Titel: Zunahme der Industrie in Rußland und besonders in Moskau.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1831, Band 42, Nr. CIV./Miszelle 13 (S. 390–391)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj042/mi042104_13

Zunahme der Industrie in Rußland und besonders in Moskau.

Das Bulletin de la Société industrielle de Mulhausen enthält folgenden sehr interessanten, und für die Fabrikanten sowohl, als für die Staatswirthschaftler in seinen Folgen äußerst wichtigen Auszug aus einem Berichte, den ein, in Moskau etablirter, Mülhauser Fabrikant seinen Landsleuten erstattete.

„Die vorzüglichsten Fabrikate der ehemaligen Hauptstadt Rußlands bestehen in Geweben; dieser Zweig der Industrie erstrekt sich bereits über das ganze Gouvernement Moskau, so wie zum Theile auch über jenes von Kalsuga, und der Aufschwung, den er daselbst in kurzer Zeit nahm, ist äußerst merkwürdig. Zu Moskau allein verbrauchte man nämlich im Jahr 1822 12,000 Pud oder 196,800 Kilogr. Baumwollgespinnst, im J. 1829 hingegen 35,000 Pud oder 574,000 Kilogr., so daß der Verbrauch innerhalb 7 Jahren sich verdreifacht hat. Im J. 1822 wurden 12,000 Pud oder 196,800 Kilogr. Seide, im J. 1829 hingegen 24,000 Pud oder 393,600 Kilogr. verwebt. Im Jahre 1829 befanden sich in dem Industriebezirke, in dessen Mittelpunkt Moskau liegt: 60,000 Baumwoll-, 16,000 Seiden- und 4000 Wollen-Webestühle. Rechnet man auf einen Baumwollwebestuhl des Jahres nur 30 Stüke, so gibt dieß allein schon 1,800,000 Stüke.“

„Die Fabrikation chemischer Producte vermehrte sich natürlich in gleichem Maße. Der Verbrauch an Schwefelsäure, welcher im J. 100,000 Pud oder 1,640,000 Kilogr. betrug, beläuft sich jezt bei Weitem höher, denn im J. 1829 wurden allein 400,000 Pud Schwefelsäure erzeugt. Alle chemischen Producte, welche zum Färben der gesponnenen Baumwolle, und zur Fabrikation der Baumwollzeuge nöthig sind, werden gegenwärtig in Rußland verfertigt. Im J. 1825 wurden die ersten Weberstühle à la Jacard eingeführt, und jezt werden dieselben bereits in Moskau selbst um sehr billigen Preis verfertigt. Im J. 1820 befanden sich in ganz Moskau nur 2 Dampfmaschinen, und gegenwärtig zählt man deren nahe an 100!“

„Die Baumwollspinnereien vermehrten sich gleichfalls bedeutend; und obschon dieselben gegenwärtig erst an 55,000 Pud oder 902,000 Kilogr., also ungefähr den 9ten Theil des Bedarfes von Rußland erzeugen, so ist doch zu vermuthen, daß |391| die Baumwollzeug-Fabrikation noch ferner sehr schnell zunehmen wird. – Die Kattun-Drukereien bleiben eben so wenig im Fortschreiten zurük: 27 Fabriken arbeiten bereits mit Walzen, und ihre Fabrikate sind sehr vorzüglich, was man besonders den geschikten Arbeitern verdankt, die man von Mülhausen nach Moskau zog.“

Rußland schreitet also bei seinem Systeme, welches, wie Jedermann weiß, nichts weniger als auf freier Einfuhr begründet ist, ebenso schnell im Emporblüher seiner Industrie vorwärts, wie dieß in Oesterreich und anderen Staaten der Fall war, die nicht von philosophirenden Staatswirthschaftlern, unwissenden Finanzmännern oder habsüchtigen, das Gemeinwohl wenig berüksichtigenden Krämern geleitet worden. Rußland wird nicht nur bald in den meisten und wichtigsten Artikeln seinen Bedarf erzeugen, sondern es wird seine Fabrikate bald ausführen, und unter seinen Verhältnissen leicht überall Concurrenz halten können. Es wird uns am Ende mit seinem industriellen Einstusse ebenso erdrüken, wie mit seinem politischen, und wir werden ein Opfer unserer Systematiker, die sich durch keine Erfahrung belehren lassen wollen, oder die durch ein noch mehr zu beklagendes Mittel zu so beharrlichen Anhängern und Verfechtern des freien Handels gemacht wurden.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: