Titel: Was das ist, wenn Stokgelehrte über Industrie und Handel schwäzen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. LIX./Miszelle 43 (S. 227–231)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/mi037059_43

Was das ist, wenn Stokgelehrte über Industrie und Handel schwäzen.

Hat der Hahn, welcher die Leipziger Messe in den Beilagen der A. Z. jährlich zweimal auskräht, und über die Jubilate-Messe bis gegen Michaelis hin, wie über die Michaelis-Messe bis nahe gegen Ostern in Einem fort kräht, in der Beilage zur Allgem. Zeitung Nr. 87. 14. Julius S. 345. laut verkündet. –

Wir sind zwar seit langer Zeit gewohnt, diesen Hahn, der mit ächtem Gokel-Stolze auf seinem Leipziger Miste stundenlang nach den Weizenkörnchen scharrt, die sich unter demselben verloren haben, nach Art seiner blechernen Brüder auf den, Kirchthürmen und Hausdächern sich nach allen Winden drehen, und die bunten Federn seines Steißes bald dem Norden, bald dem Süden, bald dem Osten und bald, dem Westen zukehren zu sehen; indessen hat dieser Wetterhahn sich am 14. Julius in seiner Wandelbarkeit selbst übertroffen. Er kräht a. a. O. wie folgt:

„Viele tausend Nadeln sind (in Sachsen) mit Stikerei in Spizengrund und Tüll beschäftigt, und erwerben sich dadurch etwas Brot, Kartoffeln und Cichorien-Kaffee. Welch ein unberechenbares Unheil, wenn von England aus auch Maschinen-Stikereien zu uns auf's Festland kämen.“

Wenn ein Hahn solchen baaren Unsinn kräht, so ist es wahrlich an der Zeit, daß man ihn dem Aeskulap opfert. – Weiß der Gokel nicht, wie viele Tausende und Tausende von Töchtern und Müttern armer Familien durch das der Gesundheit des weiblichen Körpers so höchst verderbliche Stiken vor der Zeit ihr Grab fanden? kennt er die traurigen Folgen des Drukens der Brust an die Tambours und Stikrahmen, der Krümmung des Rükgrates, des Sizens Tage und halbe Nächte lang am Stikrahmen nicht? weiß er nicht, daß Bleichsucht und weißer Fluß und Hysterie, daß Brustleiden aller Art, Krebs von außen, und Husten, Lungenkrampf, Blutspeien, Lungensucht, Brustwassersucht von innen, daß die hartnäkigsten Krankheiten des Unterleibes, Leber- und Milz-Erhärtungen, Bauchwassersuchten, Hämorrhoiden, daß Augenkrankheiten aller Art, die meistens in unheilbare Blindheit enden, nebst einer zahllosen Menge anderer Uebel, die eben so allgemeinen als traurigen Folgen des ewigen Sizens am Stikrahmen und an den Tambours sind? daß wir dadurch also das weibliche Geschlecht, den Schoß künftiger Generationen und Nationen, in Siechlinge verwandeln, die wieder nur Siechlinge, die ihnen gleichen, in die Welt zu sezen vermögen? Hat er nie, da er doch selbst in Sachsen lebt, wenn er des Morgens auf seinem Misthaufen scharrte und krähte und die Flügel schlug, die leichen- und gespensterartigen Gestalten gesehen, wie sie bleich und gesenkten Hauptes, hustend und ihr Tuch vor dem Munde haltend, zur Kirche schleichen, in deren Hofe sie bald für immer ruhen werden? Diese gespensterartigen Wesen sind die armen Stikerinnen, deren Jammer und Elend unser Gokel durch philanthropisches Krähen nach „etwas Brot Kartoffeln und Cichorien-Kaffee“ für alle Ewigkeit hinaus verlängert zu sehen wünscht, damit des Jammers und Elendes kein Ende werde auf dieser besten Welt. Wenn unser Hahn für andere eben so gut als für sich selbst, Weizenkörner aufscharren würde, so würde er gar bald finden, daß weit mehr, als diese armen Stikerinnen sich zu ihren Erdäpfeln und Cichorien-Kaffee mit der Stiknadel |228| verdienen, den Aerzten, Wundärzten und Apothekern theils von den armen Stikerinnen selbst, theils von den Gemeinde- und Stadtkassen, deren Spitälern und Versorgungsanstalten sie endlich anheim fallen, bezahlt werden muß, und daß hier, wie überall in der Welt, male parta male dialbuntur. –

