Titel: Dubrunfaut, über Runkelrübenzukers.
Autor: Dubrunfaut,
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. LIV. (S. 194–202)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/ar037054

LIV. I. Ueber die Identität des raffinirten Runkelrübenzukers und des Rohrzukers, und über die Mittel den Rohzuker beider zu unterscheiden. II. Ueber das Abschäumen des Saftes der Runkelrüben und ein neues Merkmal bei der Anwendung des Kalkes am Rohrzukersafte. III. Ueber Verwandlung des Stärkmehles in Zuker durch das Malz. IV. Fortschritte der Runkelrübenzuker-Fabrikation. Von Hrn. Dubrunfaut.

Aus dem Agricultur manufacturier. April – Mai. 1830. (Im Bulletin des Sciences technol. April 1830. S. 326.)

I.

Hr. Dubrunfaut bekämpft die Vorurtheile, nach welchen der raffinirte Runkelrübenzuker ein anderer Zuker seyn soll, als der Rohrzuker.183) Er zeigt, daß der Umstand, daß Runkelrübenzuker specifisch |195| leichter, und daher, in gleichem Volumen, weniger zukerhaltig ist, bloß von dem Verfahren bei dem Raffiniren abhängt, und bei demselben Verfahren auch bei dem Rohrzuker Statt hat. Nur wenn man |196| vom raffinirten Zuker zum Rohzuker übergeht, findet man verlässige Kennzeichen, durch welche man diese beiden Arten von Zuker beinahe immer mit Sicherheit unterscheiden kann. Der Rohr-Rohzuker hat meistens |197| einen gewissen Gährungsgeruch, welcher dem Runkelrüben-Rohzuker fehlt. Dieser hat dafür einen etwas scharfen Nachgeschmak, oder einen alkalischen oder säuerlichen Nachgeschmak, und in keinem Falle den honigartigen Nachgeschmak des Rohrzukers, außer wenn man ihm denselben besonders mittheilt. Außer diesen beiden durch unsere Sinne wahrnehmbaren Unterschieden gibt es aber noch zwei verschiedene Verfahrungsweisen, um beide Arten von Zuker von einander zu unterscheiden.

1stes Verfahren. Man nimmt 1 Theil des zu untersuchenden Zukers, und 6 bis 7 Theile Salpetersäure von 25°, wie zur Bereitung |198| der Zuker- oder Sauerkleesäure. Man erhizt sie, und läßt sie so lang kochen, bis keine rothen Dämpfe (salpetriges Gas) mehr aufsteigen. Wenn man dann die Flüssigkeit betrachtet, und am Boden des Kolbens einen weißen Niederschlag findet, so ist der Zuker Runkelrübenzuker. Dieser Niederschlag ist sauerkleesaurer Kalk, welcher durch die Gegenwart des Kalkes in diesem Zuker erzeugt wird.184)

2tes Verfahren. Man löst den Zuker in destillirtem Wasser oder in Regenwasser auf, und tröpfelt einige Tropfen basisch essigsaures Blei in diese Auflösung. Wenn der Zuker Runkelrübenzuker ist, wird sich immer ein häufigerer Niederschlag finden. Wenn man ferner ein paar Stunden wartet, wird man finden, daß beim Runkelrübenzuker die Flüssigkeit, die über dem Niederschlage steht, hell ist, während sie beim Rohrzuker etwas schillert und der Niederschlag sich nur schlecht bildet.

II.

Die gegenwärtig gebräuchlichste Methode Abzuschäumen ist ganz dieselbe, wie in den Colonien, d.h. bloß mittelst Kalkes. Erst in diesem Jahre hat sie sich auf eine siegreiche Weise in einem großen Theile unserer Runkelrübenzuker-Raffinerien verbreitet, und zwar unter dem Schuze der gekörnten Kohle in starker Gabe, wodurch den Nachtheilen vorgebeugt wird, welche diese Methode bei Rüben hat, die sehr reich an Kali sind. Einer der wichtigsten Nachtheile derselben war die Schwierigkeit beim Klären.

Hr. Dubrunfaut verfuhr bei dieser Arbeit auf folgende Weise. Der Kalk wurde, wie gewöhnlich, gelöscht, und 5 1/2 bis 7 Gramm (1 Gramm = 16 Gran bayersches Apothek. Gewicht) auf das Liter (0,7068 Wiener Maß) für die angewendeten Wurzeln abgewogen und mit Wasser angerührt. Man sezte ihn dem Safte bei 70 bis 75° am hundertgradigen Thermometer unter starkem Umrühren zu. Hierauf beobachtete man den Saft auf einem Löffel. Wenn sich nun ein leichtes Häutchen auf der Oberfläche der Flüssigkeit bildete, so hielt man die Menge Kalkes für hinreichend, und fing an zu sieden; im entgegengesezten Falle sezte man so lang Kalk zu, bis ein solches Häutchen zum Vorscheine kam. Bis jezt galt Klarheit des Saftes für das einzige Merkmal einer guten Abschäumung: allein diese Klarheit |199| kann sehr wohl Statt haben, ohne daß eine vollständige Abschäumung geschehen ist. Das Kennzeichen, welches von dem Häutchen hergenommen ist, gewährt dafür immer volle Sicherheit, daß man eine gehörige Abschäumung erhalten wird. Was zeigt uns dieses Häutchen, das bloßer kohlensaurer Kalk ist, der sich in Berührung mit der atmosphärischen Luft bildete, anders, als daß der Saft Kalk aufgelöst enthält, und zwar im Ueberschusse? Nun ist es aber gerade dieser Ueberschuß, den Hr. Dubrunfaut für durchaus nothwendig hält, wenn die Arbeit gelingen soll. Da der Kalk dazu bestimmt ist, die fremdartigen Theile in dem Safte des Zukers abzuscheiden, welche die Krystallisation desselben erschweren würden, so wäre das beste Mittel hierzu dieses, den Kalk in dem gehörigen Verhältnisse zuzusezen. Da es uns aber bisher unmöglich ist, dieses Verhältniß mit Genauigkeit zu bestimmen, so muß man sich bis zu einem kleinen Ueberschusse vorwagen.

Die Anzeige der Abwesenheit des Kalkes in dem Runkelrübensafte beruhte also auf unvollständigen Versuchen, wie das Kennzeichen der Abschäumung, das Hr. Dubrunfaut hier aufstellt, deutlich erweiset. Hr. Dubrunfaut schließt mit einigen Bemerkungen über Kalks dosen in der Fabrik des Hrn. Aubineau zu Dallon, wo man bis auf 21 Gramm auf das Liter stieg.

III.

Man weiß daß Malz, wenn es mit Stärke in Berührung gebracht wird, bei einer Temperatur von 62 bis 70° beinahe augenbliklich flüssig wird. Dieses Verfahren, daß sich beim Brautweinbrennen, Brauen, bei der Syrupbereitung anwenden ließe, hat den Nachtheil, die Flüssigkeit durch das Parenchym des Malzes teigig zu machen. Dieser Nachtheil läßt sich vermeiden, wenn man das Malz für sich allein bei einer Temperatur von 62° einweicht, die klare Flüssigkeit, welche man dadurch erhält, sammelt, und dann mit dem zu einem Kleister angerührten Starkmehle mengt, so daß man eine Temperatur von 62 bis 70° am hundertgradigen Thermometer erhält. Diese Flüssigkeit oder dieses Malzexract hat also alle Eigenschaften des Malzes, behält jedoch dieselben nur so lang, als sie noch nicht über eine Temperatur von 70° erhizt wurde. Denn in dieser Temperatur wird sie trüb, und wenn sie bis zum Sieden gebracht wird, bildet sie einen mehr oder minder häufigen Niederschlag, der aus einem gelben, schmuzigen, in Wasser und in Alkohol unauflösbaren Stoffe besteht. Dieser gibt bei der Destillation etwas Ammonium, besizt mehrere Eigenschaften des Klebers, und scheint nichts anderes als dieser Kleber, der durch das Keimen auflösbar wurde.

Diese Thatsache erklärt den Nachtheil, welcher entsteht, wenn man |200| Stärke, die man in Zuker verwandeln will, bis auf 100° erhizt; sie erklärt auch, warum man bei dem Brauen nie siedend heißes Wasser zum Einweichen nehmen darf. Man hat selbst bemerkt, daß über 70° die Verwandlung in Zuker weniger gut von Statten geht, und daß sie, ohne allen Zweifel, bei 87° gar nicht Statt haben würde. In jedem Falle verwandelt das Malz nur jenen Theil des Stärkmehles in Zuker, welcher in siedend heißem Wasser auflösbar ist, und welchen Hr. Raspail als ein Analogon für Gummi darstellte. Die Deke, welche in der Stärke nur aufgeschwollen und im Wasser schwebend erhalten wird, erleidet nicht die Wirkung des Malzes. Man weiß auch, daß dieselbe Deke den Einwirkungen der Schwefelsäure widersteht. Dieser Umstand erzeugt ohne Zweifel den Unterschied, den man in den Producten der Stärkzuker-Fabriken wahrnimmt, und der nach Hrn. de Saussure im Laboratorium gemacht wird.

IV.
Ueber die Fortschritte der Runkelrübenzuker-Fabrikation in Frankreich in den Jahren 1829–30. April 1830.

Dieses Jahr, in welchem an 200 Fabriken gearbeitet haben, ist eines der merkwürdigsten durch die Aufklärungen, welche dieses Geschäft erhalten hat. Bisher schwankte dasselbe noch in der That zwischen Methoden, welche sowohl in ihren Grundsäzen, als in der Anwendung derselben und in den Hülfsmitteln von einander abwichen. Nun hat sich eine neue Laufbahn geöffnet, und Hr. Dubrunfaut betrachtet dieselbe, ohne sich die Schwierigkeiten zu verbergen, auf welche man auf derselben stoßen wird, als die einzige Richtung, welche man allen Verbesserungen in diesem Zweige der Industrie wird geben müssen. Er erklärt seine Ansichten, indem er an die Schwierigkeiten erinnert, welche bei den Krystallisirgefäßen und bei der Anwendung des Dampfes Statt haben, wenn man gewiß seyn will, daß jedes Mal der Sud gelingt. Heute zu Tage sind alle Verbesserungen auf die Verbesserung des Syrupes gerichtet, welche man durch thierische Kohle erhält, wenn man sie in starker Gabe anwendet. Diese Richtung, welche die Runkelrübenzuker-Fabrikation gegenwärtig genommen hat, verdankt man großentheils dem Gebrauche des Filtrirapparates mit körniger Kohle, welchen Hr. Dumont uns zuerst kennen lehrte.185) Gegen diese Methode läßt sich indessen die ungeheuere Menge Materiales einwenden, welches man bei derselben braucht, und deren Preis bis auf eine unbestimmte Höhe steigen kann.

|201|

Das Abschäumen mittelst Kalkes wurde gleichfalls als die einzige gute Methode anerkannt, und der klar abgezogene Saft wird hierauf filtrirt. Die Säure wurde gänzlich bei allen Anstalten aufgegeben, an welchen man von körniger Kohle Gebrauch machte, die man damals bis zu einer Menge von 50–60 p. C. des vermeintlichen Zukers im Syrupe anwendete. Durch Beseitigung dieses so äußerst schwierig zu behandelnden Mittels wird die Arbeit um Vieles einfacher; die Verbesserung des Syrupes durch die Kohle macht sie um Vieles leichter, und man kommt auf Ersparung, auf Anwendung von Maschinen und einfache Apparate zurük. Diese Richtung hat Hr. Dubrunfaut in seinen Antworten an die Untersuchungs-Commission sehr empfohlen.

Die Apparate sind auf demselben Punkte geblieben, auf welchem sie im vorigen Jahre standen: man hat nur die Ausführung derselben vervollkommnet. Die Abschäumungskessel in freiem Feuer wurden in mehreren Fabriken beweglich vorgerichtet, damit man desto leichter den Kessel vom Feuer nehmen kann, damit der Syrup sich leichter und schneller sezen, und dem Aufsteigen abgeholfen werden kann. Eingesotten wird bei freiem Feuer beinahe überall in feststehenden Kesseln von 5 Fuß Länge und 2 1/2 Fuß Breite. Zehn ähnliche Kessel reichen bei den HHrn. Blanquet et Harpignies zum Einsieden von 100 Hektoliter186) in 12 Stunden zu. Der Klarkessel ist bei dem neuen Verfahren nicht mehr so unentbehrlich. Die Anwendung des Blutes ist theils vermindert, theils beseitigt. Das Auswaschen der Kohle geschieht ohne Schwierigkeit mit dem abgeschäumten Safte.

Das Heizen mit Dampf findet noch bei denjenigen Theilnahme, die mittelst Dampfes kochen, vorzüglich deßwegen, weil man dadurch beinahe augenbliklich das Heizen unterbrechen kann. Statt der Speisungspumpen läßt man das Wasser zurüklaufen.

Hr. Dubrunfaut hat in einer von ihm erbauten Fabrik die Autoclave mit Vortheil bei dem Aufsieden (montage) des Saftes und der Syrupe angewendet,. Er ließ auch große mit Zink ausgefütterte hölzerne Kisten verfertigen, um die Formen zu ersezen, und man hat sich bei denselben sehr gut befunden.

Die Klärmethode, welche Hr. Dubrunfaut im lezten Jahre einführte, hat sich in mehreren Fabriken erhalten; das Verfahren bei derselben ist aber etwas schwierig. Das Verfahren mittelst des sogenannten Mutisme hat im Großen Schwierigkeiten bei der Ausführung gezeigt, welche man der schlechten Qualität der Wurzeln zuschrieb. Der Saft der Wurzeln, welchen man dieser Operation unterwirft, |202| gibt bei der Abschäumung häufige Niederschläge, die nicht als Schaum aufsteigen können, und die sich nur langsam sezen. Die Behandlung mit Erde so wie das Klären läßt sich nur bei grobkörnigem Zuker mit Vortheil anwenden, folglich nur bei Syrupen, die schwach gekocht wurden. Hr. Dubrunfaut verspricht, außer dieser allgemeinen Uebersicht über die gesammte Fabrikation, diejenigen Theile der Runkelrübenzuker-Fabrikation, die noch weiterer Ausführung und Erklärung bedürfen, umständlicher im Detail zu behandeln.

