Titel: Montureux, über die Anwendung des Ginsters
Autor: Montureux, A. de
Fundstelle: 1831, Band 42, Nr. XXIV. (S. 51–53)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj042/ar042024

XXIV. Ueber die Anwendung des Ginsters (genêt) als Spinnmaterial. Schreiben des Grafen A. de Montureux an Hrn. Soyer-Willermé.12)

Aus dem Bon Cultivateur de Nancy im Agriculteur-Manufacturier. 1831. Februar S. 281.

Der aus Ginster gewebte Zeug ist sehr wenig bekannt, weil, wie Graf Chaptal in seiner angewandten Chemie bemerkte, jeder Einwohner |52| in den Cevennen nur so viel davon erzeugt, als er für seinen Hausbedarf nöthig hat, so daß nichts davon in den Handel kommt Nachdem ich aber viel von diesem Zeuge gesehen habe, kann ich Sie versichern, daß er für jene, denen vorzüglich um eine dauerhafte Kleidung zu thun ist, sehr gute Dienste leistet. Er schüzt, da er sehr dicht ist, beinahe so gut als Zwillich gegen Regen und Kälte, und die Bewohner der Cevennen verfertigen daraus Leintücher und Hemden, die feiner und angenehmer zu tragen sind, als die Leinwand aus Werg, welche man hier und da noch von den Landbewohnern zu Hemden u. dergl. verwendet sieht.

Es gibt zwei Arten von Ginster; die eine, welche auf fettem feuchten Boden wächst, taugt nur als Viehfutter und zum Verbrennen; die andere Art, welche zum Spinnen tauglich ist, wächst auf den Bergen, und wird in dem trokensten und sandigsten Boden gebaut.13) Man baut diese leztere im September, und muß zwei Jahre lang die Herden von derselben entfernt halten. Nach zwei Jahren ist sie stark genug geworden, daß man Schafe zur Weide auf die damit bebauten Gründe treiben kann; nach fünf bis sechs Jahren, während welchen das Abweiden fortgesezt wurde, sind die Stöke zwar verkrüppelt, aber mit sehr starken Wurzeln versehen; so daß sie im Februar mit einer Sappe hart über der Erde abgeschnitten werden können, was die Bauern das Abschneiden auf dem Kamme (couper sur peigne) nennen. Durch dieses Abschneiden entsteht ein Zurüktreiben des Saftes, und in Folge davon ein Austreiben von vielen jungen Schößlingen, welche bis zum August oder September eine Länge von 18 bis 24 Zoll erreichen, wo sie dann mit einer Hippe abgeschnitten, und mit einem solchen Reise in kleine. Garben von beiläufig 4 Zollen im Durchmesser zusammengebunden werden.

An Oertern, wo der Ginster bereits wächst, kann man sogleich obige Operation vornehmen, wodurch man noch in demselben Jahre eine Ernte erhält. Viele große Landeigenthümer theilen ihre Ginsterpflanzungen in regelmäßige Schnitte ab, wie man die Wälder in |53| Schläge abtheilt, so daß immer ein Theil als Weide, ein Theil zur Ernte benuzt, und ein Theil wachsen gelassen wird, um daraus Reisig zum Brennen zu erhalten.

Die aus den Reisern gebundenen Garben läßt man acht bis zehn Tage lang an der Sonne troknen, und schlägt sie dann mit einem runden Holze von der Form desjenigen, dessen sich die Pastetenbäker zum Bereiten des Butterteiges bedienen, um sie dadurch platt zu schlagen, und die äußerste Rinde aufspringen und wegfallen zu machen, so daß sie zur Gährung geeignet werden.

Hierauf gräbt man in der Nähe eines Backes eine vierekige Grube, in welche man die Ginstergarben in aufrechter Stellung und nahe an einander bringt. Die Seiten und den oberen Theil des Haufens bedekt man sorgfältig mit naßgemachtem Stroh, damit der Zutritt der Luft abgehalten wird. Oben auf den Haufen legt man große flache Steine, und begießt denselben acht bis zehn Tage lang, die zur Gährung nöthig sind, täglich zwei oder drei Mal mit Wasser.

Nach dieser Zeit werden die Garben aus der Grube genommen, in fließendem Wasser ausgewaschen, und mit einem Waschbläuel so lang geschlagen, bis die äußere Rinde ganz abgefallen ist- und die Faden bloß erscheinen, worauf man die Garben flach ausbreitet, an der Sonne trokner, und dann in die Scheure bringt.

Tritt nun schlechtes Wetter ein, so daß die Leute nicht auf dem Felde arbeiten können, so ist die Familie beschäftigt die Faden auszuziehen, was sehr leicht geht, indem ein Stük um das andere an der Basis genommen wird. Das Mark dient zur Verfertigung von Zündhölzchen.

Diese Faden würden so nur ein grobes und haariges Gewebe geben; sie werden daher wie der Hanf gehechelt. Nach dem Hecheln lassen sie sich sehr leicht am Roken spinnen, und geben eine sehr gute Hausleinwand, die jedoch immer fester und weniger geschmeidig ist, als die Leinwand aus Hanf und Flachs.

Die Benuzung des Ginsters als Spinn- und Webematerial ist zwar, wie man aus Böhmer's technischer Geschichte der Pflanzen sehen kann, etwas sehr Altes; allein das ausführlichere Verfahren dabei dürfte Vielen eine unbekannte und interessante Notiz seyn, weßwegen wir diesen Artikel hier geben. A. d. R.

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Die Art, welche in den Cevennen gewöhnlich angewendet wird, ist der spanische Ginster oder das spanische Pfriemenkraut (Spartium junceum L.), der jedoch bei uns nicht wild wächst. Man kann auch den Besen-Ginster (Spartium scoparium L.) auf dieselbe Weise und zu denselben Zweken anwenden, und dieser wächst äußerst häufig auf troknem, sandigen Boden. A. d. Agric. manuf. Auch in unserem Vaterlande wächst leztere Art in dem Sandboden von Nürnberg, Bamberg etc. in sehr großer Menge; wir wissen jedoch nicht, daß sie daselbst zu etwas Anderem als zu Besen verwendet würde, obwohl man sehr gute feste Sakleinwand und vortreffliche Strike daraus verfertigen könnte. A. d. Ue.

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