Titel: Einladung an die gute ehrwürdige alte Stadt Nürnberg, ihren weltberühmten Nürnberger Trichter in Thätigkeit zu sezen, und der eleganten Welt durch Nürnberger Kunst etwas Verstand einzutrichtern. Zu Nuz und Frommen aller achtbaren Häftelmacher in dieser guten Stadt.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. LXXXI./Miszelle 5 (S. 313–316)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/mi037081_5

Einladung an die gute ehrwürdige alte Stadt Nürnberg, ihren weltberühmten Nürnberger Trichter in Thätigkeit zu sezen, und der eleganten Welt durch Nürnberger Kunst etwas Verstand einzutrichtern. Zu Nuz und Frommen aller achtbaren Häftelmacher in dieser guten Stadt.

Es ist eine merkwürdige Thatsache in der Geschichte der Menschheit, daß sehr oft aus derselben Quelle, aus welcher Unheil und Elend sich über Völker und Welttheile ergossen hat, später auch die Heilung und Linderung desselben geflossen ist.

Europa und die glüklichen oder unglüklichen Völker fremder Welttheile, die unter europäisches Joch gekommen sind, haben alle, mehr oder minder, die Pest der Mieder, Schnürbrüste, Corsets, Schnürgürtel, und wie alle diese Werkzeuge des Würgengels, der Millionen vor der Zeit in's Grab strekte, und Generationen auf Jahrhunderte vorhinein verkrüppelte, von Frankreich aus erhalten. Vergebens haben die Beherrscher Deutschlands, das Unheil fühlend, welches Frankreichs gezierte Sittenlosigkeit über ihre Völker ausspie, dem Verderben Gränzen zu sezen versucht239): die Weisheit auf dem Throne vermag nur wenig gegen die Thorheit |314| der ererbten Völker, wenn andere Führer sich derselben früher bemächtigt haben; Vorurtheile, zumal wenn sie in das Gebiet der Religion und der Mode eingreifen, sind wie Flechten; man wird leichter davon angestekt, als man sie zu heilen vermag.

Dasselbe Frankreich, das die Pest der Schnürbrüste und Corsets über den Erdball verbreitete, lehrte uns bei dem Ausbruche der Revolution dieselben in das Feuer werfen mit den Bouffants, Culs de Paris, und all dem Tande ausgearteter Hofschranzerei. Die weibliche Brust athmete freier, und der weibliche Körper ward nicht mehr in die häßliche Insecten-Taille einer Schlupfwespe verunstaltet, an welcher der Bauch nur mehr an einem Faden zu hängen scheint, die Taille zum Umspannen war.

Mit der Restauration restaurirte sich auch der alte Unsinn wieder, und wir sahen seit 15 Jahren nicht nur das alte Unheil der Schnürbrüste, Corsets etc. wieder von Frankreich aus über den Erdball verbreitet, wir sahen es sogar auch jene Hälfte des menschlichen Geschlechts ergreifen, die bisher frei und unangestekt davon geblieben ist. Auch in dem männlichen Geschlechte sahen wir jezt diese Seuche wüthen, und Männer wurden zu Geken, wie Weiber ehevor Coquetten geworden sind; selbst Männer aus derjenigen Classe ihres Geschlechts, die zu der achtbarsten desselben gehört, selbst Officiere sehen wir jezt die Regiments-Schande begehen, sich zu schnüren, wie Russen, so daß, wenn man einem solchen Schnürriemhelden, der den Schnürstift gewandter zu führen versteht, wie es scheint, als seinen Degen, den Handschuh vor die Füße würfe, er, einer Hofdame gleich, denselben liegen lassen müßte, bis ein guter Freund denselben aufhebt. Man könnte zwar allerdings sagen, daß der Dienst durch dieses Schnüren gewinnen müsse, indem die geschnürten Officiers nicht so leicht davon laufen können; allein wer nicht rükwärts laufen kann, kann auch nicht vorwärts laufen und den fliehenden Feind mit dem Degen in den Rippen verfolgen.

Während nun diese Pest seit 15 Jahren von Frankreich aus sich über Weiblich und Männlich verbreitete, kommt endlich aus der Hauptstadt dieses Landes auch ein Arcanum gegen dieses Pestübel, welches, indem es auf den Bericht des Hrn. Vallot den Beifall der so achtbaren Société de l'Encouragement erhielt, die für das Wohl der leidenden Menschheit so unendlich viel Gutes gethan hat, auch die Aufmerksamkeit der deutschen Menschenfreunde verdient.

Dieses Arcanum gegen die Mieder- und Corset-Pest ist eine neue patentirte Erfindung des Hrn. Josselin zu Paris: neue Häftel und neue Corset-Rüken, (Agrafes et dos de Corsets perfectionnés de Mr. Josselin), mittelst welcher man auf der Stelle, ohne den Anzug im mindesten in Unordnung zu bringen, die Schnürung, wenn man dieselbe aus was immer für einer Ursache zu lästig fühlen sollte, nachlassen kann.

Die Beschreibung dieser Häftel und Rüken in dem Bulletin de la Soc. d'Encouragement Janv . 1830. S. 20., und im Bulletin d. Sc. technolog. April 1830. S. 341, ist zu undeutlich, als daß irgend ein Häftelmacher, selbst mit Beihülfe eines Kleidermachers für Damen, im Stande wäre, nach derselben zu arbeiten. Es geht aber indessen so viel aus dieser Beschreibung hervor, daß die achtbaren Haftelmacher zu Nürnberg sehr viel dabei gewinnen können, wenn sie durch einen ihrer Mitbürger zu Paris ein paar Exemplare solcher Agrafes et dos de Corsets de Mr. Josselin à Paris kaufen und sich so bald möglich zusenden lassen; und daß sie viel verlieren würden, wenn, was zu vermuthen steht, diese Pariser Mode in Deutschland eben das Glük macht, was sie in Frankreich fand, und was manche weit schlechtere französische Mode in Deutschland bereits |315| gemacht hat, und wenn sie, als die ältesten und berühmtesten Haftelmacher Deutschlands, diesen Zweig ihrer Industrie sich entreißen ließen: um so mehr, als die alten Häftel (ihr bisheriger Erwerbszweig) durch diese neue Erfindung sehr beeinträchtigt werden, und sie nun auf anderes denken müssen.

„Man weiß,“ sagt Hr. Vallot in seinem Berichte, „wie gefährlich und verderblich für die Gesundheit die Folgen eines anhaltenden Zusammenschnürens durch Mieder, Corsets, Gürtel auf den unteren Theil der Brust sind; allein, die legitim gewordene Gewalt der Modethorheit hat zu sehr über alle, in unseren Tagen illegitim gewordenen, Beobachtungen des gesunden Menschenverstandes, über allen wohlgemeinten Rath der Aerzte, den die Menschenfreunde unter denselben uns täglich wiederholen,240) ihr bleiernes Zepter erhoben, als daß sie sich von dem allgemein |316| gemein verbreiteten Wahnsinne, mit welchem sich Jung und Alt um dieser Mieder und Corsets Willen vor der Zeit in's Grab stürzt, vernünftiger Weise nicht erwarten ließe, man werde diesem Unheile heute zu Tage so schnell und so verständig ein Ende machen, wie vor 50 und 40 Jahren. Man muß sich begnügen zu lindern, wo man nicht heilen kann: Heilung selbst wird nur zu oft erst nach vorausgegangener Linderung möglich.“

|313|

Kaiser Joseph II. unsterblichen Andenkens erließ ein Gesez, durch welches den |314| Vorstehern und Vorsteherinnen einer jeden öffentlichen weiblichen Erziehungsanstalt auf das Schärfste verboten ward, Schnürbrüste oder Schnürleibchen bei ihren Ziehtöchtern zu dulden, oder auch nur solche Mädchen aufzunehmen, an welchen deutliche Spuren eines früheren zu starken Schnürens sichtbar waren. Ein Decan der medicin. Facultät zu Wien, Hr. v. Schosulan, schrieb bei dieser Gelegenheit eine eigene Abhandlung über die Schädlichkeit der Schnürbrüste für den weiblichen Körper, und zählte in derselben das Heer tödtlicher und unheilbarer Krankheiten auf, welche durch dieselben entstehen. Heute zu Tage finden wir die Schnürleibchen, Corsets in allen Erziehungsinstituten wieder als den Nothanker aller Weiblichkeit!

