Titel: Bernhard's Kraftapparat.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1831, Band 41, Nr. LXXIX. (S. 334–343)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj041/ar041079

LXXIX. Ueber Hrn. Anton Bernhard's Kraftapparat.

Seit beinahe zwei Jahren hat Hr. Anton Bernhard aus Ungarn die Aufmerksamkeit des hiesigen Publikums in einem hohen Grade durch die Ankündigung und Bekanntmachung eines von ihm entdekten, seit Jahrtausenden unbekannt gebliebenen, Naturgesezes, und eines darauf gegründeten neuerfundenen Kraft- und Hebeapparates erregt, welcher in allen Arten der Anwendung die Dampfmaschinen übertreffen und sie ganz entbehrlich machen soll.

So lange die Einwirkung dieser Prätensionen nur auf das hiesige Publikum beschränkt blieb, glaubte ich den Hrn. Bernhard, nachdem alle meine und meiner gelehrten Freunde Bemühungen, ihm seinen Irrthum begreiflich zu machen, vergeblich gewesen, in seinen |335| zweklosen Unternehmungen ruhig gewähren lassen zu dürfen, überzeugt, daß kein Sachverständiger dadurch getäuscht werden könnte, und daß einigen Laien in der Physik und Mechanik, welche zu seiner neuen Lehre sich bekannt haben, früher oder später durch eigenen Schaden die Augen geöffnet werden müssen. Nachdem er nun aber in einer Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 30. Julius d. J. mit seinen Behauptungen öffentlich aufgetreten ist, und durch seine Klagen über Mangel an Unterstüzung und Anerkennung seiner Entdekung von Seite aller Gelehrten, aller wissenschaftlichen Gesellschaften und technischen Vereine in Bayern, auf eine indirecte Weise auch mich zur Rechtfertigung über meinen ganz unverhohlen bekannten Unglauben aufgefordert hat, so glaube ich, eine öffentliche Widerlegung seiner falschen Behauptungen, welche ihm ohne Zweifel in auswärtigen wissenschaftlichen und technischen Journalen bald reichlich zu Theil werden wird, um so weniger länger zurük halten zu dürfen, als es außerdem wohl scheinen möchte, es gäbe in Bayern keine Physiker und Techniker, welche das Irrige dieser angeblichen Entdekung und Erfindung eingesehen hätten.104)

Durch ein mit Queksilber bearbeitetes Modell dieses sogenannten Kraftapparates, welches Hr. Bernhard dahier im mathematischmechanischen Institute des Hrn. Ertel im Monat September des vergangenen Jahres aufgestellt, und mit welchem er damals und in den Monaten März, April und Mai des gegenwärtigen Jahres zahlreiche Versuche vorgenommen hatte, glaubt er, das Factische seiner physikalischen Entdekung und die Wirklichkeit der angegebenen Vortheile seiner Erfindung schon hinlänglich erwiesen zu haben, und |336| durch ein großes Wasserhebewerk, mit dessen Bau in einem Thurme am Sendlinger Thore er seit einem halben Jahre beschäftigt, welches aber noch nicht vollendet ist, hofft er vollends alle Ungläubigen zu bekehren, und die ganze Welt von der Unfehlbarkeit seiner neuen Lehre zu überzeugen, daß nämlich die flüssigen Körper, unter den Umständen, in welche sein Apparat sie versezt, im Verhältniß ihrer Erwärmung, im tropfbar flüssigen Zustande, bis zu einer Höhe sich verdünnen und ausdehnen lassen, welche man unendlich nennen könnte, da sie jede brauchbare übertrifft;“ so daß also durch den bloßen Druk der Atmosphäre, welcher im gewöhnlichen oder natürlichen Zustande einer Wassersäule von höchstens 32 Fuß das Gleichgewicht hält, eine durch seine Kunst verdünnte, ausgedehnte und specifisch leichter gemachte Wassermasse, in concret-flüssigem Zustande, und ohne in Dampf verwandelt zu werden, auf eine senkrechte Höhe von vielen tausend Fußen gehoben würde! –

Daß diese eingebildete Entdekung eines neuen Naturgesezes nicht nur allen gesunden Begriffen von der Ausdehnung tropfbar flüssiger Körper, sondern allen Erfahrungen widerspricht, und nur auf einer groben Täuschung beruht, und daß der berühmte Kraft- und Hebeapparat nichts weiter ist, als ein complicirter Destillirapparat, welcher von den gewöhnlichen Vorrichtungen dieser Art hauptsächlich nur darin sich unterscheidet, daß das Abkühlungsgefäß, worin die aufsteigenden Dämpfe verdichtet werden, über dem Kolben angebracht, und daß die Verdampfung durch einen im Kolben gemachten luftleeren Raum erleichtert und befördert wird darüber haben bereits alle Physiker und alle gründlichen und wissenschaftlich gebildeten Techniker in London, in Berlin und hier einstimmig entschieden; und die Täuschung liegt für Jeden, der nur mit den Anfangsgründen der Naturlehre bekannt ist, so klar am Tage, daß es ganz überflüssig wäre, sich hier in eine umständliche Beweisführung darüber einzulassen.105)

|337|

Daß aber dieser sogenannte Kraft- und Hebeapparat auch in technischer Hinsicht nichts taugt, und zu dem beabsichtigten Zweke, alle Dampfmaschinen mit Vortheil zu ersezen, durchaus unbrauchbar ist, davon kann sich vorläufig Jedermann überzeugen, welcher ein von mir dahier aufgestelltes Dampfmaschinenmodell sehen und die Wirkung desselben mit jenem des im Ertel'schen Institute producirten Queksilberapparates vergleichen will.106)

Bei diesem lezteren stieg eine sehr unbedeutende Menge von Queksilber vom Röhrenkessel bis in den Abkühlungs- (eigentlich Verdichtungs-) Apparat auf die Höhe von 13 Fuß 1 1/2 Zoll; da es aber durch diesen Apparat und durch eine Ausleerungsröhre wieder 5 Fuß 8 Zoll herabfallen mußte, so betrug die eigentliche nuzbare Höhe, zu welcher das Queksilber gebracht wurde, und wo dasselbe zum Vorschein kam, nur 7 Fuß 5 1/2 Zoll.

Die Quantität des an dieser Stelle in einer bestimmten Zeit ausgelaufenen, oder vielmehr in einer engen gläsernen Röhre kaum sichtbar herabträufelnden Queksilbers ist, so viel mir bekannt, bei keinem der vorgenommenen Versuche gehörig gemessen worden, betrug aber, zufolge eines von dem hiesigen königl. Notar, Hrn. v. Hunkerkhausen |338| am 23. Septbr. vorigen Jahres aufgenommenen Protokolls, gegen 40 Pfd. in einer Viertelstunde.107)

Der mechanische Effect, welchen dieser Apparat hervorbrachte, oder das Product aus dem gehobenen Gewichte und der erreichten nuzbaren Höhe, war daher in einer Viertelstunde

40 × 7,458 = 298,32.

Die Mittel, wodurch diese Wirkung erhalten wurde, bestanden 1) in einem ziemlich lebhaften, unter dem Kessel beständig unterhaltenen Feuer, dessen Flamme das in dem Schornstein eingeschlossene eiserne Steigrohr von allen Seiten umspielte, und folglich hinlänglich erhizte, um die darin aufsteigenden Queksilberdämpfe unverdichtet bis zu dem Condensationsgefäße zu bringen; 2) in der Kraft eines Mannes, welcher oben eine Luftpumpe bearbeitete; 3) in der Kraft von zwei Männern, welche unten eine Drukpumpe bearbeiteten, durch welche das Verdichtungsgefäß mit einem bedeutenden Zufluß von kaltem Wasser ununterbrochen abgekühlt wurde.

Mein Dampfmaschinenmodell hingegen sezt durch eine sehr einfache Vorrichtung den Kolben einer gewöhnlichen Saug- und Hebpumpe in Bewegung, durch welche in jeder Minute 270 Pfd., also in einer Viertelstunde 4050 Pfd. Queksilber auf eine senkrechte Höhe von 12 3/2 Fuß gehoben werden. Der hervorgebrachte mechanische Effect in einer Viertelstunde ist also

4050 × 12,75 = 51,637,5.

