Titel: Errichtung einer Central-Realschule zu Darmstadt.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. LXVIII./Miszelle 27 (S. 251–254)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038068_27

Errichtung einer Central-Realschule zu Darmstadt.

Auch in Darmstadt eröffnet sich nun die Aussicht zur Errichtung einer polytechnischen Schule, wie die Leser aus nachstehender Rede ersehen, welche der Abgeordnete von Därnberg mit allgemeinem Beifall im Sept. 1830 in der zweiten Kammer der Landstande des Großherzogthums Hessen gehalten hat. Wir theilen diese Rede unsern Lesern mit, weil sie auf eine klare und bündige Weise die Unzulänglichkeit einer rein classischen (oder vielmehr philologischen) Bildung für den größeren Theil der Unterthanen jeden Staates auseinandersezt. Möchten die Anträge des Hrn. Abgeordneten nur bald in Erfüllung gehen und man sich durch Diskussionen über das Bessere nicht abhalten lassen, den Anfang zu machen, da zwekmäßige Abänderungen wo sie nöthig sind, später sich von selbst an die Hand geben müssen:

Meine Herren! Die Civilisation und die allgemeine Verbreitung der Ausklärung haben die Schranken der Scholastik glüklich durchbrochen. Die Weisheit, die Kenntniß dessen, was uns Roth thut, und der Mittel des Besserwerdens sind nicht mehr an den Nachlaß der Griechen und Römer gebannt. Verehren wir auch noch so dankbar die Surrogate von Bildung, welche die alten Classiker unsern Altvordern im Mittelalter gewährten, stellen wir selbst ihren bleibenden Werth |252| für strenge Gelehrtenbildung nicht in Abrede; so bietet uns doch die neuere Zeit ein Reich des Willens dar, das den beschränkten Kreis der Alten weit überschritten hat. Beinahe alle und gerade diejenigen Wissenschaften, die uns am meisten frommen, erhielten eine von den Griechen und Römern unabhängige Begründung, eine selbstständige Litteratur. Für die beiden Hauptwissenschaften, auf welchen die neuere Bildung, der ungeheure Fortschritt der Aufklärung und Industrie vorzüglich beruht, Mathematik und Naturkunde, sind die Alten keine Fundgruben mehr) eben so können in den übrigen Fächern nicht nur der Berufs-, sondern auch der allgemeinen Menschen- und Bürgerbildung die Bedürfnisse des Unterrichts nur noch zum kleinsten Theile aus den alten Classikern befriedigt werden.

Man hat daher zwar angefangen, auf den Gymnasien diesen Mängeln abzuhelfen; immerhin bleiben diese Anstalten in ihrer ganzen Richtung vorzugsweise dem Studium der alten Sprachen gewidmet oder bedienen sich vielmehr derselben als vorzugsweises Vehikel ihres Unterrichts, lassen aber die Ansprüche derjenigen, die zwar eine wissenschaftliche, aber keine gelehrte Fachbildung beabsichtigen, unbefriedigt.

Die Anzahl dieser Art von Schülern vermehre sich immer mehr, je ausgebreiteter die Civilisation wird, und diese macht desto schnellere Fortschritte, je mehr nicht bloß für den Gelehrten vom Fach und für den künftigen Staatsdiener, sondern auch für Andere, Gelegenheiten zu wissenschaftlicher Ausbildung vorhanden sind. Diese Wechselwirkung liegt in der Natur der Sache. Für den Menschenfreund, für den Freund des Vaterlandes, kann es nur eine sehr erfreuliche Erscheinung seyn, wenn die Zahl derjenigen zunimmt, die sich eine wissenschaftliche Bildung aneignen, ohne darum Staatsdiener werden zu wollen, und insbesondere nach einem solchen Realunterricht streben, weil dieser Weg der Aufklärung in den nützlichen Wissenschaften der sicherste ist zur Auffindung, richtigen Erkenntniß und Würdigung, wie zum zwekmäßigen Gebrauche aller der Hülfsquellen, welche Land und Volk durch Vervollkommnung und Bereicherung der Gewerbe, der Landwirthschaft und Verbesserung der bürgerlichen Einrichtungen in ihrem Schooße noch bergen.

Sie haben, meine Herren, durch Ihre Abstimmungen zu Gunsten der Real: schulen diesen Ansichten Ihren Beifall geschenkt; ich hoffe auf einen gleichen Beifall für die Folgerungen, die sich daraus noch weiter ergeben.

Der Theil unserer Jugend, dem es um eine wissenschaftliche Realbildung oder in Vergleich zu den gewöhnlichen Bürgerschulen höhere und allgemeinere Bildung zu thun ist, ohne darum sich dem Gelehrten- oder Beamtenstande widmen zu wollen, hat nun demjenigen zu Gefallen, was die Gymnasien für diesen Zwek leisten, nicht mehr nöthig, von der so kostbaren Zeit dieses kurzen Lebens einen so bedeutenden Theil dem Studium der alten Sprachen zum Opfer zu bringen, sondern kann das schöne Jugendalter fruchtbringender zur gründlicheren und ausgebreiteteren Erwerbung der Vorkenntnisse für seinen künftigen Beruf verwenden. Aber dennoch können in diesen Realschulen die Realwissenschaften nicht mit der Gründlichkeit und in dem Umfange gelehrt werden, welche den Erfordernissen einer höhern selbstständigern Ausbildung in denselben genügten und der Wichtigkeit dieser Fächer wie ihrem tief eingreifenden Einflusse auf Verbesserung der Gewerbe, der Landwirthschaft und der technischen Betriebszweige entsprachen. Die Realschulen bilden in dieser Hinsicht nur eine Uebergangsstufe zum gründlicheren umfassenderen Studium; für das reifere aber vorbereitete Alter ist eine höhere Unterrichtsanstalt nöthig.

Hiermit, meine Herren, glaube ich den ersteren allgemeineren Zwek der Centralschule der technischen Wissenschaften zureichend bezeichnet zu haben. Sie ist, wie gesagt, für das reifere Jugendalter bestimmt. An ihr sollen Jünglinge, junge Männer Gelegenheit haben, in den Realwissenschaften eine höhere Ausbildung sich anzueignen, und darin nach Maßgabe ihrer Berufszweke den Grad von Vollkommenheit zu erreichen, der sie in den Stand sezt, den reichhaltigen Stoff, welchen das praktische Leben zur Anwendung dieser Wissenschaften darbietet, fruchtbringend zu bearbeiten und zu benuzen. Zum Beweise dessen wird es hinreichen, die in der Centralschule zu lehrenden Fächer zu nennen, nämlich die verschiedenen Fächer der theoretischen Mathematik, Naturkunde und der Lehre ihrer allgemeinen Anwendung, insbesondere also auch Statik der festen und flüssigen Körper, Mechanik, Hydraulik, praktische Geometrie, politische Arithmetik, angewandte Physik und |253| Chemie, Technologie, Modellirkunst, Statistik u.s.w. Alle diese wissenschaftlichen Fächer stehen in inniger Wechselwirkung zur Vervollkommnung sämmtlicher productiver Betriebszweige; ihnen verdankt man vorzüglich die Fortschritte der neueren Zeit. Eine höhere Lehranstalt, worin die lehrbegierigen jungen Leute, welche sich technischen Berufszweigen widmen, oder sonst Lust zu diesen Fächern und ihrer demnächstigen Anwendung haben, sie alle zusammen finden, wird die Strahlen einer segensreichen Aufklärung durch das Land verbreiten, und vielfache Kräfte zur Bereicherung unserer Cultur und Industrie aus ihrem Schlummer weken.

Die Centralschule würde auch dann, wenn der dortige Unterricht nicht noch besonders in die Anwendung auf verschiedene Berufsfächer, die in unserm Land von vorzüglicher Wichtigkeit sind, einginge, einem wesentlichen Bedürfnisse abhelfen, und die Lüke ausfüllen, welche das Universitätsstudium in dieser Beziehung ebenso darbietet, wie die gelehrten Gymnasien gegenüber den Realschulen. Diese werden zu unserer Centralschule in einem ähnlichen Verhältnisse stehen, wie die Gymnasien zur Universität.

Fragen wir aber, für welche junge Leute sich besonders das Studium an der Centralschule eignen wird, und welche dorr vorzüglich zusammentreffen, so finden wir, daß es vornehmlich künftige Bautechniker jeder Art, Landwirthe, Forstmänner, Unternehmer von Fabrikanlagen und Kaufleute seyn werden. Mit ihnen müssen wir also wünschen, daß an der Centralschule zugleich Gelegenheit vorhanden seyn möge, für die erwähnten besonderen Berufsfächer ebenfalls sich bilden zu können.

Dieß ist der zweite, bei Errichtung der Centralschule den gegenwärtigen Bedürfnissen noch näher liegende Zwek.

Die erwähnten Berufsfächer haben mehr und minder gemeinschaftliche Hülfswissenschaften. Man kann daher an den für sie getrennt errichteten Lehranstalten nicht umhin, auch meistens die nämlichen Hülfswissenschaften zu lehren. Soll dieß gut und gründlich geschehen, so wird ein größerer Kostenaufwand erfordert, als der auf die einzelne Anstalt verwendbare Fond zuläßt. Die Folge davon ist eine Aermlichkeit und Unvollständigkeit, welche den Unterricht hemmt und in dem Wissen Lüken zurük läßt, die sich späterhin nicht mehr ergänzen lassen; ein anderer Nachtheil besteht in der Einseitigkeit der Bildung, während doch im praktischen Leben gerade die erwähnten Fächer am meisten mit einander in Berührung kommen, sich gegenseitig helfen, begreifen und unterstüzen, für gemeinschaftliche höhere Zweke zusammen wirken sollen.