|315|

Wir können nicht umhin, hier aus den Schriften der Aerzte die Krankheiten, welche bei Millionen lediglich durch Schnürbrüste entstanden sind, namentlich anzuführen: vielleicht fallen diese Blätter in die Hände irgend eines Vaters oder einer Mutter, die durch sie erst das Unheil der Schnürbrüste kennen lernen, wenn es anders einen Menschen geben könnte, der nicht wüßte, daß eine gesunde, weite, starke Brust die erste Bedingung zur Gesundheit und zu hohem Alter ist, und daß alles, was die Brust einengt, wie Mieder, Corsets, Gürtel etc., siech und frühzeitig sterben macht. Die verderblichen Folgen der Mieder und Corsets bei Kindern sind: sogenanntes Auswachsen: Krümmung des Rükgrates nach der rechten oder linken Seite, Erhöhung der einen Schulter oder der anderen, Höker nach vorwärts oder rükwärts, schiefe Hüften etc. Man wähnt gewöhnlich, Kindern durch Mieder, Schnürleibchen etc. geraden Wuchs geben zu können. Allein das Kind, das noch der Natur, nicht, wie die Coquette, der Kunst angehört, fühlt sich durch den Druk des Schnürleibchens beengt; es sucht demselben durch eine Seitenbewegung mit der einen oder der anderen Schulter oder Hüfte, mit welcher es nachgibt, oder durch Beugung nach vor: oder rükwärts auszuweichen, und wird gerade dadurch krumm, wodurch man es gerade zu machen glaubte. Bei Kindern und Erwachsenen: Verengerung der Brusthöhle und dadurch gehinderte Entwikelung der Lungen, also gehindertes, erschwertes Athemholen, zumal bei irgend einer körperlichen Anstrengung, z.B. schnellerem Gehen, Steigen, Laufen, Singen, Tanzen etc.; Andrang und Anhäufung des Blutes in den für die Menge des Blutes zu kleinen Lungen; daher Bluthusten, Blutspeien, Blutstürze, Neigung zu Lungenentzündungen, Verwachsungen der Lungen mit dem Nippen: und Zwerchfelle, mit dem Herzbeutel, wirkliche Lungenentzündung, und als Folge dieser und des Blutspeiens, Bereiterung der Lungen und Lungensucht. Durch den Druk auf die Brüste und die Achseldrüsen wird der erste Keim zu dem furchtbaren Brustkrebse des weiblichen Geschlechtes gelegt. Der Druk des Mieders, der Schnürleibchens, Corsets erstrekt sich auch auf den Magen und den oberen Theil des Bauches, also auf Leber und Milz; daher die vielen Arten von Magenkrämpfen und Unverdaulichkeiten; daher Mangel an Ernährung, schlechte Gesichtsfarbe, Bleichsucht, weißer Fluß; daher die Lebererhärtungen und vielen Leberleiden, die Krankheiten der Milz. Wenn der Druk noch weiter hinab auf den Bauch reicht, so entstehen durch den Druk auf die Gedärme und die Gekrösedrüsen gestörte Verdauung, Mangel an Ernährung mit allen oben angegebenen Folgen derselben, harnäkige Verstopfungen, und, da die Gedärme in den unteren Theil des Bauches hinabgetrieben werden, wo sie keinen Gegendruk finden, Austretungen derselben in der Form von Nabel- und Leisten: und anderen Brüchen, Muttervorfälle, Beschwerden bei der Reinigung, Gebärmtuterblutflüsse, Erhärtungen, Mutterkrebs. Bei Schwangeren (man darf nicht vergessen, daß das Schnüren in der Jugend sehr häufig die Ursache der verwünschten Unfruchtbarkeit der Weiber ist: wer einer Nachkommenschaft sicher seyn will, nehme nie eine Frau, die sich geschnürt hat!) außer allen obigen Nachtheilen bei Erwachsenen, auch noch frühe Geburten (Abortus), todte Geburten, und sehr oft, wenn die Mutter auch früher ihre Lenden schnürte und ihr Beken verengerte, schwere Geburten, in welchen nicht selten keine Kunst weder das Kind noch die Mutter zu retten vermag, und, im besten Falle, Verkrüppelung des Kindes. – Bei Alten endlich Brustwassersucht und Schlagfluß. Dieß sind nur die vorzüglichsten und gefährlicheren Krankheiten, welche durch Schnüren entstehen; von Kopfweh, Vapeurs, Herzklopfen, Ohnmachten, Gichtern oder Fraisen, Krämpfen |316| etc. haben wir geschwiegen. Diese furchtbaren Thatsachen sind Erfahrungen von Tausenden von Aerzten an Millionen von Unglüklichen, die vor der Zeit aus den angeführten Ursachen zu Grabe gingen. Es ist etwas Sonderbares um die Menschen. Wenn sie krank sind, lassen sie Aerzte kommen, und glauben und folgen dem elendesten Charlatane mit der größten Hingebung. Wenn sie gesund sind, glauben sie auch den weisesten Aerzten nicht, die ihnen zurufen: Kinder, Freunde, thut dieß nicht! Es schadet Euch! Ihr werdet Eure Thorheit mit der Haut büßen: Sie wissen es besser, und die elendeste französische Gouvernante findet mehr Glauben bei ihnen, als der rechtschaffenste Arzt. So ist die Welt: wer mag sie heilen ohne Nürnberg's Trichter!

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: