Titel: Ueber den Einfluß der Maschinen auf die Beschäftigung der Arbeiter.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1831, Band 41, Nr. XVI./Miszelle 2 (S. 69–72)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj041/mi041016_2

Ueber den Einfluß der Maschinen auf die Beschäftigung der Arbeiter.

Mit der großen Veränderung der Dinge in Frankreich ward eine Sache neuerdings in Anregung gebracht, die sowohl in diesem Lande als in England schon so oft zu Unordnungen Anlaß gegeben hat. Wir meinen die Abneigung, welche die arbeitende Klasse und selbst unaufgeklärte Menschen aus gebildeterem Range gegen die Anwendung von Maschinen finden. Die Stokung aller Industrie, die in Frankreich in Folge der Revolution und des Ungewissen schwankenden Zustandes eintrat und sich über ganz Europa mehr oder minder verbreitete, nahm vielen Arbeitern ihren Verdienst. In Frankreich, wo das Volk wieder einmal des Zügels Meister geworden war, die Aufregung noch alle Klassen fieberisch bewegte, schrieben viele brodlose Arbeiter den Maschinen ihre schlimme Lage zu, und wendeten ihre zerstörenden Hände gegen diese in der Hoffnung, sich derselben mit eben dem Erfolge zu erledigen, mit welchem sie die alte fehlerhafte Regierungsmaschine Karls X. zertrümmert hatten.

So schlimm die Folgen der übrigens nothwendigen politischen Reaction momentan waren, so hätten jene einer solchen industriellen Umwälzung, wenn sie allgemein über ganz Frankreich ausgeführt worden wäre, noch unendlich viel zerstörender und mörderischer für den Nationalwohlstand werden müssen. Es vereinigte also die neue herrschende Gewalt alle ihre Kräfte, um derselben für den Augenblik zu begegnen, durch öffentliche Arbeiten, durch gewaltsame Einschreitungen |70| u.s.w., und fand in der Société d'instruction élémentaire eine thätige Alliirte, welche versuchte dem Uebel dadurch mehr von Grund aus abzuhelfen, indem sie die Feinde der Maschinen über ihren Irrthum aufzuhellen versuchte. Sie sezte zu diesem Zweke einen Preis von 500 Franken für die beste Abhandlung über diesen Gegenstand aus, welche unter den Arbeitern verbreitet werden sollte.

Dieser wurde am 24. Nov. 1830 endlich unter drei Bewerbern getheilt und deren Abhandlungen zusammen unter dem Titel: De l'utilité des machines (Paris, de l'imprimerie de David 1831), zum Druke befördert.

Eine Dame, Elisabeth Belnard in Paris erhielt den ersten Preis von 300 Fr. Ihre Schrift führt den Titel: Des Machines, de leur influence sur laprospérité de la nation et le bien-être des ouvries.

Dr. med. Türk in Nancy, und M. Bereuger, Uhrmachergesell in Paris, erhielten jeder einen Antheil von 100 Franken. Jener schrieb einen Dialogue entre plusieurs ouvriers sur les avantages des machines: dieser eine Abhandlung De l'influence des mécaniques sur le prix de salaires et le hienêtre du peuple. Ihre drei Abhandlungen liegen vor uns und wir wollen deren wesentlichen Inhalt zusammenfassen und unseren Lesern nebst einigen eigenen Gedanken in Kürze mittheilen.

Die drei Verfasser bemühen sich durch Beispiele, Thatsachen, Zahlen zu beweisen, welchen allgemein nüzlichen Einfluß die Maschinen aller Art auf die Bequemlichkeit und das Wohlseyn der menschlichen Gesellschaft äußern. Eine Wassermühle ist im Stande 36 Hektolitres Getreide des Tages zu mahlen, wozu es mit Handmühlen 155 Leute bedürfte. Wenn jeder derselben mit 2 Fr. bezahlt würde, kämen diese 36 Hektolitres auf 310 Fr. zu stehen. Ein Wasserwerk kostet dagegen jährlich 3000 Fr., also 40 Fr. täglich für 310 Fr., woraus sich ergibt, daß auf 36 Hektolitres Getreide durch die Wasserkraft 300 Fr. gespart und der Preis des Kilogrammes Brod um 2 Gols erniedrigt wird. Hiebei ist die Wirkung noch nicht berüksichtigt, die eine so schwere anstrengende Arbeit als das Treiben der Handmühlen auf die unglüklichen Arbeiter äußern würde. – Als die Wissenschaft der Mechanik noch nicht ausgebildet war, waren drei Viertheile der Bevölkerung im größten Elend; allgemeine Hungersnoth trat häufig ein und raffte einen Theil der Bevölkerung weg. Ehe die Buchdrukerei erfunden war, lebten eine kleine Zahl Copisten kärglich und verkrüppelnd von ihrem Geschäfte. Nun verdienen alle Buchdrukerarbeiter, deren Anzahl jene mehr als zweihundert Mal übersteigt, 4 bis 40 Franken des Tags. Als es keine Strumpfwirkerstühle gab, verdiente eine Jahr aus Jahr ein baarfußlaufende Strikerin 6 bis 8 Sous des Tags. Nun werden die Strumpfwirker mit 40 bis 50 Sols bezahlt.

Seht, „sagt Dr. Türk, indem er sich an die Maschinenfeinde wendete,“ – Seht, wenn man alle Maschinen, deren die Agrikultur sich bedient, vernichten würde, was würde geschehen? – Etwa zehn Millionen arbeitsfähige Menschen mögen in Frankreich seyn. Glaubt ihr, daß diese Zahl, so groß sie scheint, hinreichen würde, ohne Pflug, Ege, Dreschmaschine, Mühlen u.s.w. den Boden zu bebauen und für sich und ihre Familien Nahrung zu erzeugen? Nein gewiß nicht, und ein Theil des Erdreiches müßte unbebaut bleiben, und ein Theil der Bevölkerung in kurzer Zeit dem Elende und Hunger anheim fallen. Ohne Künste, ohne Maschinen, ohne Manufakturen würde selbst dem Geringsten das Einzige entzogen, was ihm das Leben noch erträglich macht; die menschliche Gesellschaft würde in den Zustand der Verwilderung zurükkehren, in Felle, ungegerbtes Leder sich kleiden oder gleich Wilden nakt und bloß in den Wäldern umherirren. Seht doch den Zustand jener uncultivirten Nationen anderer Welttheile, die in den fruchtbarsten Ländern wild umher irren? – Wollt ihr mit ihnen tauschen? – Sie haben Alles besser als wir Europäer, ein herrliches Klima, fruchtbarer Boden, und dennoch können sie kaum den hundertsten Theil des Nuzens daraus ziehen, den wir aus unserm Boden gewinnen. Was fehlt ihnen dazu? – Werkzeuge und Maschinen, denn Maschinen sind nichts als verbesserte Werkzeuge. Unsere Stadt hat 30,000 Einwohner, wovon viele von Tuchmacherei leben. Wenn nun diese Arbeit noch unvollkommen wäre, ohne Kardätsch-, Spinn-, Waschmaschinen, ohne Schnellschüzen, ohne Schermaschinen, so würde die Elle ordinäres Tuch vielleicht mehr als 100 Fr. kosten. Wie viel Leute glaubt ihr, daß es in unserer Stadt geben kann, die für diesen Preis es kaufen könnten? – Vielleicht zehn. Nun werden einige Maschinen erfunden, welche die Arbeit so herabbringen, daß zwar |71| ein großer Theil der damit beschäftigten Arbeiter entbehrlich sind, und die Elle Tuch für 50 Fr. gegeben werden kann. Wie viel Leute werden dann es kaufen können? Gewiß hundert. Und wenn es endlich nur 25 Fr. kosten wird, werden wir vielleicht 1000 Individuen finden, die sich es kaufen können, und die Consumtion desselben so wie die Arbeit wird sich hundert Mal vermehren. Wenn also einerseits die Handarbeit abnimmt, nimmt andererseits der Verbrauch in weit größeren Verhältnissen zu und ersezt so wieder jenen Verlast der arbeitenden Klasse doppelt, gibt ihr Beschäftigung und größeren Verdienst. So haben wir bereits 800 Schermaschinen in Arbeit, die täglich 444,000 Ellen Tuch scheren können was der Arbeit von 24,000. Handscherern gleich kömmt. Die jährliche Ausgabe zum Unterhalt jener 800 Maschinen kostet, 1,620,000 Fr., während jene 24,000 Arbeiter etwa 10,506,000 Franken kosten würden, und das Tuch um so viel vertheuern, seinen Verbrauch um so viel verringern müßten.

Eure Väter werden sich noch erinnern, wie viele Baumwollenspinner in Frankreich waren, als wir die mechanischen Spinnereien noch nicht besaßen, und wie theuer damals Baumwollenzeuge waren. Laßt sie nun die Anzahl der Arbeiter zählen, die sich nebst den Maschinen mit höherm Lohne dabei beschäftigen. Jenen Handspinnern war der Verbrauch der Waaren, die sie verfertigen halfen, versagt; jezt schmükt und kleidet sich jede Maschinenspinnerin mit den wohlfeilen Hizen, und so werden diese Maschinen Wohlthäter an denen, die sie bei ihrem Erscheinen mit dem bittersten Hasse verfolgten. Welche Wunder die Baumwollen Spinnmaschinen in England hervorbrachten, durch welche ein einziger Arbeiter 400 Fäden auf einmal spinnen kann, erfahren wir durch J. B. Say, dessen Kenntnisse und Wahrheitsliebe in ganz Europa bekannt sind. Vor ihrer Erfindung gab es in England....

5,200 Spinnerinnen und
2,700 Weber.
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7,900 im Ganzen.

Im J. 1787, nur 10 Jahre nach der Einführung der Maschinen zählte man

105,000, Spinner aus allen Altersklassen,
207,000, Menschen mit der Weberei beschäftigt.
–––––––
312,000 Arbeiter im Ganzen.

