Titel: Flauti, über die mechanische Wirkung des Dampfes.
Autor: Flauti, M. V.
Fundstelle: 1831, Band 39, Nr. LXXXVIII. (S. 367–370)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj039/ar039088

LXXXVIII. Ueber die mechanische Wirkung des Dampfes. Auszug eines Schreibens des Hrn. M. V. Flauti, Sekretäres der Akad. zu Neapel, an Hrn. Hachette, dd. 1. Mai 1830.

Aus dem Bulletin des Scienc. technolog. April 1830. S. 356.

Mit Abbildung auf Tab. VI.

In Antwort auf Ihr Schreiben, in welchem Sie von einem Versuche über die mechanische Wirkung des Dampfes Erwähnung thun, den unser Della Porta in seinen 3 libri degli Spiritali anführt,143) und dessen Sie in Ihrer Geschichte der ersten Dampfmaschinen erwähnen, will ich Wort für Wort die angezeigte Stelle herausschreiben:

Um zu wissen, in wie viel Theile Luft sich ein gewisser Theil Wassers auflöst.“

„Man nehme eine gläserne oder zinnerne Kiste, BC, Fig. 9., Taf. IV., deren Boden an einer Stelle mit einem Loche versehen sey, durch welches der Hals eines Destillirgefäßes, D, läuft, welches 1 bis 2 Unzen Wasser enthält. Der Hals sey an den Boden dieser Kiste eingelöthet, so daß das Wasser daselbst nicht heraus kann. Von dem Boden der Kiste auf steige eine Röhre, C, und diese Röhre sey hinlänglich vom Boden entfernt um Wasser durchzulassen. Diese Röhre muß etwas über die Oberfläche des Dekels emporragen. Man fülle die Kiste B durch die Oeffnung A mit Wasser, und schließe sie dann |368| gut zu. Man seze dann das Gefäß auf das Feuer, und erhize es nach und nach. Das Wasser in demselben wird sich in Luft verwandeln, wird auf das Wasser in der Kiste drüken, und dieses Wasser wird auf das Wasser in der Röhre, C, drüken, und dieses wird aus derselben ausfließen. Man muß so lang mit dem Erhizen des Wassers in dem Gefäße fortfahren, bis Alles gar ist. Da das Wasser in Luft verwandelt wird, wird diese Luft immer auf das Wasser in der Kiste drüken, und das Wasser wird beständig ausfließen. Wenn es einmal bis zum Sieden gekommen ist, mißt man die Menge Wassers, die aus der Kiste ausgeflossen ist, und so viel dann an diesem Wasser fehlt, so viel hat sich davon in Luft verwandelt. Man kann auch sehr leicht bemessen, in wie viel Luft sich eine gegebene Menge Wassers verhandeln kann, und, obschon wir über diesen Gegenstand in dem Kapitel von den Meteoren gesprochen haben, so glauben wir, daß es unseren Lesern nicht unangenehm seyn wird, auf diesen Gegenstand wieder zurükzukommen.

Man nehme ein Destillirgefäß, das unter dem Namen Gruale oder gewöhnlich als materasso, Kolben, bekannt ist, in welchem man Brantwein brennt, dergleichen wir in unserem Buche über Destillation beschrieben haben. Man lasse dieses Gefäß von Glas seyn, damit man die Wirkungen der Luft und des Wassers sehen kann.

Dieses Gefäß sey durch A, Fig. 10. Taf. IV. dargestellt, und die Oeffnung desselben befinde sich in einem flachen Gefäße, B, das mit Wasser gefüllt ist. Das Gefäß A sey mit Luft gefüllt, die mehr oder minder dicht ist nach Ort und Jahreszeit. Man rüke ein mit Feuer gefülltes Oefchen unter das Gefäß, A. Die Luft wird sich, sobald sie die Wirkung der Wärme fühlt, ausdehnen, und, nachdem sie dünner geworden ist, einen größeren Raum einnehmen und auf das Wasser drüken, was zu kochen scheinen wird. Dieß ist ein Zeichen, daß sich Luft entwikelt, und je mehr die Hize wirken wird, desto mehr wird das Wasser zu kochen scheinen. Nachdem man den höchsten Grad von Luftverdünnung erhalten haben wird, wird das Wasser aufhören zu kochen. Wenn man dann das Feuer von dem Gefäße A wegnimmt, wird die Luft kälter werden und sich verdichten, und einen kleineren Raum einnehmen, und da sie nicht mehr den leeren Raum in dem Gefäße ausfüllen kann, weil die Oeffnung unter dem Wasser ist, wird sie das Wasser in das Gefäß ziehen, und man wird das Wasser mit Gewalt steigen und das Gefäß füllen sehen, so daß nur jener Theil davon leer bleibt, wo sich die Luft auf ihren natürlichen Zustand zurükgeführt befindet. Wenn man neuerdings Feuer an dieses geringe Volumen Luft bringt, wird es sich nochmals verdünnen, das Wasser wird hinausstürzen, und wenn man das Feuer entfernt, wieder steigen.

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Nachdem man das Wasser gestellt hat, nimmt man eine Feder und Time, und bezeichnet außen am Glase die äußerste Oberfläche des Wassers im Gefäße, und gießt dann aus einem anderen Gefäße so viel Wasser in das erstere, als nöthig ist bis zu dem angedeuteten Punkte zu gelangen. Man mißt hierauf dieses Wasser, und so viel Mal als dieses Wasser das ganze Gefäß füllen wird, so viel Mal wird ein Theil der Luft, verdünnt durch die Hize, sich entwikeln, und dadurch entstehen ganz curiöse Dinge (grande secreti).“

Anmerkung zum vorigen Aufsaze des Hrn. Flauti.

Aus obiger ersten Figur (Fig. 9.) erklärt sich so ziemlich, wie es scheint, die problematische Wasserhebemaschine des Hrn. A. Bernhard (Polytechn. Journ. Bd. XXXII. S. 169., Bd. XXXIV. S. 305, 415.) und die daselbst geäußerte Vermuthung des Uebersezers, daß der Druk des Dampfes unten im Kessel das Wasser in der Röhre in die Höhe treibt, und daß dieser Druk die Hauptursache des Spieles derselben ist.

Es sey AB Fig. 11. der Durchschnitt eines dampfdichten Wasserbehälters, welcher einen inneren Druk von 10 Atmosphären auszuhalten vermag. In dem Boden dieses Gefäßes sey eine Oeffnung C, durch welche eine Röhre, RR, aus einem Dampfkessel, D, in den Wasserbehälter, AC, einige Zoll über die Wasserlinie, WL, in lezterem emporsteigt. BX sey eine aus dem Gefäße AB in die Hohe steigende Röhre von unbestimmter Länge. Wenn nun unter dem Dampfkessel, D, Feuer angebracht und Dampf entwikelt wird, der sich in dem Hohlraume AWL des Wassergefäßes AB endlich bis zu einem Druke anhäuft, der den Druk der Atmosphäre endlich um Vieles übertrifft, so wird, durch diesen Druk, das Wasser in dem Gefäße AB von seiner ursprünglichen Höhe, WL, in dem Maße in die durch die punktirten Linien wl, w l², angedeutete Lage herabgedrükt werden, und folglich in der Röhre BX in dem Maße emporsteigen, als der Druk des in dem Hohlraume AWL befindlichen Dampfes den Druk der Atmosphäre übertrifft. Daß übrigens dieses Steigen in der Röhre BX nur stoßweise geschehen kann, wie es bei Hrn. A. Bernhard's Maschine der Fall war, erklärt sich aus den Intervallen, die der Dampf braucht, um, wenn er das Wasser von WL nach wl, w l² gedrükt hat, sich in den Hohlräumen Awl und Aw l² wieder in dem Maße zu verdichten, als er in AWL verdichtet war, da er seinen ersten Druk auf die Wasserfläche WL, und dadurch das erste Steigen in der Röhre BX bewirkte.

Daß diese Theorie richtig ist, unterliegt wohl keinem Zweifel. Ob sie in der Anwendung von Nuzen seyn kann, dieß müssen wir |370| besseren Hydraulikern und Männern von mehr Erfahrung, als wir nicht im Stande waren, uns in unseren Verhältnissen zu verschaffen, überlassen. Ein kleines Modell würde nicht viel kosten.

Es scheint uns ferner, daß wenn in dem Gefäße AB ein Brett mit einem Loche so angebracht wäre, daß, während es mit seinen Rändern die Wände des Gefäßes AB beinahe berührt, es an der Röhre RR, die es mit dem inneren Umfange seiner Oeffnung gleichfalls beinahe berührt, frei auf und nieder steigen könnte, je nachdem nämlich der in dem Raume AWL angehäufte Dampf auf dasselbe drükt, oder das Wasser, auf welchem es in AB schwimmt, von unten herauf auf dasselbe drükt, die Entleerung des Wassers aus AB und das Aufsteigen in der Röhre BX gleichförmiger geschehen konnte, und weniger Dampf durch Verdichtung und Einsaugung von dem Wasser während der Erwärmung desselben verloren ginge.

Es ist offenbar, daß wenn das Gefäß AB Lauf diese Weise durch den Druk des Dampfes von dem Wasser entleert wurde, der Dampfkessel leicht durch irgend eine Vorrichtung außer Thätigkeit gebracht, der Dampf durch einen Hahn bei y aus dem Gefäße AB entleert und zu irgend einem Zweke verwendet, und bei z wieder frisches Wasser durch einen Hahn eingelassen werden kann, der während des Austreibens des Wassers aus AB geschlossen bleibt.

Es scheint beinahe, daß Della Porta im Sinne hatte, seine Maschine zu irgend etwas zu verwenden, indem er mit den Worten schließt: „und dadurch entstehen ganz curiöse Dinge, (grande secreti).“ Indessen blieb die Sache 120 Jahre lang liegen, bis sie, zum Theile, von Hrn. A. Bernhard wieder aufgegriffen wurde, aber auf eine weit mehr complicirte Weise. Ob die ursprüngliche einfachere Methode nicht besser zum Heben des Wassers taugen mag, mögen bessere praktische Hydrauliker wenn nicht in Deutschland, wo man mit Dampfkesseln noch nicht ganz vertraut ist, doch in England, Holland, Frankreich entscheiden, nachdem sie die nöthigen Versuche anstellten.144)

A. d. Ue.

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Hr. Hachette hatte bereits den lezten Bogen seines vortrefflichen Werkes über die Dampfmaschine in der Drukerei, als er aus einem Artikel im Quarterly-Journal den Versuch Della Porta's kennen lernte, und deßhalb nach Neapel schreiben mußte, von woher Hr. Flauti ihm gegenwärtige Notiz mittheilte. Hr. Hachette bemerkt, daß J. B. Della Porta seinen Apparat sehr genau beschreibt, daß aber die Erklärung, welche auf die Beschreibung folgt, den Zustand der Physik im J. 1606 bezeichnet. – Das Bulletin verspricht einige Bemerkungen hierüber in seinem nächsten Hefte. A. d. Ue.

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Es ist unglaublich, wie langsam es bei dem allgemeinen Faulfieber des Menschengeschlechtes mit dem Fortschreiten des menschlichen Geistes vorwärts geht. Erst vor Kurzem lehrte uns der vortreffliche Wurzer, daß ein Deutscher, Phil. Lohmeir, zu Schaumburg, schon im J. 1676 die Aërostatik der Theorie nach erfand, die Montgolfier erst hundert Jahre später so glüklich ausführte.

A. d. Ue.

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