Allen diesen Mängeln und Nachtheilen wird durch Verbindung der Bau-, Landwirthschaftlichen und Forstschulen in Eine Anstalt begegnet. Die Schüler können gemeinschaftlichen Unterricht in den Hülfswissenschaften genießen. Wenn der Lehrer schon bei dem Vortrag Winke über die Nuzanwendung auf die einzelnen Berufsfächer ertheilt, so ist dieß für jeden der Schüler, auch wenn es sein künftiges Berufsfach nicht besonders berührt, doch von großem Nuzen. Als Lehrer der einzelnen Hülfswissenschaften können Meister, die ihre Forschung und ihr ganzes Leben ihnen vorzüglich widmen und Ausgezeichnetes leisten, angestellt, und die erforderlichen Sammlungen, Apparate wie auch sonstige Hülfsmittel des Unterrichts den Bedürfnissen und dem Stande der Wissenschaft gemäß ausgestattet werden.

Auf solche Weise, meine Herren, geht die Erreichung des ersten Zweks schon aus dem zweiten hervor, indem die Hülfswissenschaften sämmtlicher technischer Berufszweige an der Bau-, Landwirthschafts- und Forstschule in dem Umfang und der Vollkommenheit gelehrt werden, daß auch viele junge Männer aus andern technischen Fächern, künftige Kaufleute, Fabricanten etc., selbst junge Militärs, sich für ihren demnächstigen Beruf an der Centralschule gründlich vorbereiten können, und diese eine Facultät der Realwissenschaften bildet.

Die Wichtigkeit des Zwekes, der wohlthätige Einfluß auf Vermehrung und zwekmäßigen Gebrauch der Hülfsquellen des Landes würde es selbst reichlich lohnen, wenn es nöthig wäre, darauf große Summen zu verwenden. Bliken wir auf die Reihe der Anstalten, die eine Stelle in unserm Budget einnehmen, ja sehr große Ausgaben erfordern, so werden wir wenige finden, die in Bezug auf wahrhaften Nuzen der zu errichtenden Centralschule der technischen Wissenschaften an die Seite gestellt werden können. Je dringender uns die Noth des Landes mahnt, Ersparnisse zu bewirken, desto mehr muß es ein Anliegen seyn, Anstalten und Unternehmungen in's Leben zu rufen, welche die Ertragskräfte des Landes vermehren |254| und die Intelligenz in ihrem Gebrauche verbreiten; ihnen müssen wir also die erforderlichen Fonds vorzugsweise zuwenden. Indessen kann hier mit Wenigem sehr Vieles ausgerichtet werden. Wir haben bereits für die Bauschule, für die Catasterschule, für die Zeichenschule, für landwirthschaftlichen Unterricht, für die Forstlehranstalt wenn auch verhältnißmäßige geringe, aber doch so viele Fonds bewilligt, daß es bei Vereinigung derselben, so wie der bei diesen Anstalten vereinzelten Sammlungen, Apparate und sonstigen Hülfsmittel, zu einem Ganzen, keines großen Zuschusses bedürfen wird, um die Staatsregierung in den Stand zu sezen, dem Lande die erwähnten Vortheile einer solchen Centralschule zuzuwenden und Ausgezeichnetes leisten zu lassen.

Jeder Verzug in der Ausführung eines so wohlthätigen Unternehmens ist ein Verlust für das Land. Ich trage daher darauf an:

1) Die Staatsregierung zu ersuchen, alle Anstalten für den Unterricht in den Bauwissenschaften, in der Landwirthschaft, in der Forstwissenschaft, wie auch die Catasterschule, überhaupt alle Anstalten und Fonds für die erwähnten Zweke in ein Ganzes zu vereinigen, hierdurch zugleich die Errichtung einer höhern Centralschule in's Werk zu sezen, und die Vorbereitung hierfür so zu beschleunigen, daß der erste Cursus schon im nächsten Frühjahr eröffnet werden kann;

2) der Staatsregierung für jedes der beiden Jahre 1831 und 1832 einbegriffen die Kosten der ersten Einrichtung zur Centralschule, einen Credit von 2000 fl. zu eröffnen, ohne jedoch daraus ständige Besoldungen, die für eine folgende Finanzperiode im Voraus eine Verbindlichkeit begründeten, bewilligen zu dürfen, vielmehr

3) über die Verwendung sowohl der vereinigten Fonds als des Zuschusses bei dem nächsten Landtag eine specielle Rechenschaft abzulegen und damit einen nach den bis dahin gemachten Erfahrungen zuverlässiger zu entwerfenden Plan der Einrichtung der fraglichen Centralschule den Ständen vorzulegen.

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Diesem Antrage fügen wir die Beurtheilung folgender interessanten Schrift über denselben Gegenstand bei:

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