Diese Wirkung wird durch einen cylindrischen Kessel von Eisenblech erhalten, dessen Dimensionen nicht größer als jene bei dem Ertel'schen Queksilberapparate sind, mit einem Feuer von Fichtenholz, welches auf einem etwas kleineren Roste brennt.

Mein Modell hebt also bloß durch die Wirkung des Feuers, und ohne alle Mitwirkung einer anderen Kraft, auf eine fast zwei Mal größere Höhe so viele Centner als der Ertel'sche Apparat mit demselben Aufwande von Brennholz und mit der Beihülfe von drei Arbeitern Pfunde gehoben hat, und der mechanische Effect |339| übertrifft jenen des lezteren in dem Verhältnisse von 173 zu 1.

Dieses von einer Commission der mathematisch-physikalischen Classe der königl. Akademie der Wissenschaften, welche am 3ten des gegenwärtigen Monats das Modell geprüft, einen vollständigen Versuch mit selbem vorgenommen, und darüber beiliegendes von dem Vorstande der Akademie, Hrn. Geheimenrath von Schelling, dem Classensecretär Hrn. Hofrath Döllinger, dann den Mitgliedern: Hrn. v. Wiebeking, Hrn. Hofrath und Professor Fuchs, Professor Siber, Hofrath und Professor Oken und Hofrath Späth unterzeichnetes Protocoll aufgenommen hat, liefert demnach, wenigstens im Kleinen, schon den Beweis, daß die Wirkung eines Bernhard'schen Apparates gegen jene einer guten Dampfmaschine unendlich weit zurüksteht; und da der Widerstand der Reibungen und der Aufwand von Brennmaterial bei größeren Dampfmaschinen verhältnißmäßig immer um Vieles geringer ist als bei Modellen oder kleineren Maschinen; da bei dem Apparate des Hrn. Bernhard der Betrieb der Luft- und Wasserpumpen noch einen sehr bedeutenden Kraftaufwand in Anspruch nimmt, welcher für die nuzbare Wirkung desselben verloren geht; da endlich der Effect einer durch gehobenes Wasser betriebenen Maschine wenigstens um ein Drittel schwacher ist, als das zum Heben dieses Wassers erforderliche Kraftmoment, so darf man mit der vollkommensten Sicherheit behaupten, daß ein nach Hrn. Bernhard's Plan im Großen ausgeführtes Maschinenwerk zu seinem Betriebe wenigstens zweihundert Mal so viel Brennmaterial erfordern werde als eine gute Dampfmaschine von gleicher Wirkung; oder, was gleich viel gilt: daß eine Dampfmaschine mit dem 1/200ten Theile von Brennmaterial mehr leisten werde als eine durch das im Baue begriffene Musterwasserwerk, welches Hr. Bernhard zum Wettkampfe mit den besten Dampfmaschinen aufzustellen erklärt hat, betriebene Maschine. Die ungeheure Verschwendung von Brennstoff, welche bei diesem Apparate, im Vergleich mit dem für den Betrieb einer Dampfmaschine nöthigen Aufwande, Statt haben muß, ist übrigens schon a priori leicht zu begreifen, wenn man bedenkt, daß durch die Verdampfung eines Kubikfußes Wasser im Kessel einer Dampfmaschine mehrere Hundert Kubikfuß Wasser auf eine bedeutende Höhe gepumpt werden können, da hingegen bei der Bernhard'schen Vorrichtung alles Wasser, welches gehoben werden soll, zuerst gekocht werden muß! –

Ich wünsche daher nichts sehnlicher, als daß, zur vollständigen Heilung des Hrn. Bernhard (wenn er von seiner fixen Idee anders noch zu heilen ist) und zur Enttäuschung aller derjenigen, welche noch an seine neue Lehre und an seine verheißenen Wunder glauben, |340| das große Wasserhebewerk am Sendlinger Thore dahier recht bald zu Stande komme, und daß sodann die Wirkungsart desselben, die Temperatur im Steigrohre, die Menge des aus dem Abkühlungsgefäße ablaufenden Wassers, und die Menge des verbrauchten Brennholzes mit der größten Genauigkeit untersucht und gemessen werden möge. Unterdessen erbiete ich mich vorläufig zu jeder beliebigen Wette, daß die nuzbare Wirkung dieses großen Wasserwerkes im Vergleiche mir einer guten Dampfmaschine noch schwacher ausfallen werde, als diese mit dem Queksilberapparate bei Hrn. Ertel sich erwiesen hat.

So dürften also, was die Wirksamkeit und den Aufwand von Brennmaterial betrifft, die Dampfmaschinen von dem Vertilgungskriege, welchen Hr. Bernhard ihnen durch seine neue Erfindung angekündigt hat, vor der Hand noch nichts zu befürchten haben.

Aber auch die übrigen Vorzüge, welche er seinem Apparate zuschreibt, erscheinen bei einer näheren Beleuchtung illusorisch. Er hält sich Vieles darauf zu Gute, daß seine Vorrichtung ohne Pumpen, folglich ohne Kolben und Ventile, arbeitet; er scheint jedoch vergessen zu haben, daß er zum Heben des kalten Wassers auf seinen Verdichtungsapparat nicht nur Wasserpumpen, sondern zur Erzeugung und Erhaltung eines luftleeren Raumes noch weit künstlichere und schwerer zu unterhaltende Luftpumpen nöthig hat. Er behauptet, daß der Bau seines Apparates einfacher und wohlfeiler als der einer Dampfmaschine sey. Da er aber mit diesem Apparate nur Wasser heben, aber kein Maschinenwerk unmittelbar betreiben kann, folglich neben seinem Kraftapparate noch eine zweite Maschine mit einem oberschlächtigen Rade bauen muß, welche durch das gehobene Wasser betrieben wird, so wird die ganze Anlage nicht nur weit complicirter als die einer Dampfmaschine, durch welche jedes Maschinenwerk unmittelbar in Gang gesezt werden kann, sondern sie erfordert auch einen ungleich größeren Raum, und der Aufwand an Materialien, an Arbeit und an Gebäuden muß offenbar denjenigen sehr bedeutend übersteigen, welchen der Bau einer Dampfmaschine von gleicher Wirkung verursachen würde. Um ein oberschlächtiges Wasserrad von 30 Fuß Durchmesser zu betreiben, müßte man einen Thurm von wenigstens 75 Fuß Höhe bauen. –

Aber auch in solchen Fällen, wo das Heben des Wassers der Hauptzwek ist, wie bei Entwässerungen von Sümpfen und Seen, Gewältigung der Grubenwasser in Bergwerken, Bewässerung von Städten und hoch liegenden Gründen u. dergl. wird der Bernhard'sche Apparat unbrauchbar, oder dessen Anwendung mit großen Schwierigkeiten und praktischen Unbequemlichkeiten verknüpft seyn, und die |341| gewöhnlichen Pumpwerke nie ersezen können. Denn da diese Vorrichtung das Wasser aus keiner tieferen Lage einzuziehen oder einzusaugen vermag, so muß der ganze Apparat mit dem darunter angebrachten Feuerherde, Roste und Aschenfall immer um mehrere Fuß tiefer als der Bach oder Sumpf, von welchem das Wasser genommen werden soll, gestellt, folglich in eine Grube unter dem Niveau des Wassers versenkt werden. Wie nun da das Eindringen des Wassers, das Ersaufen des Apparates und das Auslöschen des Feuers verhütet werden soll, ist schwer abzusehen. – Zur Gewältigung der Grubenwasser müßte der ganze Apparat an der tiefsten Stelle eines Schachtes und unter dem Sumpfe angebracht, und der hiezu nöthige, sehr bedeutende, Raum mit außerordentlichen Kosten gewonnen werden. – Gegen die von Hrn. Bernhard vorgeschlagene Bewässerung einer Stadt würden die Einwohner ohne Zweifel auch aus dem Grunde Protestiren, weil sein Apparat ihnen statt frischen Quell- oder Brunnenwassers nur gekochtes, mattes und laues Theewasser liefern würde.

Was endlich die Gefahr von Explosion betrifft, so ist davon freilich bei einem Destillirapparat nichts zu befürchten; und wenn unter zehntausend Dampfmaschinen zufälliger Weise jährlich Eine springt, so wird gewiß ein Unglük dieser Art von Bernhard'schen Kraftapparaten nie erhört werden – weil man keinen derselben irgendwo ausführen und betreiben wird. Denn schwerlich werden auch die furchtsamsten, ängstlichsten und gewissenhaftesten Fabrikeigenthümer ihre Gebäude und das Leben ihrer Arbeiter mit einer jährlichen Auslage für Brennmaterial assecuriren wollen, deren Betrag den gewöhnlichen Aufwand bei Dampfmaschinen zwei hundert Mal übertrifft, da sie ja, wenn es ihnen vor Allem um die sicherste Erreichung dieses Zwekes zu thun ist, denselben überall hundert Mal wohlfeiler und leichter durch Vorrichtung von Maschinen erreichen können, welche von Pferden oder Menschen betrieben werden. Uebrigens hat man in den neuesten Zeiten verschiedene Vorrichtungen erfunden, durch welche, wenn sie gehörig angewendet werden, das Bersten eines Kessels, selbst bei der höchsten Spannung von Dämpfen, beinahe unmöglich gemacht wird; und wenn man diese Spannung nur nicht unnöthiger Weise übertreibt, und den Dampfkessel vorher auf das Vier- oder Fünffache des anzubringenden Drukes probt, so hat man, besonders bei Anwendung des Tubularsystems im Baue der Kessel, von einem bedeutenden Unfalle durchaus nichts zu befürchten, da das Springen eines einzelnen Rohres keinen anderen Schaden als eine augenblikliche Unterbrechung im Gange der Maschine verursachen kann.

Zum Schlusse wiederhole ich hier noch ein Mal, daß ich zu dieser |342| öffentlichen Ablage meines Glaubensbekenntnisses über die Entdekung und Erfindung des Hrn. Bernhard nur durch die herausfordernden Beschwerden desselben gegen mich und meine gelehrten Freunde und Kollegen veranlaßt worden bin, da ein gänzliches Stillschweigen von unserer Seite wohl den Verdacht erregen könnte, daß auch wir uns hätten täuschen lassen. Ich verwahre mich zugleich auf das Feierlichste gegen jede Beschuldigung von Eifersucht, persönlicher Feindschaft oder gehässigen Absichten gegen Hrn. Bernhard, den ich vielmehr aufrichtig bedaure, daß er so viel Geld, so viele Mühe und Zeit auf die unnüzeste und undankbarste Verfolgung eines wissenschaftlich – technischen Hirngespinnstes verschwendet hat. – Ist die Wahrheit auf seiner Seite, und kann er die Richtigkeit seiner neuen Theorie und die Wirklichkeit der von ihm angegebenen Vortheile seiner Erfindung durch völlig entscheidende und überzeugende Versuche im Großen beweisen, so wird diese meine Opposition seinen Triumph nur erhöhen. Im entgegengesezten Falle aber kann diese meine Erklärung ihm nicht mehr schaden, als er sich selbst durch seine irrigen und anmaßenden Behauptungen geschadet hat.

––––––

Protocoll,
welches über die Wirkung einer von dem königl. Oberst-Bergrath und Akademiker, Herrn Ritter Joseph von Baader, dahier aufgestellten kleinen Dampfmaschine abgehalten worden.

München, am 3ten August 1831.

––––––

Gegenwärtige.

Der Vorstand der königl. Akademie der Wissenschaften,

Herr Geheimerrath und Generalconservator von Schelling.

– Hofrath und Professor Döllinger.

– Oberst-Bergrath Joseph v. Baader.

– Geheimerrath v. Wiebeking.

– Professor Fuchs.

– Hofrath und Professor Oken.

– Professor Siber.

– Hofrath und Professor Späth.

Protocollführer.

Herr Hofrath Döllinger, Sekretär der mathematisch-physikalischen Classe.

––––––––

|343|

Nachdem der königl. Oberst-Bergrath und Akademiker, Herr Ritter Joseph v. Baader, an die mathematisch-physikalische Classe der königl. Akademie der Wissenschaften das schriftliche Ansuchen gestellt hatte, ein von ihm dahier aufgestelltes Dampfmaschinen-Modell zu besichtigen und die Wirkung desselben zu untersuchen, so versammelten sich heute die nebenbenannten Mitglieder der Classe in dem königlichen Hofbrunnhause am sogenannten Jungfernthurm, woselbst sie eine kleine Dampfmaschine von einer neuen und äußerst einfachen, von Herrn v. Baader erfundenen Construction fanden, welche durch einen 3 Fuß langen und 12 Zoll im Durchmesser weiten cylindrischen Kessel von Eisenblech betrieben wird, und mittelst eines kleinen Schwungrades und Hebels den Kolben einer eisernen Saug- und Hebe-Pumpe in Gang sezt.

