Titel: Analyse der Weidenrinde von Hrn. Leroux.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. LIX./Miszelle 56 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/mi037059_56
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Analyse der Weidenrinde von Hrn. Leroux.

In dem neuesten Hefte der Annales de Chimie et de Physique, Avril, S. 440. befindet sich ein Bericht der HHrn. Gay-Lussac und Magendie über eine Abhandlung des Hrn. Leroux, Apothekers zu Vitry-le-Français, über Analyse der Weidenrinde von Salix Helix nach Desfontaines Bestimmung.

Hr. Leroux glaubte Anfangs in dieser Rinde ein neues vegetabilisches Alkali, Salicine, gefunden zu haben, und bereitete daraus schwefelsaure Salicine (Sulfate de Salicine), wie schwefelsaure Chinine bereitet wird. Er überzeugte sich aber später zu Paris, daß diese Salicine kein Alkali ist; daß sie die Säuren nicht sättigt; daß die Säuren sie vielmehr zersezen und ihr die Eigenschaft entziehen sich zu krystallisiren; daß sie keinen Stikstoff enthält, mit einem Worte, daß sie kein Alkali ist, und daß es folglich auch keine schwefelsaure Salicine giebt.

Der Körper, den Hr. Leroux in der Rinde der Salix Helix entdekte, und den er Salicine nennt, bildet, wenn er rein ist, sehr feine, weiße, wie Perlmutter glänzende Krystalle, ist in Wasser und Alkohol sehr leicht auflösbar, nicht aber in Aether, und schmekt äußerst bitter und etwas nach Weidenrinde. Um Salicine zu erhalten, kocht man 3 Pfund trokene gepulverte Weidenrinde Eine Stunde lang in 15 Pfund Wasser, dem man 4 Unzen Potasche zusezte. Man seiht die Abkochung durch, und sezt derselben, kalt, zwei Pfund basisch essigsaures Blei in flüssiger Form zu. Man läßt die Abkochung sich sezen, filtrirt sie, behandelt sie mit Schwefelsäure und schlägt endlich alles Blei durch einen Strom von Schwefelwasserstoffsäure nieder. Die überschüssige Säure wird mit kohlensaurem Kalke gesättigt; man filtrirt neuerdings, concentrirt die Flüssigkeit und sättigt sie mit verdünnter Schwefelsäure, entfärbt sie mit thierischer Kohle und filtrit sie siedend heiß, krystallisirt sie in zweimaligem Anschießen, und troknet sie an einem gegen das Licht geschüzten Orte. Auf diese Weise erhält man aus obigen 3 Pfund Eine Unze Salicine, welche man in gut verschlossenen Gefäßen aufbewahrt. In Großem würde man vielleicht das Doppelte erhalten.

Hr. Miguel hat mit dieser Salicine in der Charité, Hr. Husson und Bully im Hôtel-Dieu, Hr. Girardin zu Paris, Hr. Caynon zu Vitry Versuche angestellt, und man fand, daß Wechselfieber auf 3 Dosen, jede zu 6 Gran, auf Salicine eben so gut wie auf Chinine ausbleiben. Diese Herren hätten aber nicht vergessen sollen, daß Wechselfieber, zumal Frühlings-Wechselfieber, auch für sich selbst allein, daß sie auf Lukaszettel ausbleiben: man schließt in der Medizin nur zu oft post hoc, ergo propter hoc. So bildete sich bekanntlich ein Hahn auf seiner Latte einst ein, er mache durch sein Krähen die Sonne aufgehen, weil die Sonne immer aufgeht, nachdem er einige Male vorher gekräht hat.

Die Berichterstatter bemerken, daß, so wie die Versuche, welche Hr. Reuß zu Moskau, Hr. Gomes zu Lissabon, Hr. Laubert zu Paris über den eigentlich wirksamen Theil in der China vor den HHrn. Pelletier und Caventon ohne Erfolg geblieben sind, so auch die Versuche der HHrn. Brugnatelli, Fontana, Buchner vor jenen des Hrn. Leroux kein Resultat über die Weidenrinde geliefert haben.

Wenn die Salicine weniger heftig und zerstörend auf das Nervensystem wirkt, als die Chinine, so mag man sich zu dieser neuen Entdekung Glük wünschen; denn es ist unglaublich, und nur Spitalärzten leider zu wohl bekannt, wie viel Unheil jezt durch Chinine beim Stillen der Wechselfieber verbreitet wird.

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