Titel: Bemerkungen über National-Aufmunterung der Wissenschaften und über Förderung derselben durch gelehrte Gesellschaften; nebst einigen Betrachtungen über den Zustand der gelehrten Gesellschaften in England. Von Karl Babbage, Esqu. M. A. F. R. S. L. und E., Professor der Mathematik zu Cambridge.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 37, Nr. CIX./Miszelle 3 (S. 379–402)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj037/mi037109_3
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Bemerkungen über National-Aufmunterung der Wissenschaften und über Förderung derselben durch gelehrte Gesellschaften; nebst einigen Betrachtungen über den Zustand der gelehrten Gesellschaften in England. Von Karl Babbage, Esqu. M. A. F. R. S. L. und E., Professor der Mathematik zu Cambridge.

Aus dessen Werke: über den Verfall der Wissenschaften.“ (On the decline of science) im Edinburgh Journal of Science. Julius. 1830. S. 58.283)

Die geringe Aufmunterung, welche die englische Regierung in früheren Zeiten denjenigen schenkte, welche nüzliche Entdekungen und Erfindungen gemacht haben, läßt sich aus folgenden Gründen entschuldigen:

1) das Publikum, welches die neue Erfindung benüzt, oder den neu erfundenen Artikel verbraucht, weiß den Werth hiervon weit richtiger zu beurtheilen, als die Regierung selbst.

2) die Belohnung, welche aus dem Absaze des erfundenen Artikels hervorgeht, ist weit größer als jene, welche die Regierung geben könnte oder selbst geben dürfte) sie steht in genauem Verhältnisse mit dem Verbrauche desselben, d.h., mit dem Mangel, welchen das Publikum durch denselben ersezt fühlt.

Man kann nicht läugnen, daß diese Gründe im Allgemeinen richtig sind; es gibt indessen Ausnahmen, welche nothwendig aus denselben Schlüssen folgen, aus welchen jene Gründe ursprünglich abgeleitet wurden.

Ohne uns in das kleinste Detail aller dieser Ausnahmen einlassen zu wollen, wird es hinreichen, wenn wir zeigen, daß bei diesem Systeme jede Untersuchung abstracter Wahrheiten von aller Belohnung ausgeschlossen ist. Nur die Anwendung wissenschaftlicher Grundsäze auf das gemeine Leben kann auf diese Weise belohnt werden. Ein paar Beispiele mögen vielleicht diese Behauptung deutlicher machen. Der Grundsaz, auf welchem das hydrostatische Paradoxon beruht, war schon zu Stevinus Zeiten (um das Jahr 1600) bekannt; die Anwendung desselben zum Heben schwerer Lasten wurde in Elementarwerken der Physik schon langst angegeben, und in Vorlesungen immerdar demonstrirt. Man kann aber dieses hydrostatische Paradoxon, bis auf den sel. Bramah herab, mit Recht als bloßes abstractes Princip betrachten. Bramah sezte an die Stelle der kleinen Röhre eine Pumpe, und verwandelte das abstracte Princip in eine höchst brauchbare und gewaltige Maschine. – Die Umwandlung der Mittelpunkte der Schwingung und Hangung am Pendel, welche Huygens vor mehr dann anderthalb Jahrhunderten entdekte, blieb, bis vor wenigen Jahren, ein unfruchtbarer, obschon höchst eleganter, Lehrsaz. Prony deutete auf denselben hin; Bohnenberger entwikelte ihn vollkommen, und Capitän Kater gründete endlich auf denselben die bequemste Methode, die Länge eines Pendels praktisch zu bestimmen. – Der Zwischenraum zwischen Drs. Black Entdekung des gebundenen Wärmestoffes, und der glüklichen Anwendung dieser Entdekung auf die Dampfmaschine, war verhältnißmäßig kurz: es war aber auch hierzu die Anstrengung zweier Köpfe nöthig, und glüklicher Weise kamen zwei Köpfe vom ersten Range zusammen. – Der Einfluß der Elektricität auf Zersezung, obschon von unendlichem Werthe als Führer zur Entdekung bei chemischen Untersuchungen, ward kaum jemals zu praktischem Dienste im gemeinen Leben benüzt, bis dasselbe geistvolle Genie, welches |381| den Grundsaz entdekte,284) denselben zugleich auch, durch seinen leichten Fluß von Schlüssen, auf Schüzung der Kupferbekleidung der Schiffe gegen Anfressung anwendete. Diese wunderbar glüklich verbundene Kette von Schlüssen, deren Wahrheit sich selbst durch ihr Mißlingen als Gegenmittel in der Anwendung beurkundete, wird wahrscheinlich in der Zukunft durch eine glüklichere Anwendung die Wahrheit der Behauptung erweisen, die wir hier aufzustellen versuchten.

Man könnte, nöthigen Falles, noch andere Beispiele anführen, um darzuthun, wie nicht selten viele Jahre zwischen einer Entdekung neuer Grundsäze in Wissenschaften, und zwischen der Anwendung derselben im praktischen Leben verstreichen: doch darüber dürfen wir uns nicht wundern. Diejenigen Köpfe, welche neue Grundsäze und Methoden erfinden, sind von ganz anderer Art, als diejenigen, die zur praktischen Anwendung dieser Erfindungen nothwendig sind.

Zur Zeit, wo Huygens seinen schönen Lehrsaz entdekte, mußte er, als Erfinder desselben, nicht bloß die gesammte mathematische Wissenschaft seines Zeitalters umfassen; er mußte auch Genie genug besizen, die Gränzen derselben durch seine eigenen Schöpfungen zu erweitern. Solche Talente sind nicht jedes Mal auch zugleich mit der Gabe eines schnellen Auffassens des einzelnen Details, mit der Gabe der praktischen Anwendung der von ihnen aufgestellten Grundsäze ausgestattet, und es ist vielleicht ein Glük für die Menschheit, daß Köpfe dieses Ranges nicht gewohnt sind ihre Kraft an Gegenständen zu verschwenden, die nicht für ihren Bereich sind.285)

In der Mathematik ereignet es sich nicht selten, oder wenigstens häufiger als in anderen Wissenschaften, daß Wahrheiten, die zu einer gewissen Zeit noch zu den abstractesten gehörten, und von welchen man hätte glauben sollen, daß sie schwerlich einer nüzlichen praktischen Anwendung fähig sind, in der nächsten Generation die Basis der tiefsten physischen Untersuchungen bilden, und schon in der darauf folgenden vielleicht durch gehörige Vereinfachung, durch Abfassung derselben in Tabellen der tägliche sichere Führer des Künstlers und Seemannes werden.286)

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Es kann sich auch treffen, daß zur Zeit der Entdekung solcher Grundsäze die mechanischen Künste noch viel zu unvollkommen sind, als daß sich eine erfolgreiche Anwendung von jenen auf diese erwarten ließe. Dieß war der Fall mit dem hydrostatischen Paradoxon. Erst nachdem der Termin von Bramah's Patent schon verlaufen war, erhielt die Presse, die seinen Namen führt, jene Vollendung in der Ausführung, die sie nun auf eine so verdiente Weise allgemein in Gebrauch sezte.

Auf der anderen Seite wird man für ein Individuum, welches mit Erfindungsgeist begabt ist, eine Menge anderer Individuen finden, welche die Fähigkeit besizen Grundsäze anzuwenden, und das Verdienst, das man solchen Anwendungen zuschreibt, wird immer von der Sorgfalt und Mühe abhängen, weiche man auf die Ausführung des Details gewendet hat.

Wenn es daher für ein Land wichtig ist, daß abstracte wissenschaftliche Grundsäze auf das praktische Leben angewendet werden, so ist es klar, daß es auch wichtig ist jene Wenigen aufzumuntern, welche im Stande sind die Zahl solcher Grundsäze, auf welchen diese Anwendungen beruhen, zu vermehren. So lang es nicht Anstalten gibt, in welchen man solchen Forschern zu Hülfe kommt; so lang die Regierung hier nicht unmittelbar eingreift, wird der Verfertiger eines Thaumatropes Vortheil von seinem Talente ziehen, und der Mann, der die Geseze des Lichtes und des Sehens aufgestellt hat, von welchen so viele Erscheinungen abhängen, wird unbelohnt in das Grab steigen.

Man könnte vielleicht dagegen behaupten, daß die Professorstellen an unseren Universitäten Aufmunterung genug für die Cultur der abstrakten Wissenschaften sind. Indessen liegt es nicht in der Macht dieser Institute als Schöpfer aufzutreten; sie können höchstens Talente entwikeln und nähren helfen, und Professorstellen sollten, wenn sie nach Würden verliehen würden, der verdiente und ehrenvolle Lohn höherer Talente seyn. In vielen Fällen ist der Ertrag dieser Professorstellen gering, und wenn er es auch nicht ist, so sind die Vorlesungen, welche man von einem Professor fordert, vielleicht nicht in jedem Falle die geeignetesten Mittel die Talente derjenigen zu benüzen, welche im Stande sind etwas zu erfinden.

Ich kann nicht umhin diese meine Ansicht durch den Ausspruch eines der größten Physiker eines früheren Jahrhundertes zu unterstüzen, und dem Verfasser der höchst interessanten Biographie desselben (in Galileo's Leben in der Sammlung der Society for the Diffusion of Useful Knowledge) meinen Beifall zu zollen. In einem Briefwechsel, welcher mit der Rükkehr Galileo's an eine Professorsstelle in seinem Vaterlande endet, sagt dieser große Mann: „Da aber meine Privatvorlesungen und die Zöglinge in meinem Hause ein großes Hinderniß für mich in meinen Studien sind, und mich nöthigen, dieselben öfters zu unterbrechen, so wünschte ich von den ersteren gänzlich, und von lezteren großen Theils befreit zu werden.“ (Life of Galileo p. 18) In einem anderen Briefe an Keppler spricht er mit vielem Danke von Herzog Cosmus von Toscana, „der,“ sagt er, „mich gegenwärtig mit 1000 fl. Jahresgehalt, und mit dem Titel des Physikers und ersten Mathematikers Seiner Hoheit, zu sich einlud, ohne daß ich irgend eine ämtliche Obliegenheit zu besorgen habe, wenn ich nicht vollkommene Muße hierzu finde. Ich kann also meine Abhandlung über Mechanik vollenden etc.“ (Daselbst S. 31.)

Wahrlich, wenn Wissenschaft ein Schaz ist, so kann man es nimmermehr als weise Staatswirthschaft preisen, wenn man in einem weit reicheren Lande als Toscana ein Genie wie Dalton zu dem Gedrasche des Elementarunterrichtes verdammt sieht. Was würde aus dem militärischen Ruhme Englands geworden seyn, wenn man, eben so unvorsichtig verschwenderisch mit geistiger Kraft in militärischer |383| Hinsicht, den Herzog von Wellington gezwungen hätte sein Leben lang Rekruten abzurichten, Statt Pläne zu Feldzügen zu entwerfen?

Wenn wir uns um Thatsachen kümmern, so werden wir finden, daß die großen Erfindungen aller Jahrhunderte, wenigstens bei uns, nicht immer von Universitäten ausgegangen sind. Die Lehren über die „bestimmten Verhältnisse,“ und „über die chemische Wirkung der Elektricität,“ Lehren vom höchsten Range, durch welche die Namen der Erfinder derselben in der Geschichte der Wissenschaften unsterblich wurden, sind nicht aus Klostermeditationen hervorgegangen: es ist nicht im Mindesten ein Vorwurf, den man diesem achtbaren Institute macht, wenn man Wahrheiten, wie diese, laut werden läßt. Es bedarf des glüklichsten Zusammentreffens von Umständen, wenn solche Lehren einen ausgezeichnet glüklichen Erfolg haben sollen. Nicht alle hatten das Glük, das Archimeden zu Theil wurde, nämlich geboren zu werden zu einer Zeit, wo eine Wissenschaft geschaffen werden mußte, oder, wie Newton das System einer Welt „ohne Form und Leere“ (wie der Dichter sagt) zu finden, und durch Enthüllung der Geheimnisse der Schwerkraft in diesem Weltsysteme dasselbe alles durchdringende Licht zu verbreiten, mit welchem der allmächtige Schöpfer die materiellen Massen in demselben erleuchtete. Nur wenigen Physikern, und auch diesen nur in langen Zwischenräumen, dürfte es gelingen, gleich einem Dalton mitten aus dem Chaos der unbestimmten Verbindung eine neue Wissenschaft aufzubauen, sie mit der goldenen Zahlenkette zu befestigen, und so zu dem Range echter Wissenschaft (science exacte) emporzuheben. Triumphe dieser Art sind nothwendig „eben so schön als selten;“ es läßt sich auch nicht erwarten, daß jener Theil der Aufmunterung, welchen ein Land der Wissenschaft zu schenken für geeignet findet, im Stande ist jedes Mal solche Fälle zu treffen. Leztere sind zu außerordentlich, als daß sie häufig seyn könnten; sie müssen, wenn man ja hier Aufmunterung geben wollte, unmittelbar der Regierung zur Belohnung überlassen werden.

Die Gefährlichkeiten, welche bei einem solchen unmittelbaren Eingreifen der Regierung in bestimmten Fällen zu besorgen stünden, könnten aus einem oder aus dem anderen der folgenden Umstände hervorgehen. Es können die Individuen, welche das Regierungspersonale oder die sogenannte Regierung bilden, nicht hinlängliche Kenntnisse besizen, um entweder selbst über wissenschaftliche Gegenstände dieser Art urtheilen zu können, oder auch nur um Leute zu wählen, auf deren Urtheil sie sich verlassen könnten. Es kann die Zahl von Individuen, die sich den Wissenschaften widmen, in einem Lande nicht groß genug seyn, um in dem Ausspruche der öffentlichen Meinung das gehörige Gewicht behaupten zu können. Es kann ferner diese Anzahl von Individuen, wenn sie auch groß wäre, in der Achtung der Welt nicht so hoch gestellt seyn, daß sie unabhängig zu seyn vermöchte. Wenn nun diese Ursachen in irgend einem Lande zusammentrafen, so würde es höchst nachtheilig seyn die Aufmunterung der Wissenschaften der Regierung eines solchen Landes zu überlassen. Es scheint, daß dem Scharfsinne derjenigen, welche zur Aufhebung des Board of Longitude riethen, die Richtigkeit der obigen Bemerkung nicht entging.

Die Frage, ob es gute Staatswirthschaft in irgend einem Lande ist, die Wissenschaften aufzumuntern, ist eine von jenen, über welche vielleicht diejenigen nicht am unparteiischsten urtheilen können, welche selbst die Wissenschaften betreiben. In England haben diejenigen, die sich bisher mit Wissenschaften beschäftigten, im Allgemeinen, keinen vernünftigen Grund sich zu beklagen; sie wußten, oder sie sollten gewußt haben, daß man sich um Wissenschaft nicht kümmert, daß sie wenig Ehre bringt und noch seltener Gewinn trägt.

Daß man die Regierung darüber tadelte, daß sie die Wissenschaft bei uns nicht förderte, ist gewiß, und dieser Tadel ist, was die früheren Verwaltungen betrifft, zugleich auch sehr gerecht: was die gegenwärtigen Minister betrifft, deren ganze Gewalt lediglich von der öffentlichen Meinung abhängt, so ist es nicht nöthig, daß sie derselben voraus eilen, sie werden nicht lang dem Ausdruke der öffentlichen Meinung zu widerstehen vermögen. Wenn wir aber auch annehmen, daß Wissenschaft von jeder Staatsverwaltung als ein Gegenstand von irgend einiger Wichtigkeit betrachtet würde, so würde es bei dem gegenwärtigen Zustande der Dinge schwer halten irgend etwas zu Gunsten derselben zu thun, indem auf der einen Seite, die höheren Classen, im Allgemeinen, nicht sehr tiefe wissenschaftliche Kenntnisse besizen, und auf der anderen Seite diejenigen Personen, welche sie gewöhnlich |384| hierüber zu Rathe ziehen, ihnen nicht einen solchen Rath ertheilt zu haben scheinen, welcher das Vertrauen der Regierung verdienen könnte. Man scheint vergessen zu haben, daß das Geld, welches die Regierung zu wissenschaftlichen Zweken bestimmt, mit derselben Klugheit und Sparsamkeit verwendet werden muß, mit welcher ein verständiger Privatmann sein Geld für seine Lebensbedürfnisse ausgibt.287)

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Für diejenigen, welche die Frage der National-Aufmunterung der Wissenschaften nach Pfund Sterling, Shillings und Pence bemessen, will ich hier eine Thatsache aufstellen, die, obschon sie ziemlich allgemein bekannt ist, doch, wie es mir |386| scheint, etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Die Regierung hat vor Kurzem die Bemerkung gemacht, daß die Bedingungen, unter welchen sie Leibrenten ertheilte, auf Fehlern in der Berechnung beruhten, und ein Parliamentsact hat neue Tafeln einzuführen befohlen. Man hat behauptet, daß die früheren fehlerhaften Tafeln |387| dem Lande einen Verlust zwischen zwei und drei Millionen Pfund Sterling verursachten. Die Thatsache, daß der Papierhandel mit diesen Leibrenten eine schlechte Speculation war, war längst allgemein bekannt, und die Regierung scheint das lezte Individuum gewesen zu seyn, das hierüber gehörig unterrichtet wurde. Hätte man nur die Hälfte des Interesses von der Hälfte dieses Verlustes mit Verstand zur Förderung mathematischer Wissenschaften verwendet, so würden diese so kostbaren und theueren Fehler durchaus unmöglich geworden seyn.288)

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Für diejenigen, welche sich vor dem Ansehen großer Männer beugen, mag Eine Bemerkung hinreichen. Die Méchanique céleste 289) und die Théorie analytique des Probabilités wurden beide von ihrem Verfasser, Laplace, dem |389| Kaiser Napoleon zugeeignet. Während der Regierung dieses außerordentlichen Mannes waren die Eroberungen Frankreichs im Gebiete der Wissenschaften eben so glänzend, als die Siege über seine Feinde. Mögen die Institutionen, die Frankreichs |390| Physiker erzogen und belohnten, eben so bleibend seyn, als die Wohlthaten, welche leztere der Menschheit erwiesen!

In anderen Ländern hat man gefunden, und gibt es auch zu, daß Wissenschaftliche Kenntnisse eine Empfehlung zu öffentlichen Aemtern sind, und daß ein Mann deßwegen, weil er einst eine Sternwarte dirigirte, oder weil er durch seine Entdekungen den Umfang unserer Kenntnisse im Thierreiche erweiterte, nicht ein schlechtes Gesandter seyn muß. Es fehlt auch nicht an Beispielen, daß Minister ihre Laufbahn mit Untersuchungen in der reinen Analysis begannen. Da solche Beispiele vielleicht häufiger sind, als man allgemein glaubt, so wird es nicht schaden, einige jener Männer, die sich in Wissenschaften auszeichneten, und entweder früher hohe öffentliche Aemter in den Regierungen ihres Landes bekleideten oder noch bekleiden namentlich anzuführen:

Textabbildung Bd. 37, S. 390
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Textabbildung Bd. 37, S. 391

Hr. v. Lindenau, Gesandter der Königes von Sachsen am niederländischen Hofe, begann seine Laufbahn als Astronom an der Sternwarte des Herzoges von Gotha, und ward dann Gesandter am deutschen Bunde. Nach dem Tode des Herzoges ward Hr. von Lindenau nach Dresden geladen, und bekleidete dieselbe Stelle unter dem Könige von Sachsen, der ihn dann zum Gesandten am niederländischen Hofe ernannte. Zu solchen Beispielen finden wir nun in unserem Lande (England), wenigstens in den neueren Zelten, keine Gegenstüke. Newton ist zwar Münzmeister geworden, allein dieß geschah vor mehr dann hundert Jahren: wenn heute zu Tage Jemand einen ähnlichen Posten für einen Newton vorschlagen würde, so würde er sehr bald aus dem Lächeln derjenigen, denen er einen solchen Vorschlag machte, entnehmen, daß die höchsten wissenschaftlichen Kenntnisse hier ohne Erfolg bleiben, und daß politischer Einfluß, „(d.h. auf deutsch ministerieller)“ beinahe die einzige Enpfehlung ist.

Aufmunterung durch gelehrte Gesellschaften.

Es gibt verschiedene Umstände, welche dazu beitragen, Individuen, die sich mit Wissenschaften beschäftigen, zu Verbindungen, zur Bildung von Gesellschaften oder Akademien zu veranlassen. In früheren Zeiten, wo physikalische Instrumente noch eine Seltenheit waren, und die Kunst, Versuche anzustellen, noch nicht gehörig begriffen war, waren solche Verbindungen beinahe nothwendig. In neueren Zeiten hingegen, wo die Wissenschaften sich täglich durch neue Fortschritte bereichern, hat es sich gezeigt, daß diejenigen Individuen, die am meisten geeignet sind die Gränzen des menschlichen Wissens zu erweitern, nur zu oft am wenigsten im Stande sind die Drukkosten für ihre Untersuchungen und Entdekungen zu bestreiten. Es war daher sehr gut, daß man einige Mittel ausdachte, um diesem Nachtheile abzuhelfen, und die Abhandlungen der Akademien haben diesen erwünschten Zwek erfüllt.296)

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Akademien dienen indessen auch noch zu einem anderen Zweke. Wenn sie sich auf eine bestimmte Anzahl von Mitgliedern beschränken, welche durch ihre Kenntnisse ausgezeichnet sind, so wird die Aufnahme an denselben ein Gegenstand des Ehrgeizes. Allen denjenigen, die sich mit Wissenschaften beschäftigen, wird dadurch ein Reiz angeboten, der sie bei ihren Anstrengungen anspornt die gewünschte Auszeichnung zu erlangen. Es ist offenbar, daß man eine solche Stelle in dem Maße schäzen wird, als sie schwer zu erlangen ist, und als der Ruhm derjenigen groß ist, die sie bereits besizen. Sobald der Maßstab, nach welchem man den Rang in wissenschaftlichen Kenntnissen bemißt, kleiner genommen wird, wird auch der Werth der Auszeichnung geringer, die man nach diesem Maße erhält. Sobald einmal eine Menge Leute, die gar keine wissenschaftlichen Kenntnisse besizen, aufgenommen werden, werden Männer von wissenschaftlicher Bildung keinen Stolz mehr darin suchen, von einer solchen Akademie aufgenommen zu werden, und nur |393| die minder gebildete Classe wird noch wünschen können darin aufgenommen zu werden.297)

Wir wollen nun einige der verschiedenen Akademien Europens in Hinsicht auf die Anzahl ihrer Mitglieder vergleichen. Die Royal Society of London, das Institut de France, die Accademia italiana de' XL, und die k. Akademie zu Berlin sind unter den ausgezeichnetesten.

Name des Landes: Bevölkerung: Zahl der Mitglieder
der Akademie:
Zahl der fremden
Mitglieder:
England 22,299,000 685 50
Frankreich 32,050,000 75 8
100
Preußen 12,415,000 38 16
Italien 12,000,000 40 8

Es ist also in Frankreich Ein Mensch unter 427,000 Mitglied des Institutes. In Italien und Preußen ungefähr Einer unter 300,000 Menschen Mitglied der dortigen Akademien. In England hingegen liefert jeder Haufe von 32,000 Menschen ein Mitglied der Royal Society. Wenn man nun bloß allein diese Verhältnisse der Zahlen der Mitglieder betrachtet, so muß die Ernennung zum Mitglieds der Akademie zu Berlin 9 Mal mehr werth seyn, als die zum Mitgliede der Roy. Society in England, und ein Mitglied des Institutes in Frankreich ist in Frankreich ein 13 Mal selteneres Ding, als ein Geselle, (Fellow) of the Royal Society in England.298)

So sehr übrigens obige Ansicht die Würde einer Stelle an einer Akademie in |394| anderen Ländern erhöht, so ist doch die verhältnißmäßige Seltenheit derselben durchaus nicht der einzige auffallende Unterschied in den Verhältnissen wissenschaftlich gebildeter Männer. Wenn wir auf die Stelle Rüksicht nehmen, welche die Gelehrten, die Savans, in anderen Ländern in der Gesellschaft behaupten, so werden wir finden, daß sie in mehreren derselben hoch gestellt sind, und daß ihre Stellen einträglich sind. Preußen ist gegenwärtig unter allen Staaten Europens vielleicht derjenige, welcher den Wissenschaften die höchste Aufmunterung, die kräftigste und nachhältigste Unterstüzung gewährt. So groß die Verdienste vieler seiner Physiker sind, so ist doch auch ein guter Theil des Schuzes, dessen sich die eigentlichen Wissenschaften in Preußen erfreuen, in dem Charakter des regierenden Hauses gelegen, dessen heller Geist auch die abstractesten Wissenschaften zu nähren und zu ehren weiß.

Der Grundsaz: „Wissen ist Kraft,“ kann nur von denjenigen gehörig begriffen werden, welche selbst in den Wissenschaften gehörig bewandert sind, und so können wir dem Umstande, daß die jüngeren Zweige der k. preußischen Familie selbst sich bedeutende Kenntnisse in diesen Wissenschaften erwarben, die würdevolle Kraft zuschreiben, mit welcher diese Maxime in Preußen befolgt wird.

In Frankreich ist die Lage der Gelehrten höchst ehrenvoll und einträglich. Wenn wir die Liste des Institutes analysiren, so finden wir wenig Mitglieder, welche nicht Titel und Decorationen besäßen; da aber der Werth solcher Merkmale der königlichen Gunst großen Theiles von der Menge derselben abhängen muß, so will ich hier einige Umstände aufführen, die wahrscheinlich dem englischen Leser nicht allgemein bekannt sind. Ich sammelte dieselben durch Vergleichung der Liste des Institutes vom J. 1827 mit dem Almanach royal für 1823.

Zahl der Mitglieder des
Institutes von Frankreich,
die zur Ehrenlegion gehören:
Zahl der Mitglieder der
Ehrenlegion aus jeder Classe:
Großkreuze 3 80
Großofficiere 3 160
Commandeurs 4 400
Officiere 17 2,000
Ritter 40 Unbestimmt.
Zahl der Mitglieder
des Institutes, die den
Michaël-Orden tragen:
Die Zahl der Mitglieder
dieses Ordens ist
100.
Großkreuze 2
Ritter 27
Unter den Mitgliedern des Institutes befinden sich
2 Herzoge,
1 Marquis,
4 Grafen,
2 Vicomtes,
14 Barone,
–––––
23, worunter fünf Pairs von Frankreich.299)

Wenn wir die Liste der Royal Society durchblättern, so können wir in derselben |395| eine größere Anzahl von Peers finden, als am Institute von Frankreich, wir werden aber die Vergleichung dieser beiden Gesellschaften richtiger anstellen, wenn wir auszumitteln suchen, wie viel Mitglieder der Roy. Society, welche hohe Würden bekleiden und höhere Titel führen, zu den Transactions derselben beigetragen haben. Im J. 1827 haben 109 Mitglieder zu den Transactions of the Roy. Society beigetragen. Unter diesen sind

5 Ritter,

3 Barone,

1 Peer.

Es verdient bemerkt zu werden, daß unter diesen Titeln 5 der Lohn für ärztliches Verdienst gewesen sind; nur einer, jener nämlich des Sir Humphry Davy, kann als Belohnung für reine Wissenschaft betrachtet werden.

Man darf übrigens nicht glauben, daß alle Adelstitel in der Liste des Institutes Belohnungen für ausgezeichnetes Verdienst um Wissenschaften waren; indessen waren es doch viele derselben, und es ist mehr als hinreichend, wenn man hier bloß an die Namen Lagrange, Laplace, Berthollet und Chaptal erinnert.

Die Achtung, in welcher literarisches Verdienst in Frankreich und in England steht, erhellt durch einen sonderbaren Zufall bei Gelegenheit einer französischen Uebersezung einer Debatte im Oberhause, welche durch die Thronrede im Anfange der Sizung des Jahres 1830 veranlaßt wurde. Die Gazette de France sagt: die Addresse wurde von dem Herzoge Buccleugh, Chef de la maison de Walter Scott vorgeschlagen. Wenn ein englischer Zeitungsschreiber den Herzog Buccleugh hätte durch ein Beiwort auszeichnen wollen, so würde er ohne Zweifel das Beiwort wohl habend (wealthy), oder irgend ein anderes gewählt haben, das unter seinen Landsleuten irgend eine der geschäztesten Qualitäten eines Herzoges bezeichnet.

Wenn wir, auf der anderen Seite, die Erträgnisse betrachten, welche die Wissenschaften in Frankreich gewähren, so werden wir finden, daß sie jene in unserem England weit übertreffen. Ich bedauere, daß ich in dem gegenwärtigen Augenblike ein Blättchen Papier nicht mehr finde, auf welches ich vor mehreren Jahren mir eine Bemerkung aufzeichnete: ich glaube jedoch, daß mein Gedächtniß mich nicht sehr täuschen wird. Es besuchte mich vor einigen Jahren ein Ausländer, der mehr als gewöhnliche wissenschaftliche Kenntnisse besaß. Er war nur eine kurze Zeit über zu London, und verrieth in einem Gespräche mit mir, daß er höchst unrichtige Ideen in Hinsicht der Aufmunterung, welcher die Wissenschaften bei uns sich zu erfreuen haben, erhalten haben mußte.

Ich hielt diesen Augenblik für eine erwünschte Gelegenheit, eine gehörige Vergleichung zwischen dem Ertrage der Wissenschaften in England und in Frankreich anzustellen, und legte ein Blatt Papier vor dem Fremden hin, auf welches ich ihn bat die Namen von 6 Engländern niederzuschreiben, die, nach seiner Ansicht, in Frankreich ihrer wissenschaftlichen Verdienste wegen am meisten geachtet sind. Ich nahm dann ein anderes Blatt Papier, und schrieb die Namen von 6 Franzosen auf dasselbe, die man in England ihrer wissenschaftlichen Entdekungen wegen am meisten achtet. Ich gab dem Fremden das leztere Blatt, und ersuchte ihn, unter jedem Namen dieser 6 Franzosen das Einkommen eines jeden derselben, insofern er es wußte, hinzuschreiben. Dasselbe that ich mit den Namen der 6 Engländer, die er niedergeschrieben hatte: unter einige derselben mußte ich geradezu 0 schreiben. Bei Vergleichung der beiden Summen ergab sich für die 6 französischen Gelehrten ein Durchschnitt von jährlich ungefähr 1200 Pfd. Sterl. Wie hoch sich die Summe für die 6 Engländer belief, weiß ich nicht mehr genau nur weiß ich noch, daß sie um Vieles kleiner war.300) Wer da weiß, wie man in Frankreich mit 1200 Pfd. jährlich leben kann, wird wissen, daß 1200 Pfd. in Frankreich weit mehr Lebensgenuß gewähren, als 2000 in England.

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Wir wollen nun einen Blik auf die Aussicht werfen, die einem jungen Manne bei seinem Eintritte in das Leben offen steht, wenn er, angetrieben von einem unwiderstehlichen Drange, sich den abstracteren Wissenschaften weiht, oder, im Vertrauen auf seine Jugendkraft, fühlt, daß das Gebiet der abstracten Wissenschaften dasjenige ist, welches seinen Geistesanlagen am meisten entspricht, um jenen Ruhm zu erlangen, dem sein Herz entgegenschlägt. Was hat dieser Mann für eine Aussicht? Kann selbst der glühende Pinsel des Enthusiasmus ihm irgend etwas auf die kahle Niete mahlen, die er sich hier gezogen hat? Es gibt kein Amt im Staate, keinen Plaz in der Gesellschaft, auf welchen die Hoffnung ihm hindeuten könnte, um ihn auf seiner mühevollen Laufbahn zu ermuntern. Wenn er zu irgend einer unserer Universitäten gehört, so gibt es zwar einige Lehrkanzeln an der Alma Mater, zu welcher er gehört, auf die er einst in fernster Zukunft Anspruch machen kann; allein diese Lehrkanzeln sind nicht zahlreich, und der Gehalt, der mit denselben verbunden ist, reicht selten hin um ein einzelnes Individuum, vielweniger eine ganze Familie, zu nähren. Was kann er nun seinen Freunden antworten, wenn sie ihn bitten sich auf irgend etwas zu verlegen, wobei sie ihm vielleicht einst noch nüzlich seyn können, oder irgend etwas zu ergreifen, wobei seine Talente ihren verdienen Lohn finden können? Wenn er kein Vermögen hat, so bleibt ihm keine Wahl übrig. Er muß die Bahn aufgeben, für welche er sein Leben berechnete, auf welcher seine Denkweise und sein Ehrgeiz ihm den ausgezeichnetesten Erfolg zusicherten; er muß ein Jurist oder irgend etwas anderes werden, was Tausende werden, unter welchen er, ungeachtet seiner großen Talente, höchstens ein mittelmäßiger Mensch bleiben wird. Der Verlust für ihn ist: groß, für das Land noch größer. Auf diese Weise machen wir, durch eine verderbliche Mißanwendung der Talente, welche aus unseren Anstalten hervorgeht, alles einem großen Physiker und Mathematiker höchstens einen erträglichen Juristen.301)

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Wenn er hingegen irgend ein mäßiges Vermögen besizt; wenn er, geizend nach dem Ruhme eines unsterblichen Namens, ohne blind zu seyn über den Zustand der Wissenschaft in seinem Lande, sich entschließt seiner Neigung ein desto größeres Opfer zu bringen, je deutlicher er die Größe desselben einsieht; wenn, unter diesen Umständen, er ein Geschäft oder eine Beschäftigung aufgibt, wovon er hohen Vortheil hätte ziehen können, in der einzigen Hoffnung, daß, nachdem er sich hoch genug empor geschwungen haben wird auf den Stufen europäischen Wissens, er seine Einnahme durch irgend eine Stelle, zu welcher seine Wissenschaft führt, etwas vergrößert setzen konnte; wenn er hofft, irgend eine Stelle (z.B. am Board. of longitude, der jezt aufgehoben ist) zu erhalten, wo es ihm gegönnt wäre: seine Talente als Physiker und Mathematiker für den kümmerlichen Gehalt eines Schreibers zu üben; so wird er am Ende finden, daß auch hierzu noch etwas ganz anderes gehört, als Liebe zur Wissenschaft und Kenntnisse. Er wird finden, daß der hohe, jedes niedrige Kriechen verschmähende, Geist, der gewöhnlich die Brust derjenigen belebt, die die Tiefen ihrer Wissenschaft ergründet haben, nicht für solche Pläze geeignet ist, und daß, selbst wenn es ihm hier gelingen sollte, er manches muß hören können, was er gezwungen ist zu mißbilligen, ohne daß er seine Stimme laut dagegen erheben darf.

Es ist also klar, daß man nicht füglich erwarten kann, es werde jemand sich auf abstracte Wissenschaften verlegen, ohne daß er Privatvermögen besizt, und sich entschließen könnte, jeden Gedanken auf Vermehrung desselben durch fortgeseztes Studium seiner Wissenschaft gänzlich aufzugeben. Allein, wie wenige, die sich in einer solchen Lage sich wohl der Mühe unterziehen, welche die Erlangung solcher Wissenschaft fordert; und, wenn sie dem unwiderstehlichen Drange folgen, und dieses Opfer bringen, was können sie für eine Veranlassung, finden, nur einen Schritt von jenen Untersuchungen sich zu entfernen, in welchen, sie ihr größtes Vergnügen finden, und sich mit solchen abzugeben, welche für das Publicum auf eine mehr unmittelbare Weise nüzlich sind?302)

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Zustand der gelehrten Gesellschaften in England im Allgemeinen.

Das Fortschreiten des menschlichen Wissens überzeugte die Welt, daß das System der Vertheilung der Arbeit und Aushülfe sich aus Wissenschaften eben so gut anwenden läßt, als es höchst zuträglich zur Förderung der Manufacturen befunden wurde. Mangel an Wetteifer bringt in den Wissenschaften dieselben Nachtheile hervor, welche aus eben demselben Grunde in den Künsten entstehen. Die Freunde der Botanik waren die ersten, welche fühlten, daß der Umfang der Wissenschaften, den die Royal Society umfaßte, viel zu groß war, als daß ihr Lieblingsgegenstand gehörig beachtet werden konnte: sie gründeten daher die Linnean Society. Nach mehreren Jahren entstand eine neue Wissenschaft: es bildete sich die Geological Society. Zu einer anderen, neueren, Zeit vereinten sich die Freunde der Astronomie, gedrungen von den Bedürfnissen ihrer Wissenschaft, und gründeten die Astronomical Society. Jede dieser Gesellschaften fand, daß die Aufmerksamkeit, welche ihre Mutteranstalt auf ihre Wissenschaft wendete, für ihre Mängel nicht hinreichte, und jede erfuhr, der Reihe nach, den entschiedensten Widerstand von Seite der Royal Society.

Gegründet von den größten Physikern, einzig und allein für Naturwissenschaften, dachte diese gelehrte Gesellschaft mit Recht, daß Nichts das Gelingen dieser jungen Gesellschaften auf eine bleibendere Weise sichern könnte, als Entmuthigung und Widerstand bei dem Beginnen derselben. Da sie die ersten Versuche derselben so ausgezeichnet gelungen fand, so verdoppelte sie die Strenge ihrer Verfolgung, und das Resultat stand mit der Kraftanstrengung im Verhältnisse, und übertraf ihre gespanntesten Erwartungen.303) Die Astronomical Society wurde in sechs Jahren berühmt und geachtet durch ganz Europa, nicht durch den Hof ihres Ruhmes, mit welchem der Strahlenkranz ihrer kräftigen Jugend die Schwäche ihrer abnehmenden Jahre umgürtete, sondern durch das reine Verdienst (Sterling-Verdienst nennt es der Engländer nach seiner Goldmünze) „ihrer anspruchslosen Thaten, durch die Sympathie, mit welcher sie jeden praktischen Astronomen ansprach und von jedem derselben aufgenommen wurde, indem sie ihm seine Arbeiten erleichterte und Licht über seine Rechnungen verbreitete.“

Allein, dieses System, welches so trefflich wirkte, ist nun aufgegeben. Die Zoological und die Medico-Botanical Society wurden ohne allen Widerstand gegründet: das gänzliche Mißlingen der lezteren ist vielleicht der richtigste Beweis der Weisheit, welche die Rathschlüsse der Royal Society leiteten. Gegenwärtig bestehen diese verschiedenen Gesellschaften ohne alle Gefühle von Rivalität oder Feindseligkeit, verfolgen ihre einzelnen Gegenstände, und vereinigen sich alle mit kindlichem Leihwesen die zweite Kindheit ihrer gemeinschaftlichen Mutter zu beweinen, so wie die üblen Nachschläge, durch welche dieß traurige Ereigniß herbeigeführt wurde.

Es ist (in England) Sitte, seinem Namen gewisse Buchstaben beizusezen, je nachdem man zu dieser oder jener Gesellschaft gehört, und dieses Recht wird von mehreren Mitgliedern solcher Gesellschaften als der einzige wahre Vortheil betrachtet, den sie durch ihren Eintritt in eine solche Gesellschaft erlangen. Ich theile hier eine Liste einiger dieser Gesellschaften mit. Die zweite Columne zeigt das baare Geld, welches die Schweifbuchstaben (tail-pieces) in der dritten Columne jedem Mitglieds kosten.

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Gesellschaften: Eintrittspreise bei der Aufnahme: Angehängte Buchstaben:
Royal Society 50 Pfd. 0 Shll. 0 Pen. F. R. S.
Royal Society of Endinburgh 25 – 4 – 0 –304) F. R. S. E.
Royal Academy of Dublin 26 – 5 – 0 – M. R. I. A.
Royal Society of Literature 36 – 15 – 0 – F. R. S. Lit.
Antiquarian Society 50 – 8 – 0 – F. A. S.
Linnean 36 – 0 – 0 – F. L. S.
Geological 34 – 13 – 0 – F. G. S.
Astronomical 25 – 4 – 0 – M. A. S
Zoological 26 – 5 – 0 – F. Z. S.
Royal Institution 50 – 0 – 0 – M. R. I.
Royal Asiatic Society 31 – 10 – 0 – F. R. A. S.
Horticultural 48 – 6 – 0 – F. H. S.
Medico-Botanical 21 – 0 – 0 – F. M. B. S.

Wer also auf wissenschaftliche Auszeichnung stolz ist, kann, nach seinem Wohlbefinden, seinen Namen in eine Art von Kometen verwandeln, und einen Schweif von mehr als vierzig Buchstaben hinter demselben nachziehen, vorausgesezt, daß er für jeden Buchstaben im Durchschnitte 10 Pfd. 9 Shill. 9 1/4 Pence (125 fl. 51 kr. 3 Pf.) zu bezahlen beliebt.305)

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Der Leser wird vielleicht meinen, daß Wissenschaften in einem Lande nicht im Verfalle seyn können, in welchem so viele Anstalten zur Förderung derselben unter, halten werden. Es ist allerdings sehr lobenswerth an uns, daß der größte Theil dieser Gesellschaften bloß durch Subscription, durch freiwillige Beiträge unterhalten wird; wenn aber die Untersuchungen, die neuerlich bei einigen derselben angestellt wurden, nicht das Verwaltungssystem derselben bessern helfen, unter welchem mehrere unter ihnen so sehr litten, so läßt sich ohne alles Wunder prophezeien, daß ihre Dauer nicht mehr sehr lang seyn wird. Die vollkommenste Publicität, gedrukte Rechnungsvorlagen, und gelegentliche Erörterungen und Untersuchungen derselben bei allgemeinen Versammlungen sind die einzigen Sicherungsmittel: diejenigen, welche gegen diese Maßregeln sind, verdienen in einem gewissen Grade unter einem achtsamen Auge gehalten zu werden. Von der Royal Society werde ich in der Folge sprechen, und ich bedauere beifügen zu müssen, daß ich noch mehr hatte sagen können. Mein Zwek ist, sie zu verbessern; allein, wie bei allen tief eingewurzelten Uebeln, ist die Operation, durch welche allein Heilung möglich ist, nothwendig schmerzhaft. Hätten die Worte des Tadels oder der Gegenvorstellungen durch irgend einen anderen Canal ihren Ausweg gefunden, so würde ich mit Vergnügen geschwiegen und mich begnügt haben, durch meine Stimme die Ansichten der Freunde der Wissenschaft und der Royal Society zu unterstüzen. Dieß war aber nicht der Fall, und nach vereitelten Versuchen, Verbesserungen einzuführen, will ich es jezt wagen mit der Kraft der baren, aber vielleicht schmerzlichen, Wahrheit die öffentliche. Meinung dahin zu lenken, daß sie eine solche Reform dieser Anstalt fordert, durch welche dieselbe in ihrem eigenen Lande vor Verachtung, im Auslande vor Hohngelächter gesichert wird.

Ueber die fünf nächst folgenden Gesellschaften in dieser Liste enthalte ich mich aller Bemerkungen. Ueber die Geological Society erlaube ich mir einige Worte. Sie besizt die ganze Frischheit, Kraft und das volle Feuer der Jugend im Betriebe einer selbst noch jugendlichen Wissenschaft; es gelang ihr einer der schwierigsten Versuche, nämlich dieser: den Gegenstand, über welchen Abhandlungen bei ihren Sizungen vorgelesen werden, mündlich zu erörtern. Wenn man über diese Erörterungen bemerkt, daß sie höchst unterhaltend sind, so ist dieß nicht das kleinste Lob, das man ihnen schuldig ist. Sie sind gewöhnlich höchst lehrreich, und stellen zuweilen einzelne Thatsachen zusammen, die, obschon sie einzeln für sich keine Bedeutung haben, wissenschaftlich zusammengereiht, sich wechselseitig aufklären, und zulezt zu wichtigen Schlüssen führen. Ob diese Erörterungen nun so fortgesezt werden sollen, hängt offenbar von dem Geschmake, von der Neigung und dem gesunden Verstande der sprechenden Mitglieder ab. Was vorzüglich bei denselben zu vermeiden ist, ist mündliche Kritik, wechselseitiges Lob über alles Maß, und Rechthaberei. Leztere ist vielleicht das Wichtigste unter diesen drei Stüken, sowohl für das Interesse der Gesellschaft, als für die Wahrheit. In Hinsicht der bereits erschienenen Bände ihrer Transactions darf man bemerken, daß es in mehr dann einer Hinsicht gut seyn würde, wenn die Mitglieder sich gewöhnten ihre Aufsäze der Gesellschaft in einem mehr vollendeten Zustande mitzutheilen: unter anderem würde dadurch den Beamten der Gesellschaft (die bei der Geological Society vielleicht thätiger sind, als die Beamten der meisten übrigen Gesellschaften) viele Erleichterung bei ihren schweren Pflichten geschenkt werden. Allen ihren Rechnungen und Arbeiten die höchste Publicität zu geben, im Gesellschaftsrathe alle einzelnen Ansichten der Gesellschaft frei auszusprechen; beständige Präsidenten zu vermeiden, dieß ist es, was wir nicht bloß dieser Gesellschaft allein empfehlen wollen, sondern was zu dem Wohle einer jeden Gesellschaft beitragen wird.

Ueber die Astronomical Society, welche, der Natur ihrer Arbeiten nach, kaum solche Erörterungen erlauben kann, wie die Geological Society will ich bloß dieß bemerken, daß ich kein anderes Geheimniß an derselben kenne, durch welches sie so schnell so hoch empor gelangen konnte, als die höchste Aufmerksamkeit auf die so eben aufgestellten Maximen.

Ueber die Zoological Society, die dem Publicum so viele verständige Unterhaltung gewährt, mögen für jezt einige wenige Winke genügen. Das reichliche |401| Einkommen derselben ist eine schrekliche Sache. Es ist zu reizend, um nicht zu dem (eben so schändlichen als gefährlichen) Börsenspiele zu verführen, und zugleich zu schwankend und zu ungewiß, um nicht die Geldangelegenheiten der Gesellschaft selbst in Unordnung zu bringen: ein Umstand, welcher, wenn nicht die höchste Vorsicht gepflogen wird, leicht eintreten könnte. Es ist höchst wahrscheinlich, daß, da die Gesellschaft noch sehr neu ist, ihre Beamten und ihr Rath so trefflich sind, als ihre besten Freunde es nur immer wünschen können; es ist aber eben so gewiß, daß es bei einer solchen Gesellschaft wesentlich nothwendig ist, daß Männer von Geschäft eben so gut mit im Rathe sizen, als Männer von den ausgezeichnetesten zoologischen Kenntnissen. Es ist in einer solchen Gesellschaft weit gefährlicher, als in jeder anderen, sich wechselseitig Complimente zu machen, und Individuen in den Rath zu wählen, die nicht immer die hierzu nöthigen Eigenschaften besizen: die Mitglieder des Rathes müssen häufig gewechselt werden, damit man sieht, welche Individuen hierzu am besten taugen. Oeffentlichkeit bei den Rechnungen und Verhandlungen ist, wegen der Größe des Fondes, hier noch mehr wesentlich nothwendig, als bei irgend einer anderen Gesellschaft, und es ist ein Unheil verkündendes Zeichen, daß man bei der lezten Jahressizung versuchte, in dieser Rüksicht Hindernisse zu legen. Wenn die Gesellschaft eine wissenschaftliche Gesellschaft ist, so sollten die Freunde der Wissenschaft solche Versuche auch nicht einen Augenblik lang dulden.

Es ist nicht selten der Fall, daß einige Individuen an mehr dann einer gelehrten Gesellschaft thätigen Antheil nehmen. In diesem Falle wird es gut seyn die Verdienste dieser Individuen dadurch zu bemessen, daß man den Erfolg beobachtet, den ihre Maßregeln bei anderen Gesellschaften hatten.

Die Asiatic Society hat, nebst vielem anderen Guten, auch noch dieses uns erwiesen, daß sie viele schäzbare Werke übersezen ließ, die sonst nicht hatten können öffentlich bekannt gemacht werden.

Die Horticultural Society wurde beinahe zu Tode geritten, und erwacht jezt aus ihrer Betäubung: ihre Constitution scheint aber etwas gelitten zu haben. Es läßt sich hoffen, daß sie sich reinigen und endlich wieder ganz herstellen wird, obschon sie eine Schuldenlast von 19,000 Pfd. Sterl. drükt, welche die Untersuchungscommission als wirklich bestehend gefunden hat. Indessen wird alles dieß nicht ohne Vortheil für die Wissenschaft geschehen seyn, wenn die Gesellschaft aufhört, Hauslisten durch zwei oder drei Personen ernennen zu lassen; Complimenten-Räthe zu ernennen, und die Rechnungen durchgehen zu lassen, ohne jede Post genau zu prüfen, oder die Rechnungen gar nicht vorlegen zu lassen.

Die Medico-Botanical Society nahm plözlich die Aufmerksamkeit des Publikums in Anspruch: ihre Ansprüche waren groß; ihre Versprechungen gränzenlos. Sie hob sich schnell zur Auszeichnung empor, nicht durch ihre Entdekungen und Arbeiten, sondern durch die Zahl der Fürsten, die sie als Mitglieder aufnahm. Es wäre überflüssig den Umfang der bald Heimgegangenen Quaksalberei hier zu beleuchten; allein, der Eindruk, den die Uebelthaten dieser Anstalt erzeugten, wird nicht so bald verlöschen; sie haben ganz Europa den Charakter unserer wissenschaftlichen Anstalten kennen gelehrt. Es würde eine verständige und würdige Maßregel seyn, wenn jene Freunde der Wissenschaft, die in dieser Gesellschaft so gröblich betrogen wurden, auf dem lezten Blatte der Geschichte derselben ihre höchsten Ansprüche auf den Beifall des Publicums entwikelten, und dann der verhöhnten und beleidigten Wissenschaft ihres Vaterlandes die einzige Genugthuung gewährten, die noch in ihrer Macht liegt, nämlich Unterzeichnung der Auflösung dieser Gesellschaft. Da die Gesellschaft, durch gänzliche Umkehrung aller Ordnung, sich bemühte Ausschließung 306) zur höchsten Ehrenbezeugung zu erheben, die sie zu ertheilen vermochte, so bleibt ihr auch kein Mittel die höchste moralische Kraft, deren sie noch fähig seyn kann, auf eine andere Weise zu beurkunden, als durch Selbstmord.

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Dienst der Dampfmaschinen in Cornwall.

Die Dampfmaschinen in Cornwall hoben im Quartal: Jäner bis März 1830, im Durchschnitte 41,58 Millionen Pfund Einen Fuß hoch mit Einem Bushel (84 Pfd.) Steinkohlen. Das Detail für jede Maschine findet sich im Edinburgh-Journal of Science, July, S. 47. angegeben, und ein wichtiger Drukfehler daselbst im Berichte für Julius bis September 1829 berichtigt: es muß bei der Huel Damsel Engine, Statt 136,6 Millionen heißen: 36,6 Million.

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Hr. Prof. K. Babbage ist nicht bloß in England, sondern auch in allen Ländern des festen Landes als einer der geistreichsten Männer und der feinsten Mathematiker unseres Zeitalters auf eine höchst ehrenvolle Weise bekannt. Seine Ansichten über den gegenwärtigen Zustand der eigentlichen Wissenschaften (sciences exactes) in England sind um so wichtiger, als sie alte Vorurtheile zerstören, und den Bewohnern des Continentes zu jenem Selbstgefühle verhelfen können, dessen sie so sehr bedürfen, um der. englischen Despotie los zu werden. Unsere Leser werden hier manche Bestätigung desjenigen finden, was sie in unseren Blättern früher gelesen haben, und was sie vielleicht als die untergeordnete Ansicht eines bloßen Uebersezers zu beherzigen verschmähten. Vielleicht daß sie jezt mancher unserer früheren Ideen mehr Aufmerksamkeit schenken, weil ein Mann, wie Babbage, die Wahrheit derselben beurkundete. A. d. Ue.

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Hr. Babbage scheint seinem sel. Freunde hier zu viel Freundschaft zu erweisen: der Grundsaz (the principle), „daß Elektricität zersezt,“ war lang vor Sir Humphry Davy bekannt, und Sir Humphry's Anwendung desselben auf den Beschlag der Schiffe zeigte sich in der Ausführung unbrauchbar.

A. d. Ue.

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Dieß ist allerdings von Genies in den mathematischen Wissenschaften wahr und richtig; es darf aber keinesweges von den gewöhnlichen Professoren der Mathematik gelten, die nur zu oft absichtlich Dunkelheit suchen, und es verschmähen ihre Wissenschaft allgemein nüzlich zu machen. A. d. Ue.

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Hierauf kommt es bei dem gegenwärtigen, bereits so hoch ausgebildeten Zustande der Mathematik und der mechanischen und chemischen Künste vor Allem an. Man hat zwar bereits für mehrere der lezteren eine Menge Tabellen entworfen durch welche die Arbeiten derselben, insofern sie auf langen und oft schwierigen Berechnungen beruhen, ungemein beschleunigt und zugleich in ihrem Erfolge vollkommen sicher gestellt werden können. Die Nautik, die Artillerie in allen ihren Zweigen, die Baukunst, das Forstwesen etc. hat bereits viele Tabellen, durch welche die Mühseligkeiten und Zufälligkeiten langer Berechnungen erspart und beseitigt werden; es ist aber kaum erst der tausendste Theil von dem gethan was noch zu thun übrig ist. Jede technische Kunst, in welcher Maß und Gewicht, folglich Zahlen, was immer für eine Rolle spielen, verdient heute zu Tage die Revision eines gründlichen und hoch gebildeten Mathematikers, wenn sie auf feststehende Grundsäze zurükgeführt, in ihren Arbeiten vereinfacht und beschleunigt, in ihren Resultaten vollkommen sicher gestellt, in ihrem Umfange erweitert werden soll. Der Mathematiker darf es nicht langer verschmähen, in die Werkstätten der Künstler herabzusteigen, ihre Kunst sich vollkommen eigen zu machen, und dann mit der Allmacht seiner Wissenschaft der Ohnmacht des praktischen Künstlers zu Hülfe zu kommen. So lang dieß nicht geschieht, wird die Mathematik unfruchtbar in ihrer reinen Jungfräulichkeit, und die Künste werden Kinder der Nacht und der Finsterniß bleiben. Von einem Techniker, sey er auch noch so großer Meister in seiner Kunst, fordern, daß er mathematische Kenntnisse in jenem Umfange besizt, welche zur gründlichen Revision seiner Kunst in allen ihren Zweigen unentbehrlich ist, heißt das Unmögliche |382| verlangen: es gehört mehr, als die gewöhnliche Geisteskraft tüchtiger Techniker dazu, in die Mysterien, in den Zauber, den die Mathematik in Alles bringt, was sie berührt, auch nur einzudringen, viel weniger die magischen Kräfte den selben so zu sagen zu schaffen und dorthin zu bannen, wohin sie zum Dienste der Menschheit ursprünglich bestimmt waren. Der Mathematiker wird beim ersten Blike sehen, wo es der Kunst gebricht; der Künstler, und selbst der ausgezeichnete Künstler, weiß sehr oft nicht was ihm gebricht, und wo es fehlt, viel weniger daß er wüßte, wie den Mängeln abzuhelfen ist. A. d. Ue.

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Allerdings kann man Regierungen nicht genug empfehlen, die höchste Sparsamkeit und Vorsicht bei ihren Ausgaben für Förderung der Wissenschaften zu befolgen. Manche Staaten, große wie kleine, werfen ihr Geld für sogenannte literarische Anstalten buchstäblich zum Fenster hinaus. Dieß ist z.B. der Fall bei einigen Akademien, die nichts anderes als gelehrte Canonicate, Saginarien für hungrige und unersättliche, müßige Gelehrte sind, welche, nachdem sie auf ihren einträglichen gelehrten Pfründen in einer Reihe von Jahren Tausende und Tausende verschlangen, die Wissenschaft, der sie sich zu weihen vorgaben, auch nicht um ein Haar breit weiter brachten. Manche Akademie war und ist nichts anderes, als eine gelehrte Menagerie, herüber gegangen aus jenen alten Zeiten, wo Höfe es noch für nöthig erachteten, sich mit einem falschen Glanze zu umgeben, und in manchem Staate scheint man noch heute zu Tage zu glauben, eine Akademie gehöre eben so sehr zu dem Glanze eines Landes oder Hofes, als ehevor ein Heer von Sterndeutern, Hofnarren, Hofpoëten etc. Es ist sehr natürlich, daß diejenigen Gelehrten, die sich an solchen Mastanstalten befinden, den Fürsten und den Ministern auf alle erdenkliche Art weiß machen werden, ihr Glanz sey nur ein Reflex der Strahlensonnen, die an dem akademischen Himmel leuchten; Fürsten und Minister seyen nur insofern Förderer der Wissenschaften, als sie einige Duzende müßiger Gelehrten reichlich füttern. Das Volk, das nur nach Werken, nicht nach Worten zu urtheilen gewohnt ist, die Geschichte der Fortschritte des menschlichen Geistes, die durch keinen Flitterglanz sich blenden läßt, die Nachwelt urtheilt anders. Wenn die Akademie zu Petersburg in Reihen von Jahren die ausgezeichnetesten Gelehrten Deutschlands in ihre Mitte rief, so ehrte sie dadurch nur sich selbst: die Euler, die Pallas etc. etc. machten ihr Ehre; sie vermochte nicht die Verdienste dieser unsterblichen Männer höher zu stellen, als sie bereits gestellt waren, ehe sie nach Rußland kamen. Es ist also offenbar, daß der Gelehrte von wahrem Verdienste der Akademie Glanz leiht, die ihn in ihre Mitte nimmt; nicht aber umgekehrt, daß ein Gelehrter dadurch an Glanz gewinnt, weil er von einer Akademie zum Mitglieds aufgenommen wird. So hat erst neulich einer der angesehensten Mathematiker Englands, Oberst B., es abgelehnt, Mitglied einer in hohem Ansehen stehenden Akademie zu werden, die ihn in ihre Mitte einlud. Wenn wir den Einfluß der Akademien auf das Wohl des Landes in Erwägung ziehen, das sie so theuer bezahlt, so werden wir nur wenige unter denselben finden, die die Interessen des Capitales tragen, das aus sie verwendet wurde. Die Akademie zu Stockholm, die Akademie zu Turin zeichnete sich in dieser Hinsicht unter allen ihren Schwestern vorzüglich aus: Künste und Gewerbe haben durch die Abhandlungen dieser beiden Akademien mehr gewonnen, als durch Duzende anderer ähnlicher weit imposanterer Institute. Auch hat der gesunde Menschenverstand des deutschen Volkes es bisher allein für nöthig erachtet, die Abhandlungen der schwedischen Akademie in das Deutsche zu übersezen, und einer der größten und besten Köpfe Deutschlands, Abraham Gotthelf Kästner unsterblichen Andenkens, beschäftigte sich über ein Viertel Jahrhundert lang mit dieser ersprießlichen Arbeit. Die Abhandlungen der Akademie zu Turin, in der Landessprache geschrieben, werden von der Regierung einzeln vertheilt und vom Volke benüzt. Es ist merkwürdig, daß zwei große Staaten in Europa, welche beide die Wissenschaften kräftig förderten, und in welchen beiden Künste und Gewerbe in einem blühenden Zustande sich befinden, immer ohne alle Hof, akademien geblieben sind: Holland und Oesterreich. Holland, das in Hinsicht auf wissenschaftliche Cultur lang schon auf der höchsten Stufe stand, als England und Frankreich noch in der Wiege lagen, hätte nie eine Hofakademie: seine trefflichen gelehrten Gesellschaften sind lediglich Privatanstalten. Oesterreich hätte nie eine Akademie, es unterstüzte aber seine Gelehrte, welche kostbare Werke herausgaben, dadurch, daß es die Kosten der Ausgabe dieser Prachtwerke übernahm: der Hof half die Prachtwerke Jacquin's und host's zu Tage fördern, die einzelne |385| Buchhandlungen schwerlich hätten übernehmen können. Die einzelnen Zweige der Staatsverwaltungen in Oesterreich (vorzüglich das Geniewesen) lassen einzelne Werke verdienter Gelehrten in der Staatsbuchdrukerei druken, und verschenken sie so zu sagen für Preise, die kaum die Drukkosten deken, unter das Publikum. Auf diese Weise wird einer der wohltätigsten Zweke der Akademien, Verbreitung nüzlicher kostbarer Werke im Publikum, erreicht, ohne daß der Staat, folglich das Volk, die misera contribuens plebs, mit vielen Tausenden unnüzer Ausgaben für müßiges Zeug belastet wird.

Wo Akademien in einem Lande mit so geringen Kosten und so hohem Nuzen für dasselbe, wie in Schweden und in Piémont, bestehen, mögen sie fortbestehen; wo aber Akademien in gelehrte Menagerien ausarten, ist es Zeit damit so zu verfahren, wie der König von Würtemberg mit der angeerbten Menagerie verfuhr. Auch das schöne hochgebildete Würtemberg hat alle Zweige des menschlichen Wissens auf eine hohe Stufe von Vollkommenheit fördern helfen, und besizen Gelehrte von dem ausgezeichnetesten Range in jedem Fache des menschlichen Wissens, besizt eine Masse von Kenntnissen unter seinem Volke verbreitet, wie man sie in wenigen Ländern findet, ohne daß es jemals von einer Hofakademie heimgesucht worden wäre, so sehr auch seine Fürsten immer gerechten Stolz auf Förderung der Wissenschaften sezten.

Nicht Mastställe für Gelehrte, aber Nahrung für wissenschaftlichen Hunger bedürfen die Völker: sie bedürfen: 1) Bibliotheken, nicht bloß in den Hauptstädten, sondern in allen etwas größeren Städten des Landes; Bibliotheken, welche die klassischen Werke aller Zeiten und Völker, die vorzüglichsten Werke der vaterländischen Geschichte, und dann alle, zum kräftigen und erfolgreichen Betriebe der Landwirtschaft in allen ihren Zweigen, als Viehzucht, Feldbau, Gartenbau, Forstzucht, zum zwekmäßigen und glüklichen Betriebe der Künste und Gewerbe in allen ihren Verzweigungen notwendigen Werke in ihren Schränken aufgestellt enthalten: also eine reiche und auserlesene Sammlung zoologischer, botanischer und mineralogischer Werke; die vorzüglichsten Werke in allen Zweigen der reinen und angewandten Mathematik, der Physik, der Chemie, der Landwirtschaft, der Technologie. Die Bibliothek der Hauptstadt muß das gesammte Gebiet des menschlichen Wissens aller Zeiten und aller Völker der Erde bis auf den neuesten Tag herab umfassen. Dieß ist um so notwendiger, als heute zu Tage das Vermögen auch des reichsten Privatmannes kaum hinreicht, sich alle in dem Gebiete seiner Wissenschaft bei allen Völkern jährlich erscheinenden Werke beizuschaffen: das Gebiet der Naturgeschichte allein, dieser Basis aller Landwirthschaft und Gewerbskunde, übersteigt jährlich 70–80,000 fl. Die Bibliotheken der Landstädte könnten sich mit den auserlesensten älteren und den vorzüglichsten neueren begnügen. 2) Sammlungen und Cabinette der Naturprodukte des Vaterlandes aus allen drei Reichen, (aus dem Thierreiche vorzüglich der in der Landwirtschaft schädlichen Insecten in allen Perioden ihres Lebens); des Auslandes als Basis der Waarenkunde für Gewerbsleute, damit sie gegen die so oft im Handel vorkommenden Verfälschungen so viel möglich gesichert wären, und gute echte Waare von verfälschter und schlechter unterscheiden lernten; Sammlungen von Modellen der besten Maschinen und Geräthe zu jeder Arbeit in den Gewerben und in der Landwirthschaft. In der Hauptstadt müßten diese Sammlungen so viel möglich allumfassend seyn: Holland, das heutige Holland, kann in seinen naturhistorischen Cabinetten zu Leyden, in dem technologischen zu Brüssel anderen Staaten hierin als Vorbild dienen. 3) Botanische Gärten: allumfassend in der Hauptstadt; in den kleineren Städten als Baum- und Saamenschulen, in welchen der Bürger und Landmann nicht bloß alle nüzlichen schnellwachsenden Holzarten, alle edleren und besseren Obstsorten, alle besseren Gemüse und Getreidearten, alle Oehl:, Färbe- und Gärbepflanzen etc., mit einem Worte Alles, was die Pflanzenwelt für sein Klima Brauchbares ihm darbietet, kennen lernt, sondern auch unentgeldlich oder für geringe Preise erhalten kann. Diese, mitten in den Gräueln der Revolution hervorgegangenen, mitten unter den mörderischen Kriegen von dem des Despotismus und des Geizes angeklagten unsterblichen Kaiser |386| auf den höchsten Grad der Vollendung erhobenen, und, nach der Restauration, selbst von dem deplorablen und incompatiblen Ministerium sorgfältig erhaltenen Anstalten in Frankreich können jedem anderen Lande als Muster dienen. 4) Oeffentliche Laboratorien für Physiker*) und Chemiker, in welchen der unbemittelte Gelehrte diejenigen Versuche anstellen kann, die er zum Behufe der Wissenschaft für nothwendig findet. Dieß ist der gegenwärtige Bedarf für die Völker sowohl als für die Wissenschaften, wenn beide in ihrer Cultur gehörig fortschreiten sollen. Ein Theil dieses Bedarfes wird sich durch die Summen deken lassen, die heute zu Tage in manchem Lande für eitle Charlataneria Eruditorum, für blauen gelehrten Dunst und literarischen Nebel hinausgeworfen werden: was übrigens noch zu ähnlichen Anstalten fehlt, muß, wo das Volk, wie in vielen Ländern Deutschlands, viel zu arm ist, von der Regierung nachgeschossen werden. Wozu nüzen dem Lande die 20 Millionen, die z.B. in der Casse*'s müßig liegen? Bibliotheken, Cabinette, Botanische Gärten, öffentliche Laboratorien sind die Festungen des Friedens; sie nüzen dem Lande im Frieden eben so mächtig, als die festen Pläze im Kriege; sie sichern das Land, daß es nicht überflügelt wird von den Nachbarstaaten, während diese auf dem weiten Felde der schönsten Eroberungen, die der menschliche Geist machen kann, auf dem Felde der Erfindungen und Entdekungen, rasch vorwärts schreiten, und die Gränzen des menschlichen Wissens immer weiter und weiter hinausrüken. Wissen ist Kraft, im Frieden eine noch mächtigere Kraft, als Schießen im Kriege, und selbst dieses leztere beruht in seinem Erfolge lediglich auf der feinsten Mathematik, auf der höheren Vollendung der Physik und Chemie. Wer nur um ein Zehntel weiter zu schießen vermag, als ein anderer, und zehn Mal besser trifft, ist dem Anderen hundert Mal überlegen.

Die Wünsche, die uns hier entschlüpften, sind keine einen Wünsche; sie wurden in Holland theils vom Volke, theils von der Regierung, in Frankreich, zum Theile, von lezterer allein ausgeführt. Was das reiche holländische Volk vermag, das mit dem Ueberschusse seines Vermögens auf das Steigen und Fallen anderer Völker speculirt, vermag nicht jedes andere Volk. Daß das holländische Volk aber zu diesem hohen Reichthume gelangte, verdankt es bloß seiner höheren Bildung, seinen eben so gründlichen als ausgebreiteten Kenntnissen |387| in allen Zweigen des physischen und mathematischen Wissens.*) Das kleine, nur von einigen Tausend Bleichern, Webern, Gärtnern, Landwirthen und Kaufleuten bewohnte Haarlem besizt an seinem Taylor'schen Institute eine Bibliothek von naturhistorischen Werken, um deren mehrere man zu Wien und Berlin, zu München und zu Paris vergebens fragen wird, und aus der kleinen zoologischen Sammlung dieses Städtchens könnten die Sammlungen aller so eben genannten Hauptstädte sich noch mit einigen Exemplaren bereichern. Physische und mathematische Kenntnisse bereichern nicht bloß den Geist, sie bereichern auch den Sekel desjenigen, der sie gehörig zu benüzen weiß. Ein Volk, das reich an physischen und mathematischen Kenntnissen ist, muß auch reich an Geld werden. Möchten dieß diejenigen Financiers nicht vergessen, die da glauben, die ganze Kunst zu regieren bestehe in Vermehrung der Staatseinnahme durch directe und indirecte Steuern. „Wenn ich, sagt der Holländer, von meiner Sau viel Spek gewinnen will, muß ich vorerst dafür sorgen, daß sie fett werden kann.“ Und so wird man auch, wo man aus directe oder indirecte Weise von dem Volke viel Geld erheben will, vorerst dafür sorgen müssen, daß es zu Geld gelangen könne. Dieß kann es aber, wenn es kein Raubvolk ist, nur dadurch, daß es arbeiten lernt, und zwar mit Verstand arbeiten lernt, was nie der Fall seyn wird, wo man ihm den hierzu nöthigen Unterricht entzieht. A. d. Ue.

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*) Die Regierung der Vereinigten Staaten hat über ihr Gebiet, das die Weltmeere der beiden Hemisphären begränzt und von dem Wendekreise bis an den Polarkreis reicht, genau verglichene Barometer und Thermometer an ihre Bürger auf jedem wichtigeren Punkte ihres ungeheueren Landes vertheilt, und ein eigenes Comité ernannt, das die einzusendenden Beobachtungen zu vergleichen hat. (Siehe Edinburgh New Philos. Journal N. 5. IV. Bd.) Hr. v. Humboldt empfahl dem Kaiser aller Reußen am 28. Nov. 1829 in seiner schönen, aber etwas zu mystischen Rede für einen reinen Physiker, dem Beispiele dieses Freistaates zu folgen, und wenn kein Minister in Rußland auf diesen guten Rath achten sollte, so wird der weise Cancrin denselben seinem Czar an das Herz zu legen wissen. Vor mehr dann zwanzig Jahren hat das Obermedicinal-Comité in Bayern, als es noch unter der Leitung eines Mannes stand, der eben so großer Physiker als Arzt und seinen Zeitgenossen vielleicht um ein Jahrhundert voraus war, an die vom Staate angestellten Aerzte auf den sogenannten Physikaten meteorologische (verglichene) Instrumente vertheilen lassen, und eine treffliche Instruction über die anzustellenden Beobachtungen erlassen. Wir fanden in Bayern bei den sogenannten Physicis (Physikatsärzten) die Thermometer an Küchenfenstern, an Schornsteinen, und ein Barometer an einer höchst schiefen Wand nicht aufgehängt, sondern angenagelt. Wer waren die Lehrer dieser Physiker in der Physik? Mönche und Exmönche. Heute zu Tage sieht kein Arzt in Bayern mehr ex offo auf ein Barometer oder Thermometer.

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*) Es ist merkwürdig, daß das holländische (das niederdeutsche) Volk, während die Gebildeten unter demselben die klassischen Dichter aller anderen Völker auswendig wissen, Poëterei nie besonders geachtet, auch keinen Dichter aufzuweisen hat, den man den vorzüglichsten Dichtern anderer Völker an die Seite stellen könnte. Nur einige gute Satyriker haben die Holländer.

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Was Hr. Professor Babbage hier von England sagt, gilt auch von manchem Lande aus dem Festlande, zumal im südlichen Deutschland, und es wäre höchst zu wünschen, daß diese Länder bei Zeiten durch fremden Schaden klug werden möchten, den sie in England nächster Tagen mit eigenen Augen werden wahrnehmen können. Man glaubt nur zu häufig in den Büreaukratien, der ganze Nuzen der Mathematik für den Staatshaushalt besteht in der Kunst zu Addiren bei den Rechnungskammern, zu Subtrahiren bei den Verwaltungen, und zu Dividiren bei den verschiedenen Finanzdepartements! und zwar so zu dividiren, das; der Dividendus unter den Divisoren ohne bedeutenden Bruch aufgeht. Daß sich die Festigkeit, das nahe Sinken oder Steigen eines Staates durch a + b berechnen läßt, scheint man heute zu Tage nicht zu ahnden, und unsere Ahnen waren mitten in ihrer Unwissenheit und ihren Vorurtheilen wenigstens insofern klüger als wir, als sie die Notwendigkeit fühlten an jedem Hose, wenn er auch noch so klein war, mindestens doch eine Art von Mathematiker zu halten, nämlich einen Astrologen, der die Zukunft, so gut es gehen mochte, berechnen sollte. Mit dem Astrologen vom Hofe ist auch die Mathematik, wie es scheint, aus dem Staatshaushalte verbannt worden, so wie mit dem Hofnarren die Wahrheit: denn heute zu Tage gilt jeder für einen Narren, der es wagt die Wahrheit laut auszusprechen. Wir zweifeln sehr, ob in irgend einem Staate (außer dem ehemaligen Napoleon'schen) irgend ein Finanzplan über directe oder indirecte Steuern der Prüfung eines tüchtigen Algebristen unterzogen wurde. Die Finanzminister sind zwar in der Regel beim Staatsschuldenmachen und beim Staatsschuldentilgen so klug, ihre Unwissenheit öffentlich zu gestehen, und Bankiers in ihre Ministerialsizungen zu laden. Allein die Bankiers, die die Mathematik des Schuldenmach- und Schuldentilgwesens in der Regel besser verstehen, als der Hr. Minister mit allen seinen Finanzräthen, vergessen selten, sich selbst als Coefficienten bei jedem |388| Gliede der Rechnung anzubringen, und so sehen wir nicht selten diese Mathematiker für den guten Rath, den sie den Hrn. Finanzministern und Räthen ertheilten, um eben so viele halb Duzende Nullen hinter irgend einer Anzahl von Einheiten reicher werden, als der Staat ärmer wird. Die ganze Welt bewundert das Haus Rothschild, und die ganze Welt scheint vergessen zu haben, daß die Söhne Israëls von jeher die Mathematik weit emsiger betrieben, als irgend ein anderes Volk der Erde. Man glaubt so oft dort Wunder zu sehen, wo alles auf die natürlichste Weise von der Welt geschieht. Hr. Baron von Rothschild wird besser, als Tausend andere, fühlen, wie viel er der Cultur der Mathematik unter seiner Nation zu danken hat, und wir zweifeln nicht, daß, wenn ihm Hrn. Babbage's Abhandlung zu Gesicht käme, er, bei dem hohen Sinne, den er für Förderung der Wissenschaften sowohl als für Linderung menschlichen Elendes schon so oft auf die ehrenvollste Weise beurkundet hat, sich vielleicht entschließen würde eine halbe Million zur Gründung eines Institutes für mathematische Wissenschaften in irgend einem Lande für seine Glaubensgenossen als ewiges Andenken an seinen unsterblichen Namen zu bestimmen. Sein Beispiel würde sehr bald einige andere Völker elektrisiren, und man würde den Werth des mathematischen Wissens endlich wenigstens nach Pfund Sterling, Shill., Pence und Farthings fühlen lernen. Uebrigens werden dann die Israeliten, wenn Einer der Mächtigsten Ihres Volkes der Erste war, der ein Institut für das reinste menschliche Wissen, für mathematische Wissenschaften, gründete, die Ehre haben den übrigen Völkern mit den heiligen Büchern des Wissens eben so vorausgegangen seyn, wie mit den heiligsten Büchern des Glaubens, und die übrigen Wissenschaften und Künste werden sich auf Mathematik stüzen lernen, wie das neue Testament sich aus das alte stüzt.

Eigene Institute für mathematische Wissenschaften sind ein längst gefühltes Bedürfniß in allen Staaten, in welchen Oekonomie, Industrie und Handel sich in einem blühenden Zustande befindet. Der gewöhnliche Lehrvortrag über Mathematik auf Universitäten, wenn er auch, wie an einigen solideren Universitäten, auf drei Jahre ausgedehnt ist, ist zu kurz; die Vorlesungen über Mathematik werden überdieß theils sehr nachlässig von denjenigen besucht, die Mathematik nur als Nebensache, wie man sagt, hören, theils sehr sparsam und kümmerlich von denjenigen, die einst Mathematiker von Profession werden wollen; so daß auf manchen Universitäten unter 1000 bis 2000 Studierenden in manchem Curse auch nicht Einer ist, der Mathematik studiert um Mathematiker zu werden. Wir wissen, daß der Mangel an Mathematikern in einem Staate von 32 Millionen Menschen vor 20 Jahren noch so groß war, daß einer der angesehensten Professoren der Astronomie in Europa, der sich damals in einer Provinz dieses Landes als Director einer Sternwarte befand, zwei Jahre lang keinen Adjuncten bekommen konnte. Ein Israëlite, der sich zur Adjunctenstelle weldete, wurde von dem Jesuitenknechte, der das Studienwesen in diesem Lande leitete, ungeachtet der ausgezeichnetesten Fähigkeiten und Kenntnisse, zurükgegewiesen. Zeither sind die Lehrstellen der Mathematik in diesem Lande meistens mit Geistlichen besezt, welche, wie die Geschichte von Galileo bis auf unsere Zeiten lehrte, immer mehr Interesse fanden, das Studium der Mathematik zu unterdrüken und den mathematischen Geist erstiken, als zu weken. Zum (Glüke für die Menschheit und für diesen Staat werden diese jesuitischen Umtriebe in demselben dadurch gelähmt, daß einige Prinzen des Landes selbst mathematischen Geist genug besizen, um diesen in dem ihren Befehlen anvertrauten Militäre kraftvoll zu nähren und zu pflegen. Die Mathematik ist in diesem Lande so sagen einzig in den Reihen der Tapferen finden, und wir könnten einige achtbare Namen unter diesen nennen, die sich bloß deßwegen der Artillerie und dem Geniewesen widmeten, um ihrem Hange, ihrem Drange zur Mathematik Befriedigung |389| schenken zu können, und wenigstens ein sicheres Stük Commißbrot an der Seite der Venus Urania zu finden. Durch diese Officiere, durch die Unterofficiere selbst der Artillerie und des Geniewesens verbreitete sich in diesem Lande der notwendige Bedarf mathematischer Kenntnisse unter den Technikern, welche sich denselben ganz natürlich weder an der Universität, noch selbst an der polytechnischen Schule holen konnten. So wird das Militär durch seine mathematischen Kenntnisse im Frieden eben so sehr, wie im Kriege, die eigentliche Seele dos bürgerlichen Lebens, ohne welche Akerbau, Industrie und folglich auch Handel in diesem Lande noch jezt, wie ehevor, danieder liegen würde.

Wenn Hr. Babbage klagt, daß man in England Männer, wie Dalton, Schule dreschen läßt, so ist dieß ein Unglük, das nicht England allein und nicht Dalton allein trifft, sondern auch andere Länder und andere verdiente Männer. Dieses Unglük ist vorzüglich darin gegründet, daß man häufig irgend ein Möbel, das man in der Rumpelkammer der Staatshaushaltung zu nichts anderem brauchen kann, zum Minister des Unterrichtes oder zum Studienreferendär macht. Gewöhnlich ist dieses Möbel ein ehemaliger Jurist, der, als solcher, in der Regel, auf der Universität nichts gelernt hat; der sich höchstens vielleicht einen Anstrich von historischem, publizistischem oder belletristischem Halbwissen zu geben und dadurch ein Pläzchen in der Bureaukratie zu erschleichen wußte; der so wenig von Mathematik, Physik, Chemie, Naturgeschichte, mit einem Worte, von Allem demjenigen, worauf das Wohl des Staates eigentlich beruht, versteht und weiß, als Karl's XII. Stiefel vom Staatshaushalte.

Solche Möbel möbliren nun nicht selten den Staat mit Professoren der Mathematik, Physik etc., je nachdem sie ihnen per gladium aut per vaginam aufgedrungen werden; vertreiben die größten Physiker beider Welttheile, wie z.B. den unsterblichen Grasen * * aus dem Lande; rufen dafür Narren hinein, und, wenn sie Gelehrte von Verdienst rufen wollen, wissen sie nicht einmal den Namen derselben richtig zu schreiben, und lassen X für V kommen. Wenn man wüßte, wie Professoren gewöhnlich auf das Katheder gesezt werden, würde man sich nicht wundern, daß die Welt so dumm ist, wie sie ist: zum Glüke ist sie noch nicht gar so dumm, als man sie haben will, und als die meisten Minister des Unterrichtes, die Studienpräsidenten, Studienrefendäre etc. sie haben wollen. Mitten in der Nacht der Inquisitionen erscheint zuweilen ein Studienpräsident, wie Gerard van Swieten, der Sohn, und verscheucht die römischen Finsternisse wenigstens für ein paar Menschenalter, und neben dem elenden Betrüger Defontanes, der den großen Kaiser und die große Nation zugleich äffte, sieht man den edlen Grafen Scopoli im K. Italien sein Vaterland den Wissenschaften wieder eröffnen. Nie sollte eine Regierung die Gewalt, Lehrämter zu ertheilen, einem einzigen Individuum anvertrauen, außer sie hat sich durch Reihen glüklicher Erfahrungen von der Vielseitigkeit und Gediegenheit der Kenntnisse, von der Treue und Anhänglichkeit desselben an die Grundsäze der Regierung, und von der reinsten Unbestechlichkeit in physischer und moralischer Hinsicht vollkommen überzeugt. Diese schöne Ueberzeugung hätte Joseph II. von seinem weisen Freunde Gerard van Swieten, Napoleon von dem Med. Doctor, Grafen Scopoli, gewonnen, und Oesterreich und Italien erblühten schnell unter dem wohltätigen Einflüsse dieser beiden großen Gelehrten. Da Männer von solchem Schrote und Korne zu den Seltenheiten ihrer Jahrhunderte gehören, so sollte die Besezung der Lehrstellen nicht nur nie einzelnen Individuen, noch weniger aber gelehrten Corporationen überlassen werden, bei welchen Simonie, Nepotismus, und die Furcht, daß ein Individuum unter sie geräth, das sie auf der einen Seite verdunkeln, auf der anderen ihre dunkeln Wege beleuchten könnte, nur zu oft die Anstellung würdigerer Individuen, als sie selbst sind, zu hindern weiß. Zur Leitung der wissenschaftlichen Cultur eines Volkes, zur Förderung der Wissenschaften in einem Lande ist ein eigener Erhaltungsrath nöthig, der aus dem gebildetesten und edelsten Theile der Nation bestehen müßte; der für seine Amtsverrichtungen keinen Gehalt bezöge, sondern durch die Ehre, für das höchste und wichtigste Bedürfniß eines jeden Landes, zwekmäßige Bildung seiner |390| Einwohner in jeder Classe derselben, sorgen zu dürfen, hinlänglich belohnt würde. Durch einen solchen Erhaltungsrath fielen nicht nur, auf der einen Seite, die großen Auslagen für das sogenannte Studiendepartement weg, die gerade in jenen Staaten am größten sind, wo man am meisten für Wissenschaft sorgt, und auf der anderen Seite wären von den hunderttausend Menschlichkeiten, die so oft bei Besezung der Lehrstellen durch einen einzelnen unwissenden, eitlen, eigennüzigen, geilen Schreiber unterlaufen, so viel möglich umgangen. Es würden dann nur Männer von Verdienst als Lehrer angestellt werden, von deren Kenntnissen sich der gebildeteste und edelste Theil des Volkes überzeugt hat, und es würde dann nicht selten der beinahe unerhörte Fall eintreten, daß einzelne Bürger vom Staate gebeten würden, gewisse Lehrstellen zu übernehmen, während man jezt beinahe überall nur um Lehrstellen bitten oder betteln oder schachern sieht, und, wenn ja irgend ein Ruf (eine sogenannte Vocation) von Seite eines Studiendepartements erlassen wird, dieser Ruf meistens nur an einen Gelehrten des Auslandes zur Schande aller Gelehrten desselben Faches im Inlande, zur wahren Nationalschande, gerichtet ist.

Wenn die Weisheit so vieler Regierungen aller Zeiten und Länder es für geeignet fand, die Wahl der Individuen, welche das Vermögen und die Rechte einzelner Communitäten verwalten sollen, der Municipalitätsbeamten, unter Vorbehaltung der allerhöchsten Genehmigung, dem Volke selbst zu überlassen, und wenn Regierung und Volk sich gut hierbei befindet; sollten entgegengesezte Resultate zu besorgen seyn, wenn die Wahl der Lehrer des Volkes den Gebildetesten und Edelsten in dem Volke überlassen ist? Wenn das Volk, wie es sich so oft zeigt, weil es ganz in der Natur der Sache gelegen ist, die tüchtigsten Männer zu jedem Fache aus seiner Mitte besser zu wählen versteht, als mancher Minister; sollte man Mißgriffe von Seite der Gebildetesten und Edelsten unter dem Volke zu besorgen haben? Vielleicht, wenigstens, kaum größere, als nach dem bisherigen Verfahren geschehen, wo es nicht selten selbst den Schülern unbegreiflich ist, wie ihr Professor Professor werden konnte, da er offenbar weit weniger weiß, als sie selbst. Man hat die hier berührte Weise, die Lehrämter von den Trivialschulen bis zu den Lehrkanzeln höherer Wissenschaften hinaus zu besezen, bereits in mehreren der Vereinigten Staaten N. Amerika's mit dem glüklichsten Erfolge versucht: vielleicht kommt diese Sitte auch einst noch über den Ocean her nach Europa. A. d. Ue.

|388|

Der erste Band der ersten Uebersezung dieses berühmten Werkes in die englische Sprache kam so eben nach England aus Nordamerika. A. d. O.

|390|

Verfasser der Mécanique celeste. A. d. O.

|390|

Verfasser des Traité de Chimie appliquée aux arts. A. d. O. (Und der trefflichen Abhandlung über den Weinbau, und vieler anderen höchst schäzbaren Werke und Abhandlungen in landwirthschaftlicher, technischer und chemischer Hinsicht.) A. d. Ue.

|391|

Verfasser der Leçons d'Anatomie comparée; der Recherches sur les ossemens fossiles etc. etc. A. d. O. (Eines trefflichen Handbuches der Naturgeschichte, der großen Naturgeschichte der Fische, und der vielen herrlichen Biographien der verstorbenen Mitglieder des Institutes.

A. d. Ue.)

|391|

Verfasser der Memoria sulle Funzioni Generatrici. Modena, 1824, und mehrerer anderer Abhandlungen über mathematische Gegenstände.

A. d. O.

|391|

Verfasser mehrerer Abhandlungen über Mechanik und Hydraulik in den Abhandlungen dieser Akademie.

A. d. O.

|391|

Verfasser der barometrischen Tafeln, Gotha. 1809; der Tabulae veneris novae et correctae. Gothae. 1810; der Investigatio nova Orbitae a Mercurio circa Solem descriptae. Gothae. 1813 u.a. Werke.

A. d. O.

|391|

Es gibt aber auch Akademien, die diesen Zwek während der Jahrhunderte und Jahrzehende ihres Bestehens mehr hinderten, als förderten, und es ist durch |392| die Geschichte der meisten Akademien erwiesen, daß sie eigentliche Erfindungen mehr unterdrükten und untergruben, als förderten. Hiervon finden sich von Papin bis auf Aldini in unseren Zeiten die schreiendsten Beweise auf jeder Seite der Geschichte der Erfindungen. Wenn die sogenannten Abhandlungen der Akademien, nach Hrn. Babbage, den Zwek haben sollen, Schriftstellern zum Druke einer Abhandlung zu helfen, für welche sie sonst keinen Verleger finden würden; so ist dieß auf der einen Seite eine Satyre auf die Verfasser dieser Abhandlungen, die man kaum schneidender sich zu denken vermag, indem eine gut geschriebene Abhandlung über einen wichtigen Gegenstand immer sicher ist einen Verleger zu finden, der sie ohne Honorar drukt: auf der anderen Seite wären die ungeheueren Auslagen, welche Akademien in einem Staate verursachen, sicher das unzwekmäßigste Mittel, Abhandlungen zum Druke zu sördern, die keinen Verleger finden. Der Staat könnte, wenn er es für gut fände, Abhandlungen druken zu lassen, die auch ohne Honorar keinen Verleger finden, diesen Zwek weit sicherer erreichen, wenn er denselben in seiner Staatsdrukerei druken läßt. Hier wären, im unglüklichsten Falle, doch nur die Drukkosten verloren; der übrige Auswand bei der Ausgabe der Abhandlungen der Akademie wäre rein erspart. Wenn wir die Rechnungen der meisten Akademien (bei welchen gehörige Rechnung gehalten wird) durchsehen, so werden wir finden, daß die Kosten, welche die Ausgaben ihrer Abhandlungen verursachten, ein nagender Krebs am Fonde der meisten Akademien sind. Hätte die Akademie ihre kostbaren Abhandlungen irgend einem Buchhändler geschenkt, der sie unentgeldlich hätte druken wollen, so würde sie die Tausende von harten Thalern erspart haben, die ihre Finanzen jezt so hart drüken. Wenn Abhandlungen von Gesellschaften, die so allgemein und so tief in das Leben von Millionen eingreifen, wie der Bulletin de la Société d'Encouragement, der Bulletin de la Société industrielle de Mulhausen, diesen Gesellschaften für ihre höchst wohlthätigen, rein menschenfreundlichen und wohlwollenden Absichten einen jährlichen Verlust von vielen tausend Franken verursachen; wenn diese beiden Gesellschaften, während der kurzen Periode ihres Daseyns, der Menschheit mehr ersprießliche Dienste geleistet haben, als manche Akademie während eines Jahrhundertes; so ist es erlaubt sich zu wundern, wie Akademien und Gesellschaften auf dem Selbstverlage ihrer Abhandlungen fortan beharren können, während Buchhändler dieselben gratis sicher gern übernommen haben würden. Der Buchhandel bildet heute zu Tage in Frankreich, und noch mehr in Deutschland, einen Phalanx, den kein Achill und kein Ajax, und selbst der schlaue Odysseus, nicht durchzubrechen vermögen würde. Man muß sich demselben auf Diskretion ergeben, wenn man nicht Zeit, Mühe und Capitalien, die man den Wissenschaften opferte, umsonst hinausgeworfen haben will. Buchhändler sind die Sensale der Capitalien des menschlichen Geistes: ohne Sensale kein Borseverkehr; ohne Buchhandel kein Verkehr in Ideen unter den Völkern. Daher ist Italien, von welchem wir so vieles lernen könnten, und das auch von uns noch manches lernen könnte, insofern es keinen wahren Buchhandel besizt, obschon Individuen durch alle Müheseligkeiten des Selbstverlages in 20 Jahren Hunderttausende daselbst gewinnen können, doch noch immer für Europa nicht bloß eine Halbinsel, sondern, in intellectueller Hinsicht, eine Insel außerhalb Europens Gränzen.

A. d. Ue.

|393|

Hr. Prof. Babbage wird uns verzeihen, wenn wir unter allen Arten von Stolz den gelehrten Stolz, und unter allen Arten von Eitelkeit, die literarische Eitelkeit, für die deklagenswertheste Schwäche unter den vielen Arten von Schwächen halten, von welchen das arme Menschengeschlecht heimgesucht wird. Es ist allerdings wahr, daß Principibus placuisse viris, non ultima laus est;“ es würde vielleicht ein Fehler seyn, es zu verschmälern; vielleicht wäre der Fehler aber noch größer, wenn man darum buhlen wollte. Man muß das, was man thut, ohne alle Rüksicht thun: weder Furcht vor Strafe noch Sucht nach irgend einen Lohn wird denjenigen bei seinen Handlungen leiten dürfen, der das, was er thut, in dem reinen Gefühle thut, daß Gutes daraus hervorgehen muß. Wer Gutes in der Absicht thut, dafür belohnt zu werden, hat Böses gethan; denn er hat eigennüzig gehandelt. Er hat überdieß thöricht gehandelt, indem er sich durch eitle Meinungen zur Handlung bestimmen ließ. Wer in aller Welt wird heute zu Tage mehr irgend einen Werth auf die Aufnahme als Mitglied einer Akademie legen, wenn er gesehen hat, daß dieselbe Akademie, daß derselbe gelehrte Körper nach 20 Jahren dasselbe Individuum wieder in seiner Mitte aufnimmt, welches er vor zwanzig Jahren aus der Liste seiner Mitglieder mit allem Rechte ausgestrichen hat? Wir wollen hoffen, daß das Zeitalter der Charlataneria Eruditorum im J. 1830 endlich an dem Erdballe glüklich vorüber gegangen ist, und daß der lange lange Schweif des gelehrten Kometen, der ihn seit den Jahrhunderten gelehrter Innungen so unsanft berührte, fortan die ruhigen und regelmäßigen Umdrehungen um seine Achse nicht länger stören wird. Schon vor bald hundert Jahren ließ ein vortrefflicher Mann auf seinen Grabstein schreiben:

Çi git Piron, qui ne fut rien, Pas même Academicien.