Nachdem durch die Wirkung eines kleinen Feuers die Elasticität des Wasserdampfes im Kessel so weit gesteigert war, daß sie dem Druke von drei Atmosphären gleichkam, hob diese Maschine, mit 120 Kolbenzügen in einer Minute, aus einem unter der Pumpe angebrachten Behälter auf die Höhe von 12 3/4 Fuß, in ununterbrochenem und gleichförmigem Strome, eine solche Masse von Queksilber, daß ein Gefäß, welches eine bayerische Maß hielt, in sechs Sekunden angefüllt war.

Da nun ein Maß Queksilber 27 Pfund wiegt, so ergibt sich als Resultat der Wirkung dieser Maschine in jeder Minute:

10 Maß Queksilber = 270 Pfund,

und in einer Viertelstunde:

150 Maß = 4050 Pfund,

auf eine senkrechte Höhe von 12 3/4 Fuß gehoben.

Hiemit wurde gegenwärtiges Protocoll geschlossen und von sämmtlichen Anwesenden unterzeichnet.

München, den 3ten August 1831.

(Folgen die Unterschriften.)

Die wörtliche Übereinstimmung vorstehender Abschrift mit dem Original-Protocoll bestätigt

München, den 12ten August 1831.

Progel,
Registrator.

|335|

Im London-Journal of Arts and Sciences von den Monaten October und November 1829 ist das Irrige der Bernhard'schen Theorie von der Ausdehnung flüssiger Körper, und die Untauglichkeit seines Apparates als Ersaz für die Dampfmaschinen mit wissenschaftlichen Gründen erwiesen worden, welche Hr. Bernhard durch seinen langen Aufsaz in einer Beilage zum 4ten Hefte des XXXIX. Bandes des Dingler'schen polytechn. Journales keineswegs widerlegt hat. Eine noch schärfere Beurtheilung ist ihm aber erst neuerlich in einem der gediegensten technischen Journale: The Register of Arts and Patent-Inventions vom 1. Mai des gegenwärtigen Jahres zu Theil geworden, wovon das erste Augustheft des polytechn. Journales, S. 160–173 eine wörtliche Uebersezung enthält, und worin das Illusorische seines großen Versuches mit Wasser am Surry-Canal in London, und seines ersten Versuches mit Queksilber zu München auf eine schlagende Weise dargestellt wird. Wir wissen übrigens, daß jener Wasserhebungs-Apparat bald wieder abgebrochen, und seither von dieser Bernhard'schen Erfindung in England kein Gebrauch gemacht worden ist. Wäre dieser mit bedeutendem Aufwande im größten Maßstabe öffentlich vorgenommene Versuch so günstig und überzeugend ausgefallen, als Hr. Bernhard behauptete, so hätte man dort gewiß schon mehrere Anwendungen davon gemacht, und Hr. Bernhard hätte sehr Unrecht zwei Jahre, von dem Termine seines Patentes in einem Lande zu verlieren, wo er, nach seiner Versicherung schon die bedeutendsten Contracte eingegangen hat, und Millionen gewinnen könnte, wenn es mit den angegebenen großen Vorzügen seiner Erfindung vor den Dampfmaschinen richtig wäre.

