Titel: Programm eines technologischen Preises, welchen die kaiserl. Akademie d. Wissenschaften zu Petersburg in ihrer Sizung am 29. December 1829 ausgeschrieben hat. Aus dem Bulletin d. Scienc. techn. Avril 1830. S. 375.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. LXXXI./Miszelle 3 (S. 303–312)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/mi037081_3

Programm eines technologischen Preises, welchen die kaiserl. Akademie d. Wissenschaften zu Petersburg in ihrer Sizung am 29. December 1829 ausgeschrieben hat.
Aus dem Bulletin d. Scienc. techn. Avril 1830. S. 375.

Man wird nicht läugnen, daß die Forstwirtschaft in Rußland durch die Weise, wie Potasche daselbst gewonnen wird, bedeutend leidet. Man hat zwar seit einiger Zeit in mehreren Gouvernements, namentlich in jenem von Riasan, angefangen die Asche verschiedener Gewächse, vorzüglich die Stängel von Heidekorn, auf Potasche zu verwenden, und es gibt viele Gegenden, in welchen ganze Waldstreken keinen anderen Ertrag gewahren, als daß sie Potasche liefern; es ist aber auch kein Zweifel, daß eine sehr große Menge Holzes ohne alle Noth der Potaschesiederei geopfert wird.232)

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In vielen Künsten, wie z.B. in der Glasmacherei und Seifensiederei, bei Leinwand- und Kattunbleichereien, läßt die Potasche sich mit Vortheil durch ein anderes Alkali ersezen, durch die Soda nämlich oder durch das sogenannte Natron oder mineralische Alkali. Es wäre sehr zu wünschen, daß lezteres allgemeiner in Rußland gebraucht würde, wenigstens in den oben erwähnten Künsten, indem auf der einen Seite die Erzeugnisse derselben besser ausfallen würden, und auf der anderen eine bedeutende Menge Holzes und Potasche erspart würde, welche beide dann in das Ausland ausgeführt werden könnten. Die meisten unserer Seifensieder im Inneren des Landes wissen wahrscheinlich nicht, daß die Potasche oder Aschenlauge, welche sie anwenden, verloren ist; denn Seife enthält, wenn sie gut bereitet ist, nichts von derselben in sich, indem, wenn der weichen Potascheseife Salz zugesezt wird, eine doppelte Zersezung im Kessel entsteht: die Soda, als Basis des Kochsalzes, verbindet sich mit dem Talge, oder mit dem Fette, welches man zur Seifenbildung angewendet hat, und bildet mit demselben eine feste Seift, während die Kochsalzsaure des Küchensalzes sich mit der Potasche verbindet, welche man zur Bildung der weichen Seife verwendet hat. Die Kochsalz- oder Hydrochlorsaure Potasche, welche aus dieser Verbindung entsteht, bleibt in dem Wasser der Lauge am Boden des Kessels aufgelöst, aus welchem man dieselbe gewöhnlich weglaufen läßt.

Ehevor wurde alle im Handel vorkommende Soda, mit Ausnahme einer geringen Menge natürlicher Soda oder Natrums, durch Einäscherung verschiedener Pflanzen erhalten, welche in der Nachbarschaft des Meeres oder an dem Strande desselben wuchsen, und eingesammelt wurden, wie z.B. der Salsolen, Salicornien und Tangarten (Fuci), und anderer. Die verschiedenen Arten Soda, die auf diese Weise bereitet wurden, und die man im Handel unter dem Namen Barilla, Varec, Kelp etc. kennt, sind öfters sehr arm an mineralischem Alkali. Man versuchte daher in neueren Zeiten dieses Mineralalkali aus den Salzen auszuziehen, welche dasselbe enthalten, und auf Glashütten hat man öfters versucht, dasselbe durch die Salze selbst zu ersezen.

Schon im J. 1764 hat Laxmann (der einige Jahre später, im J. 1770 zum Mitgliede der Akademie zu Petersburg ernannt wurde) in Sibirien Versuche angestellt, die Potasche auf den Glashütten durch eine unreine Soda zu ersezen, welche er durch Calcinirung des natürlichen Glaubersalzes (Khudschir) der dortigen salzigen Erdlagen mit Kohle, (jedoch ohne Zusaz von kohlensaurem Kalke), erhielt. Als Laxmann Bergrath wurde, und die Akademie im J. 1780 verließ, und nach Sibirien zurükkehrte, errichtete er daselbst die Glashütten an der Schilka in der Provinz Nertschinsk, und benüzte das natürliche Natron aus dem Tsagan-Noor (weißen See) in der Nahe von Doroninsk. Im J. 1784 errichtete er in Gesellschaft mit dem Handelshause Baranoff, nicht weit von Irkuzk, an dem kleinen Flusse Taltsa, eine Glashütte, auf welcher man bis zu seinem Tode (im J. 1796) sich bloß des Khudschir zur Bereitung des Glases bediente, mit welchem mehrere Provinzen von dieser Hütte aus versehen wurden. Im J. 1795 gab Laxmann in russischer Sprache einen Bericht über seine Versuche und Arbeiten heraus, welcher im J. 1796 in Pallas's neuen nordischen Beiträgen in das Deutsche übersezt wurde. Der Originalaufsaz wurde in den Werken der k. ökonomischen Gesellschaft zu St. Petersburg wieder abgedrukt.

Dieses zuerst von Laxmann auf den Glashütten eingeführte Verfahren, welches in der Anwendung des natürlichen Glaubersalzes und des Natron bestand, wurde in anderen Ländern, z.B. in Ungern, durch Dr. Oesterreicher seit dem J. 1797 nachgeahmt. Es fand indessen, mit Ausnahme des Hauses Soldatoff, welches gegenwärtig die Laxmann'sche Glashütte als Eigenthum besizt, keine Nachahmer in Rußland: Soldatoff hat neuerdings die Anwendung des Khudschir auf dieser Glashütte hingeführt, deren Arbeiten seit Laxmann's Tode unterbrochen waren.233)

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Rußland könnte bisher noch keine gute Soda um billige Presse in den Handel bringen, und aus diesem Gründe hat man sich derselben auch in den Fabriken bis jezt noch nicht sehr häufig bedient. Die Soda von Astrachan und Kislar, die aus verschiedenen Pflanzen in der Nahe des caspischen Meeres bereitet wird, enthält beinahe gar kein Mineralalkali. Dieser Umstand zog die Aufmerksamkeit der k. ökonomischen Gesellschaft zu Petersburg auf sich, welche, in der Vermuthung, daß dieser Nachtheil von Anwendung solcher Pflanzen abhinge, die wenig geeignet sind, eine gute Soda zu geben, am Ende des Jahres 1792 einen Preis von 25 Ducaten für denjenigen ausschrieb, welcher aus echten Sodapflanzen in Rußland eine Soda erzeugt haben wird, die der spanischen Barilla gleich kommt. Bis zum bestimmten Termine, 1. Oct. 1793, ging keine Abhandlung ein. Die Gesellschaft verlängerte demnach den Termin bis auf das Jahr 1794, und fügte noch eine Bedingung bei, nämlich diese: ein leichtes und wohlfeiles Mittel anzugeben, Soda aus unseren Steppensalzen und Salzseen, und aus den Abfallen in unseren Steinsalzbrüchen und Salzwerken zu erzeugen. Nun erhielt die Gesellschaft zwei Handlungen, welche aber, so wie eine Abhandlung des Akademikers Pallas, vorzüglich von Sodagewinnung durch Pflanzeneinäscherung handelten, und durchaus nichts von einer vortheilhaften Methode erwähnten, Natrumsalze aus unseren Steppen und Seen zu gewinnen. Bis auf den heutigen Tag blieb die Chemie in Rußland ohne Anwendung auf Sodagewinnung im Großen.

Nach des äußerst geschikten Chemikers Hrn. Besse's Beispiele fangen zwar einige Fabrikanten chemischer Producte in der Nahe von Moskau an, die Abfalle der Salmiaksublimation, so wie bei Bereitung der Kochsalzsäure (Hydrochlorsäure), auf Sodagewinnung zu benüzen, und die Soda auf Seife zu verwenden: allein, dieß geschieht nur im Kleinen, und dient mehr zur Benüzung der Abfälle bei den erwähnten chemischen Arbeiten, als um ein neues Product der Industrie in den Handel zu bringen, wie dieß in neueren Zeiten in Frankreich mit dem besten Erfolge geschah.

Seit Duhamel im J. 1736 die Entdekung machte, oder wenigstens durch neue Versuche erwies, daß das Koch- oder Meersalz, eine alkalische Basis, und namentlich das mineralische Alkali oder die Soda als Basis besizt, hat man zahlreiche Versuche zur Auffindung einer Methode angestellt, durch welche man auf eine vorteilhafte Weise diese Basis aus dem Kochsalze abscheiden könnte. Die Akademie der Wissenschaften zu Paris, so wie die Gesellschaft zur Aufmunterung der Künste, Gewerbe und des Handels zu London, haben verschiedene Male diesen Gegenstand zum Gegenstande einer Preisaufgabe erhoben: erstere in den Jahren 1781 und 1783, leztere in den Jahren 1786 bis 1789. Am Ende des 18ten Jahrhundertes sah Frankreich durch politische Verhältnisse sich gedrungen, diesen Gegenstand mit noch größerem Eifer zu betreiben. Unter einer Menge von Verfahrungsarten fand man jene des Hrn. Leblanc als die vortheilhafteste. Dieses Verfahren besteht darin, das Kochsalz durch Schwefelsaure zu zersezen, und das auf diese Weise erhaltene Glaubersalz (die schwefelsaure Soda) mit Kohle und mit Kreide (kohlensaurem Kalke) zu calciniren. Man errichtete im J. 1789 in der Nähe von St. Denis eine Fabrik, um dieses Verfahren im Großen anzuwenden; allein, Ereignisse, die in keinem Verbande mit der Methode standen, welche man anwendete, nöthigten diese Fabrik ihre Arbeiten aufzugeben. Als der Krieg im J. 1808 die Handelsverbindungen zwischen Frankreich und Spanien aufhob, durch welche erstens beinahe alle seine Soda von lezterem erhielt, kehrte man nach D'Arcet's weisem Rathe zu Leblanc's Verfahren zurük. Soda aus Kochsalz zu bereiten. Hr. D'Arcet hat selbst an dieser Methode einige Verbesserungen angebracht. Nun kam die Fabrik zu St. Denis wieder in Thätigkeit, und zwar mit dem besten Erfolge. Bald darauf wurden 45 andere Fabriken errichtet, die nach derselben Methode arbeiteten, und von diesen waren zwölf zu Marseille allein, wo sich sehr viele Seifensiedereien befinden. Die Glasfabrik zu St. Gobin errichtete gleichfalls eine Anstalt zur Erzeugung gereinigter Soda, die sie zu ihrem schönen Spiegelglase brauchte. Mit einem Worte, alle rohe und gereinigte Soda, deren Frankreich bedarf, wird gegenwärtig aus französischem Salze gewonnen und zu so niedrigem |306| Preise verkauft, daß die ehemalige, im Handel vorkommende Soda, welche jährlich für mehrere Millionen eingeführt wurde, nun gänzlich außer Gebrauch gekommen ist.234)

Rußland besizt Kochsalz und Glaubersalz als Naturprodukte, aus welchen man, mit Hülfe der Chemie, im Großen die zum Gebrauche der Fabriken nöthige Soda erzeugen könnte.

Was das Küchensalz betrifft, so besizt das südliche Rußland dasselbe in solchem Ueberflusse, daß es physisch unmöglich ist, die ungeheueren Massen Salzes, die sich daselbst befinden, als Salz jemals aufzuzehren. Es wäre daher höchst wünschenswerth, die Bestandtheile dieses kostbaren Geschenkes der Natur zu irgend einem nüzlichen Zweke für die Nationalindustrie zu verwenden. In technischer Hinsicht zeigt sich nicht das mindeste Hinderniß, nach Leblanc's in Frankreich eingeführter Methode, die gegenwärtig daselbst im größten Maßstabe angewendet wild, Soda aus Küchensalz zu erzeugen: denn es gibt gegenwärtig eingeborne Russen genug um Moskau, die da wissen, wie Schwefelsäure erzeugt werden muß, um überall, wo man es haben will, eine Schweselsäurefabrik zu errichten, die man zur Sodagewinnung braucht. Es läßt sich erwarten, daß die Zersezung des Kochsalzes durch Schwefelsäure Mittel an die Hand geben wird, die Kochsalz- oder Hydrochlorsäure, welche sich dabei entwikelt, zu sammeln, und zu benüzen, und daß man sich derselben theils zur Bereitung des Chlores und der wichtigen Chlorverbindungen, wie z.B. des Chlorkalkes theils zur Verfertigung der Knochengallerte nach D'Arcet's Methode für die Flotte sowohl als für die Hospitäler etc., wobei aber sorgfältige Aufsicht gepflogen werden muß,235) theils zur Salmiakbereitung durch unmittelbare Verbindung mit Ammoniumdämpfen, die während der Destillation thierischer Stoffe aufsteigen, wird bedienen können.236)

Man findet in Rußland natürliches Glaubersalz (schwefelsaure Soda) in sehr großer Menge in den Seen sowohl als in den Salzsümpfen in der Nähe der Mündungen der Wolga, und in vielen Gegenden Sibiriens, wo die Akademiker S. G. Gmelin, Georgi, Pallas u.a. sie fanden. Es ist allerdings viel leichter, und weniger kostspielig, Soda aus Glaubersalz, als aus Kochsalz zu bereiten, denn |307| man bedarf hier nicht mehr der Schwefelsäure, welche zur Verwandlung des Kochsalzes in schwefelsaure Soda nothwendig ist. Das Bitter- oder Epsomsalz (die schwefelsaure Bittererde), welches so oft in der Natur mit dem Glaubersalze verbunden ist, könnte zur Gewinnung der Bittererde verwendet werden.

Man muß noch bemerken, daß eine große Menge unserer Seen und unserer Salzpfüzen, besonders in Sibirien, eine sehr bedeutende Menge Natron (basisch kohlensaurer Soda) enthalten, welche die Natur an der Seite des Kochsalzes oder des Glaubersalzes, und zuweilen beider zugleich, gebildet hat: eine Thatsache, auf welche der Akademiker Georgi die allgemeine Aufmerksamkeit zu lenken wußte. Ueberall, wo dieses Natron in der Nachbarschaft schiffbarer Flüsse vorkommt, sollte es gesammelt, gereinigt und in den Handel gebracht werden.

Da nun die kaiserliche Akademie wünscht, Untersuchungen zu weken, durch welche einige natürliche Producte Rußlands, aus denen die Industrie und der Handel große Vortheile ziehen könnten, allgemein nüzlich würden, so schlägt sie vor: daß man eine auf Kenntniß der Ortsverhältnisse, auf genaue chemische Versuche und scharfe Berechnung gegründete Methode angebe, nach welcher man in Rußland, im Großen, die Soda entweder aus dem gewöhnlichen Koch- oder Seesalze, oder aus natürlichem Glaubersalze (schwefelsaurer Soda), oder aus Mischungen dieser Salze unter sich oder mit anderen Salzen gewinnen kann, wie z.B. aus dem Natron oder aus der natürlichen basisch kohlensauren Soda, die sich in den Seen und Salzpfüzen befindet, so daß diese Soda, roh oder gereinigt, mit Vortheile im Lande verwendet oder selbst ausgeführt werden kann.237) Es wäre zu wünschen, daß man zugleich im Stande wäre, die Theorie |308| anzugeben, nach welcher Natron in unseren Salzseen und Salzsümpfen sich neben Kochsalz und Glaubersalz bilden könnte, und die Wahrheit derselben durch Versuche zu erweisen; denn eine solche Theorie könnte zur Entdekung eines vor |309| theilhaften Verfahrens leiten, die Soda durch künstliche Ausscheidung aus den Salzen zu erlangen, in welchen sie enthalten ist.

Die Akademie bestimmt einen Preis von 100 holländischen Ducaten für die |310| beste Beantwortung dieser Frage, wenn der Verfasser eine bereits bekannte Methode den Ortsverhältnissen anpaßt, und einen Preis von 200 Ducaten, wenn er eine ganz neue Methode von seiner Erfindung angibt, welche besser ist, als alle diejenigen, die bisher bekannt geworden sind.

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Die Abhandlungen können in französischer, russischer, deutscher, englischer oder lateinischer Sprache geschrieben seyn, und müssen vor dem 1sten August eingesendet werden.

Die Entscheidung der Akademie wird am Ende des Jahres 1831 bekannt gewacht |312| werden in ihrer öffentlichen Sizung. Die gekrönte Preisschrift bleibt das Eigenthum der Akademie; die übrigen Eingaben können bei dem perpetuirlichen Secretäre von den Agenten der Verfasser zurükgefordert werden.

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Die k. Akademie zu Turin hat für das Jahr 1830 einen ähnlichen Preis ausgeschrieben. (Polytechn. Journ. XXXVI. Bd. S. 402.) Auch sie wünscht Wälder geschont, und andere schädliche Pflanzen aus Potasche benüzt zu sehen. Es ist merkwürdig, daß, während zwei Staaten in Europa, wovon der eine die höchsten Alpen, der andere die größten und wüstesten Wälder dieses Welttheiles besizt, auf Schonung ihrer Wälder, woran sie, man könnte beinahe sagen, zu viel haben, so sehr Bedacht nehmen; ein anderer Staat in der Mitte Europa's, dessen einziger wahrer Reichthum in Holz besteht, die Wälder auf den Gipfeln seiner Voralpen nicht bloß zu seinem eigenen Schaden, sondern zum Nachtheile der benachbarten Staaten, deren Klima dadurch verdorben, deren Felder und Städte dadurch von Ueberschwemmungen jährlich mehr und mehr verheert werden, seine Wälder zum Theile zu Schanden brennen läßt, und auf eine Potasche-Erzeugung Stolz thut in seinen Finanzberichten. Wenn man indessen weiß, daß die Oberforsträthe dieses Landes die Weiden desselben für amerikanische Bäume an ihre Revierförster senden (wir könnten den Oberforstrath nennen und den vornehmen Praktikanten, der ihm bei dieser schönen Arbeit half); wenn man weiß, daß in den Bibliotheken dieses Landes kein Buch angeschafft werden soll, das von Kräuteln handelt; so wird man sich hierüber nicht wundern. Desto mehr Dank verdienen die Akademien zu Turin und Petersburg, daß sie die Völker aufmerksam machen, wie sie auch aus anderen, und zwar aus ihnen schädlichen, Pflanzen Potasche bereiten könnten. Vielleicht weiß man zu Petersburg nicht, daß man in dem holzarmen Italien, und vorzüglich in dem hochcultivirten Hetrurien, seit undenklichen Zeiten alle Unkräuter an den Mauern, Heken, in den Gräben der Heerstraßen, man könnte sagen, alles Grüne, was die Thiere nicht als Futter brauchen können, sorgfältig sammelt, verbrennt und aus Potasche benüzt; daß man in Frankreich, zumal im südlichen, kurz vor dem Ausbruche der Revolution, es durch eine in diesem Lande seltene Beharrlichkeit während einer Reihe von Jahren endlich dahin gebracht hat, daß durch das Einsammeln und Verbrennen des Unkrautes, nach obiger alt italiänischer Art, Frankreich bereits mehr als die Hälfte seines Bedarfes an Potasche erzielte. Leider hat die Revolution, während sie manchem Uebel abhalf, das Gute, das Vortreffliche dieser Einrichtung, worüber das ältere Frankreich die weisesten und wohltätigsten Geseze, zugleich mit dem Ueblen zerstört. Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn man in jedem Dorfe in Europa das Unkraut an den Heken, Zäunen, Rainen, und in und an den Gräben der Heerstraßen im Spätherbste sammeln, verbrennen, und aus der Asche Potasche erzeugen würde, Europa keinen Gran Potasche aus N. Amerika und N. Asien einzuführen brauchte. Unsere Chenopodien, Atriplex, Dipsacus, Verbascum, Artemisien und Disteln an den Heken und Chaussee-Gräben, unsere Polygonen, Rumices, Potamogeton in und an den Sümpfen und Pfüzen und Bächen reichten für den Potaschebedarf von ganz Europa hin. A. d. Ue.

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Dr. Oesterreicher fand auch in Oesterreich nicht nur keine Nachahmer, sondern sogar Verhöhner und Verfolger, wie seine noch lebenden Freunde wohl wissen werden. Es ging lang her, bis auf einer Seite über Handwerks- und National-Vorurtheile (Soda ein ungrisches Product, und sollte in Böhmen angewendet werden!) und Cabalen und Intriguen der Schreiber gesiegt wurde. Gegenwärtig bedient man sich derselben, so viel wir wissen, in den |305| österreichischen und böhmischen Glashütten mit dem besten Erfolge. Es ist immer ein halbes Jahrhundert nöthig, bis etwas Gutes und Gemeinnüziges über Vorurtheile und Privatinteresse zu siegen vermag. A. d. Ue.

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Der Uebersezer weiß, daß der würdige Halurge, Lenoble von Edlersberg, dem Oesterreichs Salinen so viel zu danken haben, und dem sie noch mehr zu danken haben würden, wenn seine weisen Rathschläge nicht durch die Unwissenheit und den bösen Willen der Salzschreiber großen Theils unausgeführt geblieben wären, sich am Ende des lezten und im Anfange des gegenwärtigen Jahrhundertes viel mit Sodagewinnung aus Kochsalz beschäftigte. In wiefern die Arbeiten dieses hochverdienten rastlos thätigen Mannes sich eines glüklichen Erfolges erfreuten, werden seine Freunde und Verehrer, deren er so viele in allen Provinzen der österreichischen Monarchie hätte, wo sein Name ewig gelehrt bleiben wird, uns mittheilen können. A. d. Ue.

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Diese Vorsicht macht der k. Akademie sehr viel Ehre. Sie wird es wohl bald selbst fühlen, daß Nikolaus und jeder seiner Nachfolger reich genug ist, die Quelle seines Reichthumes, sein Volk und sein Heer, mit Fleisch und nicht mit Knochen zu nähren. A. d. Ue.

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Mit der Ausscheidung der Soda und der Kochsalz: oder Hydrochlorsäure aus dem Kochsalze ließen sich, an gewissen Orten, auch noch andere technisch-chemische Arbeiten verbinden. Koch oder Hydrochlorsaure Bittererde verdient besondere Aufmerksamkeit. Sie findet sich öfters in sehr bedeutender Menge in Begleitung des gemeinen Küchensalzes, wie dieß z. V. im See Elton der Fall ist. Da die Kochsalz: oder Hydrochlorsäure sehr leicht aus ihrer Verbindung mit der Bittererde durch die Hize entweicht, so dient kochsalzsaure Bittererde sehr gut zur Salmiakbereitung nach einer sehr einfachen in Schottland eingeführten Methode. Man verbrennt daselbst sehr langsam, oder man verkohlt vielmehr in einem zu diesem Ende vorgerichteten Ofen alte Lumpen von Wollentuch, alte Lederstüke und andere thierische Körper, die man vorläufig in kochsalzsaurer Bittererdeauflösung weichte. Das Ammonium, welches man durch Verbrennung dieser thierischen Stoffe erhält, verbindet sich mit der Hydrochlorsäure, welche die Hize aus der Hydrochlorsauren Bittererde entwikelt, und bildet mit demselben Salmiak, der sich in dem oberen Theile des Ofens verdichtet, und dann nur gereinigt und neuerdings sublimirt werden darf. A. d. O.

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Die Möglichkeit der Ausfuhr der aus Kochsalz erzeugten Soda hängt lediglich von dem Preise ab, um welchen dem Fabrikanten das rohe Material, das Kochsalz, zur Bearbeitung überlassen wird. Wenn die russisch kaiserl. Regierung so weise ist, wie die k. niederländische, und dem Fabrikanten das Salz um den Gestehungspreis überlaßt; (wie es ihr nämlich selbst zu stehen kommt); wenn dieser Gestehungspreis nicht durch die Unwissenheit der Salzschreiber in Rußland höher zu stehen kommt, als in anderen Ländern; so wird Rußland allerdings bald Soda ausführen können: es würde bei seinem Reichthume an Koche salz bald ganz Europa mit Soda überschwemmen können, und dieß zwar um so leichter, als in vielen Ländern Europens, welche gleichfalls sehr reich an Salz sind, die Salzschreiber jede andere Benüzung des Salzes, als zum Salzen der Suppe, rein unmöglich machen.

Vergebens verweist man diese unglükseligen Salzschreiber auf das Beispiel Englands, wo jedes menschliche Bedürfniß, sogar das Tageslicht, besteuert ist (Fenster-Taxe), und doch die Salzsteuer erst vor Kurzem aufgehoben wurde, „damit,“ wie der weise Finanzminister, der sie aushob, sehr richtig bemerkte das Volk zehn Mal mehr an anderen Steuern dafür zu zahlen im Stande ist.“ Diese unglükseligen Menschen wissen nicht, daß Salz die Seele der Viehzucht ist; daß ihr Pfannenstein, den sie als Viehleke verkaufen, wahres Gift für unsere Hausthiere ist; daß ihr mit Thon und Gyps eingesprengter Salzstein, als Viehleke, weder den Bedürfnissen des Landwirthes noch jenen seiner Thiere entspricht. Sie wissen nicht, daß Viehzucht die Seele des Akerbaues ist, und daß der Landmann desto mehr Steuer zahlt, je mehr er erntet; sie wissen nicht, daß wenn der Landmann seinen Ackern das nöthige Salz schenken könnte, seine Ernte in vielen Gegenden des Landes verdoppelt seyn würde; daß sein Gemüsegarten ihnen selbst wohlfeilere und schmakhaftere Gemüse liefern würde; sie sehen nicht ein, daß ihr Düngersalz ein schlechtes Mixtum Compositum ist, durch welches sie sich selbst eben so sehr schaden, wie dem Landwirthe. Sie wissen nicht, daß sie ihre Vatermörder, ihre Crabatten, ihre Gilets, alles was ihre Frauen, Töchter oder Schönen weiß an sich tragen, dem Salze danken, und daß sie alles dieß wohlfeiler und eleganter haben könnten, wenn sie mit ihrem Salze nicht so theuer wären; daß sie, aufgepuzt und aufgestuzt, oder schmuzig, wie ein alter Oberschreiber, alles was sie an sich tragen, wie man sagt, aus dem Salze haben, und noch besser haben würden, wenn ihre Salzpreise menschlicher wären; daß, mit einem Worte, beinahe |308| kein Gewerbe, so wie kein Mensch, ja sogar kein Vers (weil wir doch heute zu Tage im Versefabrik-Zeitalter leben, wenn er nicht fad seyn soll) ohne Salz bestehen kann, und daß endlich Salz nicht bloß als Salz, sondern selbst in seinen beiden Bestandtheilen, als Kochsalzsäure und als Mineralalkali, für die gestimmte Industrie nicht minder allgemein wichtig ist, als für Viehzucht und Landwirthschaft. Dieß wußten aber die Salzschreiber in England. Sie sahen ein, daß Salz besteuern sich selbst besteuern heißt, den Akerbau, die Viehzucht und die Industrie lähmen heißt, und daß jede andere Art von Steuer weniger nachtheilig ist, als eine Salzsteuer. Sie hoben sie daher auf, und überließen jedem das Recht, nach Salz zu bohren und zu graben, wie er will, dasselbe zu raffiniren, wie er will, und das Resultat hiervon ist, daß man nirgendwo schöneres und wohlfeileres Salz findet, als in England, und die Kunst der Salzsiederei nirgendwo (N. Amerika abgerechnet) auf jener Stufe von Vollkommenheit steht, auf welcher man sie in diesen Ländern ebenso sehr bewundern muß, als man jene unserer oberdeutschen Salzwerke verlachen oder beweinen muß, je nachdem man nun eben gestimmt ist.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß, um nur bei den oberdeutschen Salinen stehen zu bleiben, der Reichthum des Salzes, den Oesterreich in seinen Salzwerken zu Ischt, Hallstadt, Aussee, Hallein und Hall besizt, eben so sehr für die deutschen und böhmischen Provinzen des österreichischen Kaiserthumes hinreicht, als jener zu Wieliczka und Bochnia, nebst dem übrigen in den Karpathen, für Galicien (man kann sagen für ganz Europa), als jener In Ungern und Siebenbirgen für Ungern und seine Provinzen mehr als hinreichend ist. Bei allen diesen Salinen hat man überdieß in der Nachbarschaft der bestehenden (z. V. in der Gegend von Admont, in der Nachbarschaft von M. Zell) Salzbrüche, die man verbirgt und bewacht, damit den bereits bestehenden Salinen kein Nachtheil entsteht. Die Salzwerke zu Berchtesgaden und Reichenhall reichen für Bayern's Bedarf hin, und würden, wenn man denselben in ihren nächsten Umgebungen jene Ausdehnung geben wollte, deren sie fähig sind, für ganz Deutschland hinreichen. Was die Natur nicht bloß in ganzen Bergen, sondern in ganzen Gebirgsketten uns schenkte, das wiegen die Schreiber uns Lothweise vor, und verkaufen uns dasselbe zu 8 Lothen für Einen Kreuzer, während ihnen, selbst bei ihrer bodenlos schlechten Gewinnungsweise, der Ztr. kaum auf einen halben Gulden kommt: bei verständigem Betriebe würde der Ztr. kaum auf 15 kr. kommen.

Wir sind weit entfernt der Staatseinnahme von den Salinen aus auch nur einen Heller entziehen zu wollen, oder gar Beschwerde gegen die Millionen zu erheben, die der Staat durch das Salzmonopol gewinnt; wir wünschen vielmehr ihm diese Einkünfte zu verdoppeln, und begnügen uns bloß damit, die Staatsverwaltungen aufmerksam auf die Täuschungen zu machen, in welchen sie von ihren Salzschreibern über diesen Punkt gehalten werden.

Der edle Lenoble von Edlersberg hat beinahe ein halbes Jahrhundert lang sich lahm geschrieben an Vorstellungen über die Absurdidäten der Salzschreiber. Erst gegen sein Ende und nach seinem Tode, als die Weisheit des Grafen Saurau jenen wohlthätigen Einfluß erhielt, den sie längst verdient hätte, ward die Richtigkeit der Ansichten Lenoble's nach Verdienst gewürdigt, und wenigstens ein Theil seines schönen Planes zum Wohle der Finanzkammer sowohl als des Volkes ausgeführt: der Salzhandel ward einstweilen frei gegeben, und dadurch bei gleicher Einnahme die ungeheuere Ausgabe für ein Heer müßiger, alles verwirrender Schreiber beseitigt. Schwerlich wird noch ein halbes Jahrhundert vergehen müssen, bis Saurau's Nachfolger, der Bahn ihres weisen Vorgängers folgend, auch die Erzeugung des Salzes ihren Bürgern frei geben werden: sey es entweder, daß sie es für gut finden, ihre Salinen einer Gesellschaft zu überlassen, die ihnen den jährlichen reinen Ertrag derselben bezahlt, den sie bisher davon zogen, und sich durch hinlängliche Cautionen verbirgt, die bisherige Menge Salzes jährlich zu erzeugen, und nicht höher, als zu dem bisherigen Gestehungspreise, zu welchem es dem Staate mit |309| Inbegriff seiner Schreiberlegionen im Berg-, Forst- und Sud- und Administrationswesen zu stehen kam, zu verkaufen; oder, die Salzbergwerke fortwährend als Staatseigentum zu behalten; dieselben unter der Aufsicht von Mineurs, die hier ihre beste Schule haben würden, von Sträflingen bearbeiten zu lassen, und das rohe Salz oder die Sohle Privaten zur Raffinirung um den Berglohnpreis unter der Bedingung zu überlassen, daß sie durch Cautionen sich zur Erzeugung der nöthigen Salzmenge verpflichten, und das raffinirte Salz nicht höher als um den ehemaligen Gestehungspreis, zu welchem es dem Staate ehevor zu stehen kam, verlaufen: der Ausfall, der dadurch an der Staatseinnahme entstünde, könnte durch eine directe Salzsteuer per Kopf um so leichter repartirt werden, als sie weniger betrüge, als die bisherige indirecte, und jeder gern irgend eine Summe bezahlt, wenn er vier bis sechs Mal so viel daran gewinnt, als er bezahlt.

Was den ersteren dieser Plane betrifft, so darf man nicht besorgen, daß es in irgend einem Lande, in welchem Salzwerke sind, an Leuten fehlen würde, die ihre Capitalien zu einer solchen Gesellschaft mit Vergnügen hergeben würden, oder daß es an Leuten fehlen würde, die die Salzsiederei nicht hundert Mal besser verständen, als die Salzschreiber. Wenn dieß auch der Fall seyn könnte, so würden englische, holländische Compagnien sich wechselseitig überbieten in annehmbareren Anträgen, und der Staat gewänne, außer den nicht zu berechnen den Vortheilen des möglich niedrigsten Salzpreises für Viehzucht, Landwirthschaft. Künste und Gewerbe, die Cautionscapitalien dieser Gesellschaften zu seiner Disposition, und ersparte die ungeheueren Ausgaben für sein Heer von Salzschreibern. Die Gesellschaft kann um so leichter das Salz um 10 Mal niedrigeren Preis, als der gegenwärtige, liefern, als sie sicher seyn kann, daß sie 40 Mal so viel davon absezen wird, sowohl im Inlande als in dem salzarmen Auslande, wenn sie dasselbe 10 Mal wohlfeiler liefert; als sie nicht so einfältig, wie die Salzschreiber, die Salinen betreiben wird, und auch, bei fabrikmäßigem Betriebe, nie so betrogen wird, wie es jeder Staat wird, der irgend eine Fabrikation auf seine Rechnung betreibt.

Was die Verwendung der Mineurs als Leiter und Oberaufseher und der Sträflinge als Arbeiter zur Bergwerksarbeit betrifft, so ist dieß nichts weniger als ein neuer Plan. Vor den Römern hatten schon die Griechen, namentlich die weisen Syracusaner, ihre Verbrecher unter der Aufsicht ihrer Soldaten ad Latomias, ad lapicidinas et Metalla verdammt: nur durch solche Hände konnten die berühmten Latomien in Syracus, die Riesenwerke des römischen Bergbaues, die wir noch heute zu Tage als Wunder der Welt in Spanien und Portugal und in Kleinasien mit allein Rechte anstaunen, nach Jahrtausenden noch auf die Nachwelt gelangen. Wir bauen entweder unseren Verbrechern Palläste und beschäftigen ihre Hände mit Arbeiten, durch welche sie selbst im Straft Hause noch Diebstahl begehen, in dem sie dem Fabrikanten, der schwere Stellern und Abgaben für die Erlaubniß bezahlen muß, dieselben Arbeiten verrichten zu dürfen, zu welchen sie in Strafe angehalten werden, sein theuer bezahltes Brot stehlen, oder wir werfen sie in Keuchen, in welchen sie tausend Mal mehr zu dulden haben, als wenn man ihnen den Kopf abgeschlagen hätte, obschon das Recht selbst sie von dieser tausend Mal wohltätigeren Strafe frei sprach: während sie doch nirgendwo sicherer und leichter verwahrt, vielleicht mit keiner Arbeit, als Strafe, zwekmäßiger bestraft, und doch zugleich noch, selbst bei lebenslänglicher Strafe, menschlicher behandelt und nüzlicher beschäftigt werden könnten, als mit Bergbau. Was unsere Mineurs und Sappeurs betrifft, so ist es die laute Klage aller Generäle, daß, während alle Waffen im Frieden hin: länglich eingeübt werden, diese beiden höchst wichtigen Zweige der Kriegskunst, (der Dienst des Mineurs und des Sappeurs) am wenigsten Uebung finden; so daß wir, aus Mangel an Uebung, nicht bloß das Leben Einzelner, zuweilen sogar ihrer Kenntnisse wegen höchst achtbarer Officiere, wie im vorigen Jahre bei dem Sprengen der Wälle zu Wien, sondern oft vieler Tausende, wie im lezten türkisch-russischen Kriege bei Brailow, auf die traurigste Weise geopfert sehen |310| Bergwerke sind der wahre Exercierplaz der Mineurs und Sappeurs; hier können sie, eingeübt in die Geheimnisse der Markscheidekunst, ihre Minen und Gegenminen mit einer Präcision anlegen und ausführen lernen, wie sie es sonst nirgendwo im Stande seyn werden. Der militärische Geist, der in allen Zweigen der Industrie so wohlthätig wirkt, ist hier mehr als irgendwo an seiner Stelle, und der Bergbau kann durch denselben nur ebensoviel gewinnen, als die Minirkunst durch den Bergbau bereits gewonnen hat. Schon die ältesten deutschen Bergleute fühlten die Nothwendigkeit eines militärischen Geistes bei ihren gefahrvollen unterirdischen Arbeiten, und wenn auch leider die Geißel der Schreiberei bis in die Tiefe der Schächte hinabgedrungen ist, so ist doch noch ein Berghauptmann ihr Oberer, und nicht ein Bergschreiber, und der eigentliche Grubendienst ist militärisch, nicht büreaukratisch, geordnet. Würden unsere Finanzschreiber alte Classiker lesen, so würden sie längst die ungeheueren Ausgaben, welche Bergwerke dem Staate verursachen, nach Art der Römer, die mit Wenigem in ihrem Staatshaushalte Wunderwerke schufen, auf ihr natürlichstes Minimum zurükgeführt haben. Der Sträfling zahlt hier seine Unterhaltungskosten, und kann sich, wenn er nicht auf lebenslänglich verdammt ist, selbst noch etwas verdienen, das ihn, nach überstandener Strafe, gegen die Nothwendigkeit neuer Verbrechen schüzt. Er kostet nicht den zehnten Theil der Auslagen, die man für einen Bergmann machen muß, wenn wir das damnum cessans in Anschlag bringen. Der Mineur und Sappeur kommt um eben so vieles wohlfeiler, wenn wir ihn auch während seiner Exercierzeit im Bergwerke auf Kriegsfuß sezen, und der Vortheil, der durch Einübung des Mannes in seinen Dienst entsteht, ist nicht zu berechnen. Man könnte sogar, wo die Zahl der Mineurs und Sappeurs nicht hinreichte, da es immer gut ist, bei jedem Regiments Leute zu haben, die in diesem Dienste unterrichtet sind, und mehrere derselben gewiß Luft haben würden denselben zu lernen, und die Vortheile des Kriegsfußes dabei zu genießen, die Mineurs durch Freiwillige aus den Regimentern verstärken. Daß dann, wo so wohlfeil gebaut werden könnte, anders gebaut werden könnte und würde, als unsere Federnfuchser bauen, daran würde wohl kein Sterblicher zweifeln, der auch nur ein Mal in die heiligen Hatten getreten ist, die der altrömische Fimmel und Fäustel dem Plutus in dem tiefsten Schooße der Erde eröffnete, zu einer Zeit, wo man die Gewalt des Schießpulvers noch nicht kannte, und der in die Maulwurfsgrillengänge einkroch, die wir heute zu Tage, als Bergbau, in die Berge graben.

Außer dem (wie es uns wenigstens scheint) nicht zu verkennenden Nuzen, der durch Verwendung der Sträflinge, als Arbeiter, und der Mineurs und Sappeurs, als Aufseher und Leiter im Bergbaue für den Staat sowohl in finanzieller, als in taktischer Hinsicht hervorgehen würde, entstünde ein noch unendlich größerer Nuzen für denselben dadurch, daß Hunderte, in manchen Ländern vielleicht Tausende seiner fleißigsten und betriebsamsten Bürger, daß die treuen Knappen, die armen Bergleute nicht vor der Zeit in's Grab geschikt würden, oder wenigstens nicht im männlichen Alter schon als Krüppel und Siechlinge ihm zur Last fielen; daß die Rasse seines Volksstammes nicht durch erkünstelte Schwächlinge verdorben würde. Keine Arbeit auf Erden ist härter, keine der Gesundheit nachtheiliger, als die des Bergmannes: von Gefahren wollen wir hier nicht sprechen; denn jeder weiß, daß das Leben des Bergmannes in seiner Grube in jedem Augenblike nicht minder gefährdet ist, als jenes des Schiffers auf der See, und des Soldaten im Treffen; auch von dem sicheren frühzeitigen Tode in Blei- und Queksilber-Bergwerken (zu Idria ist ein 40jähriger Knappe eine Seltenheit, und ein 30jähriger gleicht mehr einem Gespenste, als einem lebendigen Wesen) wollen wir nicht sprechen, und bloß bei dem Knappen im gesündesten Bergwerke, im Salzbergs stehen bleiben. Wir kennen die Salzbergwerke alle in der deutschen Alpenkette und in der nördlichen Kette der Karpathen; wir haben mehrere derselben oft befahren, wir haben aber in keinem derselben auch nur einen einzigen Knappen gefunden, dessen Gesundheit wir mit der unsrigen hätten vertauschen mögen. Ob |311| schon zehn Mal glüklicher, als ihre Kameraden in Blei: und Queksilber-Bergwerken, waren sie alle mehr oder minder erdfarben, welk, mager, und man sah es ihnen allen beim ersten Blike an, daß sie einer der ersten Bedingungen zu einer kraftvollen Gesundheit, reiner Luft und Tageslicht, entbehren. Abgesehen von den Nachtheilen dieser Entbehrungen während mehr als des dritten Theiles seines Lebens (denn als 6–7 jähriger Knabe arbeitet er schon im Berge) hat der Bergmann noch mit allen Mühseligkeiten herber Armuth zu kämpfen, und kann oft kaum an harter Kost sich täglich sättigen. Die wenigen Stunden, die er, vielleicht, im Tageslichte noch verleben kann, sind anderer nicht minder harten Arbeit geweiht, und so verkrüppelt der arme Mensch nach und nach zu jenen leichen- und gespensterartigen Wesen, die wir als Knappen überall finden. Es ist unmöglich, platterdings unmöglich, daß ein Mensch die Drangsale eines Bergmannes sein ganzes Leben über ertragen können soll, ohne gänzlich unter denselben mit allen seinen Nachkommen auszuarten und zu verkrüppeln. Der Staat erhält also bei dem gegenwärtigen Bergbausysteme ein Heer von Siechlingen, das mit jedem Jahre sein eigenes Elend noch durch jenes vermehrt, in welches der Staat eben dadurch von Jahr zu Jahr mehr und mehr versinkt. Man frage menschenfreundliche Bergofficiere und die Aerzte, die bei Bergwerken angestellt sind, wenn man unsere Schilderung übertrieben finden sollte. Es ist bereits so weit gekommen bei dem Bergbaue, daß menschenfreundliche und kluge Berghauptleute sich genöthigt sahen, selbst den Fleiß und die Betriebsamkeit ihrer Knappen zu beschränken, und diese nicht so viel arbeiten zu lassen, als sie wünschten, damit sie sich nicht noch mehr und noch schneller zu Krüppeln arbeiteten: die sogenannte Gedingarbeit mußte in manchen Bergen aufgegeben werden, in dem die Arbeiter sich dabei zu Grunde richteten und dem Staate oft schon in der Blüthe ihres Lebens als Siechlinge zur Last fielen. Alle diese, insofern sie Leben und Gesundheit von Hunderten, ja von Tausenden betreffen, gewiß nicht unbedeutenden Nachtheile würden gänzlich beseitigt werden, wenn man das alte römische Bergbausystem wieder einführte; wenn man zu den Arbeiten des Bergbaues, die kein Mensch von seiner frühesten Jugend an bis in das spätere männliche Alter ertragen kann, ohne dabei zum Siechlinge zu werden, nur diejenigen Unglüklichen wählte, die durch ihre Handlungen strafbar geworden sind; die, eine kürzere Reihe von Jahren über, 1 bis 20 Jahre lang, diese Arbeiten ohne Nachtheil auszuhalten vermögen, in dem sie bereits erwachsen, nicht schon als Kind, zu dieser Arbeit verdammt werden. Selbst diejenigen Sträflinge, die zur lebenslangen Strafe unter der Erde verdammt sind, werden hier dieselbe auf eine für den Staat und die Menschheit nüzlichere Weise eine längere Zeit über auszuhalten vermögen, und dem Staate weniger zur Last fallen. Der Leiter und Aufseher dieser Arbeiter, der Sappeur und Mineur, wird alle Jahre abgelöst: ein Jahr lang kann jeder den Grubendienst aushalten, ohne daß seine Gesundheit im Mindesten dabei litte, und Mineurs und Sappeurs, die ein Jahr lang in der Grube ihre Schicht arbeiteten, werden im Kriege gewandter im Minenbaue seyn, als sie es gewöhnlich nicht sind. Unterofficiere und höhere Officiere vom Geniecorps, die während des Friedens gewöhnlich müßig sind, verdiente pensionirte Officiere vom Geniecorps könnten hier, durch die kleine Zulage des Kriegsfußes, die man ihnen ertheilen könnte, wenn sie die Oberleitung bei dem Bergbaue, und die Dienste, die gegenwärtig den sogenannten Bergofficieren aufgetragen sind, besorgen, auf der einen Seite wohlverdiente Belohnung finden, und auf der anderen Seite alle übrige, 20 Mal größere, Auslage für die Bergwerksofficiere dem Staate ersparen. Die Geschichte des Geniewesens und des Bergwesens aller Völker liefert uns Reihen von Beispielen, daß aus den Bergwerken die ausgezeichnetesten Officiere des Geniewesens hervorgingen, die siegreich Festungen theils eroberten, theils verteidigten, so wie umgekehrt manches Bergwerk seinen ganzen Aufschwung einem erfahrnen Officiere vom Geniecorps verdankt, der endlich den Dienst der Bellona mit jenem des Plutus vertauschte. Wenn nun die Geschichte uns alles dieses von den classischen Zeiten der Römer durch alle Völker fort bis auf unsere Tage uns lehrte, wie konnten |312| wir Jahrhunderte durch taub und blind gegen diese Lehren geblieben seyn? Diese Frage ließe sich leicht beantworten, wenn wir nicht besorgen müßten zu weitläuftig in unserer Anmerkung zu werden: wir müssen uns begnügen, bloß mit zwei Worten zu bemerken, daß die Stupidität der Bureaukratie, die Klarheit des militärischen Geistes scheuend, denselben seit Jahrhunderten überall zu lähmen suchte, und immer nur auf Halbheit erpicht war und ist, quia ponere totum nescit.

Was soll aber mit bell Hunderten und Tausenden der gegenwärtigen Knappen geschehen? Soll man diese verhungern lassen? Wir fragen dagegen: Werden diese Hunderte und Taufende bei ihrem gegenwärtigen Verdienste auch wirklich täglich satt? Ist der Boden der nächsten Umgebungen um Bergwerke von der Art, daß der arme Knappe, der allenfalls einen halben Morgen Landes um seine Hütte besizt, in demselben für sich und die Seinigen auch nur Erdäpfel und einige Krautköpfe mit wahrem Vortheile bauen kann? Wäre es nicht besser, wenn die ganze nächste Umgebung eines Bergwerkes, dessen erster Bedarf Holz ist, mit Bäumen Statt mit den ärmlichen Hütten und Gärtchen der Knappen besezt wäre? Hiervon hat man sich an vielen Bergwerken bereits so sehr überzeugt, daß man den Knappen gar keine Ansiedelungen in der Nähe erlaubte, sondern sie daselbst, ganz militärisch, casernirte, und eine eigene Unterkunft für sie erbaute. Der Staat gewinnt nichts, wenn er Gegenden bevölkert, die nur mit Verlust seines Holzbedarfes urbar gemacht werden können, und dafür ganze Quadratmeilen von Heiden, die nur den Pflug erwarten, um tragbares Land der besten Güte zu liefern, unbekannt und unbewohnt liegen läßt. Es gibt kein Land, das Bergwerke besizt, und nicht als Domänen oder vernachlässigte Gemeindegründe auch Heiden und Moore genug besäße, um auf denselben den armen ausgehungerten Bergmann als Landwirth anzusiedeln. Der Fleiß, die Ordnung bei allen Arbeiten, die dem Bergmanne zur Gewohnheit, zur zweiten Natur wurde, wird ihn bald der Oberfläche des tragbaren Landes eben so viel und noch mehr abgewinnen lehren, als er ehevor aus der Tiefe der Erde zog; er wird, im Genusse des reinen Tageslichtes, mit den Seinigen sich erholen, und nach und nach eben so erstarken, als er ehevor mit denselben bei dem Grubenlichte unter der Erde zu Grunde ging. Der Staat erhält also bei dem altrömischen Systeme eine gesündere kraftvollere Bevölkerung, und mehr fruchtbares Land; er erhält geübtere Krieger; er straft und schont zugleich die Unglüklichen, die er aus seinem Verbande entlassen mußte auf eine zwekmäßigere Weise; und erspart noch bei dem Gewinne, den er hierdurch erhält, Knappenlohn und Unterhaltungskosten der Sträflinge.

Es ist merkwürdig, daß in zwei Staaten, deren Grundprincipien diametraliter entgegengesezt sind, die N. Amerikanischen Vereinigten Staaten und das große absolute Kaiserreich von der Weichsel bis zum Peter- und Paul's-Hafen, sich beide der altrömischen Methode, Bergbau durch Sträflinge und durch das Geniecorps leiten zu lassen (vorzüglich Salzsteinkohlen: und Eisenbergball) täglich mehr und mehr nähern. Man wird das nicht als liberal verschreien, was man in einem kraftvoll absoluten Staate angewendet sieht, und auch das nicht als despotisch verrufen, was in dem liberalsten Staate auf dem Erdballe eingeführt ist. Die Ursache, warum wir in dem Haushalte dieser beiden Riesen Staaten so viel der alten klassischen Staatsverwaltung Aehnliches finden, ist diese, daß beide nicht die traurige Schule des Mittelalters, des Papst- und Mönchthumes, des Universitätsunwesens, der Schreiberkaste durchzulaufen hatten, wie die übrigen alten Staaten in Europa: in beiden Staaten besiegte der militärische Geist der Peter und der Washington nicht bloß die äußeren Feinde glüklich, sondern auch die noch gefährlicheren inneren, die, in anderen Staaten, ihren Privatvortheilen das Wohl des Staates und der Menschheit aus das Schändlichste zu opfern die hochherzige Gewissenhaftigkeit hatten. Neu geschaffen und zu Riesen gestaltet durch das Genie der Peter, der Washington, der Franklin, überschritten sie mit Einem Schritte den ganzen Wust von Albernheiten, in welchen Europa seit Jahrhunderten begraben lag, mancher Staat erstikte und begraben wurde, und mancher noch begraben werden wird, dessen Minister bei ihrer albernen Vorliebe |313| für Halbheit, weder Weiß noch Schwarz, sondern das Mittel von beiden, ein schillerndes Eselgrau, zum Wappenschilde zu wählen für gut finden.

A. d. Ue.

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