Titel: Ueber Surrogate für Korkstöpsel und ein Mittel zu einem solchen zu gelangen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. XLII./Miszelle 24 (S. 153–155)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/mi037023_24
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Ueber Surrogate für Korkstöpsel und ein Mittel zu einem solchen zu gelangen.

Der Gebrauch der Korkstöpsel nimmt von Jahr zu Jahr aus dem natürlichen Grunde zu, weil die Zahl der Menschen zunimmt, und die Korkwälder nehmen von Jahr zu Jahr, aus dem natürlichen Grunde, in demselben Verhältnisse ab, als man die Korkwälder weniger schont, weil man mehr Kork braucht, und dieser von Jahr zu Jahr theuerer wird.

Das reichste Volk in Europa (die Engländer) schämt sich nicht seine alten Korke zu sparen, wie Gold, aus den alten gebrochenen großen kleine zu schneiden, die Bruchstüke der größeren zu großen zusammen zu leimen, und für die verschiedenen Kunstgriffe dieser Stöpselei Patente mit 2000 bis 3000 fl. zu bezahlen. Man vergl. unser Polytechn. Journ. in den vielen Heften, in welchen hiervon die Rede ist. Alle diese geleimten Korkstöpsel taugen indessen nicht einmal zum Stöpseln einer guten Flasche deutschen Bieres, viel weniger einer Flasche Champagner, oder überhaupt einer Flasche edlen Weines.

Ueberdieß muß es für jeden deutschen Mann eine schmerzliche Empfindung seyn, dem Auslande für jede Flasche Bier, für jede Flasche Wein, an welcher er sich labt, einen nicht unbedeutenden Tribut bezahlen zu müssen; denn die Summe, die jährlich für Kork in's Ausland geht, ist größer, als mancher glauben wird.

Hierzu kommt noch, daß die so theuer gewordenen Korkstöpsel zugleich so schlecht geworden sind, daß man nicht selten von dreien einen wegwerfen muß, und daß selbst noch bei dieser Auswahl, manche Flasche edlen Weines und guten Bieres bloß des schlechten Stöpsels wegen zu Grunde geht. Der Schaden, der hierdurch in den Kellern entsteht, ist nicht bloß den Weinhändlern und Weinwirthen und Bierwirthen, sondern auch jedem guten Hauswirthe bekannt.

Schon vor bald 50 Jahren machte uns der würdige alte Böhmer in seiner technischen Geschichte der deutschen Pflanzenarten auf die Nothwendigkeit aufmerksam, an ein Surogat für Kork zu denken. Er führte im zweiten Theile seines classischen Werkes die zu seiner Zeit bekannt gewesenen Surrogate treulich auf, und diese waren: der schwarze Pappelbaum, (Populus nigra), die Wurzel des Süßholzes (Glycyrrhiza glabra und echinata), das Acajaholz (Spondias Monbin Jacq. oder lutea L.), die Wurzel der Nyssa aquatica, das Holz des glatten Flaschenbaumes (Annona glabra L.), die Rinde und der Splint des Seekreuzbeerenstrauches (Hippophaï rhamaoides) und der in Schweden als Kork gebrauchte Löcherschwamm (Boletus suberosus L.) Alle diese alten Surrogate ersezten indessen den Kork eben so wenig, als die zeither bekannt gewordenen neuen.

Unter den Mitteln, zu einem solchen Surrogate zu gelangen, ist nun kein anderes, als eine Preisaufgabe mit einem ansehnlichen, lokenden und für Mühe, auch allenfalls für Auslagen reichlich entschädigenden Preise auszuschreiben; mit einem Preise von wenigstens 10,000 fl., welcher demjenigen zuerkannt würde, der ein Surrogat für Korkstöpsel angibt, welches etwas wohlfeiler, als Korkstöpsel, und eben so gut, oder eben so theuer, aber noch besser ist. Mit einem geringeren Preise darf man nicht erwarten, die menschliche Faulheit aus ihrem Schlafe aufzurütteln und den Eigennuz zu reizen, irgend ein Sümmchen auf die zur Erlangung eines solchen Capitals nothwendigen Versuche, Correspondenz etc. zu wenden. Diese Aufgabe ist keine Kleinigkeit; sie sezt mehr Kenntnisse voraus als manche Preisaufgabe irgend einer Akademie. Der Preiswerber muß, wenn er nicht die blinde Henne im Sprichworte ist, ausgebreitete Kenntnisse in Botanik, Chemie, Mechanik, und Geduld und Gewandtheit im Experimentiren besizen: denn schwerlich werden die nöthigen Versuche vor Verlauf von zwei oder drei Jahren auf eine sichere und genügende Weise beendigt werden können. Für solche Spottpreise, wie Akademien und Gesellschaften sie gewöhnlich ausschreiben, wird und kann kein Mann, der allenfalls im Stande wäre, diese Aufgabe zu lösen, sich derselben unterziehen. Wenn dieß wäre, würden wir längst schon Patentstöpsel haben; denn es ist gewiß, daß wohlfeile und gute Patentstöpsel in wenigen Jahren dem Patentträger Hunderttausende tragen würden, wie man an dem Reichthume der gewöhnlichen Korkstöpsel-Fabrikanten sieht.

Wo aber diese 10,000 fl. hernehmen? Dorther, woher Alles Gute gekommen ist, was die Menschheit hat, aus der großen Casse der Subscription, die nie |155| Bankerott macht, insofern sie niemals ehe einen Kreuzer hergibt, als sie den vollen Werth empfangen hat. Sollte man in ganz Deutschland nicht 2000 Wein- und Bierwirthe finden, wovon jeder demjenigen 5 st. bezahlt, der ihm entweder bessere Stöpsel gibt, als die bisherigen, ohne daß sie ihm mehr kosten, oder vielleicht gar wohlfeilere und eben so gute? Diese 5 fl. dürften einstweilen bloß subscribirt und nicht ehe bezahlt werden, bis nicht solche Stöpsel, welche eine von den Subscribenten selbst ernannte Commission brauchbar und gut befunden hat, ihm in das Haus geschikt werden.

Wenn sich nicht so viel Interesse für diese so hoch wichtige Sache in demjenigen Publikum findet, welches derselben so sehr bedarf; wenn es nicht große Weinhändler und Bierwirthe der Mühe werth finden, Subscribenten unter ihren kleinern Collegen zu sammeln, und für die Zahl ihrer Subscribenten und die ausgeschriebene Summe für den Fall einer glüklichen Lösung zu garantiren; dann ist dieses Publikum von derselben bodenlosen Faulheit und von demselben Eigennuze heimgesucht, wie diejenigen, die der Verlegenheit desselben abhelfen konnten oder könnten, und es bisher nicht thaten und nicht früher thun werden, ehe sie nicht Geldfässer, statt Weinfässer, in ihr Haus rollen sehen.

Wenn man für Geld, wie die Geschichte lehrt, Generale und Cardinale, Minister und Secretäre kaufen kann, so wird man doch für Geld auch noch Stöpsel finden können. Oder sollten die Stöpsel vielleicht Aehnlichkeit mit ehrlichen Leuten haben, (da man den ehrlichen Mann, der nicht zugreift, so oft einen Stöpsel nennt) und für kein Geld zu haben seyn?

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