Titel: Nekrolog.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1831, Band 42, Nr. LXI./Miszelle 18 (S. 222–232)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj042/mi042061_18

Nekrolog.

Joseph August Schultes war geboren zu Wien am 13. April 1773. Sein Vater, der aus Wörth bei Regensburg stammte, und den 7jährigen Krieg als Schmid mitgemacht hatte, war damals Kammerdiener im Hause des Grafen Oettingen.

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Schultes war bis in sein siebentes Jahr sehr schwächlich, seine Gesundheit gewann jedoch durch den Aufenthalt in einem Garten, welchen sein Vater gekauft hatte. Den ersten Unterricht gab ihm sein Vater, oder vielmehr er lehrte sich selbst, da er im fünften Jahre, nachdem er lesen und schreiben konnte, schon Alles las, was er bekommen konnte, und auch eben so eifrig schrieb, zeichnete und illuminirte. Sein Gedächtniß wurde durch fleißiges Auswendiglernen der Evangelien geübt, so wie überhaupt seine beiden Eltern, die äußerst andächtig und bigott waren, und die immer von Geistlichen besucht wurden, Alles thaten, um ihn so religiös als möglich zu machen. Daher war er auch der eifrigste Ministrant in seiner Pfarrkirche; er wußte den Katechismus so gut, daß er in der Christenlehre das Muster Aller war. Sein Vater wollte eine Flachsverfeinerung und Weberei gründen, der Sohn hatte an den Manipulationen außerordentliche Freude, machte Alles mit und gewann auf diese Weise schon in der zarten Jugend die Liebe zur Polytechnik, in der er später so Herrliches leistete. Diese wurde noch mehr dadurch erhöht, daß er täglich in das Haus eines Schulkameraden, des Sohnes eines Seifensieders kam, wo er gleichfalls alle in dieses Gewerbe einschlagenden Manipulationen mitmachte.

Von seinem zehnten bis zwölften Jahre schikte ihn sein Vater zu einem Schulmeister, der ihm privatim Latein lehren sollte; allein es ging mit dem Latein so schlecht, als wie mit dem Lehrer. Er las fortwährend sehr eifrig; allein die Bücher die er bekam, waren großen Theils bloß Legenden der Heiligen und dergleichen, und diese Lektüre, so wie die Religionslehrer hatten ihn bald zum Narren gemacht. Ein aufgeklarter Mann, der in seines Vaters Haus wohnte, gab ihm nun Unterricht im Latein. Er nährte seine Lesbegierde mit Geliert, Michaelis und dergl., ein Niederländer lehrte ihm Französisch, er besuchte auch eine schlechte Zeichenschule. Sehr großen Einfluß hatte um diese Zeit auf seine Bildung und auf seine künftige Neigung zur Naturgeschichte, ein Apotheker, der in seines Vaters Haus ein Laboratorium hatte, und der ein intimer Freund seines Vaters war. Dieser brachte ihm Buffon zum Lesen und beschäftigte ihn Tage lang in der Apotheke und im Laboratorium. So wurde Schultes 14 Jahre alt, und es handelte sich nun darum ihn zu einem Fache zu bestimmen. Sein Vater wollte durchaus, daß er die Handlung erlerne, er wollte aber studiren und diese Neigung unterstüzte die Mutter, die aus ihrem Sohne ein Pfäfflein werden sehen wollte. Er selbst wollte Missionar werden, denn das Lesen von Reisebeschreibungen, die er gierig verschlang, brachte einen großen Hang zum Reisen in ihm hervor, und die Karmeliten, bei denen er noch um diese Zeit täglich drei bis vier Messen ministrirte, machten ihm Hoffnung er könne ein Pater Feuillée oder so etwas werden. Er machte daher die öffentliche Prüfung zum Gymnasium aus der Syntax, um in die Rhetorik zu treten, in welcher er einen erbärmlichen Lehrer, einen fanatischen Kasuisten bekam, der ihm das Studiren bald verleidet hatte. Sein Vater, gegen dessen Willen er studirte, entzog ihm nun seine Unterstüzung, und er mußte das damals in Oesterreich eingeführte Schulgeld und seine übrigen Bedürfnisse selbst zu erwerben suchen. Dieß gelang ihm dadurch, daß er am Tage, so lang es eben hell war, für einen Kunsthändler illuminirte, während er bei der Nacht lernte und las. Seine Schulaufgabe lernte er gewöhnlich auf dem Weg in das Gymnasium, das eine halbe Stunde von seines Vaters Haus entfernt war; hiebei fiel er ein Mal in eine Grube, in welcher er beinahe umgekommen wäre Aus der Rhetorik trat er in die Poesie, wo der Grund zu dem gelegt wurde, was er später ward. Er erhielt hier den vortrefflichen Ant. Stein zum Lehrer, der ihn außerordentlich lieb gewann, und dem er auch bis an sein Ende mit den Gefühlen des innigsten Dankes und kindlicher Verehrung zugethan blieb. Latein und Griechisch war ihm nun geläufig; die Lektüre der lateinischen Klassiker, besonders des Titus Lucretius Carus und der vorzüglicheren deutschen Schriftsteller, verscheuchten von ihm den Bigottismus, und einige Erfahrungen die er an Geistlichen machte, welche er bisher verehrte, öffneten ihm vollends die Augen, so daß er, der am Ende der Rhetorik noch ministrirte, am Ende der Poesie einem großen Theil der Geistlichkeit eben so mißtraute als er ihn verachtete. Er arbeitete unter Stein unendlich viel in Poesie und errang, obwohl er noch immer die Tage über mahlen mußte, um das Schulgeld und dergl. zu verdienen, den ersten Preis. Von Stein lernte er auch in den Ferien die englische Sprache, die ihm so geläufig war, wie die französische. So ausgerüstet trat er in die Philosophie, |224| in welcher er fast durchaus pedantische oder unwissende Lehrer hatte. In der Mathematik, die ihn immer sehr anzog, würde er unter seinem Lehrer, einem Jesuiten, der beweisen wollte, daß Sonnen- und Mondsfinsterniß zu gleicher Zeit Statt haben könne, gar keine Fortschritte gemacht haben, wenn ihm nicht einer seiner wenigen Jugendfreunde Kästner's Werke gegeben hätte, die er eifrig studiere. In Naturgeschichte lernte er gleichfalls nichts aus dem Vortrage, vieles aber aus dem Lehrbuche, und aus anderen Büchern, die er sich überall her verschaffte. Er hatte damals schon eine Bekanntschaft mit der Litteratur, wie sie wenige in seinem Alter haben. In der Philosophie wurde er von seinem Professor, der keinen Zweifel und keinen Widerspruch leiden konnte, chikanirt, kam bei der Prüfung mit demselben in Streit, wodurch der damalige Studienpräsident Baron von Swieten, der bei allen Prüfungen gegenwärtig war, und den Schultes immer hoch verehrte, auf ihn aufmerksam wurde; derselbe nahm ihn gegen seinen Professor, der offenbar Unrecht hatte, in Schuz, und verschaffte ihm wegen seiner Fortschritte ein Stipendium, wodurch der nun achtzehnjährige Jüngling vieler Sorgen überhoben, und vollkommen Herr seiner Zeit wurde. Nach vollendeter Philosophie widmete er sich der Medizin, die ihm nun nächst Naturgeschichte, Technologie und Litterargeschichte am meisten ansprach. Er studirte unter Jaquin, Quarin, Collin, Plenk; den vortrefflichen Stoll, der ihm in seiner medizinischen Praxis bis in die lezten Tage ein Muster blieb, konnte er nur kurze Zeit verehren. Als es zur Anwendung der erlernten Grundsäze, zum Spitalbesuche kam, sah Schultes bald, daß bei der damaligen Besezung der Klinik nichts zu lernen war; er engagirte daher eine Zahl seiner Mitschüler dazu, Wien zu verlassen und nach Pavia zu gehen, um da den berühmten Frank zu hören. Hierzu war eine Erlaubniß nöthig, und Schultes ging daher im Namen seiner Mitschüler zum Kaiser, um diese auszuwirken. Der Kaiser fragte, warum sie von Wien fortgehen wollten, worauf Schultes geradezu antwortete, weil in Wien nichts zu lernen sey. Der Kaiser entließ ihn mit der Weisung zu bleiben, indem die Sache untersucht werden solle. Das Resultat war, daß Frank bald darauf von Pavia nach Wien versezt wurde. Schultes studirte nun unter ihm, und gewann so sehr seine Liebe und sein Zutrauen, daß nachdem dessen Sohn in Schultes Armen am Nervenfieber gestorben war, er ihm längere Zeit die Assistentenstelle in der Klinik übertrug. Das freundschaftliche Verhältniß Schultes zu Frank bestand bis an das Ende des Lezteren. Schultes war außerordentlich fleißig im Spirale, und beobachtete die Kranken mit größter Genauigkeit, er brachte auch oft halbe Tage in der Sectionskammer zu. Unter seinen Lehrern verehrte Schultes bis an sein Ende ganz besonders den noch lebenden hochverdienten Greis Boer; sein Verhältniß zu diesem war ein wahrhaft kindliches. Er lieferte demselben viele Materialien zu seinem unsterblichen Werke, in welchem er auch rühmlich von seinem väterlichen Freunde und Lehrer genannt ist. Großen Einfluß auf ihn übte auch der ausgezeichnete Arzt, sein Freund Herr von Mederer. Im April 1796 wurde Schultes an der Universität zu Wien zum Doctor promovirt. Während seiner Universitätsstudien brachte er die Stunden, welche ihm seine Collegien und sein Studium frei ließen, in einem Kreise von wenigen, aber auserlesenen Jugendfreunden zu, der seinen Sammelplaz am Leopoldsberge bei Wien hatte. Welche Gesinnungen dort herrschten, und welch innige Freundschaft diese Leute für die Zukunft verband, wissen bloß jene, welche die einzelnen Glieder kennen. Die damals ausgebrochene französische Revolution halte nothwendig großen Einfluß auf den Geist und das Gemüth des Freiheit athmenden, und die ganze Welt mit seinen Ideen umfassenden Jünglings. Viele Plane machte er sich, die damit zusammenhingen. In den Ferien machte er Reisen, besonders nach Oberösterreich, Steyermark, Regensburg, Frankfurt etc. Diese Reisen, so wie einen großen Theil der späteren, machte er meistens zu Fuß, er war ein so guter Fußgänger, daß er noch mit achtundvierzig Jahren 18 Stunden weit des Tags gehen konnte. Naturgeschichte, und vorzüglich Botanik beschäftigten ihn unaufhörlich. Diese Liebe zur Botanik, und der damalige Mangel einer österreichischen Flora veranlaßten ihn in seinem einundzwanzigsten Jahre sein erstes Werk zu schreiben unter folgendem Titel: Oesterreichs Flora, ein Taschenbuch auf botanischen Excursionen. 2 Bändchen. 12°. Wien 1794. Bei Alb. Ant. Patzowsky. Dieses Werk brachte ihm viel Verdruß, er wurde von vielen Seiten deßhalb angefeindet, und sein Buchhändler prellte ihn um sein erstes Honorar. |225| Später, im Jahre 1800, erschien eine neue Auflage desselben bei Schaumburg und Comp. unter dem Titel: Flora austriaca. Enchiridion ad excursiones botanices. – In seine lezten Universitätsjahre und die ersten Jahre seines Standes als Med. Dr. fiel auch die Bekanntschaft, die er mit Gall, Sallabo, Scopoli, Häberl und anderen ausgezeichneten Männern machte, mit denen er immer in freundschaftlichen Verhältnissen blieb. Sein Freund, der jezige 80jährige Greis Schmidt, der damals Gärtner am Theresianum war, machte ihn mit von der Lühe bekannt. Bedeutende Unterstüzung fand er auch bei dem edlen Grafen Saurau, der frühe Schultes's Geist erkannte und würdigte. Als junger Doctor machte er Reisen in die Schweiz, wo er mit Römer in Zürich bekannt wurde, nach Frankfurt, Wetzlar, wo sein Jugendfreund, der damalige Reichskammerrichter Graf Oettingen wohnte, dessen Hausarzt er später in Wien wurde, nach' Gießen, wo er mit Crome, Nebel etc. Verbindungen anknüpfte; nach Marburg, wo er seinen Freund Baldinger, an dessen Journal er mitarbeitete, persönlich kennen lernte, nach Göttingen, wo er mit allen vorliegen Koryphäen, besonders Blumenbach, Lichtenberg etc. umging. In Regensburg lernte er durch seinen Freund Hofrath Kayser eine Tochter des Legationsrathes von Kleber kennen, die ihn sogleich fesselte und die er bald nach seiner Anstellung in österreichischen Diensten zur Frau nahm. Nach Wien zurükgekehrt, widmete er sich hauptsächlich der Praxis, die er mit sehr gutem Erfolg trieb, dem Studium der Naturgeschichte und der Litteratur, die er beinahe in allen ihren Zweigen umfaßte.

Nach Wiedererrichtung der Theresianischen Ritterakademie zu Wien wurde er im Jahre 1797 an derselben zum Professor der Naturgeschichte ernannt. Er widmete sich seinem Amte mit seltenem Eifer; unter seinen Schülern waren die ausgezeichnetsten Namen Oesterreichs, Baron von Metzburg, Baron Georg von Münch, Baron von Medwyansky, die Grafen Appony etc. sind seine Schüler gewesen, und alle lieben ihn noch. In dieser Stellung blieb er bis zum Jahre 1806, rastlos arbeitend, einen kleinen Kreis von ausgesuchten Freunden Abends um sich sammelnd, eine ausgedehnte glükliche Praxis besorgend, mit allen vorzüglicheren Männern Oesterreichs und des Auslandes in Verbindung stehend. Ganz vorzüglich beschäftigte ihn die Herausgabe der österreichischen Annalen der Litteratur, die er redigirte, und durch die er so viel Gutes über Oesterreich verbreitete, was noch jezt allgemein gewürdigt wird. In den Jahren 1797 bis 1800 gab er den Ehestands-Almanach heraus, welcher in Regensburg bei Montag und Weiß unter folgendem Titel erschien: Ehestands-Almanach. Ein Taschenbuch für Eheleute und Ehelustige. Im Jahre 1799 erschien zu Wien in 12°. eine Brochüre von ihm, betitelt: Ueber Reisen im Vaterlande zur Aufnahme der vaterländischen Naturgeschichte. An die adelige Jugend in der K. K. Theresian-Ritterakademie, bei Gelegenheit des Endes des zweiten Jahrcursus nach ihrer Wiedererrichtung. In demselben Jahre erschien zu Regensburg bei Montag und Weiß in 8°. sein Versuch eines Handbuches der Naturgeschichte des Menschen, nebst einer allgemeinen Einleitung in die Naturgeschichte des Thierreiches. Zu den Vorlesungen über Naturgeschichte in der K. K. Theresianischen Ritterakademie entworfen. Er hatte im Sinne die ganze Zoologie in diesem Sinne zu bearbeiten und hinterließ zahlreiche Manuskripte und Materialien, die er früher hiezu sammelte, später aber liegen ließ. Von den Reisen, welche er in den Ferien zu seiner Erholung in Gesellschaft seiner Frau und einiger Freunde machte, beschrieb er um diese Zeit vorzüglich seine Wanderungen nach dem Schneeberge unter dem Titel: Ausflüge nach dem Schneeberge in Unterösterreich, mit beigefügter Fauna und Flora der südwestlichen Gegend um Wien. 8°. 2 Theile bei Degen. Von diesen Ausflügen, denen der Schneeberg bei Wien seine Celebrität verdankt, erschien im Jahre 1807 die zweite Auflage Kupfer dazu mit erläuterndem Texte gab Schultes in Degen's historisch-wählerischem Taschenbuche von und für Oesterreich vom Jahre 1804. In Degen's Wiener Taschenbuche vom Jahre 1804 gab er auch seinen Wegweiser zu Ausflügen in der Gegend um Wien, den Weidmann später vermehrte und als sein Werk druken ließ. Von seiner Reise nach dem Glockner und seiner Besteigung desselben, die er im Jahre 1803 in Gesellschaft einiger Freunde und Schüler unternahm, lieferte er gleichfalls |226| eine Beschreibung in vier Octavbänden, die einen Schaz von statistischen und naturhistorischen Bemerkungen enthalten und allgemein mit Begeisterung ausgenommen wurden, ausgenommen von jenen, über die er seine schonungslose Geißel schwingen mußte. Dieses Werk erschien im Jahre 1804 bei Degen unter dem Titel: Reise auf den Glockner. Im Jahre 1806 wurde Schultes auf sein Ansuchen als Professor der Chemie und Botanik an die Universität Krakau versezt. Er suchte diese Stelle, weil er an derselben sein Lieblingsfach, die Naturgeschichte und besonders die Botanik mit mehr Muße treiben zu können hoffte und weil seine Gesundheit in Wien bei seinen vielen Arbeiten und seiner großen Praxis zu sehr gelitten hatte. In Krakau angekommen, widmete er sich seinem Amte mit allem Eifer und aller Liebe; seine Schüler liebten und verehrten ihn und mehrere derselben, vornehmlich der jezige russische Hofrath Bosser, sind ausgezeichnete Männer geworden, mit denen er fortwährend in freundschaftlichen Verhältnissen lebte. Wie schnell er den botanischen Garten zu Krakau, der sehr vernachlässigt war, obschon er einer der größten und schönsten Europa's ist, gehoben hat, erhellt aus dem Kataloge desselben, den er im Jahre 1807 bekannt machte. Er mußte einige Reisen als K. K. Commissär in Galicien machen, mehrere Quellen, Bäder und Bergwerke untersuchen und hatte dadurch Gelegenheit ganz Galicien statistisch und naturhistorisch genau kennen zu lernen. Er schrieb seine Beobachtungen in französischer Sprache und in Form von Briefen an seine Freunde nieder. Diese Briefe wollte er vor dem Einrüken der Franzosen in Rußland in Frankreich druken lassen. Die damalige Censur ließ sie nicht passiren; später übersezte er diese Briefe ins Deutsche, um in Deutschland einen Verleger zu finden; auch dieß mißlang und der ganze Schaz von Dokumenten statistischen und naturhistorischen Inhalts liegt drukfertig, aber ungedrukt, außer einem Briefe, den er im J. 1812 im allgemeinen Cameral-Correspondenten abdruken ließ. Ueber die Bäder in Kryniça schrieb er im Jahre 1807 eine kleine Brochüre unter dem Titel: Sur les eaux minérales de Kryniça, au cercle de Sandece dans la Galicie orientale; sur leur analyse, sur l'usage qu'on en faint, et sur leurs vertus médicales, die in Wien bei Ant. Doll erschien. Seinen Lieblingswissenschaften lebend, in einem der schönsten Garten wohnend, in einem Hause, in welchem sich zugleich die Sternwarte befand, auf welcher er bei seinem Freunde und College, dem berühmten Littrow, viele Nachte in Beobachtung der Gestirne zubrachte, von Freunden umgeben, die ihn leicht für den Verdruß entschädigten, den ihm seine Stellung neben College von dem Charakter eines Ruft und dergl. nothwendig zuziehen mußten, würde er in Krakau geblieben seyn, hätte er bei seinem glühenden Freiheitssinne im damaligen Despotismus der österreichischen Regierung und die Knechtschaft der Galicier länger sehen können. Er suchte daher eine Stellung in seinem ursprünglichen Vaterlande und erhielt dieselbe an der damaligen Universität Innsbruck. Er selbst drükte sich in seinen Papieren folgendermaßen hierüber aus:

„Ich stand mich in Krakau bei einer Lage, die viele für die angenehmste gehalten haben würden, jährlich auf 2300 fl. C. M. Diese ließ ich und nahm dafür 1000 fl. in meinem Vaterlande. Ich habe in Oesterreich so gedient, daß ich das Vergnügen hatte, in meinem Entlassungsschreiben zu lesen, „daß man meinen Verlust bedauert.“ Ich weiß, daß ich keine Note bei der österreichischen Polizei hatte. Man denke sich aber, was das für einen so freisinnigen Menschen, wie ich stets war, für eine Qual seyn mußte, in einem Staate zu leben, wo ich auch nicht ein Wort über die Thorheiten, die man beging, sprechen durfte, wo die Wände Ohren hatten. Ich habe 11 Jahre lang, so viel in mir war, mich zusammengenommen; je höher ich stieg, je mehr ich in die sogenannte Welt kam, desto mehr mußte ich mich zurükhalten. Dieses Zurükhalten, dieses Unterdrüken meiner Gefühle, dieses anders Scheinen und anders Seyn, konnte ich nicht mehr aushalten. Ich war geborgen gegen Darben in meinem Vaterlande, und dieses war mir genug. Ich wäre nicht um Millionen in Oesterreich geblieben, wenn ich ohne zu hungern unter Napoleons Einfluß und Schuz leben konnte. Da ich sieben Mal in Oesterreich einkommen mußte, um meine Entlassung zu erhalten, machte man mir den Antrag zur Vice-Proto-Medicus-Stelle in Galicien. Fast alle höheren Beamten in Galicien waren meine Freunde oder meine Schüler vom Theresianum her; sie liebten mich kindlich. Ich wäre in Galicien so reich an Einfluß als an Vermögen geworden, allein ich konnte den Geistesdruk nicht länger ertragen, und |227| wollte nicht unter Stift dienen. Reizender war ein zweiter Antrag, den man wir an die Universität zu Pesth machte, wo ich zugleich die Aufsicht über das National-Museum erhalten hätte und wo ich mir nebenbei durch Praxis, da ich mit dem ganzen Adel von Wien aus bekannt war, leicht ein jährliches Einkommen von 6000 fl. C. M. verschafft hätte. Ich erhielt Briefe über Briefe, die Ungarn liebten mich, wie ich diese edle treffliche Nation liebe; allein ich ging nicht zu den Ungarn, eben weil ich sie liebte, weil ich den Despotismus, mit dem man diese edle Nation zermalmte, nicht sehen konnte und wollte, weil ich weiß, daß ich in Verhältnisse gerathen wäre, die wohl einem freien Manne, aber nicht einem Staatsdiener erlaubt seyn können. Ich wäre physisch oder moralisch ein Opfer meiner Grundsäze geworden. Ich ließ also, um in meinem Vaterlande leben zu können, das mit Napoleon alliirt war, und wo ich Geistesfreiheit erwartete, mehr als die Hälfte meines Einkommens fahren, und die ganze glänzende Perspektive meiner Zukunft.“

Tyrol, wohin der Selige gerufen wurde, hatte auch noch einen anderen Reiz für ihn, dem ein Alpenthal mehr war, als alle Palläste auf Erden; es war noch eine wahre terra incognita in allen Zweigen der Naturgeschichte, die er hier also mit vielen europäischen Entdekungen zu bereichern hoffte. Mit diesen Gefühlen und Erwartungen kam er im September 1808 als öffentlicher ordentlicher Professor der Naturgeschichte nach Innsbruck, wo er von seinen Behörden gut empfangen wurde. Mit seinem allgemein bekannten Feuereifer warf er sich in seine neuen Amtsgeschäfte; er säuberte den Augiasstall eines seyn sollenden zoologischen und mineralogischen Cabinettes, welchen er von seinem Vorgänger übernahm; er hielt seine Vorlesungen, die die besuchtesten waren und in die selbst Beamte kamen, mit Fleiß, Strenge und machte sie nicht bloß für einzelne, sondern allgemein nüzlich, indem er überall das Praktische berüksichtigte. Auf diese Weise gewann er bald die Freundschaft und das Zutrauen des damaligen Kreisdirectors von Mieg, den er sehr verehrte und der lange Jahre einen guten Einfluß auf ihn übte. Bald nach seiner Ankunft in Innsbruck reiste er zu seinem Freunde Giovanelli nach Botzen, mit dem er früher in sehr freundschaftlichen Verhältnissen stand, von dem er sich aber später wegen des Tyroler Aufstandes, an welchem dieser Theil nahm, trennte. Auf dieser Reise, über die er einen Aufsaz in den Boten von Tyrol einrüken ließ, stellte er die ganze Straße entlang barometrische Höhenmessungen an, die er mit seinem eigenen, in Gehlen's Journal beschriebenen Reise-Barometer machte, und die fast durchgehends mit dem Nivellirmaße der Ingenieurs übereinstimmten. Im Jahre 1809 übertrug man ihm ohne sein Ansuchen auch das Lehrfach der Chemie, das er lieber in den Händen seines innigen Freundes, Professor Schöpfer des jüngeren gesehen hätte; er mußte im Frühjahre 1809 auch die naturhistorischen, im Schlosse Ambras vorfindlichen. Gegenstände in das Cabinet von Innsbruck verpflanzen. Während dieser Zeit ordnete er seine botanischen Notizen und Beobachtungen, die im Jahre 1809 in 8. in der Wagner'schen Buchhandlung unter folgendem Titel erschienen: Observationes botanicae in Linnei species plantarum ex editione C. L. Willdenow. Außer mehreren Aufsäzen, die er für verschiedene Zeitschriften schrieb, erschienen im Jahre 1809 in der Cotta'schen Buchhandlung in Tübingen in zwei Octavbänden auch seine Reisen durch das Salzkammergut, in denen er so Vieles von dem Unwesen der meisten österreichischen Salinen-Beamten und der damaligen österreichischen Administration überhaupt aufdekte. Dieses Werk wurde von mehreren späteren Schreibern über das Salzkammergut benuzt und abgeschrieben, ohne daß man des eigentlichen Verfassers auch nur Erwähnung gemacht hätte.

Das Angenehme was sich Schultes von seinem Aufenthalte in Innsbruck für die Zukunft träumte, zerrann. Alles was er auszuführen, zu errichten und zu nuzen hoffte, wurde vernichtet durch die Machinationen, welche die Tugendbündler, Pfaffen etc. anfingen, und welche Oesterreich so unglüklich war zu benuzen. Bei seinem Scharfsinne und bei seinen vielen Connexionen durchblikte er bald das ganze Gewebe, und machte die Behörden stets darauf aufmerksam. Man hoffte ihn für Oesterreich zu gewinnen, man machte ihm mündlich und schriftlich Anträge, man drohte ihm zulezt; Alles scheiterte an seinem Sinne für Freiheit und Recht, und an seiner Anhänglichkeit an sein Vaterland und an Napoleon. Die Liebe und Anhänglichkeit seiner Schüler, seine Thätigkeit und sein Napoleonismus machten ihm alle seine College, bis auf die Geistlichen, Spechtenhäuser, |228| Bertoldi und Feilmoser, zu Feinden; seine Ausfälle auf Oesterreich, die Pfaffen und die Mystiker aller Art machten ihn zur Zielscheibe des Haffes der Aufwiegler und Aufgewiegelten. Kaum gelang es ihm den Schüssen zu entgehen, die auf seiner Rükkehr von Neustift, wohin er als Kommissär gesendet wurde, um das Münzcabinet zu übernehmen, bereits fielen. In Innsbruck angelangt, wurde er mit den meisten der treu gebliebenen Beamten von den Aufwieglern gefangen genommen, und auf verschiedenen Umwegen nach Fünfkirchen in Ungarn deportirt. Die Geschichte dieses schändlichen Verfahrens, die Niederträchtigkeiten eines Hormayer, die Grausamkeit, mit welcher man ihm versagte vor seiner Deportation seine Frau mit seinen 4 Kindern und einem noch ungebornen Kinde in Sicherheit zu bringen, kurz alle die Verlezungen des Menschen- und Völker-Rechtes, welche sich Hormayer und Consorten zu Schulden kommen ließen, sind bekannt aus der: Geschichte der Deportirung der k. bayerischen Civilbeamten nach Ungarn und Böhmen, nebst Bemerkungen über die gleichzeitigen Kriegs-Ereignisse und über die durch wanderten Länder, die im Jahre 1810 in zwei Octavbänden erschien, und die Schultes bei seiner Rükkehr nach München nach den ihm gelieferten Acten, und nach den Beiträgen seiner Leidensgefährten bearbeitete. Kaum in München angekommen, mußte er mit Graf Lodron und einigen anderen Gefährten im Reisekleide zu König Max. Sein Empfang war, wie Alles an ihm, herzlich, er drükte jedem die Hand, und äußerte ihnen sein Bedauern, daß sie so viel für ihn gelitten hätten, Er wurde auch bald nach seiner Ankunft in München dem Grafen Montgelas Vorgestellt, über der sich Schultes in seinen Notaten so ausdrükte: „ich fand an diesem Manne ein höheres Wesen unter den Sterblichen; so klar sprechen, so tief alles durchschauen, habe ich noch Niemand gehört und gesehen etc.“ Bei Hrn. v. Zentner und vielen Andern fand Schultes eine weniger gute Aufnahme; er bemerkte eine gewisse Kälte gegen die Deportirten und entdekte den Grund derselben bald; es zeigte sich, daß der größte Theil der Aristokratie, fast die ganze Geistlichkeit, an deren Spize Sailer stand, die ganze Akademie mit Jakobi an der Spize, zu dem gegen Napoleon gerichteten Bunde gehörten. Run erst ward ihm klar, was ihm auf seiner Rükreise in Wien ein alter Freund und schlauer Diplomat sagte: „wir müssen sehen ob Napoleon oder seine geheimen Feinde in Deutschland siegen. Es ist ein Bund gegen ihn, der ihm gefährlicher werden kann, als die Heere seiner Feinde.“

Schultes wurde am Ende des Jahres 1809 zum Professor der allgemeinen Naturgeschichte und Botanik zu Landshuth ernannt. Er holte seine Familie aus Innsbruck, wo dieselbe ohne Vater, von dem sie mehrere Monate nichts gehört hatte, da alle Briefe aufgefangen wurden, die Drangsale des unglüklichen Aufstandes, während welcher die Gemahlin des Seligen entbunden wurde, überlebte. Aus einigen wenigen Erfahrungen, die Schultes in München machte, konnte er die Annehmlichkeiten voraussehen, die ihn in Landshuth erwarteten, dessen Lehrstellen größten Theils mit Mystikern und Tugendbündlern besezt waren; mit einer gewissen Scheu ging er hin und die Folge bestätigte den Grund derselben nur zu gut. Oft machten ihm seine Bekannte und Freunde den Vorwurf, daß er sich nicht mit den Finsterlingen hätte einlassen sollen. Allein wie konnte ein Mann, der so regen Sinn für Recht, Ehre, Freiheit und Aufklärung hatte, der immer behauptete, der Einzelne müsse das Gute fördern, auch wenn er darüber zu Grunde geben sollte, ein Mann der Napoleon so sehr anhing, und der wußte, daß sein Vaterland diesem Manne so viel zu danken hatte, wie konnte so ein Mann, den überdieß sein Scharfsinn Alles durchbliken machte und dessen Feder ebenso eingreifend war, als sein Geist schaffend, bei dem Treiben des Obskurantismus und des Tugendbundes ruhig zusehen? Seine Feinde waren überdieß die Ausforderer, nicht er; besonders reizte man ihn durch persönliche Angriffe auf ihn. Ein Mann, der die christliche Liebe beständig im Munde führte, und das Haupt des schönen Bundes der Obskuranten mit den damaligen fälschlich sogenannten Liberalen in Landshuth war, der im Tyroleraufstande so thätig war, und später zu großen Ehren und zu noch größerem Einflusse gelangte, vergaß sich so weit, daß er den Eltern der Studenten, die bei Schultes wohnten, und die nahe Verwandte von ihm waren, schrieb, sie möchten ihre Söhne aus dem Hause des Verderbens entfernen; der endlich, um seinem geistlichen Stande die Krone aufzusezen, in |229| den Gesellschaften seiner Anhänger äußerte: „da man Schultes nichts anhaben könne, so müsse man es seinen Kindern entgelten lassen.“

Niemand wird sich daher wundern, wenn Schultes sich in mehreren Schriften und Aufsäzen Luft zu machen suchte. Seine Anhänglichkeit an Napoleon machte ihn zum unversöhnlichsten Feinde des Tugendvereins, dieser Art von Theodemokratie. Er schrieb daher mehrere Aufsäze gegen denselben, zu denen er von einzelnen damaligen Machthaber, die ihn später verläugneten, ermuntert wurde. Er brauchte gegen dieselben vorzüglich die Waffen der Satyre, deren er im höchsten Grade mächtig war.

Bei seiner Ankunft in Landshuth fand er den botanischen Garten, den sein Vorgänger in einen Winkel verlegt hatte, in welchen weder Licht noch Luft kommt, der kaum die Größe eines gewöhnlichen Küchengartens hat und in welchen bei Ueberschwemmungen der Isar das Wasser in den Oefen des Glashauses umherlief, während ihm ein Plaz zu Gebot stand, wie ihn kein botanischer Garten auf Erden besizt, – diesen Garten nun fand er bei seiner Ankunft in der größten Unordnung, kaum 2000 meistens falsch bestimmte Arten enthaltend, ohne Seminarium und ohne Herbarium. So wenig der Plaz zu einem Garten geeignet war, so wenig Mittel ihm zu Gebote standen, so brachte Schultes durch seine Verbindungen mit den Botanikern ganz Europa's, die Zahl der Pflanzen in demselben schon nach 3 Jahren auf 6000, und zwar ohne daß der Staat mehr als die Kosten des Transportes auf Anschaffung derselben zu verwenden gehabt hätte. Er brachte den ganzen Tag im Garten zu, mit Ordnen desselben, mit Bestimmen und Beschreiben der Pflanzen beschäftigt, wobei er immer seinen Sohn bei sich hatte, den er von seinem 5ten Jahre an mit der Botanik vertraut zu machen suchte. Obwohl ein eifriger Anhänger und Verfechter des Linné'schen Systems, ordnete er doch den Garten nach jenem Jussieu's, um seinen Schülern auf diese Weise auch das Studium von diesem zu erleichtern. Im Jahre 1817 hatte er den Garten auf 8000 Arten und zu einer großen Celebrität gebracht; er versendete in Einem Jahre 6000 Samenkapseln an seine Correspondenten. Diese Celebrität erregte Neid und Unwillen, und man wußte es dahin zu bringen, daß man den Garten auf die Hälfte seiner Einkünfte reducirte, indem behauptet wurde, daß der Garten der Universität nur so viel zu enthalten brauche, als für den Unterricht der Mediziner, Pharmaceuten und Cameralisten nothwendig sey! Man ging so weit, daß man das Zimmer, in welchem das Herbarium aufgestellt war, und in welchem Schultes arbeitete, nicht mehr von Seite der Universität heizen ließ! Der Ruin seiner Schöpfung empörte Schultes so, daß er nun weiter sich nimmer um den Garten kümmerte, als es seine Vorlesungen nach obigen Grundsäzen forderten. Der Garten verfiel daher eben so schnell, als er gestiegen war, und Schultes that nur Mehr für das Herbarium etwas, das er mit den käuflichen Sammlungen von Sieber etc. bereicherte. In seinen Vorlesungen an der Universität war Schultes der Gewissenhafteste aller seiner Collegen; nie schwänzte er, wie man sagt, eine Vorlesung, nie kürzte er dieselben ab, wie es so viele seiner Collegen thaten. Sein Vortrag war angenehm, ungezwungen und frei; nie las er etwas ab. nie gab er reine Theorie, ohne zugleich die Anwendung derselben und den Einfluß auf das praktische Leben zu zeigen. Unter seinen Collegen hatte er hier nur mit Wenigen nahen Umgang, mit Fingerlos, Mühl, Mall, Andres, Hellersberg, Siebenkees, Stahl, Fuchs, Leveling kam er öfter zusammen, die meisten der Uebrigen waren ihm gleichgültig- oder er verachtete sie so, wie sie ihn haßten. Er war bloß für Naturgeschichte und Botanik berufen, allein bei seinem umfassenden Wissen lud man ihm fast alle medizinischen Fächer auf; gleich im ersten Jahre trug man ihm specielle Therapie auf, die er bereits in Krakau lehrte und die er in Landshuth durch achtzehn Jahre publice und täglich las, nach Tiedemanns Abgang übertrug man ihm Zoologie, welche er gleichfalls bis an die Versezung der Universität nach München täglich publice las; nach Bertele's Tod gab er zwei Jahre Pathologie, ohne alle Entschädigung dafür; später befahl man ihm durch Rescript materia medica zu lesen, ein Fach um das er, wie um die Pathologie und Klinik nie anhielt, da ihm bei seinen vielen Arbeiten keine Zeit dazu blieb; er las sie durch 5 Jahre und erhielt dafür vom Ministerium, risum tencatis amici, 100 fl. Remuneration! Im Jahre 1824 trug man ihm außerdem noch die medizinische Klinik auf, wegen der er täglich |230| 2 Mal das Spital besuchen mußte, und für die er täglich 24 Kreuzer Gehaltszulage erhielt. Außerdem las er im zweiten Jahre seiner Anstellung in Landshuth ein Publicum über englische Sprache und Literatur; ein Privatissimum über Physiologie der Pflanzen, welches aber später wegen Mangel an Zuhörern nie mehr zu Stande kam, und eines über medizinische Botanik, welches er durch 48 Jahre jeden Sommer hielt. Bei der Versezung der Universität nach München hatte er täglich 5 Stunden den Vorlesungen zu widmen. Auf welcher Universität findet man einen Mann von seinem literarischen Rufe, der so viele Zeit für so weniges Einkommen dem Unterrichte widmen mußte?

Im Jahre 1811 schrieb Schultes Bayerns Flora oder vollständige Beschreibung der im Königreiche Bayern wildwachsenden Pflanzen, wovon leider nur die erste Centurie in Octavband bei Phil. Krüll in Landshuth erscheinen konnte; sie wäre ein Muster für Floren geworden. In demselben Jahre bearbeitete er eine Uebersezung der zweiten Ausgabe von seines Freundes Jullien Essai sur l'emploi du Têms, die gleichfalls im Druke erschien, und zu welcher er durch seine Vorliebe für Pädagogik und durch seine bis an sein Ende aufs Höchste getriebene Sparsamkeit mit dem Kostbarsten des Menschen, mit der Zeit, veranlaßt wurde. Im Herbste desselben Jahres machte er mit einigen seiner Schüler eine Fußreise in das südliche Frankreich und nach Paris, das er in der Zeit seines höchsten Ruhmes und Glanzes sah. Seine Reise beschrieb er in zwei Bändchen, die in Leipzig erschienen.

Im Jahre 1814 gab er sein Werk: Oesterreichs Flora, ein Handbuch auf botanischen Excursionen, enthaltend eine kurze Beschreibung der in den Erbstaaten des österreichischen Kaiserthumes wildwach senden Pflanzen, in Wien bei Schaumburg in zwei Duodezbändchen heraus. Im Jahre 1816 bearbeitete er seinen Grundriß einer Geschichte und Literatur der Botanik von Theophrastos Eresios bis auf die neuesten Zeiten, nebst einer Geschichte der botanischen Gärten, der 1817 in 8°. bei Schaumburg in Wien herauskam.

Im Jahre 1817 besorgte er für die Ant. Doll'sche Buchhandlung in Wien eine neue verbesserte Auflage von Willdenow's Anleitung zum Selbststudium der Botanik in zwei Duodezbändchen, und für die Al. Doll'sche Buchhandlung eine neue Auflage von Willdenow's Grundriß der Kräuterkunde zu Vorlesungen entworfen. Ebenso bearbeitete er eine Uebersezung von des unsterblichen Jam. Edw. Smith: Introduction to physiological and systematical Botany. In diesem Jahre begann auch die Publikation eines Werkes, welches er mit seinem Freunde Römer in Zürich begann, und das ihn unter die ersten Botaniker Europa's versezte; ich meine das Systema Vegetabilium secundum classes, ordines, genera, species etc. Für dieses Werk hat er seit seiner Anstellung in Krakau ununterbrochen gesammelt; für dieses arbeitete er rastlos bis in seine lezten unglüklichen Tage mit einem Fleiße, einer Umsicht und Kritik, die selbst seine Gegner anerkennen; er hinterließ eine ungeheure Menge Materialien zur Fortsezung desselben. Dieses Werk bildet das vorzüglichste Denkmal, welches er sich in der Botanik sezte; die Botaniker aller Welttheile ehren es bereits, und werden es noch mehr schäzen, so wie sie dem edlen Freiherrn von Cotta, den Schultes bis an sein Grab mit seltener Freundschaft verehrte, nie genug für das werden danken können, was er für dieses Werk that. Die ersten 4 Bande desselben lieferte Schultes in Gemeinschaft mit Römer, den 5ten und 6ten und die drei folgenden Mantissen-Bände bearbeitete er allein; bei dem 4ten Mantissen-Bande und bei den zwei Theilen des 7ten Bandes hatte er seinen Sohn zum Mitarbeiter; der wie wir hören das Begonnene im Geiste seines Vaters fortführen wird.

Am Ende des Jahres 1817 reiste Schultes nach Wien, um seinen Sohn in die Welt zu führen. Er ward dort von seinen alten Freunden mit seltener Herzlichkeit empfangen; er hätte sich vervielfachen müssen, um allen denselben Genüge zu leisten. Die österreichische Polizei, die ihn sorgfältig überall beobachten ließ, muß sich damals überzeugt haben, daß sie von Schultes nichts zu befürchten habe, so lange sein Vaterland Oesterreichs Alliirter war. Im Jahre 1818 reiste er wieder nach Wien, um noch einige Daten zu den Donaufahrten zu |231| sammeln, die er herauszugeben gesonnen war, und die er bis in die Türkei fortgesezt hätte, wenn es ihm gelungen wäre, bei dem Ministerium einen Urlaub zu dieser Reise zu erwirken. Der erste Theil dieser Reisen, die bayerische Donau enthaltend, erschien im Jahre 1819 bei Ant. Doll in Wien, unter dem Titel: Donaufahrten, ein Handbuch für Reisende auf der Donau, der zweite Band, welcher lange auf der Censur zu Wien lag, die er nicht passiren konnte, wurde mehrere Jahre später im J. 1827 in der von Cotta'schen Buchhandlung gedrukt, deren hochverehrten Chef sie gewidmet ist.

Im Jahre 1821 besuchte er in Gesellschaft seines innigen Freundes Dingler, mit seinem Sohne die naturhistorischen und ärztlichen Anstalten in Weimar, Erfurt, Jena, Halle, Leipzig, Berlin und Dresden, wo er überall mit den sprechendsten Beweisen von Freundschaft und Hochachtung aufgenommen wurde.

Im Jahre 1823 besorgte er die Ausgabe von Thunberg's Flora capensis, die Freiherr v. Cotta durch Vermittlung Schultes's, der mit Thunberg in freundschaftlichem Verkehre stand, im Manuscripte an sich gebracht hatte.

Im Jahre 1824 reiste er mit seinem Sohne, den er vor seinem Ende mit den vorzüglicheren Männern im Felde der Medizin und der Naturwissenschaft bekannt machen wollte, über Würzburg, Frankfurt, Marburg, Gießen, Kassel, nach Göttingen, Utrecht, Amsterdam, Leyden, Rotterdam, London, Cambridge, Oxford, Paris, Straßburg, Carlsruhe und Stuttgart. Ueberall empfingen ihn seine Freunde und Correspondenten mit Liebe und Verehrung, und selbst jene Gelehrten, mit welchen er bisher nicht in Verbindung stand, kamen ihm bei seinem Namen überall mit Hochachtung und Zuvorkommenheit entgegen. Er schrieb einen botanischen Aufsaz über diese Reise, die er auf seine Kosten machte, für die botanische Zeitung, welcher später ins Englische übersezt und in mehrere englische Journale mit Beifall aufgenommen wurde. Einen medizinischen Aufsaz über die Spitäler Hollands, Englands und Frankreichs schrieb sein Sohn bei Gelegenheit seiner Promotion im Jahre 1825.

Im Jahre 1825 erschien in Augsburg in der Jenisch und Stage'schen Buchhandlung seine Brochüre über Apotheker-Taxen überhaupt und besonders über die Taxa pharmaceutica bavarica, worin er dieses Machwerk mit seiner ihm eigenen Gediegenheit durchgeißelte.

Am Ende des Jahres 1826 wurde die Universität Landshuth nach München versezt. Schultes wurde zum Direktor der chirurgischen Schule gemacht, eine Anstalt, die auch nicht ein Blatt der Bibliothek besaß, an der kein botanischer Garten war, kurz der es an Allem fehlte, so daß Schultes in seinem ersten Jahresberichte an die Regierung dieselbe als eine flehende Pest im Lande, als eine Mördergrube bezeichnete. An einer solchen Anstalt, an welcher nur Landbader einen schlechten Unterricht bekommen sollten, versezte man mit bedeutendem Schaden in scientifischer und pecuniärer Hinsicht einen Mann, der 29 Jahre an Universitäten gelehrt hatte, der seinem Vaterlande mit seltner Treue und Anhänglichkeit diente, der ihm so große Opfer gebracht hatte und dessen Name nicht nur in Europa, sondern auch in Asien und Amerika gefeiert war, als Naturhistoriker, als Arzt und als Förderer alles Guten, Schönen und Nüzlichen. Ewige Schande wird die Partei des Obskurantismus und Jesuitismus, die dieses zu bewirken wußte, brandmarken in den Augen aller Gebildeten und aller Derer, die nicht lichtscheu oder Unterdrüker des menschlichen Geistes sind. An dieser Schule war das Spital nunmehr das Einzige, was ihn interessirte; er verwaltete dasselbe mit einem so glüklichen Erfolge, daß das Verhältniß der Sterblichkeit in seiner Anstalt, in welche jede Art von Kranken aufgenommen wurde, nur wie 1 zu 57 war 5 seine Behandlung war äußerst einfach, jeder Kranke kostete im Durchschnitte an Arznei nur 4 1/2 kr. und an Kost 14 1/2 kr. des Tages, obwohl wo es Noth that, das Kostbarste gereicht wurde. Seine Kranken liebten ihn wie ihren Vater. Im Jahre 1823 erschien in der Leopold Boß'schen Buchhandlung sein Bericht über die ersten drei Jahre seiner Spitalverwaltung unter dem Titel: Ratio medendi |232| in schola clinica medica universitatis regiae L. M. et demum scholae chirurgicae Landishutanae.

Diese Mißhandlungen, dieser Undank, welchen Schultes für so lange geleistete und so wesentliche Dienste erhielt, brachten in ihm, obwohl er das Gute nie des Dankes, sondern des Guten selbst willen that, eine große Bitterkeit hervor. Das Unglük, welches er in seiner Familie erlitt, von welcher er in einem Zeitraum von wenigen Jahren seine geliebte Frau, zwei erwachsene Töchter und seine kleinste Tochter, die sein Liebling war, starben; zwei traurige Erfahrungen, die er unter seinen Freunden machte, alles dieß erschütterte ihn so, daß er in tiefe Melancholie verfiel; er der früher von Munterkeit, Jovialität und Theilnahme an allem Edlen und Guten sprühte, ward nun ganz in sich gekehrt und Menschenfeind. Diese Melancholie, aus der ihn weder die Bitten seiner Familie noch das Zureden seiner Freunde zu reißen vermochte, untergrub seine Gesundheit, die sonst bei seiner strengen Diätetik, seiner Mäßigkeit und seinem abgehärteten Körper noch lang Allem widerstanden hätte. Er kränkelte den ganzen Sommer von 1830, legte sich im December dieses Jahres, und verschied, nachdem er durch 5 Monate physisch und psychisch die größten Qualen erduldete, die über einen Menschen kommen können, am 21. April 1831 in den Armen seiner Kinder.

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Zahlreiche Aufsäze lieferte er in eine Menge Zeitschriften, von welchen wir hier bloß Baldinger's Magazin und Journal, die österreichischen Annalen der Literatur, die er lange redigirte, die Erlanger, Jenaer Literatur-Zeitung, den Sammler für Tyrol, den allgemeinen Cameral-Correspondenten, die Allemannia, die Münchner Literatur-Zeitung, Sartori's vaterländische Blätter, die Morgenzeitung, die Allgemeine Zeitung, den Hesperus, die Salzburger med. chir. Zeitung, Gehlen's Journal, die botanische Zeitung etc. nennen. In späterer Zeit zog er sich jedoch von allen zurük und arbeitete bloß mehr am polytechnischen Journale, das ihm außer den zahlreichen Uebersezungen aus den englischen, französischen und italiänischen technischen Werken und Zeitschriften so viele der gediegensten Aufsäze und der belehrendsten Notizen verdankt, ohne daß er seinen Namen jemals darin geltend machte.

Sein Titel:

Med. Dr., k. b. Hofrath und Professor, Director der k. chirurgischen Schule in Landshuth.

Er war Mitglied der kaiserl. Akademie zu Turin, der königl. Akademie in Schweden, der k. Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen, der Wetterau'schen Gesellschaft für die gesammte Naturgeschichte, der Gesellschaft zur Beförderung der gesammten Naturwissenschaften zu Marburg, der botanischen Gesellschaften zu Regensburg und Altenburg, der mineralogischen Gesellschaft zu Jena, der Züricher und Genfer naturforschenden Gesellschaft, der Erlanger kameralistisch-ökonomischen Societät, der Société pour l'enseignement zu Paris, des ärztlichen Kunstvereins, des pharmaceutischen Vereins in Bayern, des landwirtschaftlichen Vereins in Eßlingen, und mehrerer andern Gesellschaften. –r.

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