Titel: Ueber die zwekmäßigste Einrichtung der Gewerbsschulen und der polytechnischen Institute. Eine von der Königl. Societät der Wissenschaften zu Göttingen gekrönte Preisschrift, von Heinrich Gottlieb Köhler, Doktor der Philosophie und Privatdocent in Göttingen. Göttingen, in Commission der Dietrichschen Buchhandlung. 1830. (62 Seiten.)
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. LXVIII./Miszelle 28 (S. 254–256)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038068_28

Ueber die zwekmäßigste Einrichtung der Gewerbsschulen und der polytechnischen Institute. Eine von der Königl. Societät der Wissenschaften zu Göttingen gekrönte Preisschrift, von Heinrich Gottlieb Köhler, Doktor der Philosophie und Privatdocent in Göttingen. Göttingen, in Commission der Dietrichschen Buchhandlung. 1830. (62 Seiten.)

Da bei den unaufhaltsamen Fortschritten aller Industriezweige und der immer zunehmenden Concurrenz zwekmäßig eingerichtete Gewerbsschulen ein so dringendes Bedürfniß werden, daß in allen jenen deutschen Staaten, wo die Regierungen nicht selbst die Herstellung derselben übernehmen wollen oder können, die Landstände genöthigt seyn werden sich in das Mittel zu legen (wovon vorstehende Rede ein Beispiel liefert), so wird eine Schrift über diesen Gegenstand, welche die Approbation der Königl. Societät der Wissenschaften zu Göttingen erhielt, schon deßwegen Aufmerksamkeit erregen, weil diese Societät überall in einem eben so großen als verdienten Ansehen steht, da sie stets in allen Fächern des menschlichen Wissens die gründlichsten Gelehrten besaß Und bildete und bekanntlich auch mehr als jede andere in Deutschland sich von Verirrungen (besonders im Gebiete der philosophischen und Naturwissenschaften) frei zu halten mußte.

Der Verfasser versteht unter technischer Lehranstalt, polytechnischem Institut, Gewerbsschule, eine Bildungsanstalt wo der Handwerker und Künstler, und der aus der Bereinigung beider hervorgehende Fabrikant bloß solche rationelle Kenntnisse erhalten soll, daß er in Stand gesezt wird, die Handgriffe und Verfahrungsweisen seines Gewerbes zu beurtheilen, zu prüfen und zu seinem Zweke zu verbessern. Der Verfasser bemerkt, daß es unmöglich, nicht nöthig und selbst nicht rathsam ist, alle Gewerbtreibende eines Landes auf den Grad der Cultur zu heben, welche der jezige Zustand der Wissenschaften zu bewerkstelligen im Stande wäre, indem eine große Anzahl derselben durch physische |255| und moralische Verhältnisse bestimmt ist, Maschine zu seyn und zu bleiben, und sie durch ihre Kenntnisse mehr Schaden als Nuzen bringen würden; der Herausgeber des Polyt. Journ. ist ebenfalls weit entfernt für diejenige Classe, welche der Verfasser hier vor Augen hatte, Gewerbsschulen in Vorschlag bringen zu wollen, glaubt aber, daß bei weitem der größte Theil derselben durch zwekmäßiger eingerichtete Volksschulen zu brauchbarerem und nüzlicheren Individuen herangebildet werden könnte, ohne daß man sie dadurch über ihren Stand erheben würde.

Um nun der kleineren Anzahl der Gewerbtreibenden eine nicht zu weit getriebene theoretische Bildung zu ertheilen, die ihren Fähigkeiten angemessen ist und einen vortheilhaften Einfluß auf das Emporkommen der Gewerbe haben muß, soll man nach dem Verfasser

1) Gewerbsschulen (Secundärschulen) in den vorzüglichsten Städten des Landes für diejenige Zahl errichten, deren Sphäre des Wissens nur eine mäßige seyn kann und zu seyn braucht und

2) eine Hauptschule (Centralschule) in der Hauptstadt des Landes für diejenige Anzahl, wo die Sphäre des zwekdienlichen Wissens weiter ausgedehnt werden soll und wo einzelne die höchste Stufe erreichen können. Diese könnte zugleich nach dem Vorbilde derjenigen zu Wien und zu Stockholm eine Anstalt seyn, wo den Gewerbtreibenden Rath und Aufklärung ertheilt, der Landesregierung jährlich Bericht über den Zustand und die Fortschritte der Gewerbe ertheilt, durch Ausstellung der einheimischen Gewerbserzeugnisse Aemulation erregt würde u.s.w.

Ganz mit dem Verfasser übereinstimmend hat der Herausgeber schon vor mehreren Jahren auf die Errichtung von Secundärschulen in allen größeren und außerdem von Centralschulen in einigen der größten und industriereichsten Städte des Königreichs Bayern zur Ausbildung von Fabrikanten, Direktoren der Fabriken, technischen Beamten u.s.w. gedrungen.

Hinsichtlich der Secundärschulen entsteht sogleich die Frage, zu welcher Zeit der Unterricht ertheilt werden soll und wie wenigstens auf die Lehrlinge der Handwerker (und Kaufleute) mit einigem Nachdruk gewirkt werden kann. Der Verfasser schlägt zu diesem Ende vor, daß sich die Scholaren inscribiren und förmlich aufnehmen lassen und sich dadurch verpflichten sollen, Einen Tag wöchentlich (aber nicht des Sonntags, am besten des Montags) dem Unterrichte pünktlich beizuwohnen und einen drei- oder vierjährigen Cursus mitzumachen, widrigenfalls sich einer durch Umstände zu bestimmenden Geldstrafe zu unterwerfen. Die Lehrherren würden durch die Gildemeister oder sonstigen Behörden aufgefordert werden bei der Einschreibung eines Lehrlings schriftlich zu erklären, ob sie die Bildung desselben in der Secundärschule zugeben und ihm wöchentlich den dazu bestimmten Tag frei geben wollten oder nicht. Im ersten Falle könnte dann der Meister gesezlich und von Rechtswegen dazu angehalten werden, den Lehrling an dem dazu bestimmten Tage in die Schule zu schiken und ihm kein Hinderniß in den Weg zu legen.

Dieß scheint dem Herausgeber nicht zu viel verlangt, und er erlaubt sich zu bemerken, daß ein paar Stunden des Sonntags besonders für die Gesellen der Handwerker Vorträge gehalten werden könnten, was um so weniger Hindernisse finden dürfte, da bekanntlich in mehreren Städten Deutschlands die Kunstschulen am Sonntage eröffnet sind, wenn man nun noch an einigen Abenden in der Woche für die Gesellen Vortrage hielte (wie es in einigen der industriereichsten Städte Frankreichs geschieht), zu deren Besuch sie natürlich nicht gezwungen werden dürften, so möchte dieß für sie vollkommen ausreichend seyn, besonders wenn sie als Lehrlinge die Secundärschule besucht haben.

Die Gegenstände des Unterrichts für die Secundärschulen würden nach dem Verfasser seyn:

1) das Zwekdienlichste aus der deutschen Sprache – Grammatik, Orthographie, Styl –

2) Naturbeschreibung,

3) Arithmetik,

4) das einfache Buchhalten,101)

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5) Geometrie,

6) Naturlehre, verbunden mit dem Zwekdienlichsten aus der Chemie, Statik, Mechanik, Hydrostatik, Hydraulik und Maschinenlehre.

7) Das Zeichnen, sowohl die freie Handzeichnung, als die mathematisch-orthographischen Projektionen.

In der Centralschule, wo das Wissenschaftliche in einigen Fächern, besonders den mathematischen, strenger beobachtet werden kann, da sich die Schüler während eines drei- bis vierjährigen Cursus ganz der Bildung durch die Centralschule überlassen sollen, würden die Lehrgegenstände nach dem Verfasser seyn:

1) Naturbeschreibung – Zoologie, Botanik, Mineralogie nebst Geognosie. –

2) Reine Mathematik – Arithmetik in Verbindung mit Buchstabenrechnung, Algebra, die Elementargeometrie nebst der von Monge sogenannten Géométrie descriptive, ebene und sphärische Trigonometrie, und aus der höheren Geometrie die Linien der zweiten Ordnung.

3) Naturlehre.

4) Angewandte – Statik, Mechanik, Hydrostatik, Hydraulik, Aërometrie, Maschinenlehre.

5) Chemie – Theoretische und praktisch-analytische.

6) Technologie, verbunden mit Waarenkunde.

7) Zeichnen, sowohl das freie Handzeichnen als die mathematischen Projectionen.

8) Das Italiänische oder doppelte Buchhalten.

Ueber den Umfang und die Methode des Unterrichts in allen diesen Gegenständen sowohl in der Secundär- als Centralschule verbreitet sich der Verfasser ausführlich in der angezeigten Schrift, welche Niemand ungelesen lassen darf, der bei Gewerbsschulen mehr oder weniger betheiligt ist; er hat das „richtige Mittel zwischen dem zu Vielen und zu Wenigen in der theoretischen Ausbildung,“ welches den eigentlichen Gegenstand der Preisfrage ausmachte, auf eine Weise bestimmt, welche gewiß das ehrenvollste Zeugniß für seine wissenschaftlichen und technischen Kenntnisse abgibt.

Bei dem Apparat der Schule vermissen wir eine Sammlung von Modellen wichtiger Maschinen und Vorrichtungen, deren Einrichtung jungen Leuten durch eine bloße Zeichnung nicht leicht vollkommen deutlich gemacht werden kann.102)

Sehr richtig bemerkt der Verfasser, daß jeder Regierung technische Beamte, Gymnasiallehrer u.s.w. zu Gebote stehen, welche bei einer mäßigen Gehaltszulage besonders an der Centralschule einige Vorträge übernehmen könnten, und daß nur der Director und einige der Secundärschule eigene Lehrer nothwendig werden.

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Die einfache Buchhaltung, auf deren Nuzen für die Handwerksleute der Verfasser aufmerksam macht, findet man in England unter ihnen allgemein; |256| dort sie aber schon deßwegen dazu genöthigt, weil sie in Wechseln bezahlt werden und auch auf ihre Schuldner trassiren.

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Zum Unterrichte in der Mechanik hat man in der neuen Universität von London die wichtigsten Dampfmaschinen, Pumpwerke u.s.w. im Durchschnitte auf großen hölzernen Tafeln aufgezeichnet, und die beweglichen Theile, zwar ebenfalls im Durchschnitte aber in natura, so angebracht, daß man bloß die Triebkraft durch die Hand zu ersezen braucht, um die vollständige innere und äußere Einrichtung und das ganze Spiel der Maschine mit einem Blike zu übersehen: diese Tafeln sind nicht kostspielig und geben dem Anfänger eine so deutliche Vorstellung von der Maschine, wie er sie sonst nur durch Modell und Zeichnung zugleich erhalten kann.

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