Titel: Ueber die in Frankreich vorgenommene Berichtigung des in Europa bisher allgemein üblichen Coupellationsverfahrens, um Silberlegirungen auf ihren Gehalt an feinem Silber zu probiren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1831, Band 39, Nr. XCVIII./Miszelle 7 (S. 403–405)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj039/mi039098_7

Ueber die in Frankreich vorgenommene Berichtigung des in Europa bisher allgemein üblichen Coupellationsverfahrens, um Silberlegirungen auf ihren Gehalt an feinem Silber zu probiren.

Der französische Finanzminister Graf Chabrol wurde durch die Beschwerden der französischen Münzmeister, welche sich darüber beklagten, daß durch das bisherige Probirverfahren, mittelst der Coupellation, die Gehalte der von ihnen geprägten Münzsorten nicht richtig angegeben würden, veranlaßt, unterm 18. November 1829 eine Specialcommission zur Prüfung dieser Beschwerden niederzusezen, welche unter dem Vorsiz des Grafen Chaptal, aus dem Staatsrath Freville, den Academikern Thénard, Vauquelin (nach seinem Ableben Dulong) und Gay-Lussac, aus dem Professor der Oeconomie industrielle Say, aus dem Maître des requêtes Masson und aus dem Pariser Banquier Benoit Fould bestand.

Die Commission ließ Silberlegirungen von verschiedenen Gehalten, die mit großer Sorgfalt auf synthetischem Wege aus chemisch reinem Silber und Kupfer erzielt waren, deren Gehalte man also genau kannte, durch die Pariser Münzwardeine, durch die Pariser Wardeine für den Handelsstand, durch die in den größeren Städten Frankreichs, angestellten Wardeine für die Stempelungsämter, und durch die Wardeine der vorzüglichsten Münzstätten Europa's, zu verschiedenen Malen auf die bisher übliche Weise probiren. Sie erhielt dadurch die Ueberzeugung, daß durch das bisherige Coupellationsverfahren die Gehalte im Allgemeinen zu gering angegeben werden; daß das Coupellationsverfahren sehr ungleich ausgeübt wird, indem die Gehalte, die die verschiedenen Wardeine angeben, höchst selten übereinstimmen, ja daß selbst wiederholte Proben ein und desselben Wardeins selten gleiche Ergebnisse geben; daß die Differenzen der Gehaltsangaben im Auslande noch weit größer als in Frankreich sind; daß z.B. eine Legirung, die 900/1000 fein Silber enthält, durch die Pariser Münzwardeine zu einem Gehalt von 895/1000, durch den Wiener Münzwardein zu einem Gehalt von 898/1000, |404| durch den Münzwardein in Madrid zu einem Gehalt von 893/1000 und durch den Münzwardein in Neapel zu einem Gehalt von 891/1000 angegeben wird; daß diese Differenzen der Gehaltsangaben größtes Theils in der Ausübung des Coupellationsverfahrens, welche bei jedem Wardein anders ist, ihren Grund haben.

Die Specialcommission schlug daher vor, ein neues Probirverfahren, das sogenannte Probirverfahren auf dem nassen Wege, welches ein Mitglied der Commission, Hr. Gay-Lussac, entdekt, schon seit längerer Zeit angewendet und höchst genau gefunden hat, für die Folge zu benuzen.

Das Verfahren selbst ist sehr einfach, wird leicht erlernt, und verlangt nur die Fertigkeit, genau wiegen und messen zu können.

Es begründet sich auf die Eigenschaft des Silbers, daß wenn es in Salpetersäure aufgelöst ist, es durch eine Auflösung von Kochsalz oder durch Chlorwasserstoffsäure (Salzsäure) zu unauflöslichem Chlorsilber niedergeschlagen wird. Aber anstatt das Gewicht des Chlorsilbers zu bestimmen (welches Verfahren hinsichtlich des richtigen Troknens des Niederschlags nicht allein viel zu lang, sondern auch viel zu unsicher seyn würde), so bestimmt man das Gewicht der Kochsalzauflösung, die zum Niederschlag nothwendig gewesen ist. Man bereitet sich zu diesem Zwek eine Flüssigkeit aus Kochsalz und Wasser (oder aus Hydrochlorsäure und Wasser) in solchen Verhältnissen, daß 100 Grammen der Flüssigkeit vollständig und genau zwei Grammen reines Silber (das heißt von einem Gehalt von 1000/1000), die in Salpetersäure aufgelöst sind, niederschlagen. Eine so bereitete Flüssigkeit gibt unmittelbar den wahren Silbergehalt jeder Legirung von Silber und Kupfer durch das Gewicht an, das man davon verbraucht, um zwei Grammen der Legirung, die in Salpetersäure aufgelöst sind, niederzuschlagen. Wenn zum Beispiel 90,5 Grammen der Flüssigkeit nöthig sind, um die zwei aufgelösten Grammen der Legirung niederzuschlagen, so ist der Gehalt der lezteren an feinem Silber 905/1000. Die Beendigung der Arbeit ist sehr bestimmt am Aufhören der Trübung zu bemerken, die, so lange noch 0,5/1000 fein Silber in der Auflösung ist, durch das Zugießen der Kochsalzauflösung in der Silberauflösung entsteht. Die Arbeit selbst dauert nicht lange, und in geübten Händen kaum länger als das Abtreiben (Coupelliren). Vor der leztgenannten Arbeit hat sie den Vorzug, daß sie von Jedermann leichter auszuführen ist, und nicht einer so langen Zeit bedarf, um erlernt zu werden. Ganz besonders nüzlich wird sie aber denjenigen, die täglich nur wenige Proben zu machen haben, und dabei an Zeit und Kosten ersparen werden. Endlich sind die Gehaltsangaben dieses Verfahrens sehr sicher, und man kann bei dessen Anwendung verlangen, daß der Gehalt bis auf ein halbes Tausendtheil richtig angegeben werde.

Nachdem die Münzcommission und Bureau de commerce et des colonies einstimmig zum Vortheil des neuen Probirverfahrens, so wie hinsichtlich der Unschädlichkeit der Einführung auf die inneren und äußeren Handelsverhältnisse Frankreichs berichtet hatten, erschien auf den Antrag des Finanzministers Montbel unterm 6. Juni 1830 eine Ordonnanz von Karl X, welche bestimmte:

1) Daß jeder Wardein für die von ihm angegebenen Gehalte verantwortlich sey, ihm aber die Wahl des Verfahrens, nach welchem er sie bestimmen will, überlassen bleibe.

2) Daß alle nach dem Gesez vom 9. Brumaire des Jahres 6 in der Pariser Münze zu machenden Gegenproben von Barrensilber und Silberwaaren für den Handel nur auf dem nassen Wege zu machen seyen.

3) Daß Proben und Gegenproben über den Gehalt der in den königlichen Münzstätten ausgeprägten Münzsorten ebenfalls nur auf dem nassen Wege gemacht werden sollen. – Daß es der Münzcommission in einzelnen Fällen zwar freistehen solle, das alte Verfahren mit Benuzung von Berichtigungstafeln beim Probiren des Silbergeldes beizubehalten, daß aber, sobald die Proben die Gehalte höher oder niedriger, als es die gesezliche Bestimmung erlaubt, angeben, die Verification immer auf dem nassen Wege geschehen müsse.

Die Herren Gay-Lussac und d'Arcet sind übrigens vom Finanzminister aufgefordert worden, sobald als möglich ein neues Handbuch der Probirkunst herauszugeben, worin das neue Verfahren, auf dem nassen Wege zu probiren, mit allen später aufgefundenen Hülfsmitteln und Erleichterungen ausführlich und genau beschrieben ist.

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Zusaz. Nach dem Druk der officiellen Verhandlungen, aus welchen so eben ein Auszug mitgetheilt wurde, hat Hr. Gay-Lussac das Probirverfahren auf nassem Wege noch mehr verbessert, und so vereinfacht, daß jeder Unerfahrene es leicht und mit Sicherheit ausüben kann. Nach diesem einfacheren Verfahren ist nur eine Wägung nöthig, die des zu prüfenden Silbers. Dieß wird in einer Flasche mit eingeriebenem Stöpsel in Salpetersäure aufgelöst und durch eine Kochsalzauflösung von bestimmter Stärke, die man in einer graduirten Pipette abmißt, gefällt. Durch starkes Umschütteln der Flüssigkeit in der Flasche ballt sich das Chlorsilber so zusammen und sezt sich so gut ab, daß die darüber stehende Flüssigkeit schnell klar wird. Man sezt dann durch eine andere Pipette ein Maaß einer schwächeren Kochsalzauflösung von bestimmter Stärke hinzu, um sich durch eine neue Trübung zu überzeugen, ob alles Silber gefällt worden oder nicht: Hat man im Anfange zu viel Kochsalzauflösung hinzugesezt, so kann man die Wirkung von einem oder mehreren Maaßen derselben durch eine gehörige Zahl von Maaßen einer Auflösung von salpetersaurem Silberoxyd von entsprechender Stärke wieder aufheben. Richtet man das Gewicht der zu prüfenden Legirung so ein, daß der darin enthaltene wahrscheinliche Silbergehalt durch die mittelst der Pipette abgemessene Kochsalzauflösung gefällt wird, was sehr leicht aus einer zu diesem Zwek berechneten Tafel zu ersehen ist, so gibt, wenn zehn Proben auf einmal geprüft werden, dieß Verfahren in weit kürzerer Zeit bestimmte Resultate, als die Coupellation.157) (Poggendorff's Annalen der Physik und Chemie 1830. N. 9.)

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Sollte Hr. Gay-Lussac sein neues Probirverfahren umständlich in den Annales de Chimie et de Physique beschreiben, so werden wir nicht säumen es unseren Lesern mitzutheilen. A. d. R.

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