Titel: Englische Seidenzeuge in Frankreich! Etwas über Huskisson.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1830, Band 38, Nr. LXXXVII./Miszelle 9 (S. 333–334)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj038/mi038087_9

Englische Seidenzeuge in Frankreich! Etwas über Huskisson.

Die Times enthalten eine Lobrede auf den sel. Huskisson. Es gehört, wie es scheint, mit zu den Unglükseligkeiten des Menschengeschlechtes, daß, während es sich in seinem Innersten gedrungen fühlt, den Hingegangenen Achtung und Ehre zu erweisen, und selbst der edle Feind am Grabe seines Feindes trauert, ein Heer von Lobrednern am Sarge des Verblichenen, mitten unter dem gerechten und schuldigen Lobe der Verdienste desselben, sogar seine Irrthümer als Weisheit uns anpreist, und uns auf diese Weise der Gelegenheit beraubt, durch fremden Schaden klug zu werden. Die Times geben in ihrer Lobrede auf Hrn. Huskisson so weit, daß sie sich nicht schämen, bare Unwahrheit als Beweis für die Vorzüge des Huskisson'schen Systemes aufzustellen und zu behaupten: „daß Frankreich gegenwärtig, in Folge dieses Systemes, Seidenzeuge aus England erhält, die den Lyoner Seidenzeugen vollkommen ähnlich sind.“ Frankreich wird nie so thöricht seyn, englischen Seidenzeugen den freien Eingang zu gestatten, selbst wenn sie besser waren, als die Lyoner. (Vergl. Galignani N. 4841, wo über Huskisson folgende Notiz aus dem Herald vorkommt.) – „Hr. Huskisson war ein Mann von nicht gemeinen Talenten. Ohne höheren Rang durch Geburt, ohne Familienverhältnisse141) hob er sich durch die Stärke seines Geistes, so sehr er auch dadurch irre geleitet wurde, zu den ersten Stellen im Staate empor, und gewann bedeutenden Einfluß im Lande. Er war in der That mehr Theoretiker, oder, wie die Franzosen sagen, doctrinaire, als praktischer Staatsmann. Seine Grundsäze über freien Handel, so gut sie auch in der Theorie seyn mögen, konnten, auf ein Land angewendet, dessen erkünstelter Zustand sie unausführbar machte, nicht anders als verderblich für dasselbe werden. So genau er sonst alles auf dem Papiere zu berechnen wußte, hatte er doch nicht gesunde Urtheilskraft genug einzusehen, welche Wirkung seine Grundsäze bei den gegenwärtigen Verhältnissen auf das Land haben mußten. Er war nicht im Stande eine glänzende Idee von einer ausführbaren zu unterscheiden. Er war auf Abwege gerathen, und verführte andere durch den Glanz seines Namens. Weil Handelsfreiheit einen jungen und kräftigen Staat, der von keiner Schuldenlast gedrükt wird, beleben und emporheben kann, glaubte er, daß die Entfernung aller bestehenden commerciellen Maßregeln auch bei einem Volke wohlthätig wirken müßte, dessen Industrie durch eine in der Weltgeschichte unerhörte Schuldenlast ganz zu Boden gedrükt ist. Er forderte ein herabgekommenes, gefesseltes und gebundenes Volk auf mit anderen Völkern in Concurrenz zu treten, die sich frei bewegen konnten. Hrn. Huskisson verdanken wir den Einsturz unserer Schifffahrtsgeseze, unter deren Schuz unser Handel den höchsten Grad des Wohlstandes erreichte, einen Glanz erlangte, deßgleichen die Annalen der übrigen Völker der Erde nirgendwo aufzuweisen vermögen. Wenn es nöthig wäre die Aussage der Erfahrung durch das Zeugniß eines hellsehenden Mannes zu unterstüzen, so würden wir hier Adam Smith anführen, der, ein bekannter Feind von allem unnüzen Zwange, eingestand, daß unsere ehemaligen Schifffahrtsgeseze das Werk der vollendetesten Weisheit gewesen sind. So war Huskisson als Staatsmann. Als Redner im Parliamente war er ein sehr geschikter Nothhelfer, hatte aber weder moralischen Muth noch Rednertalent genug, um als Leiter einer Partei auftreten zu können. Sein Geist war kühn und hell, er strahlte aber nicht jenen Glanz, den dem höheren Rednertalente der Verstand aus dem Gebiete der Phantasie entgegen strahlen läßt. Wenn er seinen Zuhörern seine Ideen aufdringen konnte, so überließ er es Anderen, sein Publicum durch den Zauber der Redner-Kunst zu verführen und hinzulenken, wo man es hinhaben wollte. – Als Privatmann steht er makellos vor uns. Freundlich, gerade, aufrichtig, huldigte er allen Tugenden, die das Glük und die Zierde |334| des häuslichen Lebens bilden, und wußte seine Freunde durch das schöne Band seltener Anhänglichkeit an sich zu ziehen.

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Er studirte zu Paris während der Revolution Chirurgie, und ward zufällig Schreiber bei dem damaligen englischen Gesandten zu Paris, Lord Gower.

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