|336|

Bei einem jener ersten Versuche mit dem Bernhard'schen Queksilberapparate im mechanischen Institute des Hrn. Ertel ward der enge Raum, in welchem dieser Apparat stand, durch Queksilberdämpfe, welche durch die Fugen der eisernen Steigröhren und durch die Oeffnung eines kleinen Hahnen an denselben, der nicht schnell genug wieder verschlossen werden konnte, herausdrangen, dergestalt angefüllt, daß alle Anwesenden in einem mehr oder weniger bedenklichem Grade davon vergiftet wurden. Drei Arbeiter des Hrn. Ertel mußten in das allgemeine Krankenhaus gebracht werden. Einer der Anwesenden, welcher ein Goldstük in seiner Tasche hatte, zog dasselbe ganz weiß heraus. Hr. Bernhard selbst hatte mehrere Wochen lang an allen Symptomen von Queksilbervergiftung (z.B. Wakeln der Zähne, Speichelfluß) auf eine höchst unangenehme Weise zu leiden, und man hätte erwarten dürfen, daß er durch einen so offenbaren und fühle baren Beweis mit eigenem Schaden über das Irrige seines neuentdekten Naturgesezes belehrt, und überzeugt worden wäre, daß das Queksilber in den fast bis zum Glühen erhizten eisernen Röhren nicht in concret flüssiger Gestalt, sondern |337| in Dampf verwandelt aufstieg. Später, als zur Verhütung solcher Unglüklichen Zufalle die Fugen der Röhren dichter gemacht, und die gefährlichen Hahnen unbeweglich verschlossen und mit Lehmen überstrichen waren, wohnte ich dort selbst einem Versuche bei, und überzeugte mich von dem Aufsteigen der Queksilberdämpfe in den Verdichtungsapparat durch eigenes Gefühl auf folgende unschädliche Art. Ich fand den Rüken des höchsten liegenden Cylinders, welcher einige Zoll über die Wasserfläche im hölzernen Behälter hervorragte, so heiß, daß man ihn kaum anrühren konnte. Diese starke Erhizung nach Oben eines fast ganz mit kaltem Wasser umgebenen Gefäßes konnte doch offenbar nur von einem nach allen Seiten sich ausbreitenden elastischen Dampfe herrühren, da das Queksilber, wenn es in concret flüssigem Zustande empor gestiegen wäre, in so geringer Menge den 6 Zoll im Durchmesser weiten Cylinder nicht bis oben ausfüllen konnte, sondern sogleich auf den Boden desselben fallen, und auf demselben in die unteren Röhren ablaufen mußte. Wozu wäre auch, wenn hier keine wirkliche Verdampfung Statt gefunden hätte, ein so großer Abkühlungsapparat mit so bedeutenden Berührungsflächen, und ein ununterbrochenes Zuströmen von kaltem Wasser nöthig gewesen, dessen Menge jene des durch Destillation übergezogenen Queksilbers wenigstens 2000 Mal übertraf? – Um das durch mäßige Hize bloß ausgedehnte und leichter gewordene Queksilber wieder zu seinem natürlichen Zustande und ursprünglich specifischen Gewichte zurük zu bringen, dazu wäre wohl die Abkühlung an der Luft ohne allen Zufluß von kaltem Wasser hinreichend gewesen.

|337|

Dieses arbeitende Modell einer Dampfmaschine von einer neuen und sehr einfachen, von mir erfundenen, Construction, welches schon vor mehreren Jahren nach meiner Angabe und auf meine Kosten von dem seiner Geschiklichkeit wegen rühmlich bekannten Hofbrunnenmeister Hrn. Höß in dessen eigener Werkstätte am Brunnthale dahier verfertigt und dort mehreren Sachverständigen gezeigt worden ist, habe ich gegenwärtig, zum Behufe einer anschaulichen Vergleichung mit dem Bernhard'schen Queksilberapparate, in dem königl. Brunnenhause am sogenannten Jungfernthurme dahier aufgestellt, wo ich die Einrichtung und Wirkung desselben Jedermann täglich zu zeigen bereit bin.

|338|

Hr. Bernhard hat in seinem, in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 30. Julius d. J. erschienenen Sendschreiben, worin er sich auf jenes Protocoll vom 25. Septbr. vorigen Jahres beruft, angegeben, daß im mittleren Durchschnitte alle Minuten beiläufig 60 Pfund Queksilber aus dem Fallrohr heraus liefen,“ was jene dokumentirte Leistung von 40 Pfd. in 15 Minuten 221/2 Mal überträfe! Wir wollen glauben, daß diese Verwechslung von 40 mit 60, und von einer Viertelstunde mit einer Minute bloß durch ein unbeliebiges Versehen oder durch einen Schreib- oder Drukfehler entstanden sey. –

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