Titel: Buisson, über den Purpur des Cassius.
Autor: Buisson,
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. LXXVII. (S. 296–307)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/ar038077

LXXVII. Ueber den Purpur des Cassius und seine Bereitung; von Hrn. Buisson.

Aus dem Journal de Pharmacie. Octbr. 1830. S. 629.

Nachdem ich mich bei mehreren wissenschaftlich gebildeten Fabrikanten und besonders bei den HHrn. Robert und Bunel, welche die Leitung des Farbengeschäftes auf der königlichen Porcellanmanufactur |297| zu Sévres haben, von allen Schwierigkeiten unterrichtet hatte, womit die Bereitung eines immer schönen und gleichförmigen Purpurs des Cassius verbunden ist, stellte ich einige Versuche an, um ein befriedigendes Verfahren auszumitteln: außerdem war ich veranlaßt, diese merkwürdige Verbindung genauer zu untersuchen, und diese Versuche will ich nun bekannt machen, weil sie besonders in technischer Hinsicht interessant sind.

Wenn man die vielen Verfahrungsarten durchgeht, welche sowohl von Gelehrten als von Künstlern zur Bereitung von Cassius'spurpur angegeben wurden, so muß man über ihre Anzahl und ihren Empirismus, und wenn man nach ihnen arbeitet, noch mehr über ihre Unsicherheit und Schwierigkeit erstaunen; man muß aber bedenken, daß zur Zeit ihrer Entdekung die chemischen Theorien höchst unbestimmt und unanwendbar waren.

Wenn man aber alle diese Recepte aufmerksam untersucht und genau nach allen vorgeschriebenen Manipulationen arbeitet, wenn man alle Einflüsse, unter welchen man arbeitet, zu würdigen sucht und gegen einander abwiegt, so verbreitet sich endlich einige Klarheit über diese beim ersten Anblik so dunkeln und unsicheren Recepte; man begreift endlich ihre Theorie und kann sie dann ordnen: dieses ist der Gang, welchen ich mir vorgezeichnet und bei dieser Arbeit befolgt habe. Ich werde in Kürze einige von den zahlreichen bis auf den heutigen Tag angewandten Recepten anführen und sie dann vergleichungsweise untersuchen; aus dieser Untersuchung will ich dann die Folgerungen ziehen, welche mich veranlaßten die unten beschriebenen Versuche anzustellen.

Lange vor Cassius haben die Alchemisten Basilius Valentinus, dann Glauber 114) und Kunkel 115) schon bemerkt, daß durch Einwirkung des Zinnes auf Goldsalze eine Purpurfarbe entsteht und sie mit den nachdrüklichen Namen purpurne Goldseele, Königsmantel, rother Löwe u.s.w. bezeichnet; ihre Recepte waren geheim. Cassius beschrieb zuerst in seinem Buch De Auro S. 165. sehr unvollständig ein mangelhaftes Verfahren diese Farbe hervorzubringen, und wird für ihren ersten Erfinder gehalten. Orschall 116) erhielt auch diese Farbe und bediente sich ihrer mit Erfolg um künstliche Steine, rothe Gläser zu färben. D'Arclais de Montamy 117) gibt mehrere verschiedenartige Methoden an, um die Gold- und Zinnauflösungen zu bereiten. Seine Königswasser enthalten bald 1 Theil Salmiak |298| und 4 Salpetergeist; bald nur einige Tropfen von diesem Salpetergeist auf ein Glas Salzgeist; aber immer verlangt er, daß man sehr reines Gold und Zinn anwende und daß man das Gefäß, worin das Zinn aufgelöst wird, gut verstopft, damit das Phlogiston nicht entweicht. Er schreibt übrigens viele und ermüdende Manipulationen vor. Im J. 1771 gab der Graf von Milly 118) ein Werk über das Porcellan und seine Farben in Folio heraus und beschrieb darin mehrere Methoden diese Metalle aufzulösen. Bald nimmt er Königswasser von verschiedener Zusammensezung; bald eine Alaunauflösung, oder er hängt auch ein oder zwei Stüke Antimonzinn (bestehend aus 3 Theilen Zinn und 2 Antimon) in die saure Flüssigkeit; oder er versezt sie noch mit Weingeist oder salpetersaurer Silberauflösung.

Macquer 119) gab dieselbe Vorschrift, welche Gellert in seine metallurgische Chemie aufnahm. Er nimmt keine Silber-, sondern bloß Gold- und Zinnauflösung (für leztere den Geist von Libavius). Pelletier der Vater120) lieferte eine sehr interessante Abhandlung über die Verbindungen der Salzsäure mit Zinn; er bemerkte zuerst daß das käufliche Zinnsalz sowohl salzsaures Zinnoxydul als salzsaures Zinnoxyd enthält, und zeigte ihre verschiedenartige Wirkung, wodurch man wichtige Aufklärungen über die Bereitungsart des Purpurs erhielt. Hr. Oberkampf 121) machte wieder auf eine Beobachtung von Macquer aufmerksam, und bereitete wie dieser rothe Goldniederschläge mittelst des salzsauren Zinnoxyduls; außerdem benuzte er noch die Berührung verschiedener Gasarten, wie reinen, geschwefelten und gephosphorten Wasserstoffgases u.s.w.

Ich übergehe absichtlich alle Recepte, welche nicht die Autorität eines herühmten Namens oder der Erfahrung für sich haben. Man bemerkt auf den ersten Blik, welche Umstände allen diesen Recepten gemeinschaftlich sind und worin sie in Qualität und Quantität der Ingredienzien von einander abweichen. Die allen gemeinschaftlichen Umstände erklären die Analogie der erhaltenen Producte; aber die Verschiedenheiten, welche man Anfangs findet, sind nicht hinreichend, um die Anomalien zu erklären, auf welche man bei jedem Schritte stößt, und noch weniger die Verschiedenartigkeit der Producte, welche identische Methoden geben. Man muß folglich die Ursachen sorgfältiger aufsuchen, und wenn wir eine richtige Erklärung finden, so können wir darnach die Verfahrungsarten verbessern.

Gewöhnlich verschafft man sich Cassius's Purpur, wie jedermann |299| weiß, indem man eine Zinnauflösung in eine Goldauflösung gießt: ich habe zuerst die Zusammensezung des Goldsalzes untersucht, aber nie eine andere Verbindung gefunden als Au. Chl.³ Bloß die größere oder geringere Säuerlichkeit macht einigen Unterschied, auf dessen Einfluß ich bald zu sprechen komme. Die Zinnauflösung aber ist bei weitem nicht immer identisch; denn wenn sie gut bereitet ist, enthält sie jedes Mal sowohl salzsaures Zinnoxydul als salzsaures Zinnoxyd. Von der gleichzeitigen Existenz dieser beiden Salze innerhalb gewisser Gränzen hängt die Güte dieser Auflösung ab und der Wandelbarkeit ihres Verhältnisses darf man die bereits bezeichneten Anomalien größten Theils zuschreiben. Hier folgen einige Beobachtungen, welche diese Behauptungen außer Zweifel sezen:

1) Möglichst neutrales salzsaures Zinnoxydul bringt, je nach seiner Menge und Concentration in einer ebenfalls neutralen Goldauflösung einen kastanienbraunen oder blauen oder grünen oder metallischen Niederschlag hervor, aber die Farbe ist niemals purpur.

2) Reines salzsaures Zinnoxyd bringt in demselben Goldsalze keine Veränderung hervor, es mag übrigens sauer seyn oder nicht, mehr oder weniger concentrirt und in größerer oder geringerer Menge angewandt werden.

3) Ein ziemlich neutrales Gemisch von 1 Theil salzsauren Zinnoxyduls mit 2 Theilen salzsauren Zinnoxyds bringt mit 1 Theil Chlorgold augenbliklich einen schön purpurfarbenen Niederschlag hervor, dessen Farbe und Intensität sich gleich bleiben.

4) Ueberschüssiges salzsaures Zinnoxydul nüancirt den Anfangs rothen Niederschlag ins Gelbe, und wenn es in großem Ueberschusse vorhanden ist, wird der Niederschlag blau, grün oder goldgelb.

5) Ueberschüssiges salzsaures Zinnoxyd macht den Anfangs braunen Niederschlag roth, und bei größerem Ueberschusse violett.