Haben die Maschinen den Arbeitern ihre Arbeit geraubt? –

Seht das große, reiche, bevölkerte und geschikte industrielle Land China, wo Alles mit der Hand gemacht wird. Millionen sind im tiefsten Elende, Taufende sterben jährlich Hungers, Eltern ertränken ihre nahrungslosen Kinder. Ist euer Zustand diesem nur im entferntesten ähnlich? – Als die Uhren noch mit der Hand gemacht wurden, hatte unsere Stadt einen Uhrmacher, der in Dürftigkeit lebte. Nun, da durch die Maschinen alle Theile vorbereitet werden, das Werk einer Uhr nur 1 1/2 Franken kostet, leben hier deren zwölfe bei reichlichem Auskommen von der Uhrmachern, und dort wo sie fabricirt werden, leben und bereichern sich Tausende davon.

Auch den Vorwurf, daß Maschinen im Moment ihrer Erfindung die Verhältnisse ändern und viele Arbeiter brodlos machen, finden wir triftig widerlegt. Wenn eine neue Maschine erfunden wird, welche die Handarbeit ersezt, verhindern viele Umstände ihre schnelle Verbreitung. Der Erfinder hält seine Erfindung mehrere Jahre an sich zurük; eine neue Maschine ist fast nie sogleich vollkommen, und ihre Erzeugnisse sind oft zwar wohlfeiler, aber weniger vollkommen als die Handarbeit; selbst bei gleicher Güte haben sie feindliche Vorurtheile zu bekämpfen, die ihre Verbreitung hindern. Der Ankauf neuer Maschinen erfordert häufig großes Kapital, welches nicht alle Fabrikanten besizen oder daran wagen wollen, ehe lange Erfahrung die Tüchtigkeit derselben hinlänglich sicher gestellt hat. Sie können unmöglich so schnell verfertigt werden, daß auf sie die Erzeugung aller Waaren derselben Art, die bisher durch Handarbeit erzeugt waren, auf einmal übergehen. Die Handarbeiter können oft mehrere Jahrzehnte lang mit den Maschinen kämpfen, und wenn dieses endlich nimmer möglich wird, wenn die Preise der Gegenstände durch die Maschinen so herabgedrükt sind, daß die Handarbeit nimmer konkurriren kann, was Alles nur sehr stufenweise geschieht, so hat sich mit der Wohlfeilheit zugleich der Verbrauch so vermehrt, daß nebst den Maschinen so viel und mehr Arbeiter in demselben Zweige beschäftigt sind, als vorher ohne Maschinen.

Neue Veränderungen, neue Abarten der Fabrikation entstehen, die wieder Handarbeit |72| erfordern, die Arbeit wird oft auf eine höhere Stufe geführt, wird mehr rationell und geht wieder in die Hände der Menschen über, denen die Maschine, mit dem mechanischen Theile beschäftigt, zur Seite steht. So gab es noch hundert Jahre nach Erfindung der Drukerei Copisten. Lange kämpfte die Handspinnerei mit den Maschinen; noch jezt gibt es Strümpfestrikerinnen. Noch jezt arbeiten viele Papiermacher aus der Bütte, troz der mechanischen Papierfabriken. Noch jezt hat die größere Zahl der Buchdruker Handpressen. Noch jezt gibt es troz der Walzendrukmaschinen, eine weit größere Zahl Zißdruker als je vor der Existenz dieser Maschinen bestanden haben. Noch jezt ist die menschliche Hand in unzähligen Gegenständen thätig, wo die Dampfkraft sie vortheilhaft ersezen könnte, und Jahrhunderte werden vergehen bis diese hartnäkige Menschenhand verdrängt seyn wird. Ja wird es einst dahin kommen, so wird der menschliche Geist für sie neue doppelte Beschäftigung vorbereitet und erfunden haben, und es wird keine anderen Arme geben, als die Arbeitsunfähigen, die Faulen und Verschwenden Dieses lehrt uns die Geschichte der Vergangenheit, welche immer der Spiegel der Zukunft war und bleiben wird. Darum wenn es wahre Wohlthäter des Menschengeschlechts gab und gibt, so waren es die Erfinder von Maschinen, welche den Menschen von lästigen, gesundheitsgefährlichen, oft mörderischen Handarbeiten befreiten, und ihn seinem wahren Standpunkte, jenem des einzigen wirklich rationellen Geschöpfes dieser Welt, näher führten. So wie der Krieg, den Napoleon gegen England durch die Einführung der Baumwollenspinnereien in Frankreich führte, seinem Lande mehr Nuzen verschaffte als alle seine Siege, so haben die Erfinder von Maschinen allen Zeiten der Menschheit mehr Gutes gethan als alle Eroberer, und nur den Maschinen hat Europa den hohen Standpunkt, den es heute inne hat, der ihm die Macht gab alle seine Schwesternwelttheile zu erobern oder zu bevormundschaften, und zu cultiviren, – zu verdanken. Den Maschinen des Archimedes verdankten seine Landsleute ihre Siege zur See und zu Land; dem Pulver des deutschen Mönchs verdankte Europa seine Eroberung Amerika's, u.s.w.

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