Es ist an der Zeit, die Lebenden an diese Grabschrift zu erinnern, damit sie nicht vergessen, wie weise Männer schon vor hundert Jahren von akademischen Wurden dachten.

A. d. Ue.

|393|

Es scheint uns nicht, daß aus dieser Darstellung eine Schande für England oder eine besondere Ehre für die übrigen Staaten hervorgeht. Wären die Akademien in den lezteren eben so eingerichtet, wie die Roy. Society, daß man bloß zu bezahlen braucht, um in derselben aufgenommen zu werden; so würde die Zahl der Akademiker vielleicht in Frankreich, Italien etc. eben so groß seyn. Es ist übrigens keine Schande für ein Land und kein Nachtheil für die Wissenschaften, |394| wenn in diesem Lande jeder 32000ste Mensch 600 fl. hergibt, um einem wissenschaftlichen Vereine desselben auf was immer für eine Weise anzugehören.

A. d. Ue.

|394|

Hr. Babbage wird uns verzeihen, wenn uns bei dieser Zusammenstellung gelehrter und politischer Auszeichnung die Bemerkung eines alten Hofnarren einfiel, der, als sein König sich wunderte, daß sein Beichtvater auf einmal den Kardinalshut erhielt, zu demselben sagte: „Sire, wer hoch im Hause wohnt, hat nicht weit auf den Dachgiebel; und wenn er nicht an Schwindel leidet, kann er dann, wo es ihm beliebt, auf allen Hausdächern der Stadt umher spazieren. Orden und Würden ziehen sich an, wie der Magnet die Feilspäne. Es gibt Herren, die alle Vögel und vierfüßige Thiere aller Höfe an einem kleinen goldenen Bratspieße gespießt in einem einzigen Knopfloche ihres Rokes tragen: sogar ganze Elephanten.“ A. d. Ue.

|395|

Es ist allerdings wahr und richtig, daß der größte Theil der englischen Gelehrten von höchstem Range in sehr gedrängten und getrübten Verhältnissen zu leben gezwungen ist; es ist buchstäblich wahr, daß vielleicht kein Land so ungerecht gegen seine großen Männer gewesen ist, wie England, das mehrere seiner größten Genies buchstäblich verhungern ließ; indessen ist es eben so wahr, daß die Gelehrten keines anderen Landes sich rühmen dürfen, solche Unterstüzung gefunden |396| zu haben, wie die englischen Gelehrten sie aus der Hand ihrer Buchhändler fanden. Man erinnere sich an Gibbon's, an Walter Scott's, an Byron's Honorarien. A. d. Ue.

|396|

Dieses Unheil ist nicht bloß in England; es ist auch in anderen Ländern zu Hause. Es rührt davon her, daß die Professoren der sogenannten Hülfswissenschaften auf unseren Universitäten ihren Schülern zu wenig Aufmerksamkeit schenken; daß sie die Köpfe ihrer jungen Freunde zu wenig prüfen; das sie nicht beauftragt sind, die Regierung auf die vorzüglich ausgezeichneten Talente unter denselben für dieses oder jenes Fach aufmerksam zu machen; daß die Studienpräsidenten oder Referendäre sich nicht die Mühe geben, öffentliche Prüfungen mit diesen jungen Leuten abzuhalten, oder sie zu sich zu laden und sie im Gespräche zu prüfen. Dieß thaten die Jesuiten fleißig, und sie haben wahrlich nicht Unrecht daran gethan: sie wußten auf diese Weise unter ihren Zöglingen die gehörige Auswahl zu troffen, und man, wird nicht sagen, daß diese schlauen Väter sich in ihrer Wahl so leicht betrogen haben. Virtus et in hoste laudanda. Van Swieten, der Sohn, fand es, als Studienpräsident und als einer der reichsten Cavaliere der österreichischen Monarchie, nicht unter seiner Würde und über seine Bequemlichkeit, zwölf Wochen des Jahres über (6 in jedem Semester) von Morgens 8 bis 12 Uhr Mittags, und von 2 Uhr Nachmittags bis 6 Uhr Abends im Schulstaube auf den Schulbänken unter den Schülern der untersten Gymnasialclassen wie unter den zum Doctorgrade reifen Candidaten der höheren Wissenschaften da zu sizen, und jeden Schüler prüfen zu hören und selbst zu prüfen. Die Candidaten der Philosophie waren der Gegenstand seiner höchsten Aufmerksamkeit: unter diesen suchte er die sorgfältigste Auswahl für den Dienst des Altares, der Themis, der leidenden Menschheit zu treffen, und wo das Talent des jungen Mannes sich mehr für abstracte Wissenschaften, Mathematik, Physik, Chemie, Naturgeschichte, für Philologie, Geschichte etc. hinneigte, wußte er jedem ausgezeichneteren Talente eine sichere Bahn zu öffnen, auf welcher dasselbe nach Herzenslust seiner Lieblingswissenschaft obliegen konnte. Er hatte in jeder Woche einen Tag bestimmt, wo von 10 Uhr Morgens, bis 3 Uhr Nachmittags jedem ausgezeichneteren Studierenden, dem Sohne des Taglöhners und des Schuhmachers, wie dem Sohne des Freiherrn und des Grasen, seine Thüre offen stand; wo jeder bei ihm Rath über den Gang, den er in seiner wissenschaftlichen Ausbildung zu nehmen hatte, und kräftige |397| Hülfe finden konnte, wenn er den Erwartungen seines hohen Freundes entsprach. Auf eine ähnliche Weise handelte Leopold's Freund in Florenz, Graf Manfredini; nur auf eine dem italiänischen Charakter eigene, feinere, Weise. Wenn, in Erwartung irgend einer fetten Pfründe ein Cavaliere sein Söhnchen zu ihm führte, und ihm versicherte, der junge Herr habe einen ganz ausgezeichneren Beruf zum geistlichen Stande, langte der alte Graf seinen Plutarch oder Herodot aus seiner Bücherstelle hervor, und erbat sich von dem jungen Herren eine. Erläuterung dieser oder jener Stelle, die er, wie er sagte nicht mehr deutlich verstünde, weil er sein Griechisch beinahe vergessen habe. Wenn der junge Mann die Stellerichtig interpretirte, so war er der Unterstüzung sicher; wo nicht, so erklärte ihm der Graf, daß er sich in einigen Jahren melden möge, wenn sein hoher Beruf ihm eine genauere Kenntniß der Sprache des N. Testamentes verliehen haben würde. „Auf diese Weise, „sagte der alle Graf eines Tages zu dem Uebersezer,“ habe ich Hunderten und Hunderten gezeigt, daß sie keinen wahren Beruf zum Altare haben. Mit Juristen habe ich es mit dem Coder eben so gemacht. Das Einzige, „fügte der Graf dieser Erzählung noch bei“ was ich glaube, daß ein Minister thun kann, wenn er bei Besezung von Stellen seinem Fürsten und seinem Lande treu dienen will, ist, daß er gehörige Auswahl unter den Leuten zu treffen weiß. Um diese zu treffen, muß er aber seine Leute kennen, und um sie zu kennen, muß er sie prüfen. Wehe dem Minister. der auf Empfehlungen anderer traut. Man muß mit eigenen Augen sehen.“ Hätte jeder Staat einen Van Swieten oder Manfredini, so stände jeder Mann nach seinem Waffe auf seinem Posten, und wo jeder Posten gut besezt ist, ist auch jeder, der auf demselben steht, so gut geschüzt als es im Kampfe des Lebens immer seyn kann.

A. d. Ue.

|397|

Dieses Räsonnement scheint uns etwas englisch. Es läßt sich auf die wenigen Worte zurükführen: gebt ihr mir nichts, so gebe ich euch auch nichts. Dem deutschen Gelehrten, der Vermögen besizt, würde es vielleicht scheinen: „eben deßwegen, weil ich so glüklich bin ein Vermögen zu besizen, das mich der Nothwendigkeit enthebt, irgend einen Schreiberdienst zu suchen; eben deßwegen, weil ich mit glüklicherem Erfolge, als mancher andere, mich auf meine Lieblingswissenschaft verlegen kann, will ich, muß ich versuchen meine Wissenschaft meinen |398| Mitbürgern nüzlich zu machen.“ Der arme deutsche Mathematiker und Physiker hingegen wird, wenn er von sich sagen kann: est Deus in nobis, agitante calescimus illo, die Büreaukratie um sich her = 0 sezen, und sich begnügen, wenn er als Oberfeuerwerker für seinen täglichen Unterhalt noch eine Einheit vor einer 0 heraus zu intregriren vermag. War doch der Verfasser des besten deutschen technologischen Wörterbuches bis auf unsere Tage, der alte Jacobson, gar nur gemeiner Soldat im Heere Friedrichs des Einzigen: als sein König ihn kennen lernte, ward er Fabrikinspector. Wissenschaftliches Verdienst ist nirgendwo so sicher endlich seinen Lohn zu finden, als dort, wo der Mann als Mann gezählt wird: beim Militärs: in der Büreaukratie ist der Mensch nur ein Individuum. A. d. Ue.

|398|

Die Bitterkeit dieser Satyre ist so stark, daß wir besorgen, sie könnte die Geschmaksnerven mancher deutschen Leser gänzlich gelähmt und unempfindlich für den Bitterstoff gemacht haben, den sie enthält. A. d. Ue.

|399|

Wenn diese Preise sogleich beim Eintritte bezahlt werden, wird kein Jahresbeitrag mehr gefordert. Die Royal Society bestimmt die Jahresbeiträge zu dieser Summe nach dem Probabilitätscalcül, d.h., nach der wahrscheinlichen Lebensdauer des eintretenden Mitgliedes. A. d. Ue.

|399|

Wenn es Leute gibt, die zu irgend einem wissenschaftlichen Zweke 200 bis 600 fl. bar bezahlen, so verdienen diese Leute, mag der Grund aus welchem sie diese Summe vorschossen, noch so albern von ihrer Seite seyn, keinen Hohn, wie es uns scheint, sondern allen Dank. Wo, wie in England, der Staat für Wissenschaft nichts thut, in mancher Hinsicht sogar hindernd eingreift, und folglich weniger als nichts thut; wo Alles, was zum Gedeihen der Wissenschaften und Künste geschieht, von der Leseschule an bis zur Hochschule, lediglich Privatfache ist, und durch Vermächtnisse, von welchen der Staat 7 p. C. nimmt, durch Geschenke und durch Beiträge besteht: in einem solchen Lande muß man sich glüklich schäzen, wenn Eitelkeit an die Stelle der Liebe für Wissenschaft und Vaterland tritt. Auf welcher Stufe würden die Wissenschaften heute zu Tage in England stehen, wenn alle oben angeführten gelehrten Gesellschaften nicht vorhanden wären? Der Staat thut nichts. Die Universitäten sind nicht viel mehr, als gelehrte Canonicate. Die Bibliotheken der lezteren, so reich auch jene zu Oxford ausgestattet ist, werden den Studierenden erst im 4ten Jahre ihres Aufenthaltes zugängig: mitten im Lande der Preßfreiheit darf die Jugend kein Buch lesen, das nicht der Lehrer zu lesen erlaubt. Die Sammlungen (sogenannten Cabinette) aller Art sind, verglichen mit jenen zu Leyden und Brüssel, zu Paris, Berlin, Wien, unbedeutend; die botanischen Gärten zu Cambridge, Oxford, Kew ebenso. Wenn nun diese Gesellschaften es sind, die das Wohl der Wissenschaften in England tausend Mal kräftiger fordern, als die Regierung, die sich um nichts kümmert; so verdienen sie alle Achtung: und der Engländer, der nicht lesen und nicht schreiben kann, der Geological Society aber, um das Studium der Mineralogie und des Bergbaues zu fördern, 353 fl. auf den Tisch legt, und sich dafür die Ehre erbittet, auch ein Geselle, Kerl oder Bursch, von die: ser Gesellschaft seyn zu dürfen (denn dieß bedeutet der Buchstabe F, als Anfangsbuchstabe des Wortes Fellow) verdient, nach unserer Ansicht, nicht zurükgewiesen zu werden.

Der gute Kerl thut was er kann, um das Wohl seines Vaterlandes und der Wissenschaft zu fördern: er hat nichts, wie Geld, wodurch er nüzlich werden kann, und gibt es mit Freude. Es wäre thöricht, wenn man einen Gelehrten von Verdienst von einer gelehrten Gesellschaft deßwegen allein zurükwiese, weil er ein armer Teufel ist; und es würde vielleicht kaum höhere Weisheit seyn, wenn man einen guten Burschen deßwegen, weil er mehr Geld als Verstand hat, abhalten wollte, seinem Vaterlande und den Wissenschaften so viel er kann, d.h. mit seinem Sekel beizustehen. Da gegenwärtig in Deutschland mehrere Gesellschaften |400| sich bilden, und die nachfolgenden Bemerkungen des Hrn. Babbage über dieselben sehr gegründet sind, so werden sie manchen Lesern nüzlich seyn können. A. d. Ue.

|401|

Die Gesellschaft strich einen Mann aus ihrer Liste aus, dessen geringstes Lob vielleicht dieses ist, daß er der erste und philosophischste Botaniker unseres Landes „(?)“ und im Auslande eben so sehr bewundert, als bei uns geachtet ist. Der Umstand, worüber das Publicum bei dieser Gelegenheit sich am meisten wunderte, war, nicht daß dieser Mann aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen wurde, sondern daß er in dieselbe eintrat. A. d. O.

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