Titel: Eis unter Lava.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. XLIX./Miszelle 21 (S. 155–156)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038049_21

Eis unter Lava.

Das Mechanics' Magazine führt (aus Lyall's Geology) N. 368, 28. August S. 439. folgende merkwürdige Notiz an.

„Man hat neulich am Aetna eine merkwürdige Entdekung gemacht: eine Eis-Masse, die vielleicht seit Jahrhunderten dadurch vor dem Aufthauen geschüzt wurde, daß ein Strom glühend rother Lava über dieselbe geflossen ist. Folgende Thatsachen beweisen dieses Phänomen, welches, beim ersten Anblike, so höchst paradox zu seyn scheint. Die außerordentliche Hize, welche in Italien im Sommer und Herbste des Jahres 1828 herrschte, zerstörte so zu sagen alle Vorräthe an |156| Eis, welche man im Frühjahre dieses Jahres für Catanea und die umliegenden Oerter und für die Insel Malta aufgesammelt hat. Der Mangel an Eis, welches in diesen Gegenden mehr Lebensbedürfniß als Luxusartikel ist, von dessen Gebrauche selbst die Gesundheit des Wassers abhängt, veranlage wahre Noth. Die Magistrate von Catanea wendeten sich an Hrn. Gemmelaro, in der Hoffnung, daß er, bei seiner genauen Kenntniß des Aetna, im Stande seyn würde, ihnen irgend eine Grotte oder eine Kluft in diesem Berge anzuzeigen, in welcher man noch Schnee finden könnte. Sie täuschten sich nicht in ihrer Erwartung. Er hatte schon vor langer Zeit vermuthet, daß eine kleine Eismasse am Fuße des höchsten Kegels einen Theil eines großen weit ausgedehnten Glätschers bildet, welcher von einem Lavastrome bedekt ist. Er versah sich mit einer gehörigen Anzahl von Arbeitern, und trieb Bergbau auf Eis. Er erwies, daß mehrere hundert Fuß tief unter der Lava Eis lag. Allein, unglüklicher Weise war das Eis so hart, und der Bau auf dasselbe so kostbar, daß man denselben wahrscheinlich nicht wieder erneuern wird. Ich besuchte dieses Eisbergwerk am 1. December 1828. Es liegt an der Süd-Ostseite des Kegels, nicht weit von der Casa inglese. Frisch gefallener Schnee hatte das neue Mundloch bereits zum Theile so ausgefüllt, daß es bloß als Eingang einer Grotte erschien. Ich will die Nichtigkeit der Ansicht des Hrn. Gemmelaro, der den Aetna so genau kennt, nicht bezweifeln, denke mir aber, daß dieses Eislager auf folgende Weise entstand. Eine tiefe Schneelehne wurde im Anfange der Eruption mit vulkanischem Sande bedekt, der vor dem Ausflusse der Lava auf eine bedeutende Höhe über dieselbe niederfiel. Eine mächtige Schichte dieses Sandes mit Schlaken gemengt, ist nun bekanntlich ein trefflicher Nichtleiter für Wärmestoff, und konnte auf diese Weise den Schnee selbst dann vor dem Schmelzen schüzen, als der glühende Lavastrom über denselben hinfloß. Die Hirten in den oberen Regionen des Aetna bewahren dadurch Vorräthe für Schnee für ihre Heerden auf die nächsten Sommermonate auf, daß sie denselben mit einer Lage vulkanischen Sandes einige Zoll hoch überstreuen, wodurch die Sonnenwärme vor dem tieferen Eindringen hinlänglich abgehalten wird. Wenn sich in einer Höhe von 10,000 Fuß über dem Meere Lava über einem Glätscher einmal erhärtet hat, so läßt sich leicht begreifen, daß das Eis unter dieser Deke eben so alt werden kann, als der Schnee auf dem Mont-Blanc, außer es wirkt vulkanische Hize von unten auf dasselbe. Als ich den großen Krater im Anfange des Winters vom J. 1828 besuchte, fand ich die Klüfte in dem Inneren desselben mit einer diken Eisrinde überzogen, und in einigen Fällen strömten heiße Dämpfe zwischen den Massen von Eis und den steilen und rauhen Wänden des Kraters durch. Nach dieser Entdekung des Hrn. Gemmelaro wird es nun Niemanden wundern, wenn man in den Vulkanen von Island abwechselnde Lagen von Lava und Eis findet.

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