Titel: Ader, aromametrische Versuche über das destillirte Pomeranzenblüthe-Wasser.
Autor: Ader, E.
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. CXXV. (S. 456–461)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/ar037125

CXXV. Aromametrische Versuche über das destillirte Pomeranzenblüthe-Wasser. Von E. Ader.

Aus dem Journal de Pharmacie. Juillet 1830.

Das destillirte Pomeranzenblüthe-Wasser ist für Frankreich und die südlichen Länder Europens der Gegenstand eines wichtigen Handels.324) Es wird daher sowohl während seiner Bereitung mit den Blättern und mit anderen Theilen des Pomeranzenbaumes verfälscht, als noch weit häufiger, nach derselben, durch Zusaz einer wässerigen Auflösung des flüchtigen Oehles dieses Baumes verdorben. Wenn die Habsucht des Fabrikanten sich auf diese leztere Art von Verfälschung, die nur in Vermehrung des Productes allein besteht, allein beschränkte, so würde jeder, der eine feine und geübte Nase hat, diese Art von Betrug sehr bald erkennen. Die Entdekung des Betruges wird aber schwieriger, wenn man bei Bereitung des Pomeranzenblüthe-Wassers, wie in der Provence und auf Malta, junge blühende Zweige, kleine noch unreife Früchte und Citronenblüthen, die durchaus nicht den angenehmen Geruch der Pomeranzenblüthen besizen, den Pomeranzenblüthen zusezt. Da bisher nur durch den Geruch allein diese Verfälschung entdekt werden konnte, und da dieser nicht immer, sowohl subjectiv als objectiv, derselbe ist, so suchte ich den aromatischen Grundstoff des Pomeranzenblüthe-Wassers durch seine chemischen Eigenschaften darzustellen.

Ich habe in einer Abhandlung über ein neues Mittel das flüchtige Copaivaöhl zu erhalten (welche ich der Société de Pharmacie einschikte) bemerkt, daß ich in einigen auf dieselbe Weise bereiteten wesentlichen Oehlen, die nur nach der Natur der Substanzen verschieden modificirt wurden, chemische Eigenschaften fand, welche von |457| jener der destillirten Oehle sehr verschieden waren. Ich wollte bestimmen, ob die Salpetersäure auf dieselbe Weise auf mehrere flüchtige Oehle wirkte, die man auf verschiedene Weise bereitete, und fand, daß die farbeerzeugende Kraft (action chromagénésique) dieser Essenzen, die schon Hr. Bonastre studierte, in den ohne Wärme erzeugten frisch bereiteten Essenzen deutlicher sich zu erkennen gab, und nicht von dem wesentlichen Oehle abzuhängen schien, das wir kennen, sondern von einem anderen flüchtigen Stoffe, den wir noch nicht erhalten konnten. Bei dem gegenwärtigen Zustande unserer chemischen Kenntnisse würde es sehr schwer seyn die wichtige Frage aufzulösen: Warum gewisse wesentliche Oehle, die frisch bereitet wurden, mittelst verdünnter Salpetersäure sehr lebhafte Farben geben, während sie nach einigen Monaten nach ihrer Bereitung nur sehr blasse Farben liefern? Die Gegenwart oder Abwesenheit eines flüchtigen Grundstoffes in den wesentlichen Oehlen, der jedem vegetabilischen Individuum, aus welchem man dieselben erzeugte, besonders eigen ist, kann uns allein diese Erscheinung erklären, so wie die Gleichheit der Resultate der Analysen, welche die HHrn. Th. de Saussure und Houtou-Labillardière an flüchtigen Oehlen erhielten, die ganz verschiedene Riechstoffe besaßen. Ich werde hier nicht alle Versuche erzählen, die ich über diesen flüchtigen Grundstoff anstellte; ich werde sie bekannt machen, sobald ich neue Thatsachen über das Arom einiger Liliaceen, über Polyanthes tuberosa und Jasmin erhalten haben werde. Ich beschränke mich hier nur auf denjenigen Theil meiner Arbeit, der zunächst auf das Pomeranzenblüthe-Wasser Bezug hat, und verspare mir das Uebrige auf ein anderes Mal.

Ich hatte seit langer Zeit beobachtet, daß die Salpetersäure die Eigenschaft besizt, das Pomeranzenblüthe-Wasser rosenfarben, und hell oder karminroth zu färben, je nachdem man mehr oder weniger von derselben nimmt, und daß diese Färbung bei der wässerigen Auflösung des flüchtigen Oehles, das wir unter dem Namen Neroli kennen, nicht Statt hat, so wie auch nicht bei jenem Wasser, welches man durch Destillation der Pomeranzenblätter erhält. Ich war neugierig zu sehen, woher dieser Unterschied kommen mochte, und unterzog daher das Pomeranzenblüthe-Wasser folgenden Versuchen. Ich bin weit entfernt zu behaupten, daß ich dadurch meinen Zwek erreichte; ich gelangte jedoch durch dieselben auf jene Anwendungen, von welchen in diesem Aufsaze eigentlich die Rede ist.

Wirkung der Säuren, Alkalien, des Aethers und der fixen Oehle auf das Pomeranzenblüthe-Wasser.

I.

1) Wenn man einige Tropfen concentrirter Salpetersäure in eine geringe Menge gut bereiteten Pomeranzenblüthe-Wassers gießt, so |458| nimmt dieses nach einigen Minuten eine schöne Rosenfarbe an; wenn man etwas mehr Säure nimmt, so erscheint die rothe Farbe schneller und etwas dunkler; und wenn man so viel Säure als Wasser (dem Maße nach) nimmt, so entsteht eine schöne rothe Farbe, die sich mehrere Tage über unverändert erhält,325) und in das Karmesinfarbene übergeht, wenn man die Mischung etwas erhizt, oder wenn man zwei Theile Säure auf einen Theil Wasser nimmt.

2) Schwefelsäure, Phosphorsäure und Hydrochlorsäure verändern die Farbe des Pomeranzenblüthe-Wassers wenig oder gar nicht, je nachdem man mehr oder weniger von der Säure genommen hat; sie verwandeln sie nie in ein dunkles Rosenroth. Die im Handel vorkommende Schwefelsäure verwandelt sie sehr schnell in ein lichtes Rosenroth, läßt aber, nachdem man sie eine Zeit über kochen ließ, nur eine leichte Färbung zurük. Die auffallendere Wirkung im ersteren Falle scheint von der Gegenwart einer geringen Menge Salpetersäure herzurühren, die sich immer in der käuflichen Schwefelsäure findet, und von welcher sie nur zum Theile durch das Kochen befreit wurde.

3) Wenn man in einen Destillirkolben vier Theile und einen halben Pomeranzenblüthe-Wasser gibt, und die vier ersten Theile, die man durch die Destillation erhält, besonders abtheilt, so sind die beiden ersten Theile, welche übergehen, sehr reich an flüchtigem Oehle, haben einen starken, wenig angenehmen Geruch, und färben sich durch Salpetersäure sehr zart rosenfarben; der dritte Theil hat einen angenehmer, aber wenig starken Geruch, und wird von dieser Säure dunkel rosenroth; der vierte, weniger aromatisch, erhält durch dasselbe Reagens eine weniger dunkle Farbe. Der Rükstand ist gelblich, weniger riechend, sehr bitter, und färbt sich durch Salpetersäure, aber sehr schwach.

II.

1) Barytwasser, Potasche und Ammonium-Auflösung scheinen den aromatischen Bestandtheil im Pomeranzenblüthe-Wasser zu fixiren: wenn man dieses kochen läßt, so behält es die Eigenschaft, sich durch Salpetersäure rosenroth zu färben, desto länger. Der Rükstand gibt nach der Verdünstung einen sehr deutlichen Honiggeruch, wenn man ihn mit Alkali sättigt.

2) Die durch Salpetersäure im Pomeranzenblüthe-Wasser erhaltene Farbe verschwindet, wenn man dasselbe mit Alkali sättigt, und kommt durch neue Zuthat überschüssiger Säure neuerdings zum Vorscheine.

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III.

1) Eine gewisse Menge Aether, mit Pomeranzenblüthe-Wasser geschüttelt, und hierauf sorgfältig davon abgeschieden, nimmt diesem Wasser all sein Arom und sein flüchtiges Salz; die Salpetersäure bringt dann keine Veränderung mehr in demselben hervor.