6) Ein Ueberschuß von Goldsalz hat wenig Einfluß, besonders in der Kälte, aber in der Wärme macht es die violetten oder kastanienbraunen Niederschläge nach und nach roth; endlich hat, wie man sieht, jedes dieser Salze eine specielle Wirkung auf die Färbung des Niederschlags, und diese Wirkungen modificiren sich nothwendig gegenseitig wenig in der Kälte und etwas mehr in der Wärme.

7) der Niederschlag des Cassius, er mag roth oder violett oder kastannienbraun seyn, ist in den Säuren unauflöslich, wird aber dadurch violett. Er löst sich leicht in Königswasser auf und seine Farbe geht dann immer von Roth in Violett über. Diese Reactionen treten zwar leichter in der Kälte und auf nassem Wege ein, finden aber auch |300| in der Wärme und auf trokenem Wege Statt: die verglasbaren Säuren ertheilen ihm eine violette Farbe.122)

8) Die Alkalien scheinen ihn auf nassem Wege nicht zu verändern; auf trokenem Wege erhalten sie seine rothe Farbe und ertheilen ihm bisweilen dieselbe.

9) Wenn er einmal in Königswasser aufgelöst ist, so ist er zerstört: die Alkalien bringen ihn nicht wieder hervor, sondern schlagen bloß Goldoxyd und Zinnoxyd nieder.

10) Gießt man saures salzsaures Zinnoxydul in eine saure Goldauflösung, so kann sich ein rother Niederschlag bilden, welcher aber nach Hrn. Oberkampf nicht durch das Oxydulsalz, sondern durch das Zinnoxydsalz entsteht, welches sich durch Einwirkung der sauren Flüssigkeiten auf das salzsaure Zinnoxydul erzeuge: als Beweis dafür gibt er an, daß dieses Salz, wenn es wenig oder gar keinen Säureüberschuß enthält, keinen rothen Niederschlag hervorbringt, welcher nur dann entsteht, wenn Salpetersäure und folglich ein Gemisch von salzsaurem Zinnoxydul und Zinnoxyd vorhanden ist.

11) Sehr reines salzsaures Zinnoxyd bringt in der Goldauflösung keine Veränderung hervor. Ich bemerke hieß ausdrüklich, weil Macquer sagt, daß dieses Salz den rothen Niederschlag erzeugt und Oberkampf seine Angabe wiederholt und bestätigt hat; sie müssen ein nicht ganz gesättigtes Salz angewandt haben.123)

12) Die Salze und Oxyde des Silbers ertheilen den Flüssen eine gelbe Farbe: dieses Gelb mischt sich sehr gut mit der rothen Farbe des Goldes und bildet eben dadurch eine aus Roth und Gelb zusammengesezte Farbe, die carminrothe Nuance. Aus diesem Grunde wenden die Künstler dieses Metall, welches Graf von Milly empfahl, an.

13) Das Antimon ertheilt den Flüssen eine bräunlichgelbe Farbe, welche mit dem Purpur ein Dunkelbraun bildet; aus diesem Grunde wenden es die Künstler an.

Alle Farben, wovon ich bei diesen Schmelzversuchen spreche, wurden mit einem Flußmittel abgerieben, auf Porcellanscherben aufgetragen und dem Muffelfeuer ausgesezt: die Farbe, welche sie dabei behielten, ist diejenige, welche ich oben angab.

|301|

Diese Versuche ließen mir keinen Zweifel mehr, daß die gewöhnliche Methode die Zinnauflösung zu bereiten, fehlerhaft ist; man überläßt nämlich das Königswasser funfzehn Tage, drei Wochen und oft einen Monat lang einer niedrigen und immer gleichen Temperatur; von Zeit zu Zeit, alle vierundzwanzig Stunden zum Beispiel, rührt man es um und sezt etwas gekörntes Zinn zu; dieses langwierige Verfahren ist nöthig, damit man eine Flüssigkeit erhält, worin die beiden Zinnsalze in dem oben angegebenen Verhältnisse vorhanden sind. Ohne Zweifel bildet sich in den ersten Tagen viel mehr Oxydulsalz als nöthig ist, welches später zum Theil in Oxydsalz übergeht. Es tritt dann ein Zeitpunkt ein, nach drei Wochen nämlich, wo das gehörige Verhältniß vorhanden und die Auflösung, gut ist; läßt man aber diese Zeit verstreichen, so geht alles Zinnoxydul in Oxyd über und die Auflösung bringt keinen Goldpurpur mehr hervor, so daß man sie verbessern oder verlieren muß.

Ich schlage daher folgendes Verfahren vor, welches mir sehr gut gelang:124)

1) Man bereite einerseits salzsaures Zinnoxydul, indem man in der Kälte oder in der Wärme 1 Gramm gekörntes Zinn in Salzsäure auflöst; die Auflösung muß neutral seyn.

2) Man bereite andererseits salzsaures Zinnoxyd, indem man eine hinreichende Menge eines aus drei Theilen Salpetersäure und Einem Theile Salzsäure bestehenden Königswassers auf 2 Grammen Zinn wirken läßt, so daß man eine neutrale Auflösung erhält; um eine zu starke Einwirkung zu vermeiden, muß man das Königswasser Anfangs kalt anwenden und sodann, wenn es nöthig seyn sollte, erwärmen. Die Auflösung darf kein Oxydulsalz enthalten, was man daran erkennt, daß sie in der Goldauflösung keinen Niederschlag hervorbringt.

3) Man löse in der Wärme 7 Grammen Gold in einem aus 1 Theil Salpetersäure und 6 Theilen Salzsäure bestehenden Königswasser auf. Auch diese Auflösung muß ganz oder beinahe neutral seyn.

Um nun den Purpur zu bereiten, verdünne man die Goldauflösung mit einem halben Liter Wasser auf 1 Gramm Metall, verseze sie mit dem salzsauren Zinnoxyd, vermische gut, und seze tropfenweise von dem salzsauren Zinnoxydul zu, bis man die gewünschte Nuance erhalten hat, wobei man berüksichtigt, daß das Zinnoxydulsalz eine braune, das Zinnoxydsalz eine violette und die Zwischenstufen eine rothe Farbe geben, Uebrigens verfährt man wie bei den gewöhnlichen Methoden, das |302| heißt, man wäscht den Niederschlag möglichst schnell aus, damit er nicht lange mit den Zinnsalzen, welche ihn verändern würden, in Berührung bleibt. Dieses Verfahren ist bei weitem nicht so langwierig und viel sicherer als die übrigen, weßwegen es ihnen, wie ich glaube, vorgezogen zu werden verdient.125)

Mehrere dieser Thatsachen sind auch in der Färberei anwendbar, wie z.B. wenn es sich darum handelt Zinnauflösung für Scharlach oder Hochroth zu bereiten. Gießt man salzsaures Zinnoxydul in ein Cochenilledecoct, so erhält man einen Lak von reicher Farbe, welcher ein wenig violett ist; salzsaures Zinnoxyd gibt einen lebhaft rothen und ein wenig gelben Lak. Durch Mischung dieser beiden Farben erhält man das Scharlachroth. Folglich könnte man, wenn man das Verhältniß dieser beiden Salze sowohl unter einander als zur Cochenille abändern würde, eine Auflösung von bestimmter Zusammensezung darstellen, womit sich eine immer gleiche schöne Farbe erzielen ließe, deren Nüancen man dann eben so abändern könnte, wie man es mit dem Golde thut.

Es ist mir auf dem Wege der Erfahrung und der Theorie – auf jenem für das Zinnoxydsalz, auf diesem für das Zinnoxydulsalz – gelungen, das nöthige Verhältniß der beiden Zinnsalze zu bestimmen, indem ich von der (später zu erweisenden) Voraussezung ausging, daß das Gold in dem Purpur des Cassius in metallischem Zustande vorhanden ist und durch das Zinnoxydulsalz, welches in Oxydsalz übergeht, reducirt wird. Folgende Data dienten zur Bestimmung des nöthigen Verhältnisses, das Chlorgold Au Chl³ besteht aus

