den alkalischen Auflösungen der Stärke eigen ist. Verdünnte Schwefel‐Säure schlägt ein verbrennliches, leichtes, gelbes Pulver nieder, das nach dem Austroknen eine schwarze, glänzende, dem Gagathe ähnliche Masse bildet. Der vegetabilische Stoff, dem diese Stärkmasse am nächsten kommt, ist, nach Hrn. de Saussure, das Holz oder der Holzfaserstoff. Er nannte sie Stärkmehl‐Holzfaserstoff (ligneux amilacé.)

Wirkt die Potasche hier nicht auf den Holzfaserstoff, wie der Traubenzuker, aus welchem sie die Ulm‐Säure ausscheidet? Es handelt sich hier, nur noch darum, zu wissen, ob die Einwirkung der schwachen Schwefel‐Säure, welche der Potasche vorausging, bei diesen Erscheinungen für Nichts zu zählen ist.

Ulm‐Säure unterscheidet sich von den Producten der Veränderung der Extracte und der Galläpfel‐Säure durch oxygenirte Körper.

Man muß die Ulm‐Säure von einem Körper unterscheiden, welcher die vorzüglichsten Eigenschaften derselben zu besizen scheint; nämlich von demjenigen, welcher durch Einwirkung der Luft oder oxygenirter Körper auf Pflanzenextracte und auf Galläpfel‐Säure entsteht. Man weiß, daß die Extracte unter solchen Umständen im Allgemeinen unvollkommen auflösbar werden. Der röthliche Niederschlag, welcher sich bildet, kann in Alkalien aufgelöst werden, und gibt eine braune Flüssigkeit, die aber mehr in's Rothe sticht, als die alkalische Auflösung der Ulm‐Säure. Eben dieß gilt auch von dem Nieder‐ |30| schlage, welchen die Säuren in einer alkalischen Auflösung bilden, und der von der Ulm-Säure durch seine Unauflösbarkeit in Alkohol wesentlich verschieden ist.

Wenn man mehrere Pflanzenextracte, z.B., das der Gerberlohe, mit einer kleinen Menge Salpeter-Säure behandelt, so führt man sie auf denselben Zustand zurük, d.h., man macht sie in Wasser und Alkohol unauflösbar, und auflösbar in Alkalien.

Der Körper, welcher sich unter diesem Verhältnisse bildet, ist ohne Zweifel derjenige, welcher in den meisten Fällen die Galläpfel-Säure und den Gerbestoff zu begleiten, oder selbst aus der Veränderung derselben hervorzutreten scheint.

Ich glaube einen Augenblik bei diesem Gegenstande verweilen und an das erinnern zu müssen, was man bereits über dieses neue Product weiß, welches Döbereiner mit der Ulm-Säure, wie wir weiter unten sehen werden, verwechselt zu haben scheint: denn, nach meiner Ansicht, ist sie nicht einerlei mit demselben.

Die Arbeiten vieler Chemiker beweisen, daß die oxygenirten Stoffe, daß die Luft selbst den Gerbestoff und die Galläpfel-Säure mächtig verändern. Diese Wirkung zeigt sich deutlich durch die braune Farbe, welche sie denselben mittheilen.

So geht, nach Berzelius,32) der Gerbestoff, ein Körper, welcher, wenn er troken ist, weiß und durchscheinend ist, wenn er feucht wird, leicht in den Zustand eines Extractivstoffes über, einer braunen und im Wasser unauflösbaren Masse.

Auch Hr. Bartholdi lehrt uns,33) daß alle Körper, welche den Sauerstoff leicht an die Galläpfel-Säure abtreten, die leicht reducirbaren Oxyde, wie z.B. jene des Queksilbers, die Farbe desselben in Braun verwandeln, und daß bei diesen Operationen die Säure, indem sie sich verkohlt, Färbestoff bildet.

Hr. Chevreul sagt uns noch, daß galläpfelsaure Verbindungen nur insofern bestehen können, als sie dem Einflusse der Luft entzogen werden; daß sonst der Sauerstoff eingesogen und die Galläpfel-Säure zerstört wird. Die galläpfelsaure Verbindung wird grün werden, wenn sie alkalisch, und roth, wenn sie sauer ist. Später hat Hr. Döbereiner 34) einen Aufsaz über die Veränderungen mitgetheilt, welche das galläpfelsaure Ammonium erleidet, wenn es der Berührung der Luft ausgesezt ist, in welchem er annimmt, daß dieses Salz in den Zustand eines ulmsauren Ammoniums übergeht, und er hat daraus die Zusammensezung der Ulm-Säure abgeleitet.

Wenn das neue in dem Versuche des Hrn. Döbereiner erzeugte |31| Compositum, welches einerlei mit jenem seyn muß, das aus der gewöhnlichen Veränderung der Galläpfel-Säure und ihrer Verbindungen durch oxygenirte Stoffe entsteht, nicht Ulm-Säure ist, so kann es nur wenig von derselben verschieden seyn, indem beide so viele Eigenschaften mit einander gemein haben. Ulm-Säure, Gerbestoff und Galläpfel-Säure müssen demnach eine sehr ähnliche Zusammensezung darbieten. Diese Körper begleiten sich ferner beständig, und scheinen unter ähnlichen Umständen sich zu erzeugen und vorhanden zu seyn. Analyse war also durchaus nothwendig, um diese nahe Aehnlichkeit zu erweisen. Man wird sehen, daß sie dieselbe bestätigt, ohne daß sie übrigens mit den von Döbereiner vorausgesagten Resultaten stimmt.

Ich habe die Ulm-Säure, sowohl rein als in Verbindung mit metallischen Basen, öfters analysirt. Die Resultate waren in beiden Fällen so ziemlich dieselben: d.h., die Ulm-Säure verliert kein Wasser, wenn sie sich mit Oxyden verbindet.35)

Es gehört viele Vorsicht dazu, um zur genauen Bestimmung des Kohlenstoffes zu gelangen, welchen dieser Körper enthält. Wenn man die Ulm-Säure nicht lang mit Kupferoxyd abgerieben hat, und wenn man das Feuer nicht noch lange Zeit unterhält, nachdem das Gas bereits aufgehört zu haben scheint sich zu entwikeln, so greift man die lezten Theile von Kohlenstoff nicht an; und so sorgfältig ich auch meine Versuche einleitete, so hatte ich doch immer Ursache mich vor dieser Quelle von Irrthümern zu hüten. Das Verfahren, welches ich befolgte, weicht sehr wenig von demjenigen ab, welches Hr. Proust (Annal. d. Chim. et Phys. T. XXXVI. p. 366.) beschrieben hat.

Ich fand, daß die Ulm-Säure aus

Kohlenstoff 56,7,
Wasser 43,3.
–––––
100,0. besteht.

Hr. Berzelius gab als Bestandtheile der trokenen Galläpfel-Säure, d.h. verbunden mit Bleioxyd, folgende Zahlen an:

Kohlenstoff 57,08
Wasser 42,92
–––––
100,00.

Diese Resultate lassen sich in Volumen durch folgende Formel ausdrüken:

HCO³36)

Diese sonderbare Annäherung scheint zur Annahme geneigt zu |32| machen, daß Ulm-Säure und Galläpfel-Säure nur durch Krystallisationswasser verschieden sind: ein Unterschied, der jedoch in den Eigenschaften derselben eine bedeutende Verschiedenheit hervorbringen würde. Um diese Thatsache zu prüfen, wollte ich krystallisirte Galläpfel-Säure mit concentrirter Schwefel-Säure behandeln, in der Hoffnung, sie auf Ulm-Säure zurükzuführen. Kalt schien mir keine Einwirkung Statt zu haben, oder höchstens schien sie sich auf Auflösung einer geringen Menge Galläpfel-Säure zu beschränken. So wie man aber die Temperatur etwas erhob, ergab sich eine schöne purpurrothe Auflösung, und es entwikelte sich saures schwefeligsaures Gas. Die Flüssigkeit wurde von Wasser getrübt, wie die schwefelsaure Auflösung der Ulm-Säure; der mehr veilchenfarbige Bodensaz aber hatte nicht alle Eigenschaften derselben. Er war unauflösbar in Alkohol, löste sich aber im Gegentheile in Potasche auf, färbte die Flüssigkeit purpurroth, und näherte sich sehr dem Producte, von welchem ich oben gesprochen habe. Es ist, nach diesen Thatsachen und nach der Analyse der Ulm-Säure, wahrscheinlich, daß die Galläpfel-Säure und das galläpfelsaure Ammonium, der Luft ausgesezt, sich nicht in Ulm-Säure und ulmsaures Ammonium verwandeln, wie Hr. Döbereiner angenommen hat, sondern in ein ganz eigenes Product, welches eine neue Untersuchung fordert, und welches weniger Wasserstoff enthalten muß, als Galläpfel-Säure und Ulm-Säure.

Um die Ulm-Säure analysiren und ihre Sättigungsfähigkeit bestimmen zu können, mußte ich unauflösbare ulmsaure Verbindungen bereiten.

Ich bediente mich Anfangs des ulmsauren Ammoniums, überzeugte mich aber bald, daß die durch dieses Salz in Blei- und Silber-Auflösungen gebildeten Niederschläge nur insofern unauflösbar waren, als das Ammonium im Ueberschusse vorhanden war, und ein basisches Salz sich bildete; während, wenn das ulmsaure Ammonium dadurch bereitet wurde, daß man Ammonium mit Ulm-Säure sättigte, diese Auflösung wohl auch noch salpetersaures neutrales Silber niederschlug, wenn dieses sich im Ueberschusse befand; wo aber der durch das Filtrum abgeschiedene Niederschlag sich in reinem Wasser auflöste, wann die salzige Flüssigkeit, in deren Schoße er sich erzeugt, abgeflossen war.

Wenn man neuerdings eine Salzauflösung zusezt, so wird dieser Niederschlag wieder unauflösbar. Es bildet sich wahrscheinlich in diesem Falle ein ulmsaures Ammonium und Silber.

Ich ging dann zur ulmsauren Potasche über, welche ich warm aus reiner Potasche und überschüssiger Ulm-Säure bereitete. Die Auflösung wurde während zwölf Stunden auf überschüssiger Ulm-Säure |33| gegen die Luft geschüzt gehalten. Sie schwelte nicht mehr alkalisch, aber etwas bitter.

Mit neutralem salpetersaurem Silber gab die ulmsaure Potasche einen sehr schönen kastanienbraunrothen Niederschlag. Der Niederschlag, öfters warm ausgewaschen, gab Anfangs farbenlose Mutterlaugen; als ich ihn aber troknete, fing er an ihnen eine röthliche Farbe mitzutheilen. Neuerdings ausgefüßt, hat dieses Salz die Abfüßwasser nicht mehr gefärbt. Durch Abtroknung theilte sich das ulmsaure Silber in kleine ekige Bruchstüke, die einen Stich in's Kupferfarbene hatten: es sah aus wie grob gepulverter Schwefelkies.

Die durch salpetersaures Blei und schwefelsaures Kupfer in einer Auflösung von ulmsaurer Potasche gebildeten Niederschläge hatten eine weit mehr schwarze Schattirung.

Das ulmsaure Kupfer wurde, ehe es vollkommen ausgewaschen war, getroknet. Man wusch es gänzlich aus, nachdem es gepülvert wurde. Alle diese Salze wurden, nachdem sie sorgfältig ausgewaschen und bei 120° am hundertgradigen Thermometer im leeren Raume über Schwefel-Säure getroknet waren, durch Ausglühen analysirt.

Die ulmsauren Metalle entzünden sich bei einer Temperatur, die noch weit unter der Rothglühhize steht. Die Verbrennung pflanzt sich dann fort, und hört von sich selbst auf; man muß jedoch dabei ihre Oberflächen immer sorgfältig erneuern.

Man fand das ulmsaure Silber bestehen

nach der Analyse: nach der Berechnung:
aus Ulm-Säure 71,43 71,85
Silberoxyd 28,57 28,15
–––––– ––––––
100,00 100,00
Das ulmsaure Blei aus Ulm-
Säure

73,14

72,5
Bleioxyd 26,86 27,5
–––––– ––––––
100,00 100,00.

Das Gewicht des Atomes Ulm-Säure, nach Resultaten berechnet, welche ziemlich genau mit einander zu stimmen scheinen, wäre 3682,34, da die Formel folgende ist:

H²⁸ C²⁸ O¹⁴.37)

Die Analyse des ulmsauren Kupfers entfernt sich aber etwas von den vorausgegangenen, und verdient vielleicht mehr Zutrauen. Ich glaube wirklich, daß die Absüßwasser des ulmsauren Silbers und Bleies etwas Ulm-Säure mit sich weggeführt haben, weil sie anfingen sich zu färben: ein Umstand, der bei dem ulmsauren Kupfer nicht Statt |34| haben konnte, welches, ehe es vollkommen ausgewaschen wurde, getroknet worden ist.

