Titel: Boullay, über das Volumen der Atome etc.
Autor: Boullay, Polydore
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. LXXV. (S. 283–288)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/ar037075

LXXV. Ueber das Volumen der Atome und die Veränderungen, welche dasselbe bei den chemischen Verbindungen erleidet. Von Hrn. Polydore Boullay, d. Sohne.

Auszug aus einer Dissertation desselben im Journal d. Pharmacie. Juillet. S 398.226)

Hr. Bullay, der Sohn, suchte in dieser Abhandlung die Veränderungen zu bestimmen, welche das Volumen eines zusammengesezten Körpers im Vergleiche zum Volumen der zusammensezenden Körper lediglich durch die bloße Verbindung erleidet. Das eine der Elemente dieser Bestimmung ist durch die specifischen Schweren gegeben. Er mußte also vor Allem die bis auf den heutigen Tag bekannten specifischen Schweren sammeln, prüfen, diejenigen, welche noch nicht ganz zuverlässig waren, genauer bestimmen, und durch neue Versuche die zahlreichen Lüken ausfüllen, die noch bis zur Stunde in den gewöhnlichen Tabellen sich finden.

Wir führen in der gegenwärtigen Tabelle nur jene specifischen Schweren an, welche er selbst bestimmt hat, und werden dann einige Worte über das Verfahren beifügen, welches er befolgte, um dieselben zu erhalten.

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Tabelle.


Namen der Körper.

Formeln.
Mittlere
Dichtigkeiten
der erhaltenen
Resultate.

Bemerkungen.
Spießglanz-Protoxyd. Sb² + O³ 5,778 In langen Nadeln.
Spießglanz-Deuteroxyd. Sb + O² 6,525
Silber-Oxyd Ag² + O 7,250 Aus salpetersaurem Silber mittelst
reiner überschüssiger Potasche.
Silber-Chlorür Ag + Ch 5,548
Silber-Jodür Ag + I. 5,614
Queksilber-Bioxyd Hg² + O 11,000 Durch Calcinirung des salpetersauren
Queksilbers.
Queksilber-Bichlorür Hg + Ch 5,420
Queksilber-Chlorür Hg² + Ch 7,140
Queksilber-Bijodür Hg + I 6,320
Queksilber-Jodür Hg² + I 7,750
Queksilber-Bisulfür Hg² + S 8,124
Kupfer-Protoxyd Cu² + O 5,300 Natürliche Krystalle.
Kupfer-Bioxyd Cu + O 6,130 Durch Calcinirung des salpetersauren.
Wißmuth-Oxyd Di² + O³ 8,968 Ebenso.
Zinn-Deuteroxyd St + O² 6,900
Zinn-Protosulfür St + S 5,267
Zinn-Bisulfür St + S² 4,415
Blei-Protoxyd Pb + O 9,500
Blei-Peroxyd Pb + O² 9,190
Blei-Jodür Pb + I² 6,110
Zink-Oxyd Zi + O 5,600
Eisen-Peroxyd Fe² + O³ 5,225
Eisen-Deuteroxyd Fe + O + 2 (Fe² + O³) 5,400 Mittelst Wasserdampfes.
Eisen-Deuteroxyd 2 (Fe + O) + (Fe² + O³) 5,480 Reiner Hammerschlag.
Kalk Ca + O 3,179
Calcium-Chlorür 2,269
2,214
Barium-Chlorür 3,860
Potassium-Jodür 4,156
3,078
3,104

Verfahren, die Dichtigkeiten zu erhalten.

Man weiß, daß, wenn man die Dichtigkeit eines Körpers finden will, man trachten muß denselben entweder krystallisirt, oder grob gepulvert zu erhalten, wenn leere Räume in den Krystallen vorzukommen scheinen. In lezterem Falle reicht es hin, den ursprünglichen Krystall in mehrere kleine zu theilen, welche man dann als hinlänglich rein betrachten kann.

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Wenn der Körper sich nicht krystallisirt, muß er auf mechanische Weise, oder durch chemischen Niederschlag fein gepülvert werden. Wenn man mit gehöriger Sorgfalt arbeitet, so erhält man immer dieselben Resultate, der Körper mag sich in was immer für einem Zustande befinden: allein, wenn das Verfahren bei krystallisirten Körpern leicht und einfach ist, indem es sich bloß darum handelt, den Körper in der Luft und hierauf im Wasser zu wägen, so ist dieß nicht derselbe Fall bei gepulverten Körpern.

Die Pulver verdichten immer eine größere oder geringere Menge Gases, oder enthalten Luft, welche sie mit solcher Kraft umhüllt, daß man sie nur mit Mühe befeuchten kann. Indessen gelingt dieß am Ende doch, indem man sie entweder so lang kocht, bis sie sich vollkommen auf dem Boden des Gefäßes gesammelt haben, und sie sodann so lang dem leeren Raume aussezt, als noch Luftblasen aus demselben aufsteigen, oder indem man sich bloß auf die Luftpumpe beschränkt. Hr. Boullay beschränkte sich bloß auf leztere. Er bediente sich kleiner Flaschen, die 30 bis 40 kubische Centimeter hielten, und die mit einem Stüke Glasröhre, das mit Schmergel abgerieben war, geschlossen waren. Homberg lehrte zuerst solche kleine Flaschen anwenden, und heute zu Tage werden dieselben, mit kleinen Abänderungen, allgemein angewendet.

Das Pulver kommt in diese kleinen Flaschen, und wird mit siedend heißem Wasser bedekt; man rührt mit einem Platinna-Drathe, um die Entwikelung der Luft so viel wie möglich zu begünstigen, und bringt dann die Gloke unter die Luftpumpe, unter welcher man behutsam und langsam einen leeren Raum herzustellen sucht. Man überläßt das Fläschchen hierauf 12 Stunden lang sich selbst, oder überhaupt so lang, als sich noch Luft entwikelt, und schließt dann den Versuch auf die gewöhnliche Weise.

Wasser ist nicht das einzige Vehikel, dessen man sich bedienen kann, um die Dichtigkeit der Körper zu bestimmen. Man muß sogar nothwendig, wenn sie auflösbar sind, sich eines anderen Mittels bedienen. Queksilber wäre in dieser Hinsicht ein sehr kostbares Mittel, weil es nur wenige Körper gibt, welche von demselben aufgelöst werden; es nezt sie aber zu wenig und zu schwer, als daß man sich desselben zur Bestimmung des Volumens gepulverter Körper, und selbst der Krystalle, bedienen könnte. Man weiß auch in der That, daß das Queksilber sich nicht in Oeffnungen einsenken kann, in welche die Luft und das Wasser sehr leicht eindringt: dahin gehören nun auch die Zwischenräume, welche die Theilchen irgend eines Pulvers zwischen sich lassen. Man muß also, wo der Körper gepülvert ist, eine Flüssigkeit |286| wählen, welche in einem hohen Grade flüssig ist: Terpenthingeist, Weingeist, erfüllt diesen Zwek sehr gut. Diese Flüssigkeiten gewähren den großen Vortheil, daß sie gepülverte Körper beinahe augenbliklich nezen. Es ist nur die Vorsicht nöthig, daß man bei jeder Operation die specifische Schwere derselben genau bestimmt, indem dieselbe sich sehr schnell verändern kann.

Da die Fläschchen, welche die Pulver enthalten, eine lange Zeit über in dem luftleeren Raume bleiben müssen, so dachte Hr. Boullay auf ein Mittel die Wirkungen der Luftpumpe zu vervielfältigen, und gerieth auf folgendes: Er bedient sich mehrerer Glasplatten, oder einer einzigen großen, gehörig zugerichteten Glasplatte, die in einem hölzernen mit Kitt gehörig verstrichenen Gehäuse eingesezt ist, welches auf einen Tisch in der Nähe der Maschine gebracht wird. Er hat mehrere mit einem Hahne versehene kleine Glasgloken, welche er mittelst einer bleiernen Röhre und mehrerer Röhren aus Kautschuk, oder auf irgend eine andere Weise mit der Maschine in Verbindung bringt. Diese Röhre kann aus zwei Theilen bestehen, wovon der eine Kalk oder Calcium-Chlorür enthalten muß. Bei dieser Vorrichtung wird der Teller in der Maschine durchaus überflüssig, und, abgesehen von dem Vortheile, welchen sie dadurch darbietet, daß sie die Wirkung der Luftpumpe nach Belieben vervielfältigt, gewährt sie auch noch den Vortheil, daß die Leder der Stämpel dadurch gegen alle Feuchtigkeit geschüzt werden. Ohne diese Vorsicht wird die Reibung derselben durch das Anschwellen des Leders so groß, daß man sie nur mit Mühe, und oft gar nicht bewegen kann. Durch dieses Verfahren kann man ferner die vielen Abdampfungen und Austroknungen, die man gewöhnlich im leeren Raume vornimmt, bis ins Unendliche vervielfältigen, und man vermeidet die Notwendigkeit, die Schwefelsäure in die Nähe der Luftpumpe stellen zu müssen. Es geschieht, leider, nur zu oft, daß etwas von dieser Säure in die Luftröhre sprizt, und von da unter die Stämpel gelangt, welche auf diese Weise gröblich beschädigt werden können. Mit einem Worte, der Dienst der Luftpumpe leidet bei dieser Vorrichtung nicht mehr durch die Länge der Dauer der Arbeit: es ist nichts anderes nöthig, als daß der luftleere Raum hergestellt wird; die Luftpumpe ist gegen jeden schädlichen Einfluß gesichert.

Die Resultate, auf welche Hr. Boullay gelangte, sind folgende:

1) Bei chemischen Verbindungen ist das Volumen des Atomes des zusammengesezten Körpers gewöhnlich größer oder kleiner, als die Summe der Volumen der Atome der zusammensezenden Körper.

Unter Volumen des Atomes der einfachen Körper versteht er die materielle Molekel und den leeren Raum, der sie umgibt, und der |287| symmetrisch rings um jede Molekel vertheilt ist. Dieses Volumen erhält man, indem man das Gewicht des Atomes des Körpers durch seine Dichtigkeit theilt. Unter Volumen des zusammengesezten Atomes versteht er die materiellen Molekeln, welche den zusammengesezten Körper bilden, und den leeren Raum, der sie umgibt.

Dieses vorausgesezt können nun verschiedene Umstände eintreten.

Entweder ist das Volumen des zusammengesezten Körpers gleich der Summe der Volumen der Elemente desselben; dieß ist selten der Fall.

Oder dieses Volumen weicht davon ab, und es hat Zusammenziehung Statt: dieß ist das Resultat bei den Schwefelverbindungen (Sulfüren). Oder es hat Erweiterung Statt, wie bei einigen Jodverbindungen (Jodüren).

Die Ausmittelung der Veränderungen der Volumen bildet also einen wichtigen Gegenstand, obschon sie übrigens keinem bisher wahrnehmbaren Geseze unterliegen. Man konnte also nicht auf jene Schwefel- und Jod-Verbindungen schließen, welche man nicht untersucht hat. Auch waren die mit aller Genauigkeit beobachteten Thatsachen nicht zahlreich genug, um den Grundsaz aufstellen zu können, daß die an den Schwefelverbindungen beobachtete Zusammenziehung ein wesentliches Merkmal der Körper dieser Art bildet; dieß ist um so weniger wahrscheinlich, als die Jodverbindungen Resultate von beiderlei Art gaben.

2) Die beobachteten Zusammenziehungen waren zuweilen so bedeutend, daß das Volumen des Atomes des zusammengesezten Körpers kleiner befunden wurde, als das Volumen des Atomes eines der zusammensezenden Körper.

Dieß hat wirklich bei der Verbindung des Chlores mit dem Potassium Statt. Bei dieser Ein- und Gegenwirkung vermindert sich das Volumen der Elemente, welche sich mit einander vereinigen, so sehr, daß es selbst kleiner wird, als jenes des Potassium, welches das Chlorür bildet. Auch bei dem Sodium ist das Resultat noch sehr hervorspringend, obschon weniger ausgezeichnet. Man sieht, daß die Verschiedenheit, die sich immerdar bei der Zusammenziehung und Ausdehnung darbietet, welche die Elemente eines zusammengesezten Körpers erleiden, der aus demselben einfachen Körper mit anderen Körpern, wie mit Schwefel, Jod, Chlor, Sauerstoff und Metallen gebildet wird, erweiset,

3) daß man bei dem gegenwärtigen Zustande der Wissenschaft sich keine auch nur etwas genaue Idee über das atomische Volumen oder über die Dichtigkeit im festen Zustande derjenigen Körper bilden |288| kann, die, wie Sauerstoff und Chlor, noch nicht auf den festen Zustand zurükgeführt werden konnten.

Obige Resultate hätten auch ohne Rüksicht auf Volumen und Abstände der Atome, bloß durch Vergleichung der Dichtigkeit eines zusammengesezten Körpers mit jener seiner Elemente erhalten werden können. Indessen hat diese Ansicht das Gute, daß die Berüksichtigung der Verhältnisse zwischen den Volumen oder dem Abstande der Atome, und den sogenannten Cohäsionskräften und der chemischen Verwandtschaft gestattet, und die Gewichte der Atome der HHrn. Petit und Dulong in einer neuen Hinsicht prüfen läßt. Wenn man diese atomischen Gewichte annimmt, so findet sich

4) in den einfachen Körpern, wie es scheint, ein solches gewisses Verhältniß zwischen dem Zusammenhange und dem Volumen der Atome, daß das kleinste Volumen mit der größten Cohäsion im Verhältnisse steht.

In der Voraussezung, daß in den Körpern, die die stärkste Cohäsion besizen, auch die Molekeln einander am nächsten stehen, und folglich das Volumen am kleinsten seyn muß, hat Hr. Boullay die einfachen Körper in einer Tabelle in progressiver Ordnung zusammengestellt von dem Körper angefangen, dessen Atom das kleinste Volumen besizt, bis zu jenem mit dem größten.

Die Tabelle zeigt, daß die Annahme nicht ganz ungegründet ist. Kohlenstoff steht als der härteste Körper oben an, und die weichsten, Sodium und Potassium, stehen am Ende.

Die zweite Gruppe nach dem Demant enthält Eisen, Kobalt, Nikel, Braunstein, Kupfer, bei welchen allen eine starke Cohäsion vorkommt.

Hierauf folgen Zink, Palladium, Chrom, Platinna.

Dann Gold, Silber, Zinn, Blei.

Endlich Sodium und Potassium, welche die Reihe schließen.

5) Bei zusammengesezten Körpern bemerkte man, in vielen Fällen, wo eine Untersuchung möglich war, ähnliche Verhältnisse zwischen dem Volumen des Atomes, der chemischen Verwandtschaft und der Cohäsion, d.h., man bemerkte in gewissen Reihen von Körpern, daß das kleinste Volumen des Atomes mit der größten Cohäsion des zusammengesezten Körpers correspondirt, und mit der größten chemischen Verwandtschaft der zusammensezenden Elemente.

Diese Abhandlung findet sich zu Paris bei Bechet.

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