Der Aether wird blaßgelb, und wenn man einige Tropfen desselben auf die Hand gießt, so riecht er eben so angenehm, wie frisch gepflükte Pomeranzenblüthe. Zwischen das Auge und das Tageslicht gehalten zeigt er einen Opalschiller, der jenem einer sauren schwefelsauren Quinin-Auflösung gegen das Licht gehalten ähnlich ist.

2) Wenn man dieses Aetherolat mit Salpetersäure in Verbindung bringt, so wird, es alsogleich rosenroth: diese Farbe verschwindet aber schnell. Man kann sie dauerhafter machen und schöner, wenn man etwas Wasser zusezt. Der freiwilligen Ausdünstung überlassen läßt es ein flüchtiges riechendes Oehl als Rükstand zurük, das nicht sehr angenehm ist, und sich nicht merklich durch verdünnte Salpetersäure färbt.

IV.

1) Oehl von süßen Mandeln, Ricinuskörnern,326) mit diesem Wasser eine Zeit über gerüttelt, benimmt demselben alle seine aromatischen Theile. Salpetersäure und die Nase finden nichts mehr davon in demselben: das Oehl hat aber einen sehr angenehmen Geruch angenommen, färbt sich jedoch kaum durch die Salpetersäure, wahrscheinlich, weil das Oehl die Körper, die es aufgelöst hat, gegen die Einwirkung der Salpetersäure schüzt.

2) Das Pomeranzenblüthe-Wasser, welches durch die Salpetersäure geröthet wurde, behält seine Farbe, wenn man dasselbe mit Aether oder mit einem fixen Oehle schüttelt.

Nach den hier angeführten Thatsachen scheint die Salpetersäure ein brauchbares Mittel zur Bestimmung der Güte des Pomeranzenblüthe-Wassers. Ich bin um so mehr geneigt, dasselbe hierzu vorzuschlagen, als kein anderes aromatisches Wasser dasselbe Phänomen darbietet: eine sehr geringe Anzahl derselben gibt höchstens eine gelbe oder grünliche Farbe. Ich will hier die Resultate angeben, die man erhalten wird, und die Weise, wie man zu verfahren hat. Wenn das Pomeranzenblüthe-Wasser nach den gehörigen Regeln und Verhältnissen bereitet wurde, so wird die Salpetersäure in demselben bald eine schöne hellrothe Farbe entwikeln; wenn das Wasser weniger Arom |460| enthält, so wird es nur eine Rosenfarbe geben. Pomeranzenblüthe-Wasser aus der Provence wird dieselbe Farbe darbieten, aber einen krautartigen Geruch haben, einen Geruch nach Grünzeug (odeur herbacée). Wenn dieses leztere noch mit flüchtigem Oehle verfälscht ist, so ist die Farbe wenig merklich. Eben dieß ist auch der Fall bei demjenigen Wasser, welches man nur aus flüchtigem Oehle vor kurzem erst bereitet hat, und es wird sich gar keine Farbe zeigen, wenn die Essenz ein Jahr oder, ein paar Jahre alt ist.

Wenn man über diese schöne Färbung des Pomeranzenblüthe-Wassers durch Salpetersäure einen Augenblik nachdenkt, eine Färbung, die sich in dem wesentlichen Oehle, welches man durch Destillation erhält, nicht findet; so kann man sich mit Recht fragen, ob in dem Pomeranzenbaume nicht zwei verschiedene flüchtige Oehle enthalten sind: eines, das sehr angenehm riecht, und mit Salpetersäure sich roth färbt; das andere, das weniger riecht, sehr scharf ist, und mit Salpetersäure nicht dieselbe Farbe gibt. Diese Hypothese, welche ich hier wage, würde, wie es mir scheint, den merklichen Unterschied erklären, welcher zwischen Pomeranzenblüthe-Wasser, das man unmittelbar aus der Blüthe erhält, und zwischen jenem, das man aus flüchtigem durch die Destillation bereiteten Oehle bekommt, Statt hat: ein Unterschied, der nicht Statt haben könnte, wenn, wie man gegenwärtig allgemein annimmt, das aus Pomeranzenblüthe destillirte Wasser seine Eigenschaft nur einer gewissen Menge Neroli Oehle zu verdanken hätte, welches in demselben aufgelöst ist.

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In einem kleinen Aufsaze in derselben Zeitschrift S. 410.