|194|

Die Vorurtheile gegen Runkelrübenzuker in Frankreich widerlegen sich desto leichter, als sie auf der einen Seite bloß durch die Zukerplantagen-Besizer und die Rohrzuker-Raffineurs erzeugt wurden und unterhalten werden, und auf der anderen durch die Runkelrübenbauer und durch die Runkelrübenzuker-Raffineurs mit guter Waare für wohlfeilen Preis praktisch widerlegt werden. Es ist in der That eine sonderbare Erscheinung, daß, während der Runkelrübenzuker eine deutsche Erfindung ist, die bereits ein Alter von 50 Jahren erreichte, Deutschland von dieser Erfindung bisher noch beinahe gar keinen Nuzen zog, während Frankreich dieselbe, man darf sagen, selbst zu seinem eigenen Schaden, benüzt. Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn die Colonialgeseze Frankreichs nicht so bodenlos dumm wären, wenn die Steuern und Abgaben auf Colonial-Rohzuker, Zuker-Raffinirung und raffinirten Zuker nicht so unerschwinglich hoch stünden, Frankreich nicht bloß seinen Bedarf an Rohrzuker um die Hälfte, vielleicht um zwei Drittel sogar, wohlfeiler erhalten, sondern selbst aus seinen wenigen Colonien die Hälfte von Deutschland mit Zuker, und zwar noch überdieß um die Hälfte wohlfeiler als bisher, versehen könnte. Man kann sagen, daß Frankreich und England heute zu Tage mit einander wetteifern, wer in Verwaltung seiner Colonien und in Rohrzuker-Erzeugung dümmer zu seyn vermag. Die heutigen britischen Finanzminister haben vergessen, daß wegen 9 kr. Aufschlag auf das Pfd. Thee Nordamerika verloren ging, und die heutigen Minister Frankreichs vergaßen die Erzeugnisse von 1789. Diese Dummheit kommt allerdings denjenigen deutschen Völkerstämmen, welche gleichfalls einige Colonien im Zukerklima besizen, den Holländern, Dänen und Schweden, deren Colonialgeseze menschlicher sind, sehr zu Statten; allein das eigentliche Deutschland leidet durch die Dummheit der französischen und englischen Zukergeseze noch weit mehr, als durch den Eigennuz der Franzosen und der Engländer selbst, und sieht mit Sehnsucht der nahen Epoche entgegen, wo Brasilien, wo die Republiken in Süd- und Mittelamerika und die Vereinigten Staaten das bittere Joch, das es um des Bedarfes seiner Süßigkeiten willen ertragen muß, von seinem Naken nehmen werden. Frankreichs Zukerbedarf ist nun bereits zu einem beträchtlichen Theile durch seine Runkelrübenzuker-Raffinerien in den nördlichen Provinzen gedekt: die Zahl der lezteren steigt beinahe schon bis zu Tausenden, und das Capital in denselben zu vielen vielen Millionen. Während Frankreich aber dadurch auf der einen Seite seinen Bedarf an Zuker, und auf der anderen durch das Emporkommen |195| der bisher innerhalb seiner Gränzen beinahe unmöglich gewordenen Viehzucht mittelst des Futters, welches die Runkelrübe vor und bei ihrer Verwandlung gewährt, auch seinen Bedarf an Fleisch sich sichert, verliert es an dem Werthe seiner Colonien, in welchen der Zukerbau mit jeder Woche mehr und mehr in Verfall geräth. Frankreich verliert indessen hier nur auf Einer