Titel: Ueber Tilgung der Staatsschulden.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. LXXX. (S. 296–301)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/ar037080

LXXX. Wie Landwirthschaft und Industrie zu Capitalien gelangen, und Staatsschulden getilgt werden können.

Aus einem Schreiben an den Herausgeber.

**** 1. August 1830.

E. E. Ich fand in Ihrem Journale Bd. XXXVI. S. 417. eine Stelle, die mich, so alt ich bereits geworden bin, etwas elektrisirte. Einer Ihrer Correspondenten sagt a. a. O. „der Staat könnte sich auf Subscription leicht, sehr leicht regieren – derjenige Staat, welcher zuerst auf Subscription regiert wird, wird sicher derjenige seyn, der unter allen der glüklichste ist; der, wenn man so sagen darf, recht con amore besteht; der im Frieden nicht das Heer der Schreiber und im Kriege kein Heer der Feinde zu furchten hat.“

Ich habe lang genug gelebt um zu begreifen, wie man diese Idee für bare Narrheit erklären kann: indessen glaube ich nicht, daß an mir noch öfters, als es bereits geschehen ist, das Sprichwort wahr werden soll, daß Ein Narr zehn ändere macht, wenn ich Ihrem Correspondenten vollkommen beistimme. Ich habe seine Idee von allen Seiten erwogen und geprüft, und ich finde nicht, daß sie so närrisch |297| ist, wie sie aussieht. Da man indessen von keiner Idee, die in das leben eingreifen soll, den wahren Werth bestimmen kann, ehe man die Ausführung derselben versuchte; da bei jedem Versuche, den man unternimmt, das Resultat am sichersten und schnellsten erlangt wird, wenn man mit dem Maximum beginnt, und nicht mit Halbheiten und Minimen Zeit und Geld verliert; so will ich den Versuch versuchen, meinen Zeitgenossen in meinem Vaterlande den Puls zu greifen, um zu sehen, wie viel noch Bayer alten Schrot und Kornes in Bayern leben; in wie vielen derselben noch heute zu Tage einige Tröpfchen Blutes derjenigen Bojen wallen, die bereits durch mehr als zwei Jahrtausende, in den härtesten Unfällen, die irgend ein Volk treffen konnten, erwiesen haben, wie richtig der große Geschichtschreiber ihrer Feinde sie mit sechs Worten schilderte: GENS MINIME OB MORAE TAEDIVM PATIENS.230)

Die Klage, daß es an Geld, an Capitalien für die Landwirthschaft, wie für die Industrie fehlt, ist jezt lauter, als sie vor 2000 Jahren nach unserer Niederlage bei Felsina (Bologna) von Marcellus gewesen seyn mag. Wo der Staat in Anspruch genommen wird um Steuernachlaß, wird auf eine Schuldenlast von 123 Millionen, 377,673 fl. hingewiesen, die auf einem Häufchen von 4 Millionen Menschen ruht. Diese Staatsschuld ist es, an welcher nicht bloß die Masse des Volkes mit feinem Regenten an der Spize, sondern jedes einzelne Individuum, der Bettler so gut, wie der Fürst, leidet; wodurch jede Unternehmung bei dem Privatmann, jede Unterstüzung derselben von Seite der Regierung wenn nicht gelahmt, doch so beengt wird, daß jede Erwartung eines vollgelungenen Resultates zum eitlen Traume werden muß. 123',377,673 fl. Schulden, und nur 32',434,343 fl. jährlicher Einnahme! Beinahe vier Mal so viel Schulden als Einnahme! Beinahe 5 Millionen, beinahe den sechsten Theil der Einnahme an Interessen jährlich bezahlen müssen! Wie lang kann eine große Fabrik, ein großes Handlungshaus bei einem solchen Soll bestehen, wenn es, gegen die Ereignisse der Zeit geschüzt, als solides Haus da stehen soll? Wird ein verständiger und ehrlicher Fabrikant oder Handelsmann bei einem solchen Stande seines Hauptbuches sich auch nur frei bewegen können in seinen Geschäften, Statt daß er zugreifen könnte an großen Unternehmungen, und sein Haus dadurch emporheben? Es gehört viele Klugheit, viel Fleiß und auch viele Gewandtheit dazu, daß er, bei einem solchen Stande seiner Actien, sein Haus auch nur so zu erhalten vermag, daß es stehe. Stehen ist aber im Frieden, wie im Kriege, ein Rükwärtsschreiten, wenn unsere Freunde |298| oder Feinde vorwärts schreiten, während wir stille stehen. Die ganze Fabrik- und Handels-Welt erstaunt über die Fortschritte, die ein Haus, das keine Creditoren auf seinem Naken hat, mit einem Capitale von einigen Hunderttausenden mitten unter Millionären macht, von welchen man die Passiva kennt. Kleine schuldenfreie Häuser haben Millionäre übereilt, und am Ende gestürzt. Es ist mit Staaten um kein Haar besser. Europa und der Erdball erstaunt über die Riesenforts schritte der Vereinigten Staaten N. Amerikas, die, kaum ein Menschenalter alt, jezt schon beinahe ganz schuldenfrei da stehen. Man bewegt sich ganz anders in der Welt, wenn man auch bei kleinem Vermögen, Niemanden einen Heller schuldet, als wenn man, selbst bei großem Vermögen, einen guten Theil des Capitales, mit welchem man Geschäfte macht, nicht sein freies Eigenthum nennen darf. Je mehr man Schulden hat, desto weniger ist man werth; und aller Werth ist dahin, wo man eben so viel fremdes Eigenthum besizt, als eigenes.

Der Fabrikant, der Kaufmann, der mit Schulden arbeitet, ist indessen, so unglüklich er auch ist und so gefahrvoll seine Lage dabei auch immer seyn mag, weit glüklicher daran, als jeder Staat, bei welchem die Schuldenlast auch nur die Höhe einer Jahreseinnahme übersteigt.

Der Fabrikant, der Handelsmann bedarf, wenn seine Passiva auch an Millionen reichen, darob nicht eines einzigen Schreibers mehr in seinem Comptoir; er dekt seine Schulden durch den Lauf seiner Geschäfte, die er gewöhnlich desto höher zu treiben sucht, je mehr er Schulden hat, bis er endlich fällt. Bei dem Staate hingegen ist ein Schuldentilgungsfond nothwendig, und zu diesem kommt, wie Raben zum Aase und Wolken von Schmeißfliegen zu alten Krebsschaden, sehr bald ein ganzes Heer von Schreibern, deren jährlicher Unterhalt nicht selten die ganze Summe verschlingt, um welche es, bei aller Sparsamkeit, in einem Jahre möglich war, die Staatsschuld zu vermindern. Es entsteht eine Wirtschaft im Staatshaushalte, die nicht unähnlich derjenigen ist, welche man in verschuldeten Häusern der Privaten sieht: es wird ein Loch aufgerissen, um ein anderes dadurch zuzustopfen; es wird nach Contis, Statt nach barer Bezahlung gearbeitet, und zwei bis drei Mal mehr aufgeschrieben, als gearbeitet wurde, wie es beinahe überall der Fall ist, wo man à Conto arbeiten läßt; und wenn es ein unerhört seltener Fall ist, daß der Buchhalter eines Hauses, das zu Grunde ging, zugleich mit dem Hause zu Grunde geht; wenn es häufiger der Fall ist, daß der Verwalter eines Landgutes, dessen Besizer auf die Gant gerieth, das Gut für sich selbst kauft; so darf man sich nicht wundern in denjenigen Staaten die reichsten Finanzbeamten |299| zu finden, wo die Finanzen am schlechtesten bestellt sind. Die neueste Geschichte vieler Staaten liefert die sprechendsten Beweise für diese traurige Wahrheit.

Wenn man nun die Staatsschuld als den Krebs betrachten muß, der nicht bloß am Marke des Staates, sondern an dem Fleische eines jeden einzelnen Bürgers nagt; der die herrlichsten Unternehmungen im Keime erstikt und die kraftvollsten Ausführungen lähmt; so entsteht die Frage: gibt es kein Mittel, diesem Nationalschaden und dieser Nationalschande abzuhelfen?

Wenn es Menschen gibt, denen die Ehre und das Wohl ihres Vaterlandes mehr werth ist, als eine geringe Entbehrung kleiner eitler Genüsse; so scheint dieses Mittel in der Hand eines jeden Bürgers zu liegen, oder vielmehr in dem Herzen eines jeden Bürgers, wenn es seinem Vaterlande nicht entfremdet wurde.

Wäre, um hier nur in runden Zahlen zu rechnen, von den 4 Millionen Bayern jedes Individuum im Stande 30 fl. zu bezahlen, so waren die 123 Millionen in der Stunde getilgt, wo diese Summe zusammengeschossen und auf den Altar des Vaterlandes gelegt würde.

Wir wollen nicht sagen, daß dieß auch dann noch möglich wäre, wann, von derjenigen Classe von Bürgern an gerechnet, welche jährlich eine Einnahme von 1000 fl. beziehen (die also leicht 3 p. C. entbehren können), die reicheren in demselben Verhältnisse mehr beitrügen, als sie mehr Einkommen besizen.

Wir wollen annehmen, daß unter den 4 Millionen bayerscher Bürger nur Einer unter 25 Einkommen, Vaterlandsliebe und Selbstverläugnung genug besäße, um dem Vaterlande, um der ärmsten Classe seiner Mitbürger, auf welcher vorzüglich die Schuldensteuer von 5 Millionen lastet, eine Spende nur von 30 fl. jährlich darzubringen, so wäre die Schuld von 123 Millionen durch 161,480 bayersche Bürger in 25 Jahren rein abgetragen.

Ist es nun erlaubt zu zweifeln, daß es unter 4 Millionen Bayern auch nur 161,480 Bürger gibt, deren jeder 30 Gulden im Jahre zu dem wohlthätigsten Zweke, den ein Bürger vor Augen haben kann, zu entübrigen und zu verwenden pecuniäres und moralisches Vermögen genug hat?

Wenn wir sehen, daß man in Irland, in Frankreich, in Belgien in wenigen Tagen Millionen zum Untergange und zum Verderben des Landes zusammenzuschießen sich beeilen kann; sollte man nicht annehmen dürfen, daß gute Bürger eben so viel der Erhaltung ihres Vaterlandes opfern können, als schlechte dem Untergange desselben? Wie leicht sind nicht 30 Gulden des Jahres erspart!

Und wenn auch gar kein Sinn für Gutes, Wahres und Schönes |300| mehr unter dem Volke wäre; wenn alle Vaterlandsliebe verbannt, alles Mitleid mit dem ärmeren Mitbürger verloschen, alles Gefühl für die Schande, einem über und über verschuldeten Volke anzugehören, das nie mehr seine Kräfte zu entwikeln im Stande ist, und sich wie ein Stein bald in diese, bald in jene Wagschale werfen zu lassen gezwungen ist, je nachdem man rechts oder links den Ausschlag geben will; wenn bloß die Rechentafel Statt des Herzens, und Procentos Statt der Pulsschläge unser bürgerliches Leben unterhalten dürften; so forderte es selbst dieses Rechnungsprincip, sich so bald als möglich dieser Schuldenlast zu befreien: man erhielte hier für 30 fl. jährlich 1 4/5 fl., also beinahe 6 p. C. Interesse; denn mit 1 4/5 fl. muß gegenwärtig jeder Bürger seinen Antheil an den 5 Millionen Interessen jährlich bezahlen.

Wenn die Vorsteher einer jeden Gemeinde eines Dorfes ihre wohlhabenderen Grundbesizer, die Magistrate in den Märkten und Städten ihre Bürger auf die Vortheile, auf die Notwendigkeit eines solchen Vereines der Freunde des Vaterlandes aufmerksam machen würden; wenn die Seelsorger auf dem Lande, die Beamten in den Städten mit einem guten Beispiele vorgingen; wenn die Regierung die patriotischen Absichten dieses Vereines förderte und demselben die Hülfsmittel zur Ausführung erleichterte; so würde die Zahl der Mitglieder des Vereines der Freunde des Vatersandes, und die Summe der Beiträge derselben sehr bald die oben aufgestellten Berechnungen übersteigen.

Die Namen der Freunde des Vaterlandes, die dasselbe aus den Schlingen des gefährlichsten seiner Feinde zu befreien wußten, würden nicht die weniger ehrenvollen seyn in den Annalen des bayerschen Volkes, das, gewohnt sein Leben freudig dem Vaterlande zu weihen, den Aufwand eines kleinen Sümmchens wohl nicht mehr scheuen wird, als den Tod. Es ist kein Zweifel, daß benachbarte Völker sich beeilen werden, dem Beispiele der Vaterlandsliebe nachzueifern, welches das bayersche Volk zuerst auf eine eben so lautere als wohlberechnete Weise gegeben hätte, wenn es auf diese Weise seine Staatsschuld tilgte; es ist vielmehr zu besorgen, daß andere Völker, von der Zwekmäßigkeit der Subscriptionen zur Abhülfe der Lasten, die auf ihr Vaterland drüken, täglich mehr und mehr überzeugt, Bayern in Ausführung dieses Rettungsplanes zuvorkommen dürften.231)

|301|

Es ist nicht wahrscheinlich, daß irgend ein Bürger, vielweniger ein Staatsmann, jener Ansicht huldigen wird, die ein Weiser im Scherze aufstellte, und die einige Thoren im Ernste nahmen: daß der Reichthum und Wohlstand des Staates desto größer ist, je größer die Summe seiner Schulden ist.

Es ist noch unwahrscheinlicher, daß, wie einige besorgen wollen, die Finanzverwaltungen mancher Staaten sich der Einlösung der Staatsschulden durch ihre Bürger widersezen wurden, indem die Bureaukratie dadurch den nervus rerum gerendarum aus ihren Händen verlöre, und die Staatsschuld nur ein Popanz wäre, mit welchem man das Volk schreken und lähmen zu müssen glaubt.

Sollte indessen diese leztere hohe Unwahrscheinlichkeit wirklich reine Wahrheit seyn; sollte es auch noch Völker geben, welche weder aufgeklärt genug über ihr eigenes Interesse sind, um die Zwekmäßigkeit, die Nothwendigkeit einzusehen, die Staatsschuld auf diese Weise zu tilgen, und die durch dieselbe in die Staatskasse gebannten Capitalien der Landwirthschaft, der Industrie zu schenken, und in freien Umlauf zu sezen; noch edel und treu genug ihrem Vaterlande ein Opfer zu bringen, das täglich nur 5 kr. kostet; dann mag man einer solchen Regierung und einem solchen Volke mit dem Dichter zurufen:

Quid facias illi? Jubeas miserum esse, libenter Quantenus id facit;

dann mögen solche Regierungen für ewig verdammt bleiben zu jenem Schaukelsysteme, das sie früher oder später zum sicheren Sturze führt, und solche Völker für ewig verdammt bleiben, ihre Staatspapiere alle 10 Jahre arrosiren zu müssen, und bei jedem nothwendigen Verkaufe derselben 5–10 p. C. zu verlieren, und am Ende die Beute desjenigen zu werden, der am wenigsten für sie bietet.

|297|

Livius hist. l. XXXIII. 22. c.

|300|

Während in Bayern nur der fünf und zwanzigste Mensch täglich 5 kr. zurüklegen (eine Maß Bier sich abbrechen) darf, um mit 30 fl. des Jahres sein Vaterland, (sein Haus!) ganz schuldenfrei zu sehen vor allen Völkern der Erde, brauchte der fünf und zwanzigste Mensch in Würtemberg, wo die Finanzen besser administrirt wurden, und nur 17 fl. Staatsschulden auf den Kopf kommen, nur |301| etwas mehr als 16 fl. des Jahres, kaum täglich einen Groschen, zu sparen, um dieselbe Freude mit dem Bayer zu theilen. Spart er so viel wie der Bayer, so kommt er um 12 Jahre ehe an's Ziel.

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