Titel: Bussy, Bemerkungen über künstliches Ultramarin.
Autor: Bussy, A.
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. XXXVIII. (S. 134–136)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/ar037038

XXXVIII. Bemerkung über künstliches Ultramarin. Von A. Bussy.

Aus dem Journal de Pharmacie. Mars 1830. S. 125.

„Man gelangte zur Einsicht der Möglichkeit, daß Ultramarin künstlich bereitet werden kann, als Vauquelin in den Annales de Chimie B. LXXXIX. von einer blauen Masse sprach, die man in einem Sodaofen des Hrn. Tassaert fand, und die ihm alle physischen Eigenschaften dieser kostbaren Farbe darbot.120) In den neuesten Zeiten haben die Untersuchungen des Hrn. Guimet und des Hrn. Gmelin die genügendsten Resultate hierüber geliefert. Die bisher bekannt gemachten Verfahrungsweisen bei Bereitung dieses Artikels sind jedoch so zusammengesezt, daß der Preis desselben noch |135| immer sehr hoch zu stehen kommt. Da ich wünsche dieses Verfahren bald vereinfacht zu sehen, hielt ich es nicht für überflüssig, eine Methode bekannt zu machen, die ihrer Einfachheit wegen beachtenswerth ist.“

„Wenn die Reverberirofen, in welchen die schwefelsaure Soda ausgeglüht wird, ausgebessert werden, so bemerke ich zuweilen, daß der Ziegeldamm, der das Product vom Herde scheidet, an verschiedenen Stellen mit einer Schichte von Ultramarin bedekt ist. Es scheint, daß vor der Bildung von Ultramarin sich Schwefelsodium erzeugt; denn die blauen Schichten sind mit kleinen glänzenden braunrothen Krystallen umgeben, die aus solcher Schwefelverbindung entstehen.“

„Hat die schwefelsaure Soda sich bloß durch die Wirkung der Wärme allein oder durch die gleichzeitige Wirkung der Wärme und des Kohlenstoffes zersezt? Oder hat sie sich durch Einfluß der Kieselerde und der Thonerde des Thones zersezt? Dieß sind Fragen, die ich noch nicht beantworten kann. Was ich aber hier zu beurkunden für nöthig finde, ist die Möglichkeit, Ultramarin aus schwefelsaurer Soda und aus Thon zu bereiten. Ich muß jedoch bemerken, daß die schwefelsaure Soda, wenn sie nicht mit einem Ueberschusse von Säure bereitet wird, durch den bloßen Einfluß der Hize des Reverberirofens sich in ein Sulfür verwandeln, und eine ziegelrothe Farbe annehmen kann. Wo ein Ueberschuß von Säure Statt hat, kann diese Zersezung nicht geschehen, und kein Ultramarin sich bilden.“

Obige Notiz, die wir Hrn. Kulmann verdanken, und die wir aus der lezten Nummer des Industriel entlehnten, schien uns in so fern interessant, als sie die Möglichkeit beweist. Ultramarin aus schwefelsaurer Soda durch Verwandlung derselben in Schwefelsodium zu erhaleen; wir theilen jedoch die Ansicht des Hrn. Verfassers in Hinsicht der Ursachen, welche die schwefelsaure Soda in Schwefelsodium verwandeln konnten, nicht.

Wir können nicht zugeben, daß sie der Gegenwart der Kiesel- und der Thonerde zuzuschreiben ist; denn man weiß ganz bestimmt, daß in diesem Falle sich Schwefelsaure entwikelt, und daß die Soda mit der Kieselerde und Thonerde in Verbindung tritt. Aus demselben Grunde wendet man zuweilen schwefelsaure Soda Statt der kohlensauren auf Glashütten an: die Kieselsäure tritt dann an die Stelle der Schwefelsaure, es hat aber keine Bildung von Sulfür Statt. Wir können ferner auch nicht zugeben, daß die Reduction der schwefelsauren Soda durch bloßen Einfluß der Wärme geschieht. Alles läßt vermuthen, daß in dem von Hrn. Kulmann beobachteten Falle die schwefelsaure Soda durch den Kohlenstoff oder durch das Kohlenstoffoxydgas |136| das sich bei der unvollkommenen Verbrennung der Kohle entwikelt, reducirt wurde. Es scheint uns daher, daß man weit sicherer und nach Belieben künstliches Ultramarin bereiten könnte, wenn man in gehörigem Verhältnisse Kieselerde, Thonerde und schwefelsaure Soda zusammenmengte. Man dürfte dann nur dieses Gemenge erhizen, und einen Strom von Wasserstoff durch dasselbe ziehen lassen, um die schwefelsaure Soda in Sulfür zu verwandeln und ihre Verbindung mit den übrigen Körpern zu bewirken. Um den Grad der Wahrscheinlichkeit, der für das Gelingen dieses Verfahrens Statt hat, kennen zu lernen, darf man nur jenes anführen, welches Hr. Prof. Gmelin zu Tübingen angegeben hat; das Einzige, das, so viel wir wissen, bekannt gemacht wurde. Er nimmt Kieselerde und Thonhydrat, die er beide auf die gewöhnliche Weise bereitet und in siedendem Wasser gut auswascht. Er löst hierauf die Kieselerde in einer Auflösung von kaustischer Soda so lang auf, bis diese von jener gesättigt ist, und sezt dann Thonerde, als Gallerte, in solchem Verhältnisse zu, daß Kieselerde und Thonerde, beide in trokenem Zustande angenommen, im Verhältnisse von 72 jene, diese von 70 in der Mischung vorkommen. Diese Mischung wird dann bis zur Consistenz eines feuchten Pulvers abgeraucht. Zugleich bereitet man Schwefelsodium, indem man zwei Theile Schwefel und Einen Theil basischer kohlensaurer Soda nach und nach in einem zugedekten Tiegel so lang erhizt, bis die Masse ruhig schmilzt. Dann wirft man in kleinen Quantitäten obige Mischung aus Kieselerde, Thonerde und Soda mitten in das geflossene Schwefelsodium, und nachdem der Tiegel eine Stunde lang einer mäßigen Hize ausgesezt war, zieht man denselben vom Feuer und läßt ihn erkalten. Man wird das Ultramarin mit einem Ueberschusse von Sulfür darin finden, das man durch Waschen beseitigt. Was den Schwefel betrifft, der noch unverbunden in der Masse seyn könnte, so verjagt man denselben durch gelinde Wärme, und wenn nicht alle Theile gleich gefärbt sind, so reibt man die Masse auf dem Reibsteine mit Wasser ab.121)

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Daß man Ultramarin künstlich, und nicht bloß aus Lapis-Lazuli oder Lazulit bereitet, davon war gewiß jeder denkende Mann überzeugt, der Gelegenheit hatte nur einige Hunderte der Hunderttausende von alten Handschriften, Incunabeln und älteren Druken, an welchen die Anfangsbuchstaben so häufig mit den herrlichsten Farben ausgemahlt sind, zu sehen, und der nur einige Kenntniß in den verschiedenen Zweigen der alteren Mahlerkunst besizt. Würde ein Chemiker die herrlichen Farben, die in alten Asceten, Choral- und Meßbüchern etc. oft 1/4 Linie dik aufgetragen sind, abkrazen und analysiren, er würde vielleicht manchen herrlichen Fund machen können. Es ist höchst wahrscheinlich, daß wenn Gmelin's und Guimet's Entdekung in Italien bekannter werden wird, irgend ein alter italiänischer Litterato uns zeigen wird, daß dieses Verfahren schon vor 300 Jahren in Italien bekannt war. Die Italiäner hatten im löten und 17ten Jahrhunderte es in Bereitung der Farben weiter gebracht, als wir ungeachtet aller unserer Fortschritte in der Chemie in neueren Zeiten es noch nicht wieder gebracht haben. Auch die Niederländer hatten treffliche Farbenbereiter. Es wäre der Mühe werth die Farben der Alten, so wie ihre Münzen und Metallarbeiter vorzüglich ihre Bronze, fleißiger zu analysiren, als es bisher geschah.

A. d. Ue.

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Man vergleiche hiemit Gmelins Abhandlung hierüber im polyt. Journale Bd. XXX. S. 125. A. d. R.

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