Titel: Bemerkungen über den Plan der „Actiengesellschaft zur Beförderung der Leinwandfabrikation in Bayern.“
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. XXII./Miszelle 3 (S. 70–72)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038022_3
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Bemerkungen über den Plan der „Actiengesellschaft zur Beförderung der Leinwandfabrikation in Bayern.“

Wir finden bei mehreren Zeitschriften Bayerns ein Blatt, (einen ganzen Bogen!) beigelegt, in welchem ein Plan zur Errichtung einer Actiengesellschaft zur Beförderung der Leinwandproduction in Bayern abgedrukt ist.

So sehr die Industrie von den Zeiten an, als die ersten Jesuiten nach Bayern gerufen wurden,37) bis auf den heutigen Tag mißhandelt wurde, so ist uns doch noch bis zur Stunde kein Aktenstük zugekommen, welches den gänzlichen Mangel an Kenntnissen der ersten Elemente, auf welchen Industrie und Handel überhaupt, und Leinwandfabrikation und Handel ins Besondere beruht, so sehr beurkundet hätte, wie dieser Plan.

Mit 2000 Actien, jede zu 100 fl., oder vielmehr vorerst mit 1000 Actien, also 100,000 fl., will man in Bayern Leinwandfabrikation und Handel beleben! Hat Jemand jemals größeren Unsinn ausgesprochen? – Was wird das Ausland von Bayern denken, wenn dieses unselige Blatt jemals über Bayerns Gränze kommen sollte! Wenn das Ausland die Schmach lesen sollte, die den bayerischen Fabrikanten und Webern in diesem Bogen durchaus öffentlich vor ganz Europa angethan wird, da es in demselben heißt:

„die bayerische Leinwand besteht größten Theils aus grober Waare, weil

1) der Fabrikant nur sehr kleine Capitalien besizt;

2) weil es den Producenten an Intelligenz mangelt!! –

3) weil die Weber so arm sind, daß sie nicht einmal gute Weberblätter sich anzuschaffen vermögen!“

Der bayerische Weber wird also als bettelarm, als Vieh, (Mangel an Intelligenz!!!) der bayerische Leinwandfabrikant aber als armer Schluker vor den Augen Deutschlands hingestellt. Und diesen Mängeln soll mit einem Capitälchen von 100,000 fl. abgeholfen werden, wovon schon 20,000 fl. für eine kränkelnde Musteranstalt abgehen.

Wissen die Herren, die einen so unsinnigen Vorschlag machten, nicht, daß Bayern viele Leinwandfabrikanten hat, von denen mehrere einzelne mehr als 100,000 fl. in ihren Fabriken und Handel haben, und eben so gut als der bettelarme intelligenzlose dumme Weber durch Bayerns Handelsverrein mit Ländern, in welchen die Leinwandfabrikation seit Jahrhunderten in dem blühendsten Zustande war und ist, mit Westphalen und Schlesien so gut wie zu Grunde gerichtet sind, und welche, was Intelligenz betrifft, vielleicht schon längst wissen, was die wohlweise Direction in futuribus erst mit dem Gelde der Actionäre lernen müßte? – Können sie so unwissend, seyn nicht zu wissen, daß wenn heute ein Millionär in Bayern so thöricht seyn würde, in seinem Vaterlande ein großes Leinwands-Handlungs- und Fabrikations-Unternehmen zu errichten, er bei der Concurrenz mit so vielen anderen Millionären, die mehr denn eine Million auf ihren Etablissementen in Schlesien und Westphalen liegen haben, und mit einem Zinsfuße von 3 bis 4 p. C. wohl zufrieden sind, und jezt gleiche Rechte in Bayern mit dem bayerischen Bürger besizen, nothwendig zu Grunde gehen müßte? – Sind diese Herren so unwissend, jezt noch von Erhebung der alten Leinwand-Industrie träumen zu wollen, nachdem selbst jene Schlesiens täglich sich mindert, weil die größten ehevorigen Käufer, England seit einem Seculum, und Frankreich seit 30 Jahren darin emporstiegen und nun selbst erzeugen, was sie sonst den Deutschen abkauften? – Wissen sie nicht daß Nordamerika, besonders Pennsylvanien, jezt die vortrefflichste Leinwand in Massen erzeugt? – Haben die großen Polytechniker, die wir unterzeichnet finden, die Nummern 5 und 10 ihres Blattes, Jahrg. 1830 selbst nicht gelesen und dort gefunden, daß es 1) in Bayern schon Fabrikanten gibt, welche auch feine Leinwand produciren, und alles schon längst leisteten, was die Großmögenden jezt mit 100,000 patriotischen Gulden leisten wollen und 2) daß Frankreich auch seine Damaste nun selbst zu machen anfängt? Wissen sie nicht, daß deßwegen 1825 der französische Zoll auf fremde Damaste von 165 frs. auf 570 frs. (mit Einschluß der Decime) erhoben ward, so daß selbst Sachsen und Schlesien nun wieder um eine bedeutende Absazquelle gebracht |72| sind? – Wenn sie ihre Blätter gelesen hätten, würden sie sich nicht vor aller Welt so schimpflich prostituirt und selbst widersprochen haben. Oder wollen sie etwa wieder bayerische Leinen nach Italien verkaufen, wo Oesterreich, nachdem es durch sein segenreiches, vom großen Joseph begonnenes Prohibitivsystem seine böhmischen, mährischen, gallizischen Leinen auf den höchsten Punkt der Vollkommenheit und der Billigkeit gebracht hat, nun jeder fremden Concurrenz, selbst bei zollfreier Einfuhr Hohn bieten kann? – Wollen sie mit Böhmen concurriren, wo der Weber Taglohn 6 und 8 kr. beträgt? – Dieß alles können sie nicht wollen, wenn sie es wissen, sondern sie wollen nur einer Fabrik in München, die schon längst gegen alle ungünstigen Verhältnisse kämpfte und nun durch den preußischen Handelsverein vielleicht vollends den Todesstoß erhielt, aufhelfen, durch einen Plan, der am wenigsten absurd genannt werden kann, da wir unmöglich den Unterzeichnern mehr und Schlimmeres als Unwissenheit in der Sache zutrauen wollen, der eine Stadt zum Wohnsiz erwählt, die zu Industrie im Allgemeinen so wenig tauglich ist, als der Papst zu einem Lehrer der Freigeisterei, und in deren Umkreis auf 25 Stunden es weder Flachsbau noch Spinner und Weber in der nöthigen Quantität und Qualität gibt, – durch einen Plan, der den Gewinn vertheilt, ohne erst die Möglichkeit desselben nur plausibel erwiesen zu haben, der von den Preisen der verschiedenen deutschen Leinen, im Vergleich zu den bayerischen, jenen des Flachses, des Spinner- und Weberlohnes, der Frachten etc. kein Wort erwähnt? –

Wir müssen nun aber aufhören, obschon wir noch gar viele Lächerlichkeiten des Planes aufzahlen und beweisen könnten, was uns aber zu weit führen würde, da um ein Wort des Unsinns zu widerlegen, man immer wenigstens zwanzig andere brauchte; diese Zeilen aber glaubten wir der Ehre unsers so tief verhöhnten Vaterlandes schuldig zu seyn, damit das Ausland nicht glaube, es lebe Niemand in Bayern, der so unwissend und so gefühllos für die Würde und das Wohl seines Vaterlandes seyn könnte, bei einem so muthwillig und öffentlich an demselben begangenen Frevel, wie dieser Plan zu einer Leinwandgesellschaft gänzlich still zu schweigen. Es fehlt uns in Bayern nicht so sehr an Intelligenz, als die Herren so unüberlegt aussprachen. Wir wissen nur zu gut, was uns fehlt und wo es Andern fehlt, und werden es nie zugeben, daß man Uns, nachdem man Uns vorerst zu Boden getreten hat, noch als Lumpen, Bettler und Leute ohne Intelligenz vor ganz Deutschland herabwürdigt, diesen Schimpf können und dürfen wir nicht ertragen, da, wenn wir keine Bayern mehr seyn sollen, wir doch noch Deutsche bleiben wollen, wozu wir das Recht gewiß haben. Bayern, die ihr allgemeines und specielles Vaterland lieben und 100 fl. leicht entbehren könnten, werden sie lieber dem nächsten Spital schenken, als sie für baaren Unsinn und zur Schande ihres Vaterlandes wegwerfen.38)

Ein Bayer.

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Man sehe des sel. katholischen Pfarrers in Bayern A. v. Bucher: Die Jesuiten in Bayern, vor und nach ihrer Aufhebung. 8. München 1819. bei Fleischmann.

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Gründliche Gegenbemerkungen wird die Redaction dieses Journales gerne aufnehmen.

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