Titel: Ueber Friauler Weine, über Moden, über Künste und Handel
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. LXVIII./Miszelle 23 (S. 249–250)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038068_23

Ueber Friauler Weine, über Moden, über Künste und Handel

findet sich eine Reihe köstlicher Briefe im III. bis VII. Bande der Edizione completa degli scritti di Agricoltura, Arti e Commercio di Ant. Zanon , 16° Udine. 1830. p. Mattiuzzi, welche, obschon sie vor mehr dann einem halben Jahrhunderte geschrieben wurden, gar sehr eine deutsche Uebersezung verdienten, wenigstens im Auszuge in Volksblattern, Modejournalen, Gewerbsblattern, Handlungszeitungen etc. Sie enthalten einen Schaz von lehrreichen Bertragen zur Geschichte der Erfindungen in allen Zweigen der Technik, von welchem nicht bloß die deutschen, sondern selbst die französischen und englischen Technologen bisher kaum etwas zu ahnden schienen. Die Wenigsten unter denselben scheinen zu wissen, daß Venedig durch mehr dann vier Jahrhunderte lang, ehe Flandern, Frankreich und England eine Spur von Industrie besaß, Europa eben so am Narrenseile der Mode führte, wie, so viele Jahrhunderte später, Frankreich und England jezt Deutschland und Italien und den Norden an demselben Seile gängelt. Alles, was wir jezt an Handarbeit, nicht Maschinenarbeit, an Sächsischen und Brabanter Spizen, Tüchern, Seidenzeugen etc. bewundern, hatte Venedig vor 400 Jahren schon, und in einem höheren Grade von Vollkommenheit, als wir es gegenwärtig nicht besizen. Venedig verfertigte noch zur Krönung Ludwig XIV. ein Spizen-Halsband aus weißen Menschenhaaren, an welchem 2 Jahre lang gearbeitet wurde, und das 250 Ducaten kostete. Die Spizen, die unter dem Namen punto in aria so berühmt geworden sind, sind eine uralte venezianische Erfindung.

Die Winke, welche der ehrwürdige alte Zanon über die Mittel ertheilt, Künste und Gewerbe in einem Lande zu fördern, sind reine Aussprüche der höchsten Weisheit in der Kunst der Haushaltung des Staates. Er zeigt aus der Geschichte Spaniens, wie ein Land, mitten im Besize eines Reichthumes von Millionen in Gold- und Silberbarren, cm den Bettelstab herabsinkt, sobald es fremde Manufacturen frei einführen läßt, und nicht selbst seinen Bedarf an denselben innerhalb seiner Gränzen erzeugt. Spanien war, vor der Entdekung America's, bei seiner Wollen-Erzeugung, seinen herrlichen Tuch- und Seidenzeug-, seinen Eisen- und Stahl-Manufacturen einer der reichsten und mächtigsten Staaten Europa's, so lang es nämlich dem Beispiele der Saracenen folgte, und arbeitete. Als jährlich Millionen an Gold- und Silberstangen aus America nach Spanien |250| eingeführt wurden, und mit dem Reichthume Luxus und Faulheit sich über das Land verbreitete, als England und Frankreich Spanien mit ihren Manufacturen überschwemmte, verarmte Spanien von Jahr zu Jahr immer mehr und mehr. Die Summe, welche Spanien vom J. 1492 bis 1764 dem Auslands für seine Fabricate bezahlte, welche also außer Land ging, beträgt nach officiellen Urkunden bei dem gründlich unterrichteten Spanier Ustariz, nicht weniger als 4080 Millionen Piaster; so daß von allem aus America eingeführten Golde und Silber kaum 200 Millionen Piaster, und diese größten Theiles in den Händen des Clerus, blieben.

Sehr interessant ist die Lobrede, die der gute alte Italiäner auf unsere gute alte Stadt Nürnberg hält, deren Kunstfleiß und durch alte Geseze zur Förderung desselben er seinen Zeitgenossen als Muster aufstellt. Es scheint, daß die Italiäner die schöne Seite der Deutschen besser zu würdigen verstanden, als wir die Verdienste der Italiäner, und daß man vor 50 und 60 Jahren weit richtigere Ideen über die Mittel zur Förderung der Industrie hatte, als heute zu Tage.

Zanon tröstet die Schwäzer, die über die Wandelbarkeit der Industrie klagen, und daher gegen Begünstigung derselben schreien, mit dem Beispiele Flanderns und Englands. England bezog bekanntlich all sein Tuch aus Flandern, ehe das Weib auf dem Throne (Elisabeth) klüger war, als alle Minister, die England vor ihr regierten, und die Einfuhr fremder Tücher nach England auf das Strengste verbot. Vom Tage dieses Einfuhrverbotes fremder Tücher nach England an hob sich die Tuchmanufactur in England nach und nach bis zu jener Höhe, in welcher sie jezt über die ganze Welt gebietet. Flandern verlor den Gewinn seiner Tuchmanufacturen gänzlich. Ging es darüber zu Grunde, wie die Anti-Industriellen uns glauben machen wollen, daß es bei jedem industriellen Volke der Fall seyn müsse, wenn der Zweig von Industrie abgehauen wird, der es bisher nährte? Durchaus nicht! Die ehemaligen Tuchmacher wurden Leinenweber, und die niederländische Leinwand ward in wenigen Jahren eben so berühmt, wie ehemals das niederländische Tuch, und Flandern ward durch Leinwand- und Spizen-Manufactur noch reicher, als es ehevor durch seine Tuchmanufacturen geworden ist.

Die Apologie, die der gute Zanon den Kaufleuten und dem Handel (nicht den Krämern) hält, verdient gelesen zu werden auch noch in unseren Tagen.

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