Titel: Eisenbahn von Paris nach Rouen über Pontoise.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1831, Band 41, Nr. XXXVII./Miszelle 3 (S. 147–149)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj041/mi041037_3

Eisenbahn von Paris nach Rouen über Pontoise.

Die durch ihren Gewerbfleiß blühendsten Länder sind diejenigen, in welchen die Entfernungen durch die meisten und bequemsten Wege abgekürzt werden. In dieser Beziehung muß man bekennen, daß unser schönes Frankreich noch bei Weitem nicht so versehen ist, als es seyn sollte. Eine Thatsache genügt, dieß zu beweisen: die Haupstadt hat kaum eine Verbindung mit dem Meere. Ist es nicht wirklich merkwürdig, daß, während man die ungeheure Ueberfahrt von den Vereinigten Nordamerikanischen Staaten nach Havre in zwanzig Tagen bewirkt, ein Monat erfordert wird, um Waaren von dieser Stadt nach Paris zu bringen? – Ein solcher Zustand ist ein Skandal bei einem civilisirten Volke.

Um diesen Uebelstand zu heben, hatte man vor einigen Jahren das Project eines Canals gemacht. Allein die Hunderte von Millionen, welche die Ausführung desselben gekostet hatte erschrekten die Spekulanten; man überzeugte sich, daß die Einnahme die Interessen von den aufzuwendenden Kapitalien nicht bezahlen würden, und man gab diese Idee auf.41)

Ein Mittel, welches die Wohlfeile mit der Schnelligkeit des Transportes verbindet, bietet sich jezt dar; es ist die Anlage einer Eisenbahn. Eine Gesellschaft hat sich zur Ausführung derselben auf der ganzen Linie erboten, und sie hat bereits die Conzession für einen Theil dieser Bahn, von Paris nach Pontoise, erhalten.

Wir glauben, daß es dem Publikum angenehm seyn werde, einige Details über eine Unternehmung kennen zu lernen, welche für den Nationalwohlstand von höchstem Interesse ist.

Die Gesellschaft, von welcher die Rede ist, zahlt die achtungswürdigsten Namen in ihrer Mitte. Die Arbeiten werden von zwei Ingenieuren dirigirt werden, welche ihre Proben abgelegt haben, da ihnen Frankreich die Eisenbahn an der |148| Loire verdankt, deren Vollkommenheit in England eben so wie bei uns klassisch geworden ist.42)

Die Eisenbahn wird doppelt angelegt, und erhält eine Breite von 6 Métres.

Sie wird durch Saint-Denis und Enghien gehen, und einen Seitenzweig nach Herblay erhalten, und dem Handel einen Nuzen gewähren, von welchem wir hier eine Idee zu geben versuchen wollen.

Auf der Seine beträgt der Weg von Paris bis nach Pontoise, wegen der vielen und starken Krümmungen dieses Flusses, 95,000 Métres, oder beinahe 24 Lieues; auf der Eisenbahn wird dieser Weg nur 7 Lieues lang.

Eine Reise auf der Seine dauert 5 Tage; auf der Eisenbahn wird sie in 1 1/2 Stunden vollbracht.

Der mittlere Frachtpreis ist zu Wasser 6 Francs für eine Tonne, und zu Land 9 Francs.

Auf der Eisenbahn wird dieser Preis 5 Francs 78 Centimes betragen.

Aber es ist nicht genug, dem Publikum große Vortheile anzubieten, man muß bei einer solchen Unternehmung selbst bedeutende Vortheile ziehen, wenn jene dauerhaft seyn sollen. Eine rivalisirende Gesellschaft hat versucht, die Aussichten dieser Unternehmung als sehr traurig darzustellen. Sie möge sich beruhigen!

Nach den lezten Kostenanschlägen, welche auf die an der Loire ausgeführten Anlagen sich gründen, wird der ganze Aufwand auf die Herstellung der Eisenbahn von Paris nach Pontoise 3,600,000 Francs betragen, worunter 800,000 Francs für unvorhergesehene Auslagen angesezt sind.43)

Nach den bei den Zollämtern eingezogenen Erkundigungen beträgt die auf dieser Linie jährlich transportirte Quantität von Waaren 595,000 Tonnen. Ein Verkehr von 400,000 Tonnen würde hinreichen, um den Actionairs mehr als 20 p. C. von ihrem ausgelegten Kapitale einzubringen.

In diesen Berechnungen sind die Vortheile nicht in Anschlag gebracht, welche der Transport von Dünger und von Gyps verschaffen muß. Auch hat man dabei keine Rüksicht auf die vielen Reisenden genommen, welche nach St. Denis, nach Enghien, nach Montmorency und nach anderen dortigen Ortschaften gehen. Es ist wahrscheinlich, daß die Einnahme von diesen lezteren allein die Interessen und jährlichen Kosten der Unternehmung deken werde.

Fügen wir hinzu, daß die Gesellschaft von Pontoise sich vorgenommen hat, ihre Eisenbahn bis nach Rouen und noch darüber auszudehnen, so kann man sich vorstellen, wie viel vortheilhafter diese Unternehmung noch durch diese Fortsezung werden muß.44)

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Wenn dieses riesenhafte Werk vollendet seyn wird, werden alle Waaren von Paris nach Rouen in sieben Stunden, und Reisende in vier Stunden transportirt werden. Nach diesem Verhältnisse wird man von Paris in fünf oder sechs Stunden an die Meeresküste gelangen können. So wird, mittelst eines leicht zu errichtenden Seetelegraphs, ein Kaufmann oder Rheder in Paris, welcher die Ankunft seines Schiffes in der Mündung der Seine oder auf der Rhede von Havre erfährt, den Hafen in demselben Augenblik erreichen können, da das Schiff in denselben einläuft. So wird ein Kaufmann mit seinen Correspondenz in Rouen oder Havre von einer Börse zur anderen sich besprechen können. So wird ein Bürger von der Straße St. Denis mit seiner Familie sich am Sonntage das Vergnügen des Schauspieles einer Meeresküste verschaffen, und zu seinem Mittagsessen wieder nach Hause zurükkommen können.

Aus dem Constitutionnel vom 2. Juli 1831.

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Das Project eines großen Seeschifffahrt-Canals (canal maritime), auf welchem Handelsschiffe und Fregatten von erstem Range von Havre nach Paris segeln sollten, ward zuerst unter dem deplorablen Ministerium Villele in Anregung gebracht, und es fehlte damals nicht viel, so wäre die Ausführung desselben auf Kosten des Staates, wie jene der 11 neuen Canäle im Innern (welche zusammen auf 129 Millionen veranschlagt waren, bis zu ihrer Vollendung aber wenigstens 300 Millionen kosten werden, nachdem sich schon im sechsten Jahre nach dem Anfange der Arbeiten eine Ueberschreitung von 48 Millionen ergeben hatte), beschlossen worden. Im lezten Jahre der Regierung Karls X. kam dieses Project neuerdings zur Sprache, und es war eine Lieblingsidee des Hrn. von Polignac, die Stadt Paris zu einem Seehafen zu machen, wodurch er der Nationaleitelkeit zu schmeicheln, und sich selbst auf Kosten der Nation einen glänzenden und unsterblichen Ruhm zu erwerben hoffte. Einer der geschiktesten und kenntnißreichsten französischen Ingenieure, Hr. Navier, hatte indessen in einer sehr gründlichen Abhandlung (De l'établissement d'un chemin de fer entre Paris et le Havre, Paris 1826) bewiesen, daß diese Unternehmung eine unnüze den ungeheueren Auswand nicht lohnende, Verschwendung wäre, und daß alle hievon zu hoffenden commerciellen und staatswirthschaftlichen Vortheile durch die Anlage einer doppelten Eisenbahn weit leichter, wohlfeiler und vollkommener zu errichten seyen. A, d. Ue.

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Diese Eisenbahn ist genau nach dem Vorbilde der englischen Railroads gebaut, theilt also mit diesen alle Mängel und Unvollkommenheiten, und ist eben so kostspielig.

Man sehe hierüber im ersten Juliusheft des polytechn. Journales von diesem Jahre die Anzeige einer neuerfundenen Bauart von Eisenbahnen, Wagen und fortschaffenden Maschinen, von Joseph Ritter von Baader. A. d. Ue.

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Da die Länge dieser Eisenbahn 7 Lieues, zu 4000 Metres, oder 28,000 Metres betragen soll, so wird die Herstellung derselben für jedes Métre 128,5714 Francs kosten. Weil nun eine englische Meile = 1609 Métres, und ein Pfund Sterling = 24,728 Francs ist, so macht dieser Aufwand, aus englisches Maß und Geld reducirt, für die Länge einer englischen Meile 8365 Pfund 17 Shilling; was den von Tredgold in seinem trefflichen Werke: A practical treatise on railroads and cariages, berechneten Durchschnittspreis von 5000 Pfund für eine Meile bedeutend übertrifft. A. d. Ue.

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Nach dem Maßstabe des hier angeführten Kostenanschlages wird die gänzliche Herstellung dieser Eisenbahn von Paris bis Rouen, aus einer Streke von 55 Lieues, 28,285,714 Francs kosten. – Allerdings eine bedeutende Auslage, welche jedoch kaum den zwanzigsten Theil derjenigen Summe beträgt, welche auf die Ausführung des früher projectirten Seecanals verwendet werden müßten, dessen Länge wegen der vielen, nicht zu vermeidenden Umwege, gegen 80 Lieues betragen, und aus welchem alle Transporte weit theurer, und bei ungünstigem Winde, noch langsamer als mit der gegenwärtigen schlechten Schifffahrt auf der Seine ausfallen würden. Wenn übrigens in diesem Falle ein schiffbarer Canal auch nicht |149| mehr als eine Eisenbahn kosten sollte, so wäre doch in finanzieller Hinsicht die Herstellung des erstern, welcher nichts oder vielleicht kaum 12 p. C. einbrachte, die tollste aller Verschwendungen, die Ausführung einer Eisenbahn hingegen, bei einem sichern jährlichen Gewinne von 20 p. C. des ausgelegten Kapitals, die klügste und vorteilhafteste aller Speculationen; jene der unfehlbarste Weg zum Ruin, diese das wirksamste Mittel zur Bereicherung ihrer Unternehmer. A. d. Ue.

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