Seite, während Deutschland dabei doppelt leidet. Es muß seinen Bedarf an Zuker in beinahe jährlich steigenden Preisen bezahlen, und verliert den Vortheil, den es bisher aus seinem Viehhandel mit Frankreich hatte. Ungeachtet dieser beiden so fühlbaren Nachtheile haben wir indessen seit 30 Jahren in Deutschland unsere Felder lieber brach liegen lassen, als daß wir Runkelrüben auf denselben zu Futter für unsere Thiere und auf Zuker für uns selbst gebaut hätten. Die Runkelrübenzuker-Raffinerie blieb gerade in denjenigen Ländern Deutschlands am meisten zurük, wo die Viehzucht am weitesten zurük ist, und wo ein großer Theil des Fleischbedarfes aus dem Auslande herbeigeschafft werden muß, mit Millionen baaren Geldes!

Wie kommt es nun, daß in Frankreich in den lezten 15 Jahren die Runkelrübenzuker-Raffinerie einen so riesenhaften Aufschwung nahm, während sie in Deutschland so zu sagen in der Geburt erstikte, da doch in Frankreich, außer den großen Schwierigkeiten, die aus der Concurrenz mit dem einheimischen Rohrzuker-Erzeuger und Raffineur entstehen mußten, der weit höhere Werth der Gründe, des Arbeitslohnes, des Brennmaterials, der Baukosten etc. (im Verhältniß zu den Preisen in Deutschland) eben so viele Hindernisse zu seyn scheinen, als das Gegentheil von allem diesen in Deutschland als Aufmunterung erscheinen sollte?

Die Ursachen dieser sonderbaren Erscheinung scheinen uns in Folgendem zu liegen. In Deutschland waren es bisher fast immer Stubengelehrte, die sich mit Runkelrübenzuker-Erzeugung und Raffinerie beschäftigten, und man weiß, daß Gelehrte weit ehe im Stande sind die besten praktischen Anstalten zu Grunde zu richten, wenn sie unter ihre Hände gerathen, als eine solche zwekmäßig zu errichten; es wurde in Deutschland, wie es leider der größte aller Deutschen zu seiner Zeit schon laut beklagte (Friedrich II. unsterblichen Andenkens) „viel geschrieben, wenig gelesen und noch weniger gethan.“ In Frankreich waren es nicht Gelehrte, die sich mit Runkelrübenzuker-Raffinerie befaßten, sondern praktische, zugleich aber auch wohl unterrichtete, Landwirthe und chemische Waarenfabrikanten. Es ist ein mächtiger Unterschied zwischen einem, wenn man ihn so nennen darf, gelehrten Chemiker, und zwischen einem chemischen Gelehrten, zwischen einem gelehrten, d.h., gründlich unterrichteten, Landwirthe, und einem landwirtschaftlichen Gelehrten. Der Mann, der eine längere Zeit über Landwirthschaft und Chemie praktisch trieb, weiß aus den traurigsten Erfahrungen, woran es ihm und seiner Kunst in jenem Zweige, welchen er betreibt, noch fehlt; er studirt die Wissenschaft, auf welche seine Kunst sich gründet, in der Absicht, die leztere, nicht die Wissenschaft selbst, zu vervollkommnen, ihren Mangeln abzuhelfen; er hat keinen anderen Zwek bei seinem wissenschaftlichen Studium, als die Wissenschaft gemeinnüzig zu machen und sie, wie einst Sokrates die Weisheit, aus der Welt über dem Monde in die Welt unter dem Monde herabzuführen und in das Leben einzuführen.

Der Stubengelehrte hingegen beschäftigt sich lediglich mit der Theorie seiner Wissenschaft; er kennt höchstens nur die Mängel und die Gränzen seiner Wissenschaft in ihrem theoretischen Theile, und trachtet jenen abzuhelfen und diese zu erweitern; wozu sein Wissen ihm und anderen nüzen kann, vermag er oft bei all seiner Weisheit nicht einmal zu ahnden: er ist nicht selten dem reichen Manne gleich, der einen Sak voll Münzen aus allen Zeiten und Orten aufbewahrt, und nicht ehe weiß, was er eigentlich an denselben für einen Schaz besizt, bis ein ehrlicher Jude kommt, der die ältere und neuere Numismatik praktisch versteht, und ihm den Werth seiner gesammelten Stüke angibt, wo es sich dann nicht selten zeigt, daß eine kleine Kupfermünze zehn Mal mehr Werth hat, als ein großes Silberstük, und manches kleine Silberstük zehn Mal mehr gilt unter denjenigen, die sich auf Münzen verstehen, als das größte Goldstük in seinem, großen Sake. Der Stubengelehrte war und ist meistens nur auf den engen Kreis |196| der Leute seines gleichen und seiner Bücherwelt beschränkt; er verschmäht es meistens sich zu den schmuzigen Handwerkern herabzulassen und diesen mit seinem Rathe beizustehen, und wenn er auch so gutmüthig und herablassend ist, sich mit diesen Philistern abzugeben, so verstehen diese seine gelehrten Worte oft eben so wenig, als er ihre einfältigen Fragen, und man sieht nicht selten, daß es auf den Rath eines solchen Gelehrten in einer Fabrik oder Landwirthschaft noch schlechter hergeht, als ehevor. Der praktische Chemiker und Landwirth hingegen ist in täglicher Berührung mit den Leuten seines gleichen und mit den verschiedenen Arbeitern und Handwerken, deren er zu seinen Zweken bedarf; diese lernen von ihm und er lernt von ihnen, indem sie alle dasselbe Interesse und dieselbe Sprache verbindet? Sie verstehen sich einander bei dem Austausche ihrer Ideen, und so verbreitet sich nach und nach eine Masse nüzlicher Kenntnisse durch einige thätige Landwirthe und Fabrikanten erst in ihrer nächsten Umgebung, dann durch den ganzen Ort, den sie bewohnen, und endlich im Lande selbst. Man kann nicht läugnen, daß unter der jezigen arbeitenden Classe in Frankreich eine Masse von Kenntnissen verbreitet ist, wie man sie in keinem anderen Lande (mit Ausnahme Nordamerika's) findet. Mitten unter den blutigen Stürmen der Revolution und den mörderischen Kriegen des Kaiserreiches wurden in jedem Departement botanische Garten, große, Bäume und nüzliche Gewächse unentgeldlich an das Volk abgebende, ökonomische Gärten angelegt (die sogenannten Pépinières); es wurden Schulen zum Unterrichte in Mathematik in allen ihren Zweigen, vorzüglich in Mechanik, in Naturgeschichte, vorzüglich in Mineralogie, in Physik und Chemie errichtet; nicht bloß die Jugend, auch Erwachsene, selbst Frauen nahmen an dem Unterrichte in den ökonomischen Gärten Theil. Bei uns in Deutschland fehlt es an ähnlichen Anstalten. Unsere botanischen Gärten sind höchstens Attribute der Universitäten, und an vielen derselben äußerst kümmerlich ausgestattet; in manchem Staate will man sogar an Bibliotheken der Universitäten und Akademien nichts von Büchern hören, die von „Kräuteln und Viehern“ handeln; man möchte jedoch in diesem Lande auch Runkelrübenzuker, und dieser läßt sich nie und nimmermehr erhalten, bis nicht eine tüchtige Masse von Kenntnissen über „Kräutel und Vieher“ wenn nicht unter dem Volke, doch wenigstens unter den Besizern größerer Grundstüke verbreitet ist. Wir erlauben uns die Frage: Wie viel Güterbesizer in Bayern wissen, was eine Runkelrübe ist? Wie viel derjenigen, die dieß wissen, haben eine Runkelrübe jemals in ihrem Leben gesehen? Und wenn sie dieses nüzliche Gewächs kennen lernen wollen, müssen sie erst nach München, Erlangen oder Würzburg reisen, und finden es dort, höchstens in einer einzigen Sorte, verkümmert und verkrüppelt im botanischen Garten. In Frankreich ist kein Departement mehr, wo nicht die bettes-raves in allen ihren vielen Sorten im landwirtschaftlichen Garten des Departements zu sehen und zu haben wären, und es wird vielleicht in Frankreich eben so wenig Güterbesizer geben, die die Runkelrübe nicht kennen, als es bei uns solche gibt, die sie kennen. Daß nun aber in einem Lande dasjenige gebaut werde, was man nicht kennt, ist eine Forderung, die nur ein Schreiber an das Volk stellen kann, der glaubt er habe Alles für das Volk gethan, wenn er die Versefabrikation vor der Runkelrübenzuker-Fabrikation begünstigt, und die belles lettres vor den sciences exactes fördert.