Es ist fürwahr unbegreiflich, wie unser mystirische Hahn, der so sehr auf Allwissenheit Anspruch macht, so unwissend seyn kann, daß er Engländer für Erfinder der Maschinenstikerei auskräht. Der Erfinder der Stikereimaschinen ist ein Deutscher, Herr Heilmann zu Mühlhausen, aus demselben Mühlhausen, von welchem unser Gokel so vornehm kräht: „es wundere ihn nur, von dem interessanten Bulletin, welches in Mühlhausen erscheint, noch keinen Gebrauch gemacht zu sehen.“ Man hat an den Hahnen längst bemerkt, daß, wann sie krähen, sie die Augen dabei zudrüken. So mag es nun auch bei dem Leipziger Hahn der Fall gewesen seyn, denn wenn er die Augen bei seinem Krähen offen gehalten hätte, so würde er gesehen haben, daß wir schon vor 7 Monaten im Polytechnischen Journale B. XXXIV. S. 441. von Hrn. Heilmanns herrlicher Erfindung Nachricht gegeben, und von dem interessanten Bulletin, welches zu Mühlhausen erscheint, den „besten Gebrauch,“ und nicht keinen Gebrauch“ gemacht haben. Wenn Hr. Weber dieß nicht auch that, so ist es nicht unsere Schuld. Wir haben Hrn. Heilmanns Erfindung in ihrem ersten Entstehen als eine der größten Wohlthaten für die Menschheit gepriesen, und ihm gesagt (a. a. O.), daß sein Name, wo seine Erfindung (woran nicht zu zweifeln ist), glüklich ausgeführt wird, unter den Wohlthätern der Menschheit in den Annalen derselben noch nach Jahrhunderten glänzen wird.“ Wir sagten dabei voraus (a. a. O.): „Es wird nicht an Leuten fehlen, die in dieser neuen Anwendung von Maschinen auf Handarbeit ein neues Unheil für die Gesellschaft finden, und die Tausende von Stikerinnen in der Schweiz, in Sachsen etc. beklagen werden, die dadurch brotlos werden müssen.“ Und siehe da, der Leipziger Hahn kräht nun wirklich, wie wir 7 Monate früher vorausgesagt haben, 7 Monate später, aus voller Kehle: Unberechenbares Unheil! Unberechenbares Unheil!

Wenn der Herzog von Wellington in der dießjährigen Parliamentssizung das Elend, in welches er und Huskisson die Industrie in England stürzte, den Maschinen zuschreibt, so mag man sich dieß gefallen lassen, ohne ihn, wie Hr. Brougham that, deßwegen ins Irrenhaus schiken zu wollen. „Für einen Herzog, und überhaupt für einen vornehmen Herrn, ist man bald gescheidt genug,“ sagte der Freund Josephs des II., der selbst ein edler Sprosse eines der ältesten gräflichen Häuser Böhmens war, Graf Kinsky, in einem seiner unsterblichen Werke. Was einem Herzoge zu sagen erlaubt ist, steht darum nicht einem Hahne zu, frei nachzukrähen. Zum Glüke haben aber die Hähne ein so schwaches Gedächtniß, daß sie nicht nur nicht wissen, was sie kurz vorher gekräht haben, sondern sogar auch, daß sie gekräht haben: denn nur darum, sagte ein alter Naturforscher, kräht der Hahn so oft, weil er immer vergißt, daß er bereits gekräht hat. An einem ähnlichen schwachen Gedächtnisse scheint nun auch der Leipziger Hahn zu laboriren. Denn, während er so eben Unberechenbares Unheil! Unberechenbares Unheil für Sachsen krähte, wenn eine Stikmaschine in dieses Land kommt, preist er es, einige Secunden später glüklich, daß es die englische Maschine zur Verfertigung der Bobbin-Spizen erhielt. „Seit kurzem ist es dem erfinderischen Wick zu Chemnitz gelungen, den ächten Bobbinetstuhl so nachzumachen, daß er sogar in einigen Stüken noch mehr leistet, als der englische. – Er ist mit drei großen Chemnitzer Häusern zusammen getreten, und schon sind mehr als zwölf Mühle in voller Arbeit. Ein Stuhl klöppelt 24 Ellen in 12 Stunden eben so schön in Baumwolle, als in Seide, welches leicht auch für die Erzeugung der Blonden von Wichtigkeit ist.“

So sind die gelehrten Wetterhähne heutiger Zeit. Was sie auf einer Blattseite ein unberechenbares Unheil nennen, preisen sie auf der Rükseite desselben Blattes als das Heil und das Wunder des Landes. Sie haben also mit vielen Worten eigentlich nichts gesagt, und ächt jesuitisch beiden Partheien zugleich gedient, den herzoglichen Feinden der Industrie und des Aufschwunges des menschlichen Geistes, und den Freunden der leidenden Menschheit: sie sind Allerwärts-Freunde, weil sie sich selbst als den Abglanz der Welt betrachten.

