Titel: Wie vor vierhundert Jahren rechtliche und hochsinnige Bürger Steuern und Abgaben vermindern halfen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. LXVIII./Miszelle 24 (S. 250–251)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038068_24

Wie vor vierhundert Jahren rechtliche und hochsinnige Bürger Steuern und Abgaben vermindern halfen.

Man fand vor Kurzem in der alten Bank zu Genua (antica banca di S. Giorgio di Genova) einen Brief von Christoph Colombo (dem Entdeker America's) an den damaligen Inspector dieser Bank, in welchem er denselben benachrichtigt, daß er, in der Eigenschaft eines genuesischen Bürgers (nella qualita sua di cittadino Genovese) „seinem Sohne Diego den Auftrag ertheilte, jährlich den zehnten Theil seiner Einnahme zur Verminderung der Abgaben auf Getreide, Wein und Nahrungsmittel überhaupt, die in Genua erhoben werden, an die Bank zu bezahlen.“ Man könnte glauben Colombo wäre, so wie der Entdeker des neuen Welttheiles, so auch der Erfinder eines neuen Systemes zur Tilgung der Auflagen geworden, wenn dieser große Mann nicht dem ehrenvollen Auftrage an seinen Sohn noch die Worte beigefügt hätte, nach der Weise vieler anderer genuesischer Bürger (secondo la pratica di piu altri testatori genovesi). Wir sehen also, daß es vor 400 Jahren Sitte war, daß Bürger zu Genua, wenn sie ihre Rechnung mit der Welt abschlössen, ihres lieben Mitbürgers auch am Grabe noch auf eine so hochsinnige Weise gedachten, daß sie den zehnten Theil ihres Vermögens ihren eigenen Kindern entzogen, um die Last der Abgaben, die auf ihre Mitbürger drükt und in jedem Staate mehr oder minder drüken muß, nach und nach von den Schultern derselben abzuheben. Kann man sich einen edleren, schöneren, reineren Bürgersinn denken, als diesen? Wie war es möglich, daß dieses Beispiel hoher Bürgertugend nicht bloß ohne Nachahmung außer den Mauern von Genua geblieben ist, sondern selbst dort in Vergessenheit gerieth? Wie viele Staaten könnten jezt frei seyn von mancher Abgabe, wenn ihre Bürger ihrem Vaterlande ähnlichen Zehend gegeben hätten? Ein Umstand, der uns den alten Colombo um so mehr als edlen Bürger |251| zeigt, ist der, daß er von seinem Vaterlande nicht bloß verkannt, sondern verachtet und verfolgt war. Colombo war übrigens nicht bloß äußerst religiös, sondern in höchstem Grade bigott. Er gab der Kirche mehr, als seinem Vaterlande; er vergaß aber nicht, wie so viele unserer heutigen Bigotten, das Vaterland über den Seelenmessen der Kirche. (Vergl. Biblioteca italiana. N. 175. S. 102).

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