Titel: Henry und Plisson, Versuche über Chlorometrie und neuer Chlorometer
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1831, Band 42, Nr. CII. (S. 360–366)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj042/ar042102

CII. Versuche über Chlorometrie und neuer Chlorometer; von den HHrn. Henry Sohn, und A. Plisson.

Aus dem Journal de Pharmacie. October 1831, S. 569.

Mit. Abbildungen auf Tab. VI.

Unter Chlorometrie versteht man die Verfahrungsarten, wodurch man die Stärke oder den Gehalt der Chloralkalien, d.h. die Menge des Chlors in demselben ausmittelt. Wir lassen es übrigens dahin gestellt, ob dieser Grundstoff darin als solcher vorhanden, oder, was wahrscheinlicher ist, als chlorichte Säure mit den Oxyden verbunden ist.56) |361| Auch wollen wir nicht alles dasjenige in Erinnerung bringen, was bisher in der Chlorometrie geleistet wurde, um so mehr da dieses erst kürzlich von Hrn. Marozeau (polyt. Journal Bd. XLI. S. 258) geschah; wir bemerken bloß, daß bei der ausgedehnten Anwendung, welche von jenen Verbindungen heute zu Tage gemacht wird, dieser Gegenstand die Aufmerksamkeit vieler ausgezeichneten Chemiker erregte, z.B. der HHrn. Welter, Gay-Lussac, Labillardière, Morin in Genf, Marozeau u.s.w. Alle gaben sinnreiche und einfache Verfahrungsarten an, um den Chlorgehalt der Chlorüre zu bestimmen, verschwiegen aber nicht, daß sie verschiedene Vorsichtmaßregeln erheischen, von denen die Genauigkeit des Resultates abhängt. Dahin gehören die Reinheit der Probeflüssigkeit, die mehr oder weniger schnelle Ausführung des Versuches, die bisweilen wandelbare Beschaffenheit gewisser Niederschläge. Die Versuche, welche wir anstellten, um diesen Uebelständen zu begegnen, führten uns auf den unten beschriebenen Chlorometer.

Dieser Apparat soll die Menge des Chlors durch ein gasförmiges Aequivalent angeben und gründet sich darauf, daß das Chlor, sowohl im freien Zustande, als wenn es an Oxyde gebunden ist, mit Hülfe der Wärme gewisse Ammoniaksalze oder flüssiges Ammoniak zersezt und eine verhältnißmäßige Menge Stikgas in Freiheit sezt, aus welchem man sein Gewicht leicht berechnen kann. Es ist dieses dasselbe Princip, welches Hr. Soubeiran vor einigen Jahren zur Analyse der ammoniakalischen Queksilbersalze benuzte.

Chlorometer nach dem Volumen.

Der Apparat besteht aus einem gläsernen Ballon A (Fig. 14), welcher ungefähr 350 oder 400 Milliliter Wasser faßt; man versieht ihn mit einem genau schließenden Stöpsel, durch welchen einerseits ein gläserner, mit einem Hahn versehener, Trichter B und andererseits eine kleine gekrümmte Röhre D geht; leztere dient um die Gasarten aufzusammeln. Die Mündung des Trichters und die Oeffnung der Gasröhre D müssen mit der Oberfläche des Stöpsels im |362| Innern des Apparates im Niveau 00 seyn und die Oeffnung des Hahnes (im Trichter) muß weiter seyn als diejenige der Trichterröhre.

Man bedient sich zum Aufsammeln der gasförmigen Producte sehr enger Gloken, welche aus gläsernen Barometerröhren E, E (Fig. 15) von ungefähr 3 Fuß Länge und 4 bis 5 Linien Durchmesser verfertigt und an einem Ende zugeschmolzen werden. Diese Gloken lassen sich leicht an dem pneumatischen Apparat anbringen und müssen in Milliliter graduirt werden. Die Grade sind so weit von einander entfernt, daß man leicht 1/2 und bisweilen 1/3 Milliliter ablesen kann. Man kann sich unseren Apparat selbst verfertigen; zwei Gloken, wovon jede 13 bis 14 Centiliter faßt, sind hinreichend.57)

Ueber die Anwendung dieses Chlorometers.

Nachdem man den Ballon und die Röhre sorgfältig verkittet hat, bestimmt man genau die Capacität des Apparates, welche so lange gültig ist, als man den Kitt des Ballons nicht wegnimmt, was in sehr langer Zeit nicht nöthig ist. Man bringt sodann eine Auflösung von Chlorür oder Chlorwasser, welche in bestimmten Verhältnissen bereitet sind, hinein.

Man nimmt z.B. 10 Gramme Chlorür und 0,25 Liter reines Wasser. Um aber eine Flüssigkeit zu erhalten, welche das Ganze des zu untersuchenden Chlorürs vollkommen repräsentirt, kann man 100 Grammen von diesem sehr gut gemengten Chlorür abwiegen und sie mit 2 1/2 Liter Wasser sehr gut und schnell in einem Porzellanmörser abreiben; man bringt die Masse in eine Flasche mit gläsernem Stöpsel und nachdem sie einige Augenblike sich gesezt hat, gießt man 0,25 Liter davon ab.

Die Luft, welche beim Eintreten der Chlorürauflösung in den Ballon ausgetrieben wird, fängt man nicht auf58). Man bringt sodann eine Gloke am Ende der gekrümmten Röhre D an, wie man dieses in Fig. 16 besonders sieht. Nachdem Alles so vorgerichtet ist, sezt man beiläufig einen Deciliter von einer Auflösung eines Ammoniaksalzes, z.B. schwefelsaurem, anderthalb-kohlensaurem oder zweifachphosphorsaurem Ammoniak zu; lezteres Salz oder auch bloß mit Wasser verdünntes Ammoniak ziehen wir vor. Die Auflösung des |363| zweifach-phosphorsauren Ammoniaks bereitet man mit 10 bis 12 Grammen des Salzes und 90 bis 100 Grammen reinen Wassers und die des reinen Ammoniaks mit ungefähr 0,01 Liter Aezammoniak von 22° Beaumé und 0,1 Liter Wasser. Die Flüssigkeiten müssen möglichst luftleer seyn.

Man erhizt allmählich und sammelt das Gas unter Wasser, in dem etwas Alkali aufgelöst ist, um die Kohlensäure zu absorbiren, welche durch das saure Salz entbunden werden könnte; wenn Alles beendigt ist, füllt man den Apparat durch den Trichter ganz mit Wasser, um alles Gas auszutreiben.59) Das gasförmige Product besteht bloß aus der Luft des Apparates und dem Stikstoff des zersezten Ammoniaks. Wenn man daher 1) die Capacität des Gefäßes und 2) die Menge Luft, welche es nach dem Eingießen der chlorhaltigen Flüssigkeit enthält, im Voraus kennt, so braucht man nur von dem gasförmigen Product diese Quantität Luft abzuziehen, um den Stikstoff zu erhalten, welcher dem gesuchten Chlor entspricht. Nachdem die Correctionen wegen der Temperatur und Feuchtigkeit gemacht wurden, kennt man das Volumen des troknen Stikgases, welches man bis auf 1/2 Millimeter genau messen kann; man berechnet dann wie viel Chlor ihm entspricht, woraus sich der Gehalt oder Grad des Chlorürs ergibt. Zum Beispiel: es sey 1) die Capacität des Apparates gleich 0,400 Liter; 2) die chlorhaltige Flüssigkeit (von 10 Grammen Chlorür) gleich 0,250 Liter so werden in dem Apparat 0,150 Liter Luft zurükbleiben; 3) angenommen also der Versuch habe nach der Operation und den Reductionen auf dasselbe Niveau u.s.w., das Volumen der troknen Gasarten bei 0°,076 gleich 0,325 Liter ergeben, so werden 0,175 Liter Stikgas entbunden worden seyn, welche 0,525 Liter troknem Chlor entsprechen.

Die Reaction findet nämlich zwischen dem Ammoniak und dem Chlor Statt; 0,525 Liter Chlor nehmen 0,525 Liter Wasserstoff auf, welche 0,175 Liter Stikstoff entweichen lassen. Die gebildete Salzsäure verbindet sich entweder mit dem Ammoniak oder mit dem Kalk. Das Ammoniak und das Chlor

A²Z H⁶ + 3 C L²

geben als Producte:

A Z² + 3 C L² H²

Das Ammoniak und ein chlorichtsaures Salz

4 A Z² + H⁶ + 3 C L² x

erzeugen

4 A Z² + 3 C L² H² x.

|364|

Obiges Chlorür würde folglich in 1000 Grammen 52,5 Liter Chlor enthalten. Vermittelst einer Tabelle kann man also aus dem Volumen des Stikstoffs leicht den Gehalt eines Chloralkalis oder einer Chlorauflösung finden.

Tabelle.

Textabbildung Bd. 42, S. 364
|365|

Vermittelst dieser Tabelle kann man durch eine einfache Berechnung den Gehalt eines Chlorürs bei einer der angegebenen Temperaturen finden. Es entspreche z.B. das erhaltene feuchte Stikgas 0,2 Liter bei einer Temperatur von 20° C., so sezt man folgende Proportion an:

0,1 Liter : 27°,27 = 0,2 L. : x = 54°,54.

Versuche, welche die Genauigkeit dieses Verfahrens beweisen.

Um uns von der Genauigkeit dieses chlorometrischen Verfahrens zu versichern, haben wir nach demselben Flüssigkeiten geprüft, deren Gehalt wir genau kannten. So vereinigten wir bekannte Quantitäten Chlor mit Auflösungen von Kali, Natron, Kalk und Bittererde entweder nach dem Verfahren des Hrn. Gay-Lussac (Polytechn. Journal Bd. XIV. S. 42260)) oder indem wir ein bestimmtes Volumen reines feuchtes Chlor bei einer bekannten Temperatur von den in Wasser aufgelösten Oxyden absorbiren ließen. Unsere Versuche entsprachen ganz unseren Erwartungen.

Das feuchte Chlorgas nämlich, womit wir die Versuche anstellten, entsprach 0,135 Liter troknen Chlors bei einer Temperatur von 0°,76 und mußte durch seine Einwirkung auf Ammoniak oder Ammoniaksalze 0,045 Liter troknes Stikgas bei 0°,76 entwikeln. Bei unseren Versuchen erhielten wir:

1) Mit Chlorkalk (troknes Chlor 0,135 Liter) Feuchter Stikstoff bei 20°
1) 0,05 Liter
2) 0,05 Liter, stark.
2) Mit Chlornatron (troknes Chlor 0,135 Liter) Feuchter Stikstoff bei 20°
1) 0,049 L.
2) 0,051 L.
3) Mit Chlorkali (troknes Chlor 0,135 Liter) Feuchter Stikstoff bei 20°
1) 0,051 L.
4) Mit Chlorbittererde (troknes Chlor 0,135 Liter) Feuchter Stikstoff bei 20°
1) 0,05 L. stark.

Dieß gibt nach den Reductionen im Mittel 0,0456 Liter troknes Stikgas.

Bemerkung.

Man thut gut, wenn man immer einen Ueberschuß von Aezammoniak oder Ammoniaksalz mit dem Chlorür vermischt, um sicher zu |366| seyn, daß sich alles Chlor in Salzsäure umändert und auch damit Anfangs nicht Spuren von Chlorstikstoff entstehen können.

Schlüsse und Beobachtungen.

Aus diesen Resultaten ersieht man, daß man mit unserem Apparate eine große Genauigkeit erreichen kann. Man könnte einwenden, daß es größere Geschiklichkeit erfordert, als die bisher gebräuchlich gewesenen Methoden. Diese Bemerkung hat auch in der That einiges Gewicht, allein heute zu Tage findet man fast in allen Fabriken Personen, welche dazu hinreichende chemische Kenntnisse besizen. Uebrigens erlangt man in kurzer Zeit die Uebung, welche erforderlich ist, um sich desselben mit Genauigkeit bedienen zu können. In zweifelhaften Fällen, wo Chemiker zur Entscheidung aufgefordert werden, dürfte dieses Verfahren unserer Meinung nach weniger wandelbare Resultate geben, als alle anderen.

Fernere Anwendungen dieses Apparates.

Man kann mit diesem Apparate, wenn man Gloken anwendet, welche nach einem sehr kleinen Maßstabe graduirt sind, mehrere Ammoniaksalze und ammoniakalische Bittererdesalze vermittelst der Chloralkalien oder chlorichtsauren Salze analysiren. Wir werden damit demnächst einige Blasensteine untersuchen.

Endlich kann man durch Vermischung der chlorichtsauren Salze mit Ammoniaksalzen oder äzendem Ammoniak sich leicht und schnell Stikgas zu chemischen Versuchen bereiten.

|360|

Hr. Soubeiran hat so eben der Akademie der Wissenschaften eine |361| Abhandlung übergeben, worin er diese Frage aufzuklären sucht. Als. wir ihm unser chlorometrisches Verfahren mittheilten, zeigte es sich, daß er auf dieselbe Idee gekommen war, die Ausführung derselben schien ihm aber etwas schwierig. A. d. O.

Das Princip, worauf sich der Chlorometer der HHrn. Henry und Plisson gründet, ist längst bekannt und wurde auch schon seit vielen Jahren von einigen Fabrikanten zur genauen Prüfung des Chlorkalks benuzt. Hr. Professor Zenneck hat nach demselben ebenfalls den Chlorgehalt einiger Chlorkalkmuster bestimmt (Erdmann's Journal für technische Chemie Bd. X. S. 293). Wir theilen die Abhandlung der französischen Chemiker unseren Lesern bloß deßwegen mit, weil uns ihr Apparat zu diesen und ähnlichen Versuchen sehr zwekmäßig zu seyn scheint. A. d. R.

|362|

Man kann auch statt einer Gloke einen umgestürzten Ballon anwenden, dessen enger Hals in Milliliter graduirt ist und von dessen Kugel man die Capacität genau kennt. A. d. O.

|362|

Damit mit den Flüssigkeiten keine Luft in den Ballon kommt, muß man den Hahn erst dann öffnen, wenn der Trichter vorläufig angefüllt ist. A. d. O.

|363|

Durch die bloße Erkaltung füllt er sich wegen der Statt findenden Absorption von selbst. A. d. O.

|365|

Man darf dabei nur solche Salzsäure anwenden, welche frei von schweflicher Säure ist. A. d. O.

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