Titel: Ueber die Florentiner Strohhüte
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. LXVIII./Miszelle 19 (S. 247–248)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038068_19

Ueber die Florentiner Strohhüte

findet sich im Mech. Mag. N. 365, 7. Aug. S. 398. folgende kurze Notiz, wie es heißt, aus dem Französischen ohne weitere Angabe der Quelle:

„Die besten Geflechte zu Strohhüten werden in der Nachbarschaft von Florenz, Pisa, Siena und in dem oberen Arno-Thale verfertigt. Ganze Familien, alt und jung, beschäftigen sich mit dieser Arbeit, die dem Lande jährlich bedeutende Summen trägt. Das rohe Material hat wenig Werth, die Verarbeitung desselben wird aber so einträglich, daß die Hausmütter im oberen Arno-Thale ihre Feldarbeiten von den Gebirgsbewohnern besorgen lassen, und sich dafür im Strohflechten beschäftigen. Das Stroh, welches zu Hüten verflochten wird, wird auf bergigen und unfruchtbaren Gründen aus einer kleinkörnigen Weizensorte gewonnen: es ist, obschon es dünn ist, sehr zähe und fest, und troknet leicht, da der oberste Theil des Halmes hohl ist. Nachdem die Wurzeln von der Erde gereinigt wurden, bildet man es in kleine Bündel und schwingt es, und pflükt das obere Glied, vom lezten Gelenke bis zur Aehre ab, so daß es dann zwischen 4 und 6 Zoll lang ist. Die Aehre bleibt daran. Nun wird dieses Stroh in Thau und Sonnenschein gebleicht: Regen ist dem Strohe höchst nachtheilig und verdirbt die Weiße. Wenn plözlich ein Regen einfällt, sieht man alles beschäftigt, das Stroh unter Dach zu bringen. Der untere Theil des Halmes wird auf dieselbe Weise behandelt, und gibt dann Geflechte von geringer Qualität. Die obersten Glieder, |248| welche gerade über dem obersten Knoten abgebrochen wurden, werden nach dem Grade ihrer Feinheit sortirt. Durch dieses Sortiren, welches mit aller Sorgfalt geschieht, erhält man drei verschiedene Sorten von Stroh. Stroh, das man um 3/4 Paoli kaufte (4 1/2 Pence, 13 1/2 kr.), wird, nach dem Sortiren, für 10 Paoli (4 Shill. 7 P., 2 fl. 45 kr.) verkauft. Jeder einzelne Streif Geflechtes oder jedes Band besteht aus 7 bis 9 Halmen. Man beginnt das Flechten mit dem unteren Ende des Halmes, und flicht denselben bis auf anderthalb Zoll von dem oberen Ende, die Aehre mit eingerechnet, ein. Alle Enden der verbrauchten Halme werden ausgelassen, so daß die Aehren auf die untere Seite des Bandes fallen. Das Geflecht wird, so wie es fertig wird, auf einem hölzernen Cylinder aufgerollt. Nachdem es vollendet ist, werden die hervorstehenden Enden und Aehren abgeschnitten, und zwischen der Hand und einem Stüke Holz, das eine scharfe Kante führt, unter starkem Druke durchgelassen, wodurch es gepreßt und polirt wird. Die auf diese Weise zubereiteten Bänder werden nun mit roher Seide so zusammengenähet, daß ein ganzer Hut aus Einem Stüke derselben hervorgeht. Der Durchmesser des Hutes ist im Allgemeinen immer derselbe, und der Unterschied zwischen Hut und Hut besteht in der verschiedenen Feinheit, d.h., in der Anzahl der Windungen, die ein solches Band in einem Hute bildet. Die Hüte haben nämlich zwischen 20 und 80 solcher Wendungen, wornach sich der Preis von 20 Paoli (9 Shill. 2 Pence, 7 fl. 10 kr.) bis auf 100 Piaster (etwas mehr als 20 Pfund Sterling, 240 fl.) regulirt. Hüte der höchsten Feinheit haben keinen bestimmten Preis. Ein Hut von 100 Piastern trägt dem Kaufmann 40 p. C.; Stroh und Seide kostet nämlich 20 Piaster, und für die Arbeit zahlt er 40 Piaster.99) Eine Arbeiterin gewinnt des Tages zwischen 3–5 Paoli 48 kr. bis 1 fl. 30 kr., 1 Shill. 4 Pence bis 2 Shill. 3 Pence. Mehrere Handlungshäuser zu Livorno und Florenz kaufen diese Hüte im Lande bei den Bäuerinnen auf. Eines dieser Häuser führt jährlich für 400,000 fl. solcher Hüte aus.100) Man hat in Frankreich versucht solches Stroh zu ziehen, es gelang aber nicht; ehe die Hüte verkauft werden, werden sie noch mit Schwefel gebleicht.

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Der Kaufmann gewinnt also für sein Nichtsthun gerade so viel, als der Arbeiter für die Arbeit.

A. d. Ue.

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Diese 400,000 fl. werden im Originale durch 3,500 Pfund Sterling übersezt; es ist also bei den fl. eine Null zu viel, oder bei den Pfund Sterl. zu wenig.

A. d. Ue.

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