Der Grundsaz, daß Alles, was eine Maschine eben so gut und wohlfeil wie die Hand des Menschen zu fertigen vermag, durch Maschinen und nicht durch |229| Menschenhand gefertigt werden müsse, wenn man den Menschen zu seiner wahren Würde erheben, und nicht zur bloßen Maschine herabwürdigen will, wird ewiglich feststehen: Kein Hahn wird ihn umkrähen, wenn er auch noch so mystisch, und so laut wie die Trompeten vor Jericho, krähte, das heißt, mystischer und lauter als der Hahn zu Leipzig. Man darf nicht fürchten, daß diejenigen verhungern werden, die bisher durch Stiken sich bloß Erdäpfel, Cichorien und etwas Brot verdienen konnten. Wenn es in Sachsen dahin kommen sollte, wohin es in Angelsachsen nicht durch Uebervölkerung (England könnte noch einmal so viel Menschen nähren, als es zählt), sondern durch die erbärmlichsten Geseze, die die Geschichte der Menschheit aufzuweisen hat, durch die schändlichsten Auswüchse des Lehenrechtes bereits gekommen ist; so wird den Sachsen die Erde im Osten, im Westen und Süden eben so offen stehen, wie den Engländern, den Würtembergern, den Schweizern, die jezt die Steppen Rußlands, die Savannen des nördlichen und die Campos und Llanos des südlichen Amerika, die Karros des südlichen Afrika und die unermeßlichen fruchtbaren Wüsten Neu-Seelands in Paradiese verwandeln, da sie zu Hause nicht mehr Brot für sich und die ihrigen finden. Die Menschen-Rasse, die in Europa als Maschine behandelte, verkrüppelte, wird, dem Akerbaue auf jungfräulichem Boden wieder gegeben, sich von ihrem Leiden erholen, wird erstarken, und die späten Enkel künftiger Generationen in Nord- und Südamerika im südlichen Afrika, im mittlern Asien, werden im Schoße der Natur und der Cultur derselben an Kraft und Stärke ihren Urahnen gleichen, die so lang der Schreken der entarteten Weltgebieter gewesen sind. Naturam expella furca tamen usque recurret, et mala perrumpet furtim fastidia victrix, victrix über alle Chimären aller gelehrten Gokel.

Zu den schönsten dieser Chimären gehören unstreitig der S. 701. Nr. 176. aus der Berliner Voß'schen Zeitung referirte hochweise Saz: „Aber immer und ewig wird nur von dem Staate viel erkauft, wohin viel verkauft wird.“ Wahrlich herrlich gekräht und mit gelehrter dunkler Tiefheit gesagt: Viel Geld ist zu erhaschen von dem der viel ausgibt. Was würde der russische Minister Cancrin darum geben, sich diese tiefe Finanzweisheit aneignen zu können, und welche unermeßlichen Vortheile könnte Rußland daraus ziehen, wenn es von seinen aufgezählten vielen Producten den Engländern, Franzosen und Deutschen alles das zukommen lassen würde, was sie gerade nehmen mögen zu den Preisen, die sie gerade dafür geben mögen, ganz nach dem Beispiele der hochweisen deutschen Finanzräthe, und dagegen die Einfuhr aller fremden verarbeiteten Producte mit seinen Gold-Barren bezahlte, bloß um seine anstelligen und genügsamen Arbeiter nicht mit Production durch eigenen Kunst- und Gewerbsfleiß, sondern mit Consumtion der fremden Manufacturen zu beschäftigen. Wahrlich, wenn der ganze Kaukasus eine Goldmasse wäre, es könnte damit fertig werden, und der Berg bald in Liverpool, Manchester, London, Paris und sonsten mit allerlei Effigien beprägt umherrollen.

Die Finanzweisheit eines in Berlin angestellten declamirt und unser Hahn referirt weiter: „Das unfehlbare Mittel die Ausfuhr aus einem Staate und die Verwerthung seiner Erzeugnisse zu lähmen, ist übermäßige Belastung aller Einfuhr.“ Hochweiser hochgelahrter Hahn, welches von ihren Gesichtern plappert hier dem gelehrten Collegen in Berlin nach; der Sokrates oder der Schafskopf? Welcher es auch sey, er hat den Nagel auf den Kopf getroffen, und wir stehen zurük, denn solchem tiefsinnigen Urtheile können wir nichts entgegen sezen. Zwar haben wir von einem Kinde gelesen, das mit Sehorganen geboren worden seyn soll, in denen sich alles verkehrt spiegelt. So auch müssen unsere geistigen Sehorgane und alle die derer, die uns die Geschichte einiger Jahrhunderte lieferten, bisher beschaffen gewesen seyn. Warum hat doch der Finanzweisheitsmann nicht eher gekräht. Wir wissen nun erst, daß England, seit es sich mit dem eisernen Harnisch der Prohibitionen umgürtete, nichts mehr ausführte; daß seine Flotten verfaulten, daß es Maschinen erfinden mußte, um die Thätigkeit seiner Arbeiter zu vermindern, denn seine Producte konnte es nicht los werden, weil es nichts einführen ließ. Wir wissen nun, daß Frankreich, seit es die unter Colbert zuerst versuchten Prohibitionen ausgebildet, und auf die 38 Hauptgegenstände des Manufacturhandels ausgedehnt hat, nichts mehr exportirt. Seine Weine, seine Südfrüchte, seine Seidenstoffe, seine zahllosen Pariser Niaiserien sind vergessen in der übrigen Welt. Sein Wohlstand sinkt, der Grundbesiz verliert täglich am Werth; |230| seine Fabrikstädte verfallen, seine Canäle vertroknen. O tiefsinniger Finanzrath! warum haben wir so verkehrte Augen; warum können wir unsere Denkkraft nicht auf eine solche hohe Stufe schrauben, um so durchdringend absurd zu werden!

Warum sind wir so unglüklich, tief unter der Nacht des großen, unermeßlich verwirrten Chaos, das der Weltverkehr vor unseren geistigen Augen bildet, alle Quellen, in denen die edlen Metalle den Reichthum, die Kraft und die Fülle der Nationen verführen, hinüber auf die britischen Inseln, hinüber nach Galliens Provinzen fließen zu sehen, während sie doch, wie Ew. Wohlgeborne Weisheit uns erkennen lassen, umgekehrt strömen. Wahrlich wir können uns nur bedauern und schweigen, und uns damit trösten, daß die hier angezogenen Grundsäze gerade so zuverlässig sind, als etwa alle Berichte aus dieser Quelle über die Leipziger Messe, worin sogar, wie es in den vorlezten Meßberichten geschah, Fabrikanten als anwesend bezeichnet, und ihre Waaren einem kritischen Urtheile unterworfen wurden, welche, obwohl sie früher die Messen Leipzigs besucht hatten, dennoch auf jener weder selbst noch in ihren Waaren anwesend waren, und es nimmer der Mühe werth halten sie wieder zu besuchen. Es muß also Referent damals eine Ausnahme gemacht und die Produkte jener Fabrikanten voraus abgeurtheilt haben, in der Erwartung, daß ihm das Criterium, wenn es ihm auch auf dieser Messe nicht so recht zum gründlichen Studium zugekommen war, ja noch nachträglich eingesendet werden könne.

