Titel: Bemerkung über das Schiffer- und Fischergewerbe. Eine dringende Bitte an alle Regierungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. XLIX./Miszelle 11 (S. 152–153)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038049_11

Bemerkung über das Schiffer- und Fischergewerbe. Eine dringende Bitte an alle Regierungen.

Es ergeben sich beinahe wöchentlich in allen Ländern, in welchen schiffbare Flüsse und Seen, oder auch nur floßbare Flüsse vorhanden sind, oder selbst nur Teiche und Bäche, in welchen Fischerei mit Kähnen betrieben wird, Unglüksfälle, in welchen theils Fischer und Schiffer, theils auf den Schiffen und Flößen durch mancherlei Zufälligkeiten, die nicht immer in der Gewalt des Schiffers liegen, Reisende ertrinken.

Nach einer höchst mäßigen Schäzung kann man die Zahl der jährlich in Wasser Verunglükten, in Deutschland allein, wenigstens auf 600 rechnen.

Eine Hauptursache dieser häufigen Unglüksfälle liegt darin, daß die meisten Schiffer und ihre Knechte, Fischer und ihre Knechte, nicht schwimmen können.

Es bestehen gegenwärtig in allen gut eingerichteten Staaten Deutschlands, durch Beihülfe des Militäres, Schwimmschulen, und unsere Jugend hat wieder Gelegenheit erhalten, Lesen und Schreiben und Schwimmen zu lernen (litteras et natare), wie es bei den guten Alten Sitte war. Es ist erfreulich zu sehen, wie das Publicum in allen großen Städten von diesen menschenfreundlichen Anstalten erfreulichen Gebrauch macht; es ist aber auch höchst traurig, wahrzunehmen, daß gerade diejenige Classe von Menschen, welche am meisten der Gefahr des Ertrinkens ausgesezt ist, welche am meisten dazu geeignet und bestimmt ist, die in das Wasser Gefallenen aus demselben zu retten, von diesem ihr so höchst nöthigen Unterrichte gar keinen Gebrauch macht.

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Während nun theils die Weisheit der Regierungen, theils der gesunde Menschenverstand der Gewerbsclasse selbst es überall für nöthig gefunden hat, anzuordnen und dafür zu sorgen, daß derjenige, der irgend ein Gewerbe treibt, die hierzu erforderlichen Eigenschaften und Geschiklichkeiten besizt, sieht man mit Erstaunen und mit Bedauern, daß die Classe der Schiffer und Fischer, die der Gefahr des Ertrinkens so zu sagen stündlich bei ihrem Gewerbe ausgesezt ist, die stündlich zur Pflicht herbeigerufen werden kann, andere, die in das Wasser fielen, aus demselben zu retten, nicht einmal die erste Bedingung zum glüklichen Betriebe ihres Gewerbes, die so einfache und so leicht zu erlernende Kunst des Schwimmens, sich eigen gemacht hat.

Es wäre daher sehr zu wünschen, daß die Polizeibehörden, eines jeden Ortes, in welchem sich Fischer und Schiffer befinden, beauftragt würden, zu verordnen und dafür zu sorgen, daß fortan

1) keinem Individuum gestattet würde, das Gewerbe eines Fischers oder Schiffers zu treiben, welches nicht an der ihm zunächst gelegenen Schwimmschule schwimmen gelernt, und die gehörigen Zeugnisse seiner guten Fortschritte erhalten hat;

2) daß jedem Floße oder Schiffe, welches Reisende führt, auf Kosten des Schiffers einstweilen, bis derselbe und seine Leute schwimmen gelernt haben, (was in 4 Wochen längstens möglich ist), ein paar Individuen für die Fahrt mitgegeben würden, welche gut schwimmen, und im Unglüksfalle andere retten können.

Wenn man die Postwagen der Sicherheit der Reisenden wegen des Nachts mit Gensdarmen begleiten läßt, so ist es doch auch der Mühe werth ein Floß oder Schiff, worauf sich mehrere Duzende von Menschen befinden, von einigen Schwimmern begleiten zu lassen, die, im Unglüksfalle, als Retter dienen könnten. Wenn die Schiffer diese Schuzengel bezahlen müssen, werden sie gewiß eilen schwimmen zu lernen.

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