Titel: Ueber das Auseinandergehen der Flöße. Ein Wink, nicht für Floßmeister, die nicht sehen wollen, sondern für Polizeibehörden, die sehen sollen, daß Leute nicht wie Hunde ersäuft werden.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. XLIX./Miszelle 10 (S. 151–152)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038049_10

Ueber das Auseinandergehen der Flöße. Ein Wink, nicht für Floßmeister, die nicht sehen wollen, sondern für Polizeibehörden, die sehen sollen, daß Leute nicht wie Hunde ersäuft werden.

Jährlich gehen Flöße durch Anfahren an Brükenjoche, Pfähle, Bäume etc. aus einander, und Waaren, und nicht selten auch Menschen, gehen dadurch zu Grunde. Erst vor wenigen Tagen ging das Ordinari-Floß der Stadt München unter Freising an der Brüke zu Marzling aus einander, weil der Schiffer anfuhr, und ein Junge von 18 Jahren und eine Braut ertranken.

Die Ursache dieses Auseinandergehens der Flöße ist, mit Erlaubniß der Herren Floßmeister, die schlechte Weise, nach welcher die Floßbäume meistens Unter einander verbunden sind. Sie sind nämlich in der Nähe ihrer vorderen und hinteren Enden oben etwas eingehauen, und in der dadurch gebildeten Furche liegt ein Querholz, oft nicht stärker, als daß ein mittelmäßig starker Mann es leicht in der Mitte entzwei brechen kann. Dieses Querholz ist meistens noch nicht einmal nach dem Kantenprincipe eingelegt, sondern nach der Fläche, so daß es leichter bricht oder ausspringt.

Mögen die Floßmeister immer diese herkömmliche Befestigungsmethode ihrer Flöße beibehalten, jedoch dabei nicht vergessen, daß noch eine andere Sicherung für ihr Fahrzeug nothwendig ist, welche das Auseinandergehen der Bäume des Floßes unmöglich macht. Und diese Sicherung kann entweder in einem Seile bestehen, welches unter dem Floße in der Nähe des vorderen Endes der Floßbäume quer durchläuft, in einer kleinen in die zwei äußersten Floßbäume gehauenen Furche heraufsteigt, und dann oben in der Nähe des Querholzes mit einem Trommel festgebunden wird. Dieses Seil wird die Floßbäume fester zusammenhalten, als jede gewöhnliche Zimmerung. Damit aber die, Bäume, während sie nun nicht mehr aus einander gehen können, bei einem Stoße an ihr vorderes Ende nicht zurükweichen, müssen sie an ihrem hinteren Ende, wenigstens die längsten, mit einer kleinen Furche versehen seyn, durch welche ein Seil quer herüber läuft, welches in der Nähe der Enden an den beiden äußersten Bäumen mittelst Schraubenbolzen oder Klammern befestigt ist. Mit einem solchen Floße wird man eher manche hölzerne Brüke niederfahren, als daß das Floß aus einander ginge. Man wird lachen, wenn wir sagen, |152| daß 6 Drähte von N. 7. eben so gut dienen würden, als ein starkes Seil; denn wir können in Deutschland noch die Drathbrüken nicht: indessen ist manches gut und brauchbar, was verlacht wird. Wir haben mehrere Floßmeister auf die elende Zimmerung an ihrem Floße aufmerksam gemacht, und wurden ausgelacht, und für einen Hasenfuß erklärt, der das Wasser fürchtet. Als aber ein Nordamerikaner, der zu Passau auf dem Münchner Floße nach Wien fahren wollte, und den Bau des Floßes untersuchend, den Kopf über das elende Machwerk (patchwork) schüttelte, und sich nicht demselben anvertrauen wollte, nachdem er doch in einer Brigg über den Ocean fuhr, fragten wir den Floßmeister: ob er diesen Seemann auch für einen Hasenfuß hielte? Er schüttelte den Kopf, mehr vielleicht aus Unwillen, einen guten Passagier verloren zu haben, als aus Ueberzeugung.72)

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Es scheint, daß, wenn man von Amts wegen, Lastwagen wägen läßt, ob sie nicht zu schwer geladen sind, damit sie die ohnedieß schlechten Straßen nicht noch schlechter machen, als sie sind, es auch der Mühe werth wäre, die Flöße zu untersuchen, ob sie fest genug sind, ehe man denselben 60–80, oft 100 Stük Menschen zu laden erlaubt. Wenn die Polizei ihre Augen überall haben darf, so soll sie dieselben auch dorthin kehren, wo sie höchst nothwendig sind. Man kann mit Menschen nicht so verfahren, wie mit den Dingen, die freilich in den Augen vieler gnädigen Herren, weit mehr werth sind, als ein Stük Mensch; wir meinen die Geldfässer. Wir fuhren einst mit einem alten Floßmeister auf der Isar, der eine hübsche Portion Geldfässer auf seinem Floße nach Wien geladen hat. Der alte Praktikus hatte an jedem Fäßchen eine Leine mit einem großen Stük Kork am Ende derselben angebracht, damit „wenn der Teufel auseinandergeht (er meinte sein Floß) „man weiß, wo der Hase in der Soß liegt.“ Wir fragten ihn, warum er bei seinen Passagiers nicht dieselbe Sorgfalt brauchte. „Stehn ja nicht so schwer im Frachtbrief,“ sagte er. Man muß übrigens gestehen, daß, wenn man den Floßmeistern befehlen kann und muß, ihre Flöße fester zu bauen, man auch den Titl. Straßen- und Wasserbau-Inspektoren auftragen kann und soll, ihre Flußbette besser von alten Bäumen zu reinigen, und ihre elenden hölzernen Brüken wenigstens so zu bauen, daß man ohne Gefahr durchfahren kann. „Brüken bauen können nur Soldaten,“ sagte der alte Floßmeister, der seinen Geldfässern den Kork anhing; „der alte Riedl hat's verstanden. Da schauen's her! Durch a solche Brüken soll einer durchfahren! Die hätt' ich mitten in der Nacht besser gebaut, wenn ich gleich aus keiner Universität gstudirt hab.

A. d. R.

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