Titel: Eine Prise Spaniol aus der Tabatière des Drs. A. Smith. Allen Mechanikern und gelehrten Mitgliedern der Akademien, vorzüglich den Freunden der Dampfmaschinen, dargeboten von einem alten bayerischen Hufschmide.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. XXII./Miszelle 4 (S. 64–65)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/mi037022_4

Eine Prise Spaniol aus der Tabatière des Drs. A. Smith. Allen Mechanikern und gelehrten Mitgliedern der Akademien, vorzüglich den Freunden der Dampfmaschinen, dargeboten von einem alten bayerischen Hufschmide.

Vor einigen Wochen kam ein vornehmer Herr zu mir, und meinte, weil ich Pferde beschlagen kann, könnte ich auch eine Dampfmaschine für leichtes Geld für ihn zusammennageln. Man wird dieses unglaublich finden, es ist aber darum nicht minder wahr. Es ist aber auch nicht minder wahr, daß, während die vornehmen Herren in der Regel gar nichts von Mechanik (bei uns) verstehen, die gelehrten und halbgelehrten Herren viel zu viel zu verstehen sich einbilden; daß sie jeden armen Teufel mit Verachtung von sich stoßen, der einen anderen Gedanken hat, als sie, und ihn, wie ich zuweilen hier und da in einer gelehrten Zeitung lese, (unser Hr. Doctor schikt mir nämlich öfters aus seiner Güte ein oder das andere Blatt, weil ich die Ochsen und Pferde und überhaupt das Vieh im Markte so curire, wie er die Menschen) öffentlich für einen Narren, Dummkopf, Gauner u. dergl. erklären; daß sie keinem erlauben, auch nur anders zu denken, als sie denken und noch weniger anders zu handeln, als sie handeln, wenn's auch zehn Mal besser wäre. Ich habe indessen in meinem bald sechzigjährigen Leben gesehen, daß mancher hochgelehrte Herr den Wald vor lauter Bäumen nicht sah, und daß manches Kind gescheidter ist, als mancher noch so gescheidte Mann, er mag sich übrigens auf seine Gescheidtheit so viel einbilden, als er will, oder auch wirklich so gescheidt seyn, daß er sich nichts auf seine Gescheidtheit einbildet. Diese lezte Art von Leuten scheint aber etwas selten; denn ich Halle in meinem ganzen Leben wenig Pferde für solche Leute zu beschlagen.

Daß oft ein kleiner Bube weit gescheidter, als die gescheidtesten Männer ist, davon habe ich neulich ein Beispiel in einem Buche gefunden, das, so viel ich weiß, allgemein angeführt und gepriesen, und wie es mir scheint, wenig gelesen und noch weniger verstanden wird; denn sonst müßte doch in den vielen Werken über die Dampfmaschine, die ich so ziemlich alle durchgeblöttert habe, etwas von dieser Geschichte vorkommen. Ich habe auch in Ihrem Journale noch nichts davon gefunden, so viel sie Schlechtes und Gutes beinahe in jedem Hefte über diese Maschine Ihren Lesern auftischen.

Hr. Adam Smith sagt in seinem Werke über den National-Reichthum (das ich mir bloß deßwegen anschaffte, weil ich glaubte daraus lernen zu können, wie man reich werden kann): „als die Dampfmaschinen zuerst in unseren Fabriken eingeführt wurden, hatte man bei jeder derselben einen Buben nöthig, der beständig, so wie der Stämpel auf und nieder stieg, die Verbindung zwischen dem Kessel und dem Cylinder herstellen oder unterbrechen (absperren) mußte. Einer dieser |65| Buben, der lieber mit seinen Kameraden spielte, als den ganzen Tag lang vor dem Cylinder stand, bemerkte eines Tages, daß, wenn er einen Bindfaden an den Griff der Klappe anbringt, die diese Verbindung herstellt und absperrt, und diesen Faden an einem anderen gewissen Theile der Maschine befestigt, die Klappe sich so gut öffnet und schließt, als wenn er dabei stehen bleibt, und dieß mit seiner eigenen Hand thut; daß er also während dieser Zeit ganz bequem mit seinen Kameraden kann. So war also eine der wichtigsten Verbesserungen an dieser Maschine, die seit der Erfindung derselben gemacht wurde, das Werk eines Buben, der lieber spielte als arbeitete.“

Die ganze Welt wird gestehen, daß die Männer, welche die Dampfmaschine erfanden, und bis zu jener Vollendung brachten, daß man sich derselben in Fabriken, Bergwerken etc. bedienen konnte, Männer von hohem Geiste, wenigstens Männer von mehr Geist gewesen, als Millionen, die vor und gleichzeitig mit ihnen lebten. Und diese großen Männer sahen an dem unsterblichen, die Menschheit beglükenden Meisterwerke, das ihr Genie erschuf, den Fehler nicht, den ein muthwilliger Bube einsah und verbesserte, welcher nichts von allem jenen tiefen Calcül wußte, der zur ersten Errichtung der Dampfmaschine gehörte.

Möchten doch unsere gelehrten Herren, und vorzüglich diejenigen, die sich auf ihr Wissen etwas einbilden, nie vergessen, daß sie von dem nächsten besten Kinde noch Besseres und Nüzlicheres lernen können, als sie bei all' ihrer Weisheit noch nicht wissen. Prüfet Alles und das Gute behaltet, sagte der Apostel; es ist gleichviel von wem es kommt. Man muß sich nicht einbilden, daß man allein Alles weiß und kann, und daß Alles schlecht ist, was man nicht selbst gemacht hat, oder bisher noch gar nicht so gemacht wurde, wie ein anderer meint, daß es gemacht werden könnte. Diese Wahrheit gilt nirgendwo mehr, als in der Mechanik.

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