1 Mischungsgewicht Gold 24,86
3 M. G. Chlor 13,20
–––––––
38,06 = 1 M. G. Chlorgold.
|303|

Das salzsaure Zinnoxydul oder im wasserfreien Zustande Einfach-Chlorzinn, = St. Chl. aus:

1 M. G. Zinn 7,35
1 M. G. Chlor 4,40
–––––––
11,75 = 1 M. G. Einf. Chlorzinn.

Das salzsaure Zinnoxyd oder im wasserfreien Zustande Doppelt-Chlorzinn, = St. Chl² aus:

1 M. G. Zinn 7,35
2 M. G. Chlor 8,80
–––––––
16,15 = 1 M. G. Dopp. Chlorz.

Das Einfach-Chlorzinn bemächtigt sich daher Eines Atoms Chlor um in Doppelt-Chlorzinn überzugehen; das Chlorgold enthält aber deren 3; es sind daher 3 Atome Einfach-Chlorzinn nöthig, um alles in Einem Mischungsgewicht Chlorgold enthaltene Gold in den metallischen Zustand überzuführen. Man hat alsdann 1175 × 3 = 3525 oder 3 M. G. Einfach-Chlorzinn auf 1 M. G. Chlorgold = 3806.

Oder

Zinnsalz 92,6 = 47,5
Goldsalz 100,0 = 52,5
––––– –––––
192,6 100,0.

Das geeignete Verhältniß von Doppelt-Chlorzinn kann, wie ich glaube, nur durch Versuche ermittelt werden. Ich fand daß man sehr gute Resultate erhält, wenn man davon zwei Mal so viel als vom Einfach-Chlorzinn anwendet. Man hat alsdann folgende Verhältnisse:

Chlorgold 22,4 oder metallisches Gold 29,6
Einfach-Chlorzinn 20,6 oder metallisches Zinn als Einfach-
Chlorzinn

17,8
Doppelt-Chlorzinn 57,0 oder metallisches Zinn als Doppelt-
Chlorzinn

52,6
–––––– ––––––
100,0. 100,0.

Ich habe noch Versuche angestellt, um folgende Fragen aufzulösen:

1) In welchem Zustande ist das Gold in dem Purpur des Cassius vorhanden?

2) Ist diese Purpurfarbe von dem Zinnoxyd abhängig oder unabhängig? Ist sie ein bloßes Gemenge oder eine chemische Verbindung? Ist die weiße Substanz, welche sich niederschlägt, wirklich Zinnoxyd?

3) Kann man den Purpur des Cassius noch nach anderen Methoden darstellen, wobei keine Zinnsalze nöthig sind.

In Betreff der ersten Frage bemerke ich, daß das Gold in dem Niederschlage wirklich in metallischem Zustande vorhanden ist, denn |304| es löst sich, was bereits mehrere Chemiker bemerkt haben, weder in Salzsäure noch in Salpetersäure, wohl aber in einem Gemisch dieser beiden Säuren auf. Dagegen läßt sich aber noch einwenden, daß das Zinnoxyd die Rolle einer Säure spielte und so der Niederschlag zinnsaures Goldoxyd wäre. Um diesen Einwurf ganz zu beseitigen, suchte ich den Purpur durch verschiedene andere Substanzen von solcher Schönheit hervorzubringen, daß ich überzeugt seyn konnte, daß das Gold darin in demselben Zustande vorhanden ist; es gelang mir mit mehreren Wismuth- und Antimonsalzen, so wie auch mit mehreren organischen Substanzen: obgleich das Gold nun gar kein Zinnoxyd enthielt, so besaß es doch dieselben Eigenschaften. Um noch sicherer zu seyn, untersuchte ich auch die physischen Eigenschaften des Goldes. Die Porcellanscherben, welche mit dieser Farbe bemahlt waren, opalisirten, wenn man sie verschiedenartig neigte und ich bemerkte unter den reflectirten Farben metallische, dem Golde ähnliche; um alle optische Täuschung zu vermeiden, wiederholte ich den Versuch mit einer Gasröhre. Sie war in ihrer ganzen Länge purpurfarben; ich betrachtete sie Anfangs beim durchfallenden Lichte, wo sie sehr roth und durchscheinend war; beim reflectirten Lichte war sie dunkel, metallisch und goldgelb an allen jenen Stellen, welche beim durchfallenden Lichte roth und durchscheinend waren; ich wiederholte diesen Versuch öfters und immer mit Erfolg. Hiernach bleibt kein Zweifel mehr, daß das Gold in dem Niederschlage in metallischem Zustande enthalten ist. Die blauen, violetten, braunen u.s.w. Niederschläge gaben mir ähnliche Resultate und sogar noch leichter, woraus ich schließe, daß diese Farben nur von dem verschiedenen Grade der Zertheilung des Goldes abhängen.

Was die zweite Frage betrifft, so hängt diese Farbe nicht von der weißen Substanz ab, welche sich mit ihr niederschlägt und die man für Zinnoxyd hält. Ehe ich dieser Meinung war, fragte ich, welche Verwandtschaft zwischen Zinnoxyd und metallischem Golde Statt finden könne, da eine solche Verbindung mit den chemischen Gesezen ganz in Widerspruch stünde. Ich analysirte einen schönen purpurfarbenen Niederschlag und fand ihn bestehend aus:

Metallischem Gold 28,5
Zinnoxyd 65,9
Chlor 5,2
–––––
99,6
Verlust 0,4
–––––
100,0

Der Niederschlag wurde nämlich in einem Platinnatiegel mit reinem Kali behandelt und das Zinnoxyd aus der alkalischen Auflösung |305| mit Salpetersäure gefällt. Das Chlor wurde mit salpetersaurem Silber gefallt und das Gold mit schwefelsaurem Eisenoxydul. Aus dieser Analyse schloß ich, daß dieses Zinnoxyd keineswegs mit dem Golde verbunden, sondern bloß ein basisches Salz ist, welches sich beim Verdünnen mit Wasser niederschlägt.

Bei diesem Versuche hatte sich ein basisches salzsaures Salz niedergeschlagen, aber bei einem anderen erhielt ich ein basisches salpetersaures Salz, welches durch die Producte der Zersezung im Feuer nicht zu erkennen war; ich hatte nämlich bei diesem Versuche wenig Salzsäure angewandt und einen schwachen Ueberschuß von Salpetersäure unterhalten: ich schloß hieraus folgendes: 1) der purpurfarbene Niederschlag ist keine chemische Verbindung von bestimmter Zusammensezung, sondern bloß ein Gemenge in wandelbaren Verhältnissen; 2) die weiße Substanz, welche man für Zinnoxyd hielt, ist bloß ein basisches Salz;126) 3) die Purpurfarbe des Niederschlags ist von dem Zinnoxyd oder basischen Zinnsalze unabhängig; 4) dieses basische Salz bewirkt je nach seiner Quantität und seinem Aggregatzustande die gehörige Zertheilung des Goldes; sein Aggregatzustand aber hängt von seiner chemischen Zusammensezung ab, denn je nachdem es mehr oder weniger Oxyd enthält, ist es auch mehr oder weniger gallertartig oder pulverförmig; durch dieses basische Salz entstehen die verschiedenen oben angegebenen Farben; 5) das salzsaure Zinnoxydul hat keinen anderen Zwek, als daß es das Gold in metallischem Zustande niederschlägt, indem es ihm seine Säure und seinen Sauerstoff entzieht und selbst in salzsaures Zinnoxyd übergeht, welches auf die angegebene Weise wirkt.

Ich habe noch einige Versuche angestellt, welche diese Schlüsse vollends rechtfertigen und die lezte Frage beantworten. Ich nahm reine gut krystallisirte Kleesäure und goß einen oder zwei Tropfen Goldauflösung darauf: nach fünfzehn Stunden war die röthliche Farbe sehr deutlich; nach dreißig Stunden war die Kleesäure sehr roth. Ich ersezte diese Säure durch ihre Auflösung und erhielt nur noch eine bläuliche Farbe oder metallisches Gold; dieselbe Wirkung brachte ich vermittelst |306| kleesauren Ammoniaks auf verschiedenen organischen Geweben,127) wie Wolle, Baumwolle, der Epidermis der Hände u.s.w., hervor. Ich ersezte diese verschiedenen Körper durch Doppelt-Chlorantimon oder Doppelt-Chlorwismuth und schlug mit salzsaurem Zinnoxydul oder salpetersaurem Queksilberoxydul oder schwefelsaurem Eisenoxydul nieder, wodurch ich immer röthliche Niederschlage erhielt und mit ersteren Salzen waren sie sogar ziemlich schön.

Da die Goldsalze diese charakteristische Farbe mit so vielen verschiedenartigen Substanzen hervorbringen, so können sie nicht mehr als Reagentien auf Zinn betrachtet werden.

Wenn man mit diesen verschiedenen Salzen kein basisches Salz oder Oxyd oder unauflösliches Salz zugleich mit dem Gold niederschlüge, so würde lezteres nur eine blaue oder grüne oder gelbe Farbe haben. Wenn diese blaue Farbe einmal gebildet ist, so wird sie nicht mehr durch mechanische Zertheilung mit einem unauflöslichen Salze roth. Es ist zu dieser Erscheinung eine chemische Zertheilung noch wendig; wenn man aber mit der blauen oder braunen Farbe, in dem Augenblike wo sie entstehen, eine mechanische Zertheilung vornimmt, so ist diese hinreichend und man erhält einen röthlichen Niederschlag anstatt eines braunen oder blauen. So erhält man bald einen braunen Niederschlag, wenn man Wasserstoffgas durch eine Goldauflösung strömen läßt; wenn man aber sodann schwefelsauren Baryt sorgfältig zertheilt, so ändert sich die Farbe nach der Zertheilung des Körpers, welchen man ihr darbietet.

Ehe ich schließe will ich noch einen Versuch anführen. Ich goß einen Tropfen Chlorgold auf einen Porcellanscherben und verdampfte ihn; es bildete sich eine rosenrothe Farbe um den Rand und eine röthlichblaue in der Mitte; ich goß neuerdings einen oder zwei Tropfen Goldauflösung auf einen Scherben und verdampfte sie; es bildete sich eine rosenrothe Farbe am Rande, aber in der Mitte war durch die größere Menge Gold die Farbe gelb geworden; es war noch etwas von der blauen Farbe sichtbar, welche durch einen neuen Tropfen gewiß verschwunden wäre; dieselben Scherben wurden nun einer beträchtlichen Hize ausgesezt, wodurch sich die Farben nicht änderten; das Gold war daher im metallischen Zustande und nicht als Oxyd auf den Scherben, weil es sich sonst bei dieser Temperatur reducirt haben müßte.

Ebenso wie das Chlorgold verhalten sich auch das Schwefelgold und Knallgold (Verbindung des Stikstoffs mit Gold); lezterem kann |307| man seine Eigenschaft zu detoniren benehmen, wenn man es in rectificirtem Terpenthinöhl aufweicht und verdampfen läßt.

Ich glaube in dieser Abhandlung einige streitige Punkte berichtigt und einige neue Thatsachen mitgetheilt so wie die von mir aufgestellten Hypothesen hinreichend gerechtfertigt zu haben.128)

|297|

De prosperitate Germaniae. Bd. 4.

A. d. O.

|297|

Laboratorium chimicum. 26stes Kapitel.

A. d. O.

|297|

Orschall, sol sine veste.

A. d. O.

|297|

Traité des couleurs en émail ou sur porcelaines, 1765, S. 90.

A. d. O.

|298|

Mémoire sur la porcelaine des Saxe, 1771, S. 42.

A. d. O.

|298|

Dictionnaire de Chimie Art. précipite.

A. d. O.

|298|

Annales de Chimie.

A. d. O.

|298|

Annales de Chimie. Bd. 80. S. 161.

A. d. O.

|300|

Um diese Reaction auffallender zu machen, kann man den Niederschlag mit einem Fluß vermengen, worin man eine Säure oder ein Alkali vorwalten läßt. Mein Fluß bestand aus 2 Theilen Sand, 4 Bleiglätte und 1 1/2 Borax, die ich noch mit Boraxsäure oder Kali versezte.

A. d. O.

|300|

Die Zinnsalze werden dadurch ein etwas unverläßliches Reagens auf Gold; denn in gewissen Fällen entsteht kein Niederschlag, oder wenn er entsteht, so löst er sich sogleich wieder auf; wenn nämlich die Flüssigkeit Königswasser enthält, so kann darin kein Zinnoxydulsalz vorhanden seyn. Soll dieses Reagens empfindlich und verläßlich seyn, so müssen die Flüssigkeiten beinahe neutral seyn.

A. d. O.

|301|

Ich hielt dieses Verfahren für neu, weil es bis jezt noch nicht gedrukt wurde, aber Hr. Robiquet hat mir bei einer Unterhaltung, welche ich mit ihm über diesen Gegenstand hatte, bemerkt, daß Hr. Sené, Professor der Chemie zu Dijon, ihm ein ähnliches mittheilte, dessen er sich schon seit mehreren Jahren in seiner Fabrik mit Erfolg bedient.

A. d. O.

|302|

Bisweilen bildet sich der Niederschlag nur sehr langsam, und weil er dann eben deßwegen lange mit den Zinnsalzen in Berührung bleibt, muß man befürchten, daß er sich verändert; um seine Bildung zu beschleunigen, kann man die Flüssigkeit in ein mit Wasser gefülltes Gefäß längs der Seiten desselben so hinabgießen, daß sie auf dessen Boden gelangt, alsdann allmählich umrühren, so daß sich die beiden über einander stehenden Flüssigkeiten schwach vermischen; der Niedere schlag wird sich dann bald bilden, auf dem Boden des Gefäßes absezen und alle Purpurfarbe mit sich reißen. Ich schlage nach diesem Verfahren Körper nieder, welche sehr schwer sich agglomeriren, wie kleesauren Kalk, schwefelsauren Baryt, Zinnoxyd, wenn sie in sehr geringer Menge in einer Flüssigkeit enthalten sind. Die Ursache dieser, sehr sonderbaren Erscheinung scheint mir bisher noch unbekannt zu seyn wenn sie nicht eine mechanische oder elektrische ist, wie man nach einigen Versuchen von Bucholz und Becquerel vermuthen könnte, man sollte glauben, daß der Niederschlag nicht entstehen kann, wenn zwei Flüssigkeiten von ungleicher Dichtigkeit über einander stehen, während er im Gegentheil nicht Statt findet, wenn sie gemischt sind. Ich beabsichtige noch Versuche über die Berührung anderer Substanzen, wie Säuren, Alkalien, Alkohol, wesentliche Oehle, anstellen und bin bereits im Besize einiger interessanten Thatsachen.

A. d. O.

|305|

Der berühmte Chemiker Proust hat verschiedene Niederschlage analysirt und folgende Zusammensezung für sie gefunden:

Purpurrother Niederschlag.Violetter Niederschlag.
Gold60,18 20,58
Zinnoxyd79,42 79,42

Man sieht daß er keine Untersuchung auf Chlor oder Salpetersäure anstellte, und dennoch gibt er keinen. Gewichtsverlust an; vielleicht hat er seine Niederschlage calcinirt ehe er sie analysirte, oder sie zu lange ausgesüßt, so daß sich das basische Salz in Oxyd verwandelte. Ich selbst habe bei meiner Analyse den Niederschlag so lange ausgesüßt, bis ein Tropfen, auf einem Platinnablech abgedampft, keine Spur zurükließ und ihn dann im Wasserbade ausgetroknet.

A. d. O.

|306|

Solche Gewebe, welche einem schwachen Königswasser widerstehen, kam man, wenn man sie damit auswäscht, von Goldfleken reinigen; auf der Haut der Hände, der Baumwolle, Wolle u.s.w. werden diese Fleken dadurch zerstört während sie den einzelnen Säuren vollkommen widerstehen.

A. d. O.

|307|

Eine neuere (im polyt. Journ. Bd. XXIV. S. 437. mitgetheilte) Abhandlung Marcadieu's über denselben Gegenstand blieb dem Verfasser unbekannt. Marcadieu suchte ebenfalls zu beweisen, daß das Gold im Goldpurpur in metallischem Zustande enthalten ist und gab überdieß ein von dem gewöhnlichen verschiedenes Verfahren an, Goldpurpur zu bereiten.

A. d. R.

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