Außer dem Mangel an den nöthigen Kenntnissen unter dem Volke fehlt es aber auch im südlichen Deutschland noch an einem anderen höchst wichtigen Umstande für das Gedeihen eines jeden Zweiges der Industrie, an Capitalien, und was höchst sonderbar ist, es fehlt an Capitalien bei einem Ueberflusse von baarem Gelde. Nach einem alten Zuge im Charakter der Süddeutschen, der sich in ganz eigenen Hieroglyphen, genannt Laub oder Gras, Eichel, Schellen und Herz ausgesprochen hat, haben diese guten Leute mehr Hang zum Spielen, als ihre Nachbarn, bei welchen die Karte fremden Ursprunges ist: französischen oder spanischen Ursprunges nämlich. Diesem Hange getreu sezen sie nun lieber ihre Thaler auf Börsenspiel, als auf den sichereren Gewinn belebter Industrie und geförderter Landwirthschaft. Uneingedenk der schweren Lotionen, die ihnen kaum vor 20 und |197| 30 Jahren die Assignate, die Bancozettel, die Arrosirungen etc. auswendig zu lernen gaben, verwandeln sie, den alten Alchymisten gleich, ihr Gold und Silber in Lumpenwaare, in Loose, Bons, Coupons und wie dieser Tand aller heißt, um etwas zu spielen zu haben. Sie haben die Staatsbankerotte vergessen, die im Osten und Westen und im Süden gemacht wurden; sie haben die erste Regel in jedem Spiele vergessen: daß immer nur der Eigenthümer der Spielbank gewinnt, und daß, wenn ja ein günstiger Zufall, der unter 1000 Millionen Mal sich ein Mal zuträgt, alles Geld in die Hand eines Einzigen oder weniger Einzelnen unter den Spielenden gebracht hat, dieser Spieler, oder diese Spieler in so fern sie mit dem Gelde der Fürsten und Völker spielen, eben so gut und sicher ein Va trône! oder Va carte! als der glükliche Spieler an einer Spielbank ein Va banque! spielen können. Es ist auch übrigens weit leichter von dem augenbliklichen Steigen und Fallen der Lumpenwaare Vortheile zu ziehen, als von dem stäten Steigen der Industrie: jenes kann buchstäblich spielend, mit aller Faulheit und Bequemlichkeit, geschehen, dieses nur mit Mühe und Arbeit. Daher finden wir auch das Börsespiel nur in jenen Ländern in seinem rollen Umschwunge, wo mehr Lässigkeit und Faulheit, als Thätigkeit und Betriebsamkeit im Charakter des Volkes liegt, wo mehr gehandelt, gekrämert und geschachert wird, als gearbeitet. Das arbeitsame gewerbfleißige Sachsen hat seine vielen vielen Millionen in seinen Fabriken, in seinen Schafheerden steken; es hat keine Bank und seine ehrwürdigen Banquiers zu Leipzig, durch deren Hände zur Meßzeit Millionen laufen, besizen selbst theils Fabriken, theils trefflich verwaltete Landgüter. Die Leipziger Curszettel machen kein solches Hummelgesumme unter den deutschen Arbeitsbienen, wie die Augsburger und Frankfurter. Es liegt etwas im Charakter der Völker selbst, so wie im Charakter der einzelnen Menschen, was sie zu industriellen oder zu commerciellen Unternehmungen mehr geneigt und geeignet macht. Wo mehr Egoismus, mehr Faulheit und Leichtsinn, und doch zugleich mehr Habsucht vorherrschend ist, finden wir Kaufleute, Krämer, Banquiers ohne Ende; wo mehr Regsamkeit, Betriebsamkeit, Sparsamkeit und Nüchternheit, mehr geistiges Leben, mehr Bürgersinn als Kosmopolitismus herrscht, finden wir mehr Landwirthe und Fabrikanten. In dem Gefühle ihrer eigenen Kraft, sich im Schweiße ihres Angesichtes durch die Geschiklichkeit ihrer Hände und die Talente ihres Geistes nähren zu können, in dem Gefühle, daß die Kaufleute nur durch sie zum Theile das sind, was sie sind, sehen sie mit jener Verachtung auf diese herab, mit welcher jeder rechtliche Mann den müßigen Hazardspieler, den Wucherer und Schacherer betrachtet, während die Kaufleute und die Banquiers von den Pavillons ihrer epikuräischen Gärten aus mit einem Anstriche von einer Art epikuräischer Weisheit und höherer Weltkenntniß auf die Fabrikanten als auf die „schweinische Heerde“ herabbliken, die sie so oft unter ihre Scheere nehmen können, als es ihnen beliebt. Wo ein Landwirth als wohlhabender Güterbesizer nur für einen Bauer gilt; wo der Edelmann, der auf seinem väterlichen Gute die Cultur des Landes mehr fördert, als den Glanz der Hauptstadt, als Landjunker verachtet ist von den Edlen seines Ranges, wo der Fabrikant, selbst wenn er reicher ist, als der Hr. Minister, und mehr Tausende nährt und glüklich macht, als dieser unglüklich, wo der Fabrikant nicht mehr geachtet ist, als der gemeinste Handwerker; da wird Landwirthschaft immer darnieder liegen. A. d. U.

|198|

Wie, wenn aber auch im Rohrzuker Kalk ist, was nicht selten der Fall ist? Wir haben auf unsere Rohrzuker, wie es scheint, bisher zu wenig Aufmerksamkeit gewendet. Es kommt allerlei in Zuker vor, was nicht Zuker ist. Es wäre der Mühe werth, daß unsere Chemiker die verschiedenen Zuker fleißiger analysirten, und daß jeder Kaufmann, von Polizei wegen, gehalten wäre, den Namen des Raffineurs urkundlich anzugeben, von welchem er seinen Zuker bezieht. Daß dieser Vorschlag keine Grille ist, wird jeder gestehen, der weiß, wie in Zuker-Raffinerien gearbeitet wird. A. d. Ue.

|200|

Wir haben Dumont's Filter im 1. Märzhefte XXXV. Bd. S. 358. des polytechnischen Journales mitgetheilt. A. d. Ue.

|201|

Ein Hektoliter ist 70 1/2 Wiener Maß. A. d. Ue.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: