Titel: Preisaufgabe über das Hecheln des Hanfes und Flachses; von derselben Gesellschaft.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1831, Band 39, Nr. LXXXVI./Miszelle 4 (S. 326–327)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj039/mi039086_4

Preisaufgabe über das Hecheln des Hanfes und Flachses; von derselben Gesellschaft.

Die Preisaufgabe, welche die Société d'Encouragement über die Zubereitung des Hanfes und Flachses ohne Anwendung des Röstens ausschrieb, hat einen lebhaften Wetteifer erregt, und obgleich die Concurrenten die durch das Programm vorgeschriebenen Bedingungen noch nicht ganz erfüllt haben, so sind doch ihre Versuche nicht ohne Resultat geblieben. Die Gesellschaft glaubte auch ihre Anstrengungen durch Zuerkennung von Aufmunterungs-Medaillen belohnen zu müssen, und man hat allen Grund zu erwarten, daß man mit Hülfe der Mechanik und Chemie dieses wichtige Problem noch vollständig lösen wird.

Die Gesellschaft begnügte sich aber nicht damit, zu einer Verbesserung in der Zubereitung des Hanfes und Flachses aufzumuntern, durch welche man auf wohlfeile Art die größtmögliche Menge Urstoff erhalten würde, sie glaubte auch, daß es nöthig sey, durch geeignete Maschinen das Hecheln der Gesundheit weniger nachtheilig, leichter und ökonomischer zu machen.

Bekanntlich bietet das Spinnen des Flachses und Hanfes zu leinen Garn Schwierigkeiten dar, welche weder bei der Baumwolle, noch bei der Wolle, noch bei der Seide Statt finden; die Fasern der lezteren sind ganz gebildet und brauchen daher nur noch nach einem gegebenen Gewichte und nach der Feinheit, welche der Faden gaben muß, auf die größte Länge möglichst gleichförmig vertheilt zu werden, worauf man sie nach dem Gebrauche, wozu sie bestimmt sind, gehörig dreht; den Hanf und Flachs hingegen muß man der Einwirkung der Hechel unterziehen, um sie in Fasern zu zertheilen und daraus einen gleichförmigen, mehr oder weniger feinen Faden bilden zu können.

Unter allen Maschinen, welche man bis jezt zum Hecheln des Hanfes und Flachses anwandte, und wovon einige im Bulletin de la Société d'Encouragement beschrieben sind, erfüllt keine einzige ihren Zwek vollkommen, weil man immer wieder ein zweites Hecheln mit der Hand vornehmen muß, wenn man dem Faden die nöthige Vollendung geben will.

Die Société d'Encouragement schreibt daher in Betracht, daß ein gutes Hecheln eine wesentliche Bedingung zur Erzeugung eines gleichen und bei allen Graden von Feinheit gleichförmigen Fadens ist, und indem sie wünscht, daß man die möglichst größte Menge parallel an einander liegender langer Fäden durch mechanische Mittel erhalten könnte, die zugleich einfach, ökonomisch und der Gesundheit der Arbeiter ganz und gar nicht nachtheilig sind, einen Preis von zwölf tausend Franken aus, welchen sie demjenigen zuerkennen wird, welchem es gelang, den Flachs und, Hanf mit Maschinen eben so vollkommen zu hecheln, als man es mit der Hand thun kann und welcher aus demselben Gewichte Urstoff am meisten lange Fäden erhält mit Ersparung, sowohl an den Kosten der Behandlung, wobei aber das Interesse der angewandten Capitalien und die jährliche Abnuzung der Maschinen inbegriffen seyn muß, als auch an denjenigen, welche durch Anwendung der bewegenden Kraft verursacht werden.

Der Preis wird in der Generalsizung des zweiten Semesters 1832 dem Erfinder einer Hechelmaschine zuerkannt, welche von solcher Beschaffenheit ist, daß |327| sie das Hecheln mit der Hand ersezt, wobei man von folgenden Daten ausgehen wird.

Ein geschikter Arbeiter erhält durch Hecheln mit der Hand aus 150 Pfund rohem Flachs und Hanf 120 bis 125 Pfd. zum Spinnen auf der Maschine geeignete Fäden.

Wenn man in einer Werkstätte zehn Weiber mit derselben Arbeit beschäftigt und jede mit zwei Hecheln, einer groben und einer feinen, versieht, so erzeugt jede Arbeiterinn an einem Tage oder in 12 Stunden Arbeitszeit, je nach ihrer Kraft 8 bis 12 Bündel im Gewicht von 44 Unzen, oder im Durchschnitt 10 gehechelte Bündel, woraus man 24 Unzen lange Fäden auf 44 gewinnt; es bleiben daher 18 bis 19 Unzen Heede und 1 bis 2 Unzen Staub.

Dieser zu 24 Unzen gehechelte Lein kann durch Maschinen in den Nummern 16 bis 24 (1,000 Meter auf das Kilogramm) gesponnen werden. Wenn man aber für die Nummern 8 bis 16 dieselbe Qualität Lein anwendet, so muß das Hecheln von 24 auf 32 Unzen gebracht werden, der Lein ist folglich weniger gut gehechelt, weil er im Verhältniß zur Quantität der langen Fäden mehr Heede enthält.

Für die Nummern über 24 muß man eine feinere Sorte und vollkommen gehechelten Lein anwenden.

Für das Hecheln eines Bündels von 44 Unzen, auf 24 Unzen langer Fäden reducirt, bezahlt man 10 Centimes, also 1 Fr. für das Hecheln von 10 Bündeln.

So muß auch die Hechelmaschine, welche die Gesellschaft verlangt, nach Belieben gehechelten Lein von verschiedenem Gewicht geben können, wie man ihn mit der Hand, Behufs der Verarbeitung durch Spinnmaschinen, verfertigt.

Die Concurrenten müssen ihre Maschinen vor dem 1. Juli 1832 an die Gesellschaft einschiken, und wenn sie ein Etablissement zum Hecheln mit Maschinen errichtet haben, so verlangt man von ihnen eine genaue Zeichnung nach dem Maßstabe und eine ausführliche Beschreibung, so wie Zeugnisse von den Ortsbehörden, was sie hinsichtlich aller vorgeschriebenen Bedingungen leisten.

Der Minister des Innern hat der Gesellschaft für diese Preisaufgabe 6000 Fr. zustellen lassen. (Bullet. des scienc. technol. August 1830, S. 364.)

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