Titel: Ueber den Zustand der Industrie im nördlichen Holland.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. LIX./Miszelle 42 (S. 225–227)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/mi037059_42

Ueber den Zustand der Industrie im nördlichen Holland.

Einige Journale der armen Belgen, die von den Zeiten Tacitus bis auf unsere Tage bei ihrer Gutmüthigkeit immer der Spielball schlechter Intriganten gewesen waren, so wie sie gegenwärtig wieder der Kreisel der Theo-Demokraten, der liberalen Jesuiten und der jesuitischen Liberalen, und der allerheiligsten Congregation zu Paris sind, erlaubten sich (das non debet, cui plus licet, quod minus est, non licere,“ ist ein altes Juristen- und Jesuiten-Axiom) einige schiefe Blike auf die Industrie des nördlichen Hollands, auf den ältesten und schönsten Stamm deutscher Geistesgröße zu werfen. Das Algemeen handelsblad und der |226| Industriel Belge scheucht diese römischen Krähen, denen die batavische Preßfreiheit ihre Rabenzunge gelöst hat, in ihre alten Klostermauern zurük, die sie gern neu zu ihrer Mästung erbauen möchten.

Die Bataver, die einst den Welthandel in ihren Händen hatten, die der spanischen Weltherrschaft den Stab brachen und die Scheiterhaufen der Inquisition zerstörten, die England seine heutige Cultur, seine Industrie, seine ganze Größe schenkten, und dafür so britisch undankbar belohnt wurden; die über ganz Europa das Licht der classischen Welt verbreiteten; sind zwar nicht mehr das, was sie früher waren, sind aber nahe daran, ihre alte Größe zu erreichen, wenn der Feind, den es sich an seinem entarteten Kinde erzog, fortfährt seinem gänzlichen Untergange, wie in den neuesten Zeiten, entgegen zu rollen. Holland ist noch immer das reiche und das fleißige Holland, und wo es an Milliarden nicht fehlt, an Fleiß und ruhiger Besonnenheit nicht gebricht, kann jeder Augenblik das Land zur alten Größe heben, wo günstige Umstände eintreten: zuweilen wird das Unglük selbst, wie dieß bei Holland zwei Mal schon der Fall gewesen ist, die Quelle neuen Glükes.

Holland ist nicht bloß ein Handelsstaat; es ist auch ein akerbauender Staat, und treibt seine Landwirthschaft, wie es scheint, nach einem richtigeren Grundsaze, als mancher andere Staat. Es baut seinen Bedarf an demjenigen, was es für theueres Geld einführen müßte, es baut, was es mit Gewinn ausführen kann, und kauft von dem Gewinne dasjenige, was es nur mit Nachtheil innerhalb seiner Gränzen erzeugen würde. In welchem Lande ist die Viehzucht blühender als in Holland? Welches Land erzeugt jährlich, bei so beengtem und übervölkertem Flächeninhalte, bei dem ungeheuren Werthe einer jeden Spanne Landes, die dem Ocean durch die kostbarsten Dämme abgewonnen werden muß, 26 Millionen Pfund Butter, und führt, wie das einzige Friesland, für 1100000 fl. davon aus? Welches Land erzeugt, bei einer solchen Buttergewinnung, auf gleichem Umfange, jährlich 30 Millionen Pfund Käse? Welches Land führt, bei einer solchen Viehzucht, allein nach England, für 2 Millionen Grapp aus, und verkauft, aus der Umgegend von zwei kleinen Städtchen allein (Nykerk und Amersfoort) jährlich für 2 Millionen Tabak nach Frankreich, Frankreich, das die Holländer bittet ihren Tabakbau noch mehr zu beleben, damit es seine einfältige Tabakregie fortsezen kann? Der Holländer baut nur dort Getreide, wo nichts Besseres gleichen Ertrag liefert: Seeland versieht Holland mit Weizen, Roten, Gerste; Friesland und Gröningen mit Hafer, und was mehr hiervon gebraucht wird, wird dort gekauft, wo man sich daran arm baut. Eine solche Landwirthschaft ist nicht so schlecht berechnet, wie sie es in jenen Ländern ist, wo Akerbau auf Kosten der Viehzucht getrieben wird; wo man für jeden Scheffel Korn, den man kümmerlich ausführen kann, Einen Ochsen eintreiben muß, der, bis er zur Schlachtbank kommt, ein Zehntel seines Fleisches und Fettes auf dem Triebe verloren hat.

Die Wallfischfängerei und der Heringsfang ist zwar kaum mehr der Schatten von dem., was er war; er nährt aber noch immer Tausende, und ist noch immer die Schule der ausgezeichneten holländischen Seeleute: der Holländer ist zwar der langsamste, aber vielleicht der sicherste Seemann in der Welt, weil er der ruhigste, der besonnenste ist.

Der holländische Wachholderbrantwein (génièvre) ist noch immer ein Gegenstand des Welthandels, und das kleine Städtchen Schiedam zählt allein 190 solche Brennereien.

Amsterdam ist noch immer im Besize seiner Borax-Raffinerien, und wenn seine Kampher-Raffinerien in neueren Zeiten durch die französischen Raffinerien litten, so ist sein Kampher doch noch immer der beste in der Welt. Wo ist ein Salpeter, der dem Amsterdamer gleich käme? Sind nicht alle bisherigen Zinnober-Fabriken hinter den Amsterdamern zurük geblieben, deren Geheimniß noch immer unverrathen, und deren Ruhm noch immer unerreicht da steht? Amsterdam hat noch immer, bei aller Concurrenz des Auslandes, 62 Zuckerraffinerien, die über 40 Millionen Pfund Zucker des Jahres erzeugen, und viele andere Städte des nördlichen Hollands haben noch die ihrigen in großer Anzahl, und arbeiten alle reinlicher und besser, als die belgischen.

Die Wachsbleichen, die unermeßlichen Leinwandbleichen um Harlem, der Blumenhandel dieser kleinen Stadt über ganz Europa und das westliche Asien, die Industrie dieses kleinen Städtchens in diesen Zweigen ist noch von keinem andern Riesenstaate übertroffen.

|227|

Die Bleiweißfabriken von Amsterdam, Rotterdam, Schiedam, Dordrecht, Utrecht, Wormerveer etc. behaupten noch immer ihren alten Ruhm, und die neueren französischen Bleiweißfabriken sind gezwungen, ihr Bleiweiß unter dem Namen holländisches Bleiweiß zu verkaufen, und in holländer Papier einzupaken, um ihre Waare absezen zu können. Den Utrechter Tournesol hat noch Niemand erreicht, so wie auch das holländische Wasch- oder Stärkblau noch immer das beste ist.

Die holländischen Pulvermühlen verfertigen wöchentlich 200,000 Pfund Schießpulver, und die holländischen. Schrote rivalisiren mit den englischen.

Die holländischen Tuchfabriken fangen wieder an aufzuleben, so wie die Baumwollenmanufacturen in allen ihren Zweigen. Das Holländer feine Briefpapier haben selbst die englischen Papierfabrikanten noch nicht übertroffen. Sogar Seidenfabriken werden jezt errichtet.

Die holländischen Färbereien, Gerbereien, Seifensiedereien, Glashütten, Töpfereien, Pfeifenbrennereien, Salzsiedereien sind noch immer, was sie waren, und dieß ist genug. (Vergl. Bulletin d. Scienc. technol. März S. 299.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: