Titel: Versuche auf Eisenbahnen in Nordamerica.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. LXXXVII./Miszelle 6 (S. 330–332)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038087_6
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Versuche auf Eisenbahnen in Nordamerica.139)

Aus der Baltimore Gazette im Mech. Mag. N. 374. 9. October. (Im Auszuge.140))

Am 28. August l. J. wurde der erste Eisenbahnkarren auf der Baltimore- und Ohio-Eisenbahn von Baltimore bis Ellicott's Mills getrieben, und bei diesem Versuche erwiesen, daß Krümmungen von 400 Fuß Halbmesser kein Hinderniß für Anwendung der Dampfkraft auf so gekrümmten Eisenbahnen sind, wenn man sich der Räder mit dem Kegel nach Hrn. Knight's (Ingenieurs auf dieser Bahn) Erfindung bedient. Der Dampfwagen war nach Cooper's Art. Die Maschine hatte kaum etwas mehr als Pferdekraft, und kann so gleichsam nur als Modell betrachtet werden. An dem Maschinekarren hing zuerst ein Karren mit 24 Passagiers, und in den übrigen Karren waren, sammt diesem, ungefähr 4 1/2 Tonne Last vertheilt.

I. Meile in 6' 50''. (Der Dampf war noch nicht ganz gehörig entwikelt.)

II. Meile in 5'. (Eine Minute ging mit dem Wechseln der Bahn verloren.)

III. Meile in 6'. (Zwei Minuten verloren mit Wechseln der Bahn.)

IV. Meile in 4' 30''.

V. Meile in 5' 25''.

VI. Meile in 6'. (Eine Minute verloren mit Wechseln der Bahn.)

VII. Meile in 5' 30''. (Hier wurden 15 Minuten mit Wassernachfüllung hingebracht.)

VIII. Meile in 6'.

IX. Meile in 5' 45''. (Hier ging es 15 Fuß in der engl. Meile [à 5280 engl. Fuß] bergan und durch viele Krümmungen.)

X. Meile in 7'. (Immer bergan und durch Krümmungen.)

XI. Meile in 7' 30''. (Ebenso.)

XII. Meile in 7' 30''. (Bergan 18' auf die Meile.)

XIII. Meile in 6' 30''. (Bergan 18' auf die Meile.)

Diese 13 engl. Meilen wurden demnach mit der Kraft kaum Eines Pferdes, und mit einer Last von 90 Zentnern in Einer Stunde und 15 Minuten zurükgelegt.

Zurük ging es natürlich schneller: man hatte 4 Passagiers mehr und fuhr die 13 Meilen in 57 Minuten.

Das Mechanics' Mag. bemerkt, daß es in England was Alltägliches sey, auf der Liverpool-Bahn Eine englische Meile in 2 Minuten zu fahren. Dort fahrt man aber mit der Kraft von 8 bis 12 Pferden, und Cooper's Maschine hatte 1,43 Pferdekraft.

Hr. Ross Winans vergleicht in einem Schreiben an Hrn. Phil. E. Thomas, Präsidenten dieser Eisenbahn-Gesellschaft zu Baltimore, Hrn. Cooper's Maschine mit jener des Hrn. Stephenson (dem Rocket), und aus dieser Vergleichung ergibt sich, daß Cooper's Maschine nur den 14. Theil Dampf hatte, den Stephenson's besaß, und doch besser arbeitete.

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Die Beschreibung von Hrn. Knight's Kugelrädern (die hier von Hrn. Ross Winans gegeben wird), durch welche es allein möglich ist auf krummen Bahnen so schnell und sicher zu fahren, ist nicht deutlich, und es bleibt nichts Anderes übrig, als man läßt sich einen solchen Wagen aus Nordamerica kommen.

Wenn Nordamerica in seinem wüstesten Theile, am Ohio, wo kaum 3 Menschen auf die □ Meile kommen, bei einer Totalbevölkerung von kaum 14 Millionen in dem halben Welttheile, den sein Gebiet bildet, eine Eisenbahn einträglicher findet, als eine Chaussee, so läßt es sich fürwahr nicht begreifen, wie in dem übervölkerten Deutschland bis zur Stunde (mit Ausnahme von Oberösterreich) kein einziger Staat auch nur eine Spanne Eisenbahn besizt. Es scheint dieß in dem Charakter nicht des ehrwürdigen deutschen Volkes, sondern seiner Bureaukraten zu liegen, bei welchen alles auf die lange Bank zu schieben und das „komm' ich heut' nicht, komm' ich morgen“ zum Geschäftsgange gehört. Ist doch durch Jahrhunderte am höchstpreislichen Reichskammergerichte in Deutschland kein Proceß vor einem halb Duzend Jahren entschieden worden, und war man doch undankbar genug, es dem vorlezten Reichskammerrichter, dem hochverdienten Grafen Philipp Karl Oettingen-Wallerstein, der später Präsident der obersten Justizstelle zu Wien war, und als Hofmarschall daselbst starb, zum Vorwurfe zu machen, daß er seine ledernen Kammergerichts-Assessoren bei ihren langen Ohren nahm, und sie nöthigte zu arbeiten. Ewig wird segenvolles Andenken auf dem Grabe dieses edlen Wallerstein ruhen, während Fluch die Gräber derjenigen dekt, die Processe hundert und mehr Jahre lang am deutschen Reichskammergerichte unentschieden hängen ließen. Es geht uns mit den Eisenbahnen jezt, wie ehevor mit den Processen; es müssen Jahrhunderte vergehen, bis es nur zum Anfange kommt, und wir erleben es vielleicht noch, daß, bei unserem beliebten freien Einfuhrsysteme auf Kosten der vaterländischen Industrie, Engländer und Franzosen bei uns Eisenbahnen nach Frankfurt und Leipzig werden anlegen lassen, um das arme Deutschland desto leichter mit ihrem Waarenkrame überschwemmen zu können.

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Als bei dem Gastmahle, welches den Mechanikern bei Eröffnung der Eisenbahn zu Liverpool gegeben wurde, Hr. Robertson „auf das Gelingen der Baltimore- und Ohio-Eisenbahn und der Eisenbahnen der Vereinigten Staaten überhaupt“ einen Toast ausbrachte, dankte der nord-amerikanische Consul, Hr. Ogden, und bemerkte, daß man gegenwärtig in Nord-America mit nichts Geringerem sich beschäftigt, als mit Verbindung des Ohio und der westlichen Gewässer mit dem Atlantischen Meere auf einer Streke von ungefähr 300 (engl.) Meilen. Einige 30 Meilen hiervon sind bereits vollendet; neunzig stehen im Baue, und in drei his vier Jahren wird Alles vollendet seyn. Auf dem fertigen Theile wird bereits mit großem Gewinne gefahren. Er sendet gegenwärtig aus England Eisenschienen zu dieser Bahn ab, und wird auch Dampft wagen hinschiken. Man hat auch die Idee, New-Orleans mit dem Erie zu verbinden, was aber noch lang hergehen wird, indem hier die Straße durch verschiedene Staaten läuft. Sechs Meilen sind indessen fertig.

A. d. O.

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Das Mechanics' Magazine schimpft über diesen Aufsaz ganz gottlos, namentlich weil der amerikanische Verfasser sich einige Bemerkungen über England erlaubte. Wir lassen allen Streit weg, und führen bloß Thatsachen an.

A. d. Ue.

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