über die Wirkung der Schwefelsäure auf das Pomeranzenblüthen-Wasser

bemerkt Hr. Wahart Dunesme zu Charleville, etwas früher als Hr. Ader, daß er schon früher, ehe noch Hr. Couerhe seine Bemerkungen über die Wirkungen der Schwefelsäure auf das Arom der Pflanzen im Novemberhefte des Journal de Pharmacie, 1829 bekannt machte, geleitet durch Hrn. Bonastre, bereits im J. 1827 wahrnahm, daß

„1) Schwefelsäure die Eigenschaft besizt, das destillirte Pomeranzenblüthe-Wasser rosenroth zu färben;“

„2) daß diese Rosenfarbe mehr oder minder gesättigt ist, je nachdem das Wasser mehr oder minder aromatisch ist;“

„3) daß diese Eigenschaft an den übrigen officiellen aromatischen Wassern sich nicht findet.“

„Ich habe, sagt er, noch überdieß wahrgenommen, daß die Rosenfarbe verschwindet, wenn man in daß gesäuerte aromatische Wasser |461| Ammonium im Ueberschusse gießt; sie kommt wieder zum Vorscheine, wenn man das Ammonium mit überschüssiger Säure sättigt.“

„Ich habe diese Versuche oft an käuflichem Pomeranzenblüthe-Wasser wiederholt, und immer einen Unterschied in der Schattirung der Farbe desselben im Verhältnisse zu seiner Güte wahrgenommen.“

„Da ich mich freue etwas zu dein Rufe beitragen zu können, welchen die Versuche des Hrn. Barrnel der Schwefelsäure ertheilen, so schlage ich, wenn nicht als sicheres Reagens, doch als ein gutes Mittel, die Qualität des Pomeranzenblüthe-Wassers zu prüfen, die Schwefelsäure vor. Die einzige Schwierigkeit ist, auszumitteln, wo die Schattirung der Rosenfarbe ihre Gränze finden soll. Es scheint mir, das beste Mittel wäre, wenn man Rosenwasser von der ersten Qualität als Vorbild nähme, und dann in eine bestimmte Gewichtsmenge dieses Wassers und des zu prüfenden dieselbe Anzahl Tropfen Schwefelsäure fallen ließe. Je mehr sich dann die Rosenfarbe des zu prüfenden Wassers der Farbe des Vorbildes nähert, desto besser wäre dasselbe.“

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Und für die nördlichen der Gegenstand einer doppelten ungeheueren Sottise, insofern man sich nämlich 1) daselbst einbildet, man könne aus der Pomeranzenblüthe, die bei uns in unseren Orangerien erkünstelt wird, und verglichen mit jener in dem Lande, „wo die Citronen blühen,“ beinahe geruchlos ist, ein Pomeranzenblüthe-Wasser erzeugen, das jenem aus dem südlichen Frankreich und Italien gleich kommt. Wir haben gesehen, daß Apotheker im Norden die Pomeranzenblüthen, die nicht viel mehr rochen, als Strohblumen, einsalzten, wie Häringe oder Sauerkraut, und dann Pomeranzenblüthe-Wasser daraus destillirten! 2) daß man auf dieses herrliche Arzneimittel, so wie auf alle übrigen Arzneimittel, die nimmermehr in dem Lande wachsen oder gezogen werden können, hohen Einfuhrzoll legt, und so den armen Kranken zwingt, für die Linderung seiner Leiden, für seine Rettung von dem Tode schweren Zoll zu bezahlen. Wenn ein Dey, ein Sultan dieß thun würde, würde man über Unmenschlichkeit schreien; wenn es aber ein christlicher Finanzrath thut, so lobt man dieß als christliche Staatsklugheit! Unsere Fürsten wissen wahrscheinlich nichts von dem Mißbrauch, der durch ihre Finanziers an ihrem geheiligten Namen und an der Menschheit durch Ausschreibung eines solchen Zolles begangen wird: denn keine Fürstenseele hat je auf Linderung körperlicher Leiden, auf Rettung vor dem Tode Zoll gesezt.

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Es verdient bemerkt zu werden, daß die Farbe sich schneller entwikelt, wenn man das Wasser auf die Säure gießt, als man leztere in kleinen Portionen zusezt. A. d. O.

|459|

„Es heißt im Originale: huiles d'amandes donces de Ricin;“ wir glaubten aber nach douces;“ einen Strichpunkt machen zu müssen.

A. d. Ue.

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