Nach der mit demselben vorgenommenen Analyse besteht es

aus Ulm-Säure 89,5; nach der Berechnung: 88,9
Kupferoxyd 10,5; 11,1
––––– –––––
100,0 100,0.

Das Gewicht des Atomes Ulm-Säure wird also 3945,44, und seine Formel:

H³º C³º O¹⁵.

Man sieht noch überdieß, daß diese Zahlen ein reineres Verhältniß herstellen, nämlich: 1 : 5 zwischen dem Atom Galläpfel-Säure und dem Atom Ulm-Säure. Sie scheinen mir also angenommen werden zu müssen.

Die schwache Sättigungsfähigkeit der Ulm-Säure ist eine Thatsache, die alle Berüksichtigung verdient, indem sie begreiflich macht, wie eine große Menge dieses kostbaren Düngers mittelst einer äußerst geringen Menge alkalischer oder Ammonium haltiger Basis, die aus der Zersezung thierischer Stoffe hervorgeht, den Pflanzen, die er nähren soll, mitgetheilt werden kann.

Die erdigen ulmsauren Verbindungen, vorzüglich die kalkerdigen, scheinen nicht durchaus unauflösbar zu seyn, und sind überdieß noch fähig sich lange Zeit über in einem solchen Zustande von Schwebung zu erhalten, daß man sie für aufgelöst annehmen sollte. Sie können also auch kräftig zu dem großen Phänomene der Ernährung der Gewächse beitragen, und zwar auf eine um so sicherere Weise, als sie nicht so leicht, wie die alkalischen ulmsauren Verbindungen, von dem Regenwasser weggewaschen werden.

Diese Thatsache kann uns nun mit Leichtigkeit zur Erklärung dienen, wie Kalk Torfgründe fruchtbar macht. Diese alkalische Base kann, in diesem Falle, auf zweierlei Art wirken: sie kann sich entweder mit der Ulm-Säure verbinden, und diese aus den Stoffen ausscheiden, die sie gefesselt halten, oder sie kann eine Entwikelung des Ammoniums begünstigen, die zu demselben Zweke führt.

Azulm-Säure.

Wenn man die zahlreichen Verhältnisse betrachtet, unter welchen die Ulm-Säure sich darbietet; wenn man sieht, daß sie eines der gewöhnlichen Producte der Zersezung vegetabilischer Stoffe ist, mag diese nun langsam und gleichsam durch sich selbst, oder schnell und in Folge kräftig einwirkender Ursachen entstehen; so entsteht ganz natürlich die Frage: ob, unter ähnlichen Umständen, die thierischen Körper nicht ein ähnliches Product erzeugen, das man mit derselben vergleichen könnte? Ich glaube diese Frage bejahend beantworten zu können.

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Es gibt wirklich einen stikstoffhaltigen Körper, der, in Hinsicht auf seine physischen und chemischen Eigenschaften, der Ulm-Säure sehr ähnlich ist, und welcher durch mehr denn eine Gegenwirkung entstehen kann.

Ich will ihn zuerst in jener Substanz untersuchen, die mir denselben auf die reinste Weise lieferte, d.h. in jenem kohligen Körper, welcher durch die (sogenannte) freiwillige Zersezung der reinen Wasserstoff-Blausäure entsteht.

Dieser Körper, den die Chemiker schon seit langer Zeit unterschieden, ist seiner wahren Natur nach noch immer unbekannt geblieben. Proust war, wie ich glaube, der Erste, der ihn angegeben hat.38)

Blausäure, sagt er, in Wasser aufgelöst, und in einem gut gestöpselten Gefäße aufbewahrt, zersezt sich in demselben von selbst. Sie färbt sich in vier bis fünf Monaten braun, verliert nach und nach ihren Geruch, wird trübe, und bildet einen kaffeebraunen Niederschlag, der, nachdem er erhizt wurde, alle Eigenschaften der Kohle darbietet. Durch Destillation erhält man aus demselben etwas Wasser, Blausäure und Ammonium. Die Kohle ist gestikstofft, und hat einen ihrer Grundbestandtheile wieder angenommen, welchen die Säure durch ihre Zerstörung verläßt; denn, wenn sie mit kohlensaurer Potasche gehizt wird, so gibt sie eine Lauge, aus welcher man Berlinerblau erzeugen kann. Allein, während die Kohle sich ausscheidet und Stikstoff behält, bildet der größte Theil des lezteren, mit Wasserstoff vereinigt, Ammonium, welches man auch in der gelben Flüssigkeit zugleich mit dem Reste der Säure findet, welcher der Zersezung entging.

Später hat Hr. Gay-Lussac, in seinem schönen Werke über Wasserstoff-Blausäure (sur l'acive hydrocyanique)39) gezeigt, daß derselbe Körper auch durch die (sogenannte) freiwillige Zersezung der wasserfreien Wasserstoff-Blausäure entsteht, und suchte sich die Gegenwirkung zu erklären, durch welche derselbe entstand, und die Bestandtheile, aus welchen derselbe zusammengesezt ist.

Ich führe folgende Stelle aus seinem Werke hier an:

„Wenn man diese Säure in gut geschlossenen Gefäßen aufbewahrt, so daß auch keine Berührung mit der Luft Statt haben kann, so zersezt sie sich zuweilen in weniger denn einer Stunde. Oefters habe ich sie fünfzehn Tage lang unverändert aufbewahrt; es geschieht aber selten, daß man sie so lang aufbewahren kann, ohne daß sie Zeichen von Zersezung darböte. Sie fängt an eine röthlich braune Farbe anzunehmen, die immer dunkler und dunkler wird, und läßt |36| bald eine bedeutende kohlige Masse zurük, die das Wasser, so wie die Säuren, stark färbt, und einen lebhaften Ammoniumgeruch ausstößt. Wenn die Flasche, welche die Säure enthält, nicht hermetisch schließt, so bleibt nur eine trokene kohlige Masse zurük, die das Wasser nicht mehr färbt.“

„Um die Resultate dieser Zersezung genau kennen zu lernen, brachte ich Blausäure in eine von aller Luft vollkommen befreite Barometerröhre, und erwartete, daß die Wände der Röhre sich mit einem kohligen Ueberzuge bekleiden würden, der sie undurchsichtig machte. Die Höhe, in welcher das Queksilber stand, war wenig bedeutend; wenn man aber die Röhre neigte, so füllte das Queksilber dieselbe aus, zum deutlichen Beweise, daß sich keine bleibende elastische Flüssigkeit entwikelte. Nachdem sich die Röhre umstürzte, nahm ich deutlich den Geruch der Blausäure gewahr; das Wasser, welches ich in dieselbe goß, nahm eine stark braune Farbe an; Potasche und Kalk entwikelten Ammonium aus demselben, und die Schwefelsäure machte den Geruch nach Blausäure sehr bemerkbar: es entwikelte sich aber keine Kohlensäure. Hieraus erhellt offenbar, daß Blausäure bei ihrer Zersezung Ammonium entwikelt, welches mit einem Theile der Säure verbunden bleibt. Die kohlenartige Substanz muß nothwendig gestikstofft werden, indem das Ammonium aus drei Volumen Wasserstoff und Einem Volumen Stikstoff besteht, während in der Blausäure diese beiden Grundstoffe zu gleichen Theilen vorkommen; so daß zwei Drittel Stikstoff bei der Kohle bleiben und folglich einen gestikstofften Kohlenstoff (azoture de carbone) bilden müssen.“

Die Formel, welche diese Zersezung erläutern kann, ist folgende:

4 (HAzC²) = HAzC² + H ³ Az + CA z².

Seit der Erscheinung der Abhandlung des Hrn. Gay-Lussac hat man das kohlige Product der sogenannten freiwilligen Veränderung der Wasserstoff-Blausäure immer als gestikstofften Kohlenstoff betrachtet.

Das Studium, welches ich mir aus diesem Körper machte, bewies mir, daß er Wasserstoff enthält, und daß er, Statt bloß gekohlstoffter Stikstoff zu seyn, der Wasserstoff-Blausäure selbst analog, und nur durch die Verhältnisse seiner Elemente von derselben verschieden ist.

Er ist, in der That, in Potasche vollkommen auflösbar, und wenn er von dem wasserstoff-blausauren Ammonium, welches er enthält, befreit wurde, bildet er noch, durch Destillation, wasserstoffhaltige Producte. Ich werde ihn daher mit dem eigenen Namen Azulm-Säure (acide azulmique) bezeichnen, wodurch, auf der einen Seite, seine Nachbarschaft mit der Ulm-Säure, auf der anderen die Verschiedenheit seiner chemischen Natur angedeutet wird.

|37|

Wenn die reine Wasserstoff-Blausäure durch ihre (sogenannte) freiwillige Zersezung wirklich nur Wasserstoff-blausaures Ammonium und Azulm-Säure erzeugte, so wäre es sehr leicht die Composition dieses neuen Productes aufzustellen; man dürfte in dieser Hinsicht nur das Gewicht des wasserstoff-blausauren Ammoniums, welches gebildet wurde, bestimmen; d.h., den Verlust, welchen die Mischung durch die Wärme des Wasserbades erleidet. Allein, obschon die Analyse, welche ich unten vorlegen werde, es höchst wahrscheinlich macht, daß die reine Wasserstoff-Blausäure sich auf diese Weise zersezt, konnte ich mich doch nicht auf die Daten stüzen, die mir diese Art von Prüfung darbot, indem ich bisher nur mit Producten arbeiten konnte, die ich selbst bereitet habe: auf diesen Umstand werde ich noch ein Mal zurükkommen. Man muß in solchen Fällen sich vor allen Gelegenheiten, welche Irrthum veranlassen können, hüten: denn die Producte scheinen nach den verschiedenen Umständen verschieden, unter welchen sie gebildet wurden.

Hr. Gay-Lussac sagt, daß die Materie, welche sich, gesichert gegen alle Einwirkung der Luft, absezt, das Wasser stark färbt, und einen lebhaften Ammoniumgeruch verbreitet, während sie, im entgegengesezten Falle, das Wasser nicht mehr färbt.

Unter den verschiedenen Arten wasserstoff-blausaurer Kohlen, welche ich mir verschaffte, und welche ich als das Resultat der Zersezung reiner Wasserstoff-Blausäure betrachten konnte, war nur eine einzige, welche das Wasser auf eine bedeutende Weise färbte. Die reine Wasserstoff-Blausäure, welche dieselbe erzeugte, wurde in einer feuchten Flasche aufbewahrt. Die Masse war teigartig, und entwikelte einen lebhaften Ammoniumgeruch während des Abtroknens. Sie war überdieß nur in geringer Menge vorhanden, und in einer ziemlich großen Flasche aufbewahrt. Nachdem sie getroknet war, färbte sie das Wasser nicht mehr auf eine merkliche Weise; bei der Verdampfung der Flüssigkeit ließ diese aber etwas weniges von einer salzartigen Masse zurük. Der braune Rükstand löste sich, ausgesüßt, in Potasche gänzlich auf.

Die übrigen verkohlten Producte der Wasserstoff-Blausäure boten sich unter der Form einer schwarzen schwammigen Masse dar, deren seidenartiger und beinahe sammtartiger Schiller ohne Zweifel den Krystallen der Wasserstoff-Blausäure zuzuschreiben war, die sie enthielten. Wenn man solche Kohlen zerbricht, so theilen sie sich in Blätter, deren Farbe gegen das Licht gehalten röthlich braun ist. Sie riechen wie Wasserstoff-blausaures Ammonium, welches man entweder durch die Wärme des Wasserbades, oder durch Auswaschen mit Wasser aus denselben abscheiden kann. In lezterem Falle nimmt die Flüssigkeit |38| eine lichte röthliche Farbe an, welche davon herrührt, daß eine sehr geringe Menge Azulm-Säure sich in Ammonium auflöst: sie ist überdieß sehr alkalisch, wegen des in ihr enthaltenen wasserstoff-blausauren Ammoniums. Säuren erzeugen in dieser Flüssigkeit einen leichten Niederschlag, der demjenigen ähnlich ist, welcher aus ihrer Einwirkung auf das azulmsaure Ammonium entsteht.

Bei der Verdampfung fällt die geringe Menge Färbestoff, die aufgelöst wurde, zu Boden, ohne Zweifel in Folge der Entwikelung des Ammoniums.

Eigenschaften der Azulm-Säure.

Die auf diese Weise gereinigte Azulm-Säure ist in kaltem Wasser nicht auflösbar, und scheint es auch in warmem nicht mehr zu seyn. Alkohol löst sie auch nicht auf, weder kalt noch warm.

Concentrirte Salpeter-Säure löst sie kalt auf, und erhält dadurch die Farbe eines schönen Morgenrothes. Wasser trübt diese Auflösung. In alkalischen Basen und in Ammonium ist jedoch diese Säure noch weit mehr auflösbar.

Die Flüssigkeit nimmt eine sehr dunkle Schattirung an, analog der Auflösung des ulmsauren Kali, obschon vielmehr roth. Säuren schlagen aus derselben ein rothbraunes, sehr leichtes Pulver nieder, welches, nachdem es getroknet wurde, matt ist, und nur auf eine sehr unvollkommene Weise den Glanz der Ulm-Säure darbietet. Seine Farbe nähert sich dann mehr der Farbe der chinesischen Tusche. Die metallischen Salze bilden in derselben braune Niederschläge, und entfärben die Flüssigkeit vollkommen; durch Hize zersezt sich die Azulm-Säure in Wasserstoff-blausaures Ammonium, das sich sublimirt, und wenn man die Temperatur noch mehr erhöht, erhält man ein brennbares Gas, das mit blauer Flamme brennt, und an welchem ich, seinem Geruche nach, Cyanogen zu erkennen glaubte. Der Rükstand ist Kohle.

Ich konnte diese Versuche nicht vervielfältigen, indem ich nur wenig von diesem Materials zu meiner Disposition hatte. Ich hoffe wieder darauf zurükkommen zu können; es war mir einstweilen vorzugsweise daran gelegen, die Elementar-Composition dieses sonderbaren Productes kennen zu lernen.

Ich beschäftigte mich vorzüglich mit Aufstellung des Verhältnisses des Stikstoffes zum Kohlenstoffe, indem ich besorgte in Irrthum zu gerathen, wenn ich den Wasserstoff bestimmen würde, da die Menge desselben in diesem Körper sehr gering scheint, und ich auch dachte, daß sie nothwendig aus der Erörterung der übrigen Resultate sich ergeben müsse.

Ich wiederholte diese Analyse zwei Mal, und bediente mich bei |39| derselben eines Niederschlages, der durch eine Säure in einer Auflösung von azulm-saurer Potasche erzeugt und gehörig gereinigt wurde. Ich fand beständig das Verhältniß wie 2:5 zwischen dem Stikstoffe und dem Kohlenstoffe. Wenn man dieses Verhältniß zugibt, so wie auch die Zersezung der reinen Wasserstoff-Blausäure in wasserstoffblausaures Ammonium und in Azulm-Säure, so kann man sich diese Phänomene mittelst einer höchst einfachen Formel erklären:

6 (HC²AZ) = HC²AZ + H³AZ + H²C¹º AZ⁴.

Die Azulm-Säure wäre demnach gebildet aus Einem Theile Wasserstoff (dem Volumen nach), fünf Theilen Kohlenstoff und zwei Theilen Stikstoff, wenn man die dieselbe ausdrükende Formel durch 2 theilt; oder, im Gewichte

AZ² Azot oder Stikstoff 47,64
C³ Carbone oder Kohlenstoff 50,67
H Hydrogene oder Wasserstoff 1,69
––––––
100,00

Die Zersezung durch das Feuer in wasserstoff-blausaures Ammonium, Cyanogen und Kohle würde sich leicht auf folgende Weise durch Verdoppelung der ersten Formel erklären lassen:

2 (H² C¹º AZ⁴) = HAZC² + H³AZ + (AZC¹²) + C⁶.

Ich verfolgte die Analogie, die mir zwischen der Ulm-Säure und der Azulm-Säure Statt zu haben schien, und suchte leztere dadurch wieder herzustellen, daß ich Gallerte mit Potasche erhizte. Zu diesem Ende löste ich Gallerte in einer concentrirten Potascheauflösung heiß auf. Nachdem Ammonium sich entwikelt hatte, troknete sich die Masse, ward teigig, blähte sich auf, und fing an sich in dem Maße zu schwärzen, als die Temperatur erhöht wurde. Wenn man in dieser Epoche Wasser in den Tiegel gießt, der die Mischung enthält, so erhält man eine rothe Flüssigkeit, die der vorigen ganz und gar ähnlich ist; die sich durch Säuren und metallische Salze entfärbt und ähnliche Niederschläge gibt, wie jene, welche man unter gleichen Umständen aus der Auflösung eines azulm-sauren Alkali erhält.

Die Säuren entwikeln auch aus der Flüssigkeit Wasserstoff-Blausäure und Kohlensäure. Wenn man die Arbeit früher oder später unterbricht, so färbt die Masse das Wasser nicht. Im zweiten Falle läßt sie einen kohligen Bodensaz, und entwikelt, wie die vorige, durch Einwirkung einer Säure, Wasserstoff-Blausäure und Kohlensäure. Die unauslöschbare Tinte des Hrn. Braconnot (Annal. de. Chim. and de Phys. 1829)40)scheint eine Verbindung der Elemente der Azulm-Säure mit Schwefel und Potasche, eine Art Sulfo-Cyanür zu seyn.

|40|

Dieser Umstand ist nicht der einzige, unter welchem Azulm-Säure sich zu erzeugen scheint. Ich glaube sie geht auch aus der Einwirkung der Salpeter-Säure auf Gußeisen hervor, oder auf sehr fein zertheilte Kohle.

Hr. Berzelius drükt sich in seiner Chemie des Eisens S. 66. über diese Gegenwirkung auf folgende Weise aus:

„Nach vollkommener Auflösung des Gußeisens in Salpeter-Säure bleibt ein dunkelbraunes Pulver zurük, das, in einer geringen Menge, in kochendem Wasser auflösbar ist. Dieses wird davon gelbbraun gefärbt, und bei dem Erkalten schlägt es sich aus demselben nieder. In Säuren ist dieses Pulver unauflösbar, in Alkalien hingegen löst es sich auf, und bildet mit denselben eine undurchsichtige, braune, beinahe schwarze Flüssigkeit. Säuren schlagen es aus derselben unverändert nieder. Getroknet und an einem Punkte angezündet brennt dieses Pulver wie Stärkmehl und verwandelt sich in eine röthliche Asche. Mit einem Worte, dieses Pulver hat alle Eigenschaften desjenigen Körpers, der unter dem Namen Extractivstoff bekannt ist, der sich in der Pflanzenerde findet, und der einer der lezten Grundstoffe ist, in welche sich organische in Fäulniß begriffene Körper auflösen.“

Hr. Berzelius scheint mit dieser Charakteristik die Ulm-Säure zu bezeichnen; das Vorkommen dieses Compositums unter ähnlichen Umständen war aber desto merkwürdiger, je schwieriger es war, dasselbe sich zu erklären. Ueberdieß bildete sich der von Hrn. Berzelius beschriebene Körper nur unter dem Einflusse der Salpeter-Säure, und nie mit Schwefel-Säure oder Hydrochlor-Säure: ich hatte also die Idee, daß er stikstoffhaltig seyn könnte. Der Versuch hat meine Vermuthung bestätigt. Das Pulver, welches nach der Behandlung des Gußeisens mit Salpeter-Säure übrig bleibt, gibt, gut ausgewaschen und getroknet, durch die Destillation wasserstoff-blausaures Ammonium, dessen alkalische Gegenwirkung mir durch die Veränderung der Farbe eines gerötheten Tournesolpapieres, das ich in dem oberen Theile der Röhre anbrachte, in welchem ich den Versuch anstellte, deutlich angezeigt wurde. Die Auflösung in den Alkalien war röthlich braun, und mehr der Auflösung der Azulm-Säure ähnlich, deren vorzüglichste Kennzeichen sie an sich trägt, als der Ulm-Säure. Die Säuren bildeten in derselben einen Niederschlag, welcher dieselbe Farbe an sich trug.

Ich konnte mir bisher noch nicht eine hinlängliche Menge dieses Productes zu einer Analyse verschaffen.

Das Detail, welches Hr. Berzelius über diesen Stoff beifügt, welchen ich hier mit der Azulm-Säure zusammenwerfe, gewährt mir die Hoffnung, daß derselbe mir eine Reihe von Zusammensezungen darbieten wird, die den Cyanüren, und vielleicht den doppelten Cyanüren analog |41| sind; wenigstens muß dieses aus seiner Zusammensezung und aus seinen Eigenschaften so vermuthet werden.

„Es ist merkwürdig,“ sagt Hr. Berzelius bei dieser Gelegenheit, „daß, wenn das rohe Gußeisen Braunstein (Magnesium) enthält, man beinahe keine Spur davon in der Auflösung wahrnimmt; der größte Theil desselben geht als Grundbestandtheil in diesen künstlichen Pflanzenstoff über, und kann, nach der Verbrennung desselben, aus dessen Asche mittelst einer Säure als Braunstein dargestellt werden. Es ist offenbar, daß dieser Grundstoff sich sowohl auf Kosten des in dem rohen Gußeisen enthaltenen Kohlenstoffes, auf Kosten des Wasserstoffes des Wassers und des säuernden Grundstoffes der Salpeter-Säure, als durch Absorbirung des Braunsteines und der Kieselerde (Magnesium und Silicium) in denselben unbekannten Verhältnissen bildet, in welchen diese Körper sich in der organischen Natur darstellen.“

Die Erzeugung dieses Körpers, der durch die Wirkung der Salpeter-Säure auf die Kohle gestikstofft wird, läßt auch glauben, daß ein Compositum dieser Art in den künstlichen Gerbestoffen vorhanden seyn muß. So, wie sie von Hrn. Karl Hatchet angegeben wurden,41) sind sie gewöhnlich unrein und mit mehr oder minder zahlreichen Producten gemengt, je nachdem man sie aus verschiedenen Körpern bereitet hat.

Allein, auf den einfachsten Ausdruk zurükgebracht, so wie es Hr. Buff gethan hat,42) (in einer Abhandlung über die Einwirkung der Salpeter-Säure auf den Indigo) ist es eine Verbindung der Salpeter-Säure und eines braunen in den Alkalien auflösbaren Körpers, welche man unter dem Namen Indigoharz bezeichnet zu haben scheint. Die Charaktere, welche Hr. Berzelius in seinem Aufsaze über den Indig43) der braunen Masse zuschreibt, welche in dem im Handel vorkommenden Indig enthalten ist, kommen jenen der Azulm-Säure sehr nahe. Man findet sie in der Abhandlung des Hrn. Buff beschrieben. Nach diesem Chemiker ist der künstliche Gerbestoff, welcher durch die Einwirkung der Salpeter-Säure auf den Indigo erzeugt wird, in kaltem Wasser wenig auflösbar; in kochendem Wasser löst er sich leichter auf, so wie in Alkohol und in concentrirter Salpeter-Säure. Die beiden lezteren Auflösungen werden durch kaltes Wasser gefällt. Die Alkalien lösen ihn auf, berauben ihn aber seiner Salpeter-Säure; denn wenn man die Auflösung durch eine Säure neutralisirt, so hat der Niederschlag nicht mehr das Ansehen des künstlichen Gerbestoffes, sondern ähnelt dem Indigharze.

|42|

Das Indigharz ist, wenn es rein ist, eine braune, zerreibliche Masse, ohne Geschmak, in Wasser, wie in Alkohol, unauflösbar, und löst sich leicht und ohne Veränderung in kaustischen Alkalien auf. Säuren schlagen es als eine teigartige Masse nieder. Durch seine Zersezung im Feuer erhält es den Geruch von gekohlstofftem Stikstoffe. Es löst sich in concentrirter Salpeter-Säure auf, und färbt diese Morgenroth. Die gehörig verdampfte Flüssigkeit bietet alle Eigenschaften des künstlichen Gerbestoffes dar.

Ich versuchte zu prüfen, ob die verschiedenen von Hrn. Buff beobachteten Charaktere des Indigharzes sich auch in der Azulm-Säure darstellen. Sie löste sich gleichfalls kalt in concentrirter Salpeter-Säure auf und theilte dieser eine schöne Schattirung von Morgenroth mit. Die Auflösung wird von kaltem Wasser gefällt. Langsam und mäßig abgeraucht, läßt sie einen pechartigen Rükstand, der in kaltem Wasser wenig, etwas mehr in heißem auflösbar ist. Die Alkalien lösen diesen Rükstand auf, und die Säuren bilden in der Flüssigkeit einen Niederschlag, welcher demjenigen ähnlich ist, den man aus der alkalischen Auflösung der braunen Masse in dem Indigo erhält. Ich muß hier beifügen, daß ich jedoch diesen Versuch nicht gehörig im Großen anstellen konnte, um eine absolute nahe Aehnlichkeit zwischen diesen beiden Producten aufzustellen.

Ich könnte noch mehr als einen Umstand anführen, unter welchem die Azulm-Säure sich zu zeigen scheint. Es mag genügen, um die Wichtigkeit zu begreifen, welche dieser Gegenstand bei seiner Untersuchung darbietet, nur einen Augenblik zu bedenken, daß man gewisser Maßen weder das Cyanogen, noch die Wasserstoff-Blausäure und selbst die Cyanüre nicht behandeln kann, ohne daß er bei der Behandlung derselben zum Vorscheine kommt, und die Resultate verwikelt, die an und für sich schon nichts weniger als einfach sind. Man hat bisher auch überhaupt sich keine Rechenschaft von allen jenen Phänomenen geben können, die sich z.B. bei der Einwirkung der Alkalien auf das Cyanogen äußern, indem die wahre Zusammensezung der Azulm-Säure bisher noch unbekannt blieb.

Als Beispiel will ich hier nur noch einige von den vielen Ein- und Gegenwirkungen angeben, die zur Entstehung desselben Veranlasung geben.

Hr. Gay-Lussac sagt in den Annales de Chimie T. XXV. p. 188., „daß das durch Destillation von Queksilber-Cyanür erzeugte Cyanogen einige Hunderttheile Stikstoff enthält, und daß die braune Kohle, welche in der Retorte zurükbleibt, gestikstofft ist.“

S. 196. „Daß das Ammoniumgas und das Cyanogen in dem Augenblike auf einander einzuwirken beginnen, wo man sie mit einander |43| mengt; daß aber mehrere Stunden nothwendig sind, wenn die Wirkung vollkommen seyn soll. Man bemerkt Anfangs einen weißen dichten Dampf, der schnell verschwindet. Die Verminderung des Volumens ist bedeutend, und die Wände der Glasröhre, in welcher man die Mischung macht, werden undurchsichtig und bedeken sich mit einer braunen dichten Masse. Wenn man 90 Theile Cyanogen und 227 Ammoniumgas nahm, so verbanden sie sich beinahe in dem Verhältnisse wie 1: 1,5. Diese Verbindung färbt das Wasser dunkel pomeranzenbraun, löst sich aber darin nur in geringer Menge auf. Die Flüssigkeit gibt kein Blau mir Eisensalzen.“

Er sagt ferner: „wenn man den blausauren Dampf mit Wasserstoff gemengt mittelst des elektrischen Funkens zersezt, und eine ungeheuere Menge elektrischer Funken durch die Mischung durchziehen läßt, so wird nicht aller Dampf zersezt, und es bildet sich auf der Platinnabewaffnung und auf jenem Theil der Röhre, welchen der Funke durchläuft, ein bisterfarbener Niederschlag, welcher andeutet, daß sich Kohlenstoff oder eine sehr gekohlstoffte Verbindung absezte.“

Hr. Vauquelin sagt44) bei Gelegenheit, wo er die Einwirkung des Wassers auf das Cyanogen untersucht: „daß die Auflösung nach einigen Tagen eine gelbe Schattirung, dann eine braune, annimmt, und zulezt gleichfalls eine braune Masse fallen läßt. Es hat sich überdieß wasserstoff-blausaures, kohlensaures, und vielleicht auch blausaures Ammonium gebildet.“

„Die Alkalien,“ fügt er bei, „bringen in der Zusammensezung des flüssigen Cyanogenes eine schnelle und tief eingreifende Veränderung hervor, deren Resultate dieselben, wie bei dem Wasser allein, zu seyn scheinen, nur mit dem Unterschiede, daß einige Resultate von der Gegenwart des angewendeten Alkali abhängen. Sie erzeugen sich überdieß noch schnell. Die braune Farbe entwikelt sich plözlich; es bildet sich aber kein Niederschlag, indem der Körper, welcher diesen Niederschlag im Wasser erzeugt, im Alkali auflösbar ist. Es entwikelt sich Ammonium. Die Oxyde, von welchen mehrere als Hydrate angewendet wurden, gaben analoge Resultate.“

Schlußfolge.

Die oben in dieser Abhandlung entwikelten Thatsachen scheinen mir, auf nachstehende Schlüsse zu leiten:

1) Die Ulmine, welche Hr. Vauquelin zuerst in den Producten entdekte, welche aus der Ulme ausschwizen, und welche man später in der Pflanzenerde, in der Umbererde, im Torfe fand, und welche Hr. Braconnot selbst künstlich erzeugte, findet sich auch noch in |44| dem rohen ungebleichten Garne, in welchem sie den Färbestoff bildet, in den Producten der Destillation des Holzes, in dem Ruße, in den unvollkommen destillirten Pflanzenstoffen, wie z.B. in den Bränden, und folglich auch in Bouchet's Schießpulver. Sie ist auch eines der gewöhnlichen Producte der Einwirkung der Schwefel-Säure oder Hydrochlor-Säure auf gewisse Pflanzenstoffe, wie z.B. Holz, Stärke, Rohrzuker, Alkohol. Die Einwirkung der Basen auf den Traubenzuker, auf den starkmehlartigen Faserstoff erzeugt sie gleichfalls.

2) Die Ulmine, welche nach ihren sämmtlichen Eigenschaften, und vorzüglich nach ihrer Fähigkeit, Basen zu sättigen, den Namen Ulm-Säure erhalten muß, scheint von jenem Producte verschieden zu seyn, welches von der Einwirkung der Luft oder sauerstoffhaltiger Körper auf Extracte, auf den Gerbestoff, auf die Galläpfel-Säure und die galläpfelsauren Verbindungen erzeugt wird, durch seine Farbe und durch seine Auflösbarkeit in Alkohol. Man muß sie also von diesem Körper unterscheiden, mit welchem sie verwechselt geworden zu seyn scheint.

3) Die Zusammensezung der Ulm-Säure ist dieselbe, die an der trokenen Galläpfel-Säure Statt hat, ihre Sättigungsfähigkeit ist aber viel schwächer. Die Analyse dieser Salze stellt zwischen ihrem Atomgewichte und jenem der trokenen Galläpfel-Säure das Verhältniß wie 5:1 her. Die schwache Sättigungsfähigkeit dieser Säure, die der beste Dünger von der Welt (engrais par excellence) zu seyn scheint, macht es begreiflich, wie sie den Pflanzen mittelst einer sehr geringen Menge alkalischer Basis reichlich als Nahrungsmittel zugeführt werden kann.

4) Ungeachtet der Aehnlichkeit, die in der Zusammensezung der Ulm-Säure und der Galläpfel-Säure Statt hat, läßt sich leztere nicht mittelst Schwefel-Säure in Ulm-Säure verwandeln. Das Product dieser Ein- und Gegenwirkung scheint, im Gegentheile, analog mit derjenigen, welche aus der Einwirkung oxygenirter Stoffe auf die Galläpfel-Säure und auf die Extracte hervorgeht.

5) Das kohlige Product, welches aus der (sogenannten) freiwilligen Zersezung der Wasserstoff-Blausäure hervorgeht, scheint nicht gestikstoffter Kohlenstoff zu seyn, wofür Hr. Gay-Lussac ihn angenommen hat; sondern vielmehr ein gewasserstofftes Compositum, welches fähig ist sich mit salzfähigen Basen zu verbinden, analog mit der Wasserstoff-Blausäure selbst.

6) Dasselbe Compositum scheint sich auch zu bilden, wenn man thierische Körper Gegenwirkungen aussezt, welche denjenigen analog sind, wodurch Pflanzenkörper in Ulm-Säure verwandelt werden: z.B. die Gallerte der Einwirkung der Potasche. Man konnte dasselbe also, nach dieser Analogie, welche sich auch in den chemischen und physischen Eigenschaften dieser beiden Körper wieder findet, mit dem Namen |45| Azulm-Säure bezeichnen, welcher zugleich den Unterschied ihrer chemischen Natur ausdrükt.

7) Die Azulm-Säure entsteht nicht bloß durch die (sogenannte) freiwillige Zersezung der Wasserstoff-Blausäure, sondern durch Zersezung des wasserstoff-blausauren Ammoniums, des im Wasser aufgelösten Cyanogenes, durch Einwirkung dieses Gases auf die Basen: mit einem Worte, man findet es überall, wo man sich mit Zusammensezungen des Cyanogenes beschäftigt.

8) Reine Wasserstoff-Blausäure scheint durch ihre (sogenannte) freiwillige Zersezung sich in Wasserstoff-blausaures Ammonium zu verwandeln und in Azulm-Säure: ein einfaches Resultat, welches sich leicht durch folgende Formel ausdrüken läßt:

6 (HC²AZ) = HC²AZ + H³ AZ... + H²C¹º AZ⁴.

Dieses Resultat der Rechnung stimmt vollkommen mit der Analyse der Azulm-Säure.

9) Die Einwirkung schwacher Salpeter-Säure auf Gußeisen, d.h. auf die sehr fein zertheilte Kohle, welche dasselbe enthält, erzeugt einen gestikstofften Körper, welcher die vorzüglichsten Eigenschaften der Azulm-Säure darbietet.

10) Da die Azulm-Säure sich noch überdieß mit concentrirter Salpeter-Säure zu verbinden scheint, von welcher sie aufgelöst wird, so kann man geneigt seyn zu glauben, das die künstlichen Gerbestoffe nichts anderes, als eine Verbindung dieses Körpers mit der Salpeter-Säure sind, oder daß sie wenigstens ein höchst analoges Product enthalten.

Diese Abhandlung verdient die Aufmerksamkeit nicht bloß der Gerber, Färber, Bleicher, Eisengießer, sondern auch aller Landwirthe, die die Natur des Düngers genauer kennen lernen wollen. A. d. R.

|24|

Annal. de Chim. T. XXI. p. 44. A. d. O.

|25|

Ann. d. Chim. et de Phys. T. XII. p. 191.

|25|

Hr. Braconnot fügt hier noch bei, daß die Ulm-Säure auch durch eine Auflösung von Kochsalz niedergeschlagen wird. Ich muß hier bemerken, daß die metallischen und erdigen Salze das ulmsaure Kali auf eine doppelte Weise zersezen; daß, aber der Niederschlag dieses Salzes durch Sodium Chlorür oder Kochsalz, obschon er wirklich Statt hat, nur dem Umstande allein zuzuschreiben ist, daß ulmsaures Kali in einer concentrirten Salzauflösung unauflösbar ist. Wenn man die Kochsalzauflösung mit einer gehörigen Menge Wassers verdünnt, |26| so hat kein Niederschlag mehr Statt. Diese Erscheinung hat Analogie mit jener, die bei dem Eisencyanür Statt hat, das unter dem Namen auflösbares Berlinerblau bekannt ist, welches kein fremdes Salz irgend einer Art enthält.

|26|

Annal. d. Chim. et d. Phys. T. XII. p. 195. A. d. O.

|26|

Annal. d. Chim. VI. p. 15. A. d. O.

|26|

Annal. d. Chim. XIV. p. 55. A. d. O.

|26|

Annal. d. Chim. VI. p. 212. u. s. A. d. O.

|27|

Annal. d. Chim. et de Phys. T. XII. p. 172. A. d. O.

|27|

Annal. d. Chim. et de Phys. T. XII. p. 205. A. d. O.

|29|

Annal. d. Chim. et de Phys. T. XI. p. 379.

A. d. O.

|30|

***Annal. d. Chim. et de Phys. T. XXXVII. p. 385. A. d. O.

|30|

Annal. d. Chim. T. XII. p. 294. A. d. O.

|30|

Annal. d. Chim. et de Phys. T. XXIV. 345. A. d. O.

|31|

Zwei Analysen gaben mir einen kleinen Ueberschuß von Wasserstoff, der mir aber so schwach schien, daß ich ihn vernachlässigen zu müssen glaubte, A. d. O.

|31|

C = 75,33.

|33|

C = 75,33.

A. d. O.

|35|

Annal. d. Chim. T. LX. p. 233. A. d. O.

|35|

Annal. d. Chim. T. XCV. P. 158.

|39|

Die aber nicht unauslöschbar ist, wie ihr Erfinder zeither selbst bemerkte. Vergl. Polyt. Journ. Bd. XXXIII. S. 195.) A. d. R.

|41|

Annal. d. Chim. T. LVII. LVIII. A. d. O.

|41|

Annal. d. Chim. et de Phys. T. XXXIX. p. 290. A. d. O.

|41|

Annal. d. Chim. et de Phys. T. XXXVI. p. 310. A. d. O.

|43|

Annal. d. Chim. et de Phys. T. IX. p. 113.

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