Weiter heißt es in Ferbers beigezogenem Saze: „Preußen hörte nie auf die Klagen seiner Fabrikanten, und erschuf erst von 1818 an in seinen Staaten wahren Gewerbsfleiß.“ Desto schlimmer für Preußen, wenn es nie darauf hörte und noch nicht darauf hören will, denn es beweist dadurch, daß nicht der Schuz der Industrie das Augenmerk seiner Finanzräder ist, sondern eitel Finanzplusmacherei; es will von keinem absoluten Prohibitivsysteme wissen, sondern nur Zölle haben und seine Fabriken immer in Schach halten, damit sie gewissen Leuten ja nicht über den Kopf wachsen. Und doch, was wäre die Industrie des alten Preußen ohne seine Prohibitionsmaßregeln unter Friedrich II.? Würde es wohl seitdem einen Faden Baumwolle verwebt haben? Gebe Gott, daß sich einst bei der endlichen Gesammteinigung Deutschlands andere Ideen der administrativen Machthaber bemächtigen, und man endlich die deutsche Industrie gegen die nachtheilige Willkühr des Auslands schüze, oder dieses zwinge auch den deutschen Producten Zutritt zu vergönnen. Preußen und Bayern umklammern Sachsen mit ihren Zöllen, was kann Sachsen dabei thun? So fragt unser Gallus Lipsiensis, ohne daß sein Sokrateskopf ihm die Antwort zuflüstert: seine antike störrische Regierung so lange belagern, bis es an Preußen oder Bayern sich anschließen darf, und wieder wäre ein Schritt zur Vereinigung Deutschlands geschehen; und würden dann scharfe Waffen gegen das Ausland gewendet, so würde wohl endlich unsere Industrie Schuz gegen die lächerlich wohlfeilen englischen Lumpenfabrikate und die Judenherrschaft finden können. Ob dann Leipzigs und Hamburgs Schacherer, die sich der zärtlichen Sorgfalt der weisen sächsischen Regierung so sehr zu erfreuen haben, die verlegenen englischen Kattune an die Asiaten losschlagen können oder nicht, wird wenig Interesse bieten, und um so weniger, als diese Mäklerei des englischen Trödels und der Handel an jene Asiaten überhaupt fast nie einigen Gewinn bringt. Warum also soll Deutschland seine Zeit und Mühe vergeuden, den Engländern den Umsaz ihrer Waaren zu bewerkstelligen?

Verschließt ihnen unsere Hafen und seht, was dann aus all den verworfenen Lordhips und ihren Hunderttausenden werden wird, die sie von der Welt erpressen, während sie ihre armen elenden Unterthanen Hungers sterben lassen. Dem englischen Volke selbst wäre damit ein größerer Dienst geleistet, als die Franzosen den Arabern durch ihre Befreiung vom türkischen Joche leisteten. Die deutsche Industrie aber würde nach einem einzigen Jahrzehend kräftigen Schuzes selbst noch Kraft genug entwikeln, in Leipzig einen Weltmarkt zu bilden, der den englischen Tyrannen wohl auch noch bange machen könnte. So lange aber keine ernste Maßregeln der Art ergriffen werden, so lange die Spaltungen Deutschlands fortbestehen werden, so lange die Stubengelehrten am Ruder der Staaten den Declamationen des absoluten Handels, des ewigen Feindes der Industrie in seiner Nähe, nur allein Gehör geben, von Monopolisten der Fabriken träumen, während sich diese in gegenseitiger Concurrenz zu Tode balgen – und der deutsche Handel selbst bei theurerern Preisen fremde Waare vorzieht, – so lange sie von Reciprocität des freien Handels träumen, und sich in ihre Abstraktheit so weit vertiefen, |231| daß sie nur einen gegenseitigen Waarentausch im Auge behalten, die Existenz des Tauschmittels, Geld, aber ganz ignoriren, so lange man nicht einsehen wird, daß Handel von selbst erscheint, wo Industrie blüht, und jener ohne die leztere nur Verarmung hervorbringt, – so lange, sagen wir, wird Deutschland andern Nationen nachstehen müssen, und sich der Handelstyrannei des Auslands nicht entziehen können. Denn falsch und absurd ist die Idee der Stubengelehrten, daß nur bei freiem Handel Reciprocität Statt finde, widerlegt durch hundertjährige Erfahrung, die uns zeigt, daß England troz seiner famosen Schifffahrtsakte, troz seiner enormen Zölle die Welt mit seinen Manufacten überschwemmt; daß Frankreich troz der Prohibirung der 38 Haupthandelsartikel, dieselben und zahllose andere nach Deutschland verführt; daß Oesterreich troz seiner Prohibitionen nun anfängt als Verkäufer da zu erscheinen, wo man es früher nur als Käufer zu sehen gewohnt war. Aber alle diese Erfahrungen sind verloren für unsere 38 Finanzcollegien, die sich unmöglich das Vergnügen berauben können, der deutschen Industrie ihre 38 Zügel und zahllosen Nebenzügelchen anzulegen, um sie wie eine Marionette daran springen zu lassen.

Obschon wir ihnen das Vergnügen nicht im Mindesten gönnen, müssen wir uns doch einstweilen damit begnügen, alle ihre falschen Grundsäze, alle die Chimären ihrer Helfer und Speichelleker mit unerbittlicher Strenge zu verfolgen, in der Erwartung, daß der Zeitgeist und die Notwendigkeit auch endlich jene mit deutscher langweiligen Bedächtlichkeit nachhinkenden Collegien an sich ziehe, und mit der nächsten Generation auch neue, bessere Ideen in dieselben Eingang finden mögen.

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