Titel: Erste Dampfboth-Fahrt zwischen England und Ostindien.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1831, Band 39, Nr. XXVII./Miszelle 1 (S. 72–73)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj039/mi039027_1

Erste Dampfboth-Fahrt zwischen England und Ostindien.

Es war seit einiger Zeit ein Lieblings-Gegenstand des Sir John Malcolm, Gouverneurs von Bombay, eine Dampfboth-Fahrt oder vielmehr Dampfboth-Post zwischen Bombay und England durch das rothe Meer über Suez und Alexandria herzustellen. Es wurde also ein Dampfboth (the Hugh Lindsay) von 400 Tonnen Last mit zwei Dampfmaschinen, jede von der Kraft von 80 Pferden, erbaut, welches über 40,000 Pf. Sterl. (480,000 fl.) kostete. Obschon aber dieses Dampfboth mit einem so ungeheueren Aufwande gebaut wurde, beging man doch den unverzeihlichen Fehler, demselben nicht mehr Raum für Steinkohlen, als höchstens auf sechs Tage zu geben, während es unmöglich ist die Küste Arabiens von Indien aus in weniger als acht oder zehn Tagen zu erreichen. Wäre Alles gehörig angeordnet worden, so würden die Depeschen Alexandria von Bombay aus in 23 Tagen erreicht haben. Von Alexandria nach Malta würden sie vier Tage, eben so viel von Malta bis Marseille gebraucht haben, von wo sie in fünf Tagen in England angekommen seyn würden. Unter günstigen Umständen waren also binnen 36 Tagen Briefe aus Bombay nach London gekommen. Indessen brauchte, so wie die Sache nun einmal eingerichtet war, Capitain Wilson, der das Dampfboth befehligte, 36 Tage von Bombay nach Suez, indem er in den Hafen von Aden, Mocha, Judda und Cosseir zwölf Tage mit Einladen von Steinkohlen versäumen mußte. Bei allen diesen Nachtheilen kamen jedoch die Briefe aus Indien früher nach England, als man sie bisher noch nie daselbst aus diesem fernen Lande erhalten hat. Oberst Campbell war der einzige Reisende auf diesem Dampfbothe, vermuthlich weil nicht mehr Raum auf dem Bothe war, da selbst die Cajüte mit Steinkohlen gefüllt werden mußte. Das Dampfboth tauchte so tief, als es Bombay verließ, daß es gleich hoch mit dem Wasser (à fleur d'eau) stand, und seine Räder kaum sich drehen konnten. Die Entfernungen von einem Orte zum anderen auf dieser Fahrt waren

von Bombay bis Aden 1710 (engl. Meilen)
Aden Mocha 146 – –
Mocha Judda 556 – –
Judda Cosseir 430 – –
Cosseir Suez 261 – –
––––––––
3103 engl. Meilen.

Bei zwanzigtägiger Fahrt kommen 155 Meilen auf den Tag, oder 6 Meilen und ein Bruchtheil auf die Stunde. Die Depeschen sollten mittelst des Dampfbothes in 15 Tagen |73| von Bombay nach Cosseir kommen, und von da mit Dromedaren direct, ohne zu Cairo sich aufzuhalten, nach Alexandria gehen, was in 7 Tagen geschehen kann. Von Alexandria braucht man 4 Tage nach Malta u.s.f. wie oben, so daß also in 36 Tagen, oder mit Einrechnung von Zufälligkeiten in 40 Tagen längstens Briefe von Bombay nach England kamen.

Wir sahen folgenden Brief eines Offiziers des Hugh Lindsay, welcher das Detail der Operationen des ersten Versuches enthält, eine Dampffahrt zwischen England und Ostindien auf jenem Meere herzustellen, durch welches der Herr das Volk Israel führte, und in welchem der stolze Pharao mit seinem Heere ertrank. Dieses Detail muß nicht bloß für das englische Volk, sondern für ganz Europa von gemeinschaftlichem Interesse seyn.

„Suez den 22 April 1830, am Bord des bewaffneten Dampfschiffes der hochachtbaren ostindischen Compagnie: Hugh Lindsay. – Mit vielem Vergnügen benachrichtige ich Sie von der heute erfolgten Ankunft des Hugh Lindsay zu Suez, nachdem er Bombay am 20 März verlassen hat. Die Fahrt dauerte länger als man vermuthete, indem man zu Aden und Mocha verweilen mußte, um daselbst frisches Brennmaterial zu laden. Zu Aden wurden wir deßhalb sechs, zu Judda fünf Tage lang aufgehalten. Wir liefen auch zu Mocha ein, wo wir Einen Tag versäumen mußten. Da die gegenwärtige Fahrt ein bloßer Versuch war, so hatte ich den Auftrag, Sie, wenn es die Zeit erlaubte, zu Alexandria zu besuchen, und mich mit Ihnen über die Dampf-Schifffahrt auf dem rothen Meere zu besprechen, da aber die Jahreszeit schon zu weit vorgerükt ist, so müssen wir in größter Eile nach Bombay zurük, um unsere Rükkehr dahin vor dem Eintritt des Süd-West Monsoon in Sicherheit machen zu können. Wir werden also Suez verlassen, sobald wir alle daselbst befindlichen Steinkohlen geladen haben. Wir werden zu Cosseir einlaufen, um daselbst das Nämliche zu thun, und wir besorgen, daß wir kaum Steinkohlen genug am rothen Meere finden werden, um damit bis Bombay auszulangen.

Der Hugh Lindsay führt 411 Tonnen mit zwei Dampf-Maschinen, jede von der Kraft von 80 Pferden. Nach dem Plane des Baumeisters scheint das Both nur für 6 Tage Kohlen-Vorrath berechnet. Um von Bombay nach Aden mit demselben zu fahren, wurde es so schwer als möglich geladen, so daß sein Querbaum in Wasser ging. Dessen ungeachtet hatten wir, als wir in eilf Tagen nach Aden kamen, nur mehr für sechs Stunden Kohlen. Dieser Umstand allein zeigt schon, daß dieses Both für eine solche Fahrt nicht taugt. Da das Both so tief getaucht war, so konnte dasselbe auch nicht schnell laufen. Ich fand ferner zu Aden und Judda weit mehr Schwierigkeiten Steinkohlen zu laden, als ich vermuthete. Es lassen sich zwar Vorkehrungen treffen, wodurch das Kohlenladen erleichtert werden kann; ich bin aber der Meinung, daß, je weniger Ladungspläze, desto besser. Wenn das Dampfboth so gebaut ist, daß es von Maschinen getrieben werden kann, welche in 24 Stunden nicht mehr als 9 Tonnen (180 Ctr.) Kohlen brauchen, und daß es bequem Kohlenvorrath auf 15 Tage einnehmen kann; dann kann die Dampffahrt auf dem rothen Meere am besten in zwei Stationen geschehen, nämlich von Bombay bis Aden, und von Aden bis Cosseir oder Suez. Ich glaube auch, man hat nicht nöthig bis Suez hinaufzufahren, indem der ganze Zwek der Reise schon zu Cosseir eben so gut erreicht werden kann. Was die Reisenden betrifft, so werden sie fast alle lieber zu Cosseir landen, um die Alterthümer daselbst und auf dem Wege von da bis Alexandria zu besehen. Die Ankunft der Depeschen wird dadurch nur wenig verspätet, wenn man die Zeit in Anschlag bringt, die das Dampfboth braucht, um von der Parallele von Cosseir nach Suez zu fahren, was, wenn Nordwest-Wind herrscht, in weniger als dritthalb Tagen nicht möglich ist.

Ich schließe eine Abschrift des Log-Buches des Hugh Lindsay bei, indem dasselbe als Tagebuch des ersten Dampfschiffes, das auf dem rothen Meere fuhr, nicht ohne Interesse ist. Ich bin etc.“ (Aus dem United Service Journal im Mechan. Magazine N. 370. d. 11. Sept. 1830. S. 19.)

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