Titel: Goulson, Bereitung des Mehles und des Zukers aus Pflanzenproducten.
Autor: Goulson, Benjamin
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. LXXVI. (S. 289–290)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/ar037076

LXXVI. Gewisse Verbesserungen in Bereitung des Mehles und des Zukers aus Pflanzenproducten, worauf Benj. Goulson, Wundarzt zu Pendleton bei Manchester, Lancashire, sich am 14. Dec. 1829. ein Patent ertheilen ließ.

Aus dem Repertory of Patent-Inventions. Julius 1830. S. 31.

Dieses Patent hat einen doppelten Zwek: 1) Verwandlung gewisser vegetabilischer Producte in Mehl; 2) Verwandlung des Mehles in Zuker. Das Verfahren wird auf folgende Weise beschrieben.

Die Wurzeln oder vegetabilischen Producte, die man hierzu verwenden soll, sind Georginen, (Dahlien), gelbe Rüben, weiße Rüben, (Turnips), rothe Rüben, Runkelrüben oder Mangelwurzel und Erdäpfel. Diesen wird die Haut abgezogen oder sie werden gewaschen, dann, entweder ganz oder in Scheiben geschnitten, in reinem Wasser und in Säure eingeweicht. Das Verhältniß der Säure ist zwei Pfund auf hundert Pfund Georginenwurzeln, und so immer mehr bei den übrigen, wie sie auf einander folgen, bis endlich auf zehn Pfund bei den Erdäpfeln. Jede Säure oder jedes saure Salz kann zu diesem Zweke dienen: Schwefelsäure taugt aber am besten. Wenn diese Beize hinlänglich auf die Wurzeln gewirkt hat, werden sie weiß und weich; die Beize wird dann abgelassen, und die Wurzeln werden, nachdem sie in reinem Wasser gewaschen und von aller Säure befreit wurden, in der Sonne oder in Trokenstuben getroknet und gemahlen. Auf diese Weise erhält man Mehl, dessen man sich Statt Weizenmehles zum Brote bedienen kann.

Zu dem zweiten Zweke wird das auf obige Weise erhaltene Mehl mit verdünnter Schwefelsäure in dem Verhältnisse von zwei Pfund Säure auf hundert Pfund Mehl gekocht, wodurch sich Zukerstoff oder Zuker bildet, der auf gewöhnliche Weise raffinirt wird. Der Zuker kann auch aus den Wurzeln erhalten werden, ehe diese in Mehl verwandelt wurden, wenn man sie bei der Temperatur der Atmosphäre der Einwirkung von zehn Pfund Säure auf hundert Pfund Wurzeln aussezt.227)

|289|

Dieses Patent wird, so einfältig es ist, für deutsche Leser höchst lehrreich seyn können. Hochdieselben werden daraus entnehmen können, daß 1) die Engländer, so unendlich ausgezeichnet sie in mancher Hinsicht sind, so unwissend und höchst beschränkt in anderer vor den Augen der Welt dastehen. Achard hat uns schon vor 30 Jahren Runkelrübenzuker zu machen praktisch gelehrt, Stärkzuker hat man nach Kirchhofs Erfindung in Deutschland vor 15–20 Jahren gemacht und wieder aufgegeben, und nun kommt nach 30 Jahren erst ein Gentleman, und läßt sich ein Patent auf Runkelrüben- und Stärkzuker geben. Wäre das englische Patentwesen nicht, wie manches andere, ein Gewebe von Lüge und Trug, so hätte der Lordkanzler nicht sein Siegel darunter brüten können, sondern er hätte |290| den Patent-Träger, der sich für den Erfinder des Runkelrüben- und Stärkmehlzukers ausgibt, mit der Strafe des Meineides belegen müssen. Wenn wir Deutsche unendlich viel in England lernen können, so ist es nicht minder wahr, daß die Engländer auch sehr viel, sehr viel von uns lernen könnten, und daß man in England tausend Dinge, die sehr gut, sehr bequem und sehr brauchbar sind, noch zur Stunde nicht kennt, obschon wir seit Jahrhunderten dieselben bei uns zu Hause haben. Das größte Unglük, das Europa bei seinem Hervortreten aus dem Chaos treffen könnte, war dieses, daß England zur Insel wurde, so daß wir nun immer toto penitus divisos orbe Britannos vor uns haben. Wäre eine Brüke zwischen Calais und Dover, so könnte man sagen, daß der Kopf mit dem Rumpfe wirklich verbunden ist. Die englischen Techniker (der schweinische Hause der Castlereagh-Londonderry) sind abgeschieden, abgeschnitten, buchstäblich isolirt von dem festen Lande von Europa; sie sind Einsiedler auf der Insel Formentera; sie sind nachgedrungen Alles aus sich zu spinnen und zu schaffen; sie sind gezwungen originell zu werden, weil sie keine anderen Originale vor sich sehen; sie schaffen sich hölzerne und metallne Hände, weil ihnen die Hände fehlen, die fünf warme Finger haben. Daher das Hehre, das Geistige in Allem, was der englische Techniker schuf, und die nakte Barheit und, Erbärmlichkeit in Allem jenen, was zum rein Körperlichen, zum Continentalen gehört. Man muß die Engländer in der ersten Stunde gesehen haben, in welcher sie den Continent betreten, um urtheilen zu können, wie behaglich (comfortable) sie sich daselbst befinden; wie köstlich (delicious! very delicious!) ihnen die Garküchengerichte des Continentes schmeken. Man kennt in England nur Schwelgerei und Hunger; wahren Genuß des Lebens kennt man nicht; daher alles, was mit diesem zunächst in Verbindung steht, auf der Insel unbekannt ist. Könnten unsere Nachbarn mit uns zugleich alles Gute, was sie besizen, nach England bringen, und dafür dasjenige, was uns fehlt, von der Insel frei herüberholen, so würde Europa in wenigen Jahren eine andere Gestalt gewinnen. Dasjenige, was zum eigentlichen Lebensgenusse nothwendig ist, findet sich immer nur unter den unteren Classen, und pflanzt sich nur durch diese aus einem Lande in das andere fort. Wo der Verkehr dieser Classen unter einander durch Meere, Sprache, politische oder religiöse Verhältnisse abgeschnitten ist, vergehen oft Jahrhunderte, ehe die gemeinnüzigste und einfachste Sache von einem Volke zu dem anderen gelangt. 2) werden unsere Leser aus diesem Patente entnehmen können, wie sehr man noch in England in der Kenntniß der ersten Elemente der Runkelrübenzuker-Erzeugung zurük ist, obschon dieselbe kaum einige Stunden von der Gränze Englands bereits den höchsten Grad von Vollkommenheit erreicht hat. 3) endlich werden sie mit uns bedauern, daß man in England das Interesse der Colonien und des festen Landes so sehr vergessen könnte, daß man durch die erbärmlichsten Geseze den Rohrzukerbau in Ost- und Westindien bereits bis auf jenen Grad zerstörte, daß man in England selbst auf Runkelrübenzuker-Erzeugung Patente nehmen kann.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Orte
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: