Titel: Erfindung der Stereotypen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. XXII./Miszelle 12 (S. 74–76)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038022_12

Erfindung der Stereotypen.

Das Edinburgh New Philosophical Journal gibt im AprilJulius-Bande S. 193. folgende Notiz über die Erfindung der Stereotypen: „Die Ehre dieser wichtigen Erfindung wird gegenwärtig, und wie es scheint mit Recht, von den Holländern in Anspruch genommen. Baron Van Westreemen Van Tiellandt hat, aufgemuntert von der Regierung, sehr thätig Untersuchungen über diesen |75| Gegenstand angestekt, und von den Buchhändlern Luchtmans zu Leyden eine Stereotypform einer Bibel in 4to erhalten, von welcher bis zum J. 1711 Abdrüke gemacht wurden. Zu Haarlem versahen ihn die Buchhändler Enschede mit einer anderen Stereotypform einer holländischen Bibel aus den ersten Jahren des 18ten Jahrhundertes. Dieß waren demnach zwei kräftige Beweise, daß man in Holland mit Stereotypen drukte, ehe man in Frankreich an Stereotypen dachte. Es ist bekannt, daß es in einer Anmerkung zu N. 1316. des Kataloges von Alexander Barbier (einer aus den Papieren von Prosper Marchand entlehnten Anmerkung, heißt: Joh. Müller, Pfarrer an einer deutschen Kirche zu Leyden, hat ungefähr im J. 1701 eine neue Methode zu druken erfunden, die dem gegenwärtigen Stereotypdruke ähnlich ist.“ Die Methode Joh. Müller's bestand darin, daß er die Lettern auf die gewöhnliche Weise sezen ließ, den Saz sehr genau corrigirte, die Columnen in einem eisernen Gestelle sehr fest zusammenband, dann den Saz umkehrte, und die Lettern mit Metall zusammenlöthete, oder, noch besser, mit einem Kitte. Der erste Versuch nach dieser Methode ward mit einem kleinen Gebetbuche angestellt, das den Titel führt: Gebeede Bookjen van J. Haverman, 1701e von J. Müller dem Sohne des Erfinders. Diese Methode zu druken verpflanzte sich später nach Halle. In einem Briefe vom 28. Juni des Jahres 1709 erklärt J. Müller, daß er auf diese Weise ein syrisches neues Testament mit einem Wörterbuche drukte. Ferrusac.“ Hierzu schreibt nun Hr. Jameson folgende Anmerkung:

„Im Junius 1801 schrieben die HHrn. Luchtmans folgenden Brief an Hrn. Renouard zu Paris, welcher von Hrn. Camus in seiner Geschichte des Stereotypdrukes bekannt gemacht wurde: „Wir haben Ihnen einen Abdruk unserer Stereotypbibel gesendet, welchen wir uns die Freiheit nehmen Ihnen als ein in der Geschichte der Kunst wahrhaft merkwürdiges Werk darzubieten. Alle Platten desselben sind gegenwärtig in unserem Besize, und obschon viele tausend Abdruke von denselben gemacht wurden, befinden sie sich doch noch in einem sehr guten Stande. Sie wurden dadurch gebildet, daß man die unteren Absäze der gewöhnlichen Lettern mit irgend einer schmelzbaren Substanz ungefähr in der Dike von drei Büchern Schreibpapier zusammenlöthete. Ein Künstler, Namens van der Mey, verfertigte diese Platten auf Kosten unseres Großvaters, des Buchhändlers Samuel Luchtmans, im Anfange des vorigen Jahrhundertes. Derselbe Künstler verfertigte zu derselben Zeit und auf dieselbe Weise für unseren Großvater auch eine holländische Bibel in Folio: die Platten zu derselben besizen gegenwärtig die Buchhändler Eleve; später verfertigte er ein griechisches neues Testament in Perlschrift und 24°, wovon wir die Platten noch gegenwärtig besizen. Das lezte Werk, welches dieser Künstler auf diese Weise ausführte, war das Novum Testamentum syriacum et Lexicon Syriacum von Schauff, 2 Bände in 4to: ein allgemein bekanntes Werk. Die Platten von diesem lezten Werke wurden zerstört. Dieß sind, so viel ich weiß, alle Beispiele von Versuchen dieser Art, die man in Holland gemacht hat.“ – Die hier beschriebene Weise der Verfertigung von Stereotypen, „die unteren Absäze der Lettern durch irgend eine geschmolzene Masse zusammenzulöthen,“ ist von der gegenwärtig gebräuchlichen sehr verschieden. Man gießt einen Gypsmodel von einer Columne ab, die mit gewöhnlichen Lettern abgesezt wurde, und gießt aus dieser eine dünne Platte aus Letternmasse ab, die folglich das Fac-simile der Columne ist, und zieht diese Platte hierauf auf einen hölzernen Blok von einer für die Presse gehörig bemessenen Dike auf. Es läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, von wem diese Methode zuerst versucht wurde.40) Unsere Nachbarn über dem Canale nehmen diese Erfindung |76| in Anspruch, und führen als Beweis einige alte Platten eines Kalenders zu einem Gebetbuche an, die sehr roh und unvollkommen aus Kupfer ohne Jahrzahl verfertigt wurden, für welche man jedoch das Jahr 1735 angibt. Wir können jedoch einem solchen Beweise das Verdienst der Erfindung nicht zuerkennen, wenn wir auf unserer Insel bestimmte Namen und Jahrzahlen aus derselben Zeitperiode besizen, welche uns beweisen, daß diese Kunst damals in Schottland und in England betrieben wurde, und zwar von Hrn. Ged zu Edinburgh im Jahre 1725 und von Hrn. Fenner und James zu London, welche beide Tafeln für Bibeln und Gebetbücher im J. 1729 und 30 in der Universität zu Cambridge gegossen haben.

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Daß „diese Methode“ nicht die beste ist, nach welcher man Stereotypen verfertigt, wird ein Mann, der unter die besten Typographen Deutschlands schon in dem 9ten Decennium des vorigen Jahrhundertes gehörte, Hr. Strauß zu Wien, beurkunden können, der damals, als die Stereotypen noch neu waren, in der Alberti'schen, später Degen'schen Buchdrukerei zu Wien an der Wien Versuche in dieser Methode mit einem damals noch jungen Manne anstellte, an welchen er sich vielleicht kaum mehr erinnern wird. Die Versuche mistlangen nach dieser Methode, und man hat heute zu Tage bessere. Der Uebersezer erlaubt sich hier eine Frage an die Schriftgießer und Eisengießer: Hat man bei den Matrizen der gewöhnlichen Lettern aus Letternmasse bereits die Fortschritte benüzt, welche |76| die Kunst in Stahl zu stechen in dem lezten Jahrzehende in England und auch in Deutschland gemacht hat? Hat man bei den herrlichen Fortschritten der Kunst des Eisengusses zu Berlin und Wien versucht Stereotypentafeln aus Eisen zu gießen? Ließen sich die Fortschritte dieser beiden Künste nicht zur Vervollkommnung einer der nüzlichsten Künste benüzen, der Buchdrukerei